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Marcus Bösch: „Nicht alles ist ein Spiel“

Werden wir in Zukunft Nachrichten häufiger spielend konsumieren? Wenn es nach Marcus Bösch geht, wird das noch junge Genre der Newsgames künftig eine große Rolle in der journalistischen Berichterstattung zukommen. Allerdings nicht immer.

Beim Reeperbahn Festival sprach Marcus Bösch über die Zukunft des noch neuen Genres der Newsgames und stellte spannende Experimente vor. VOCER hat den Mitgründer des Gamestudios the Good Evil nach der Session zum Thema und seiner tatsächlichen Zukunftsfähigkeit befragt.

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VOCER: Marcus, dein Entwicklerstudio the Good Evil hat den ersten Newsgame-Hackathon in Deutschland veranstaltet. Was ist dabei für dich das spannendste Ergbenis gewesen?

Marcus Bösch: Spannend fand ich zum einen, was alles in der Kürze der Zeit herauskommen kann, wenn man sich fokussiert und einfach mal macht, statt immer alles totzureden. Und zum anderen, wie gut Journalistinnen und Journalisten, Game Designer, Programmierer und Illustratoren zusammenarbeiten, wenn man sie an einen Tisch setzt und ihnen ein adäquates Catering zur Seite stellt. Alle Ergebnisse kann man sich übrigens in einem Tumblr anschauen.

Waren bei dem Hack eher Freelancer und Gamestudios dabei oder gab’s auch Verlage, die Interesse an dem Event hatten?

Das Interesse hat uns generell umgehauen. Mit dabei waren rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als acht europäischen Ländern. Mit dabei waren Journalistinnen und Journalisten, die für die Süddeutsche Zeitung, die Deutsche Welle, den NDR, den BR, die NZZ, Standard, El Pais, Guardian, Le Monde, Arte, Wired UK und andere arbeiten. Vor allem auch von öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen ist in Deutschland derzeit Interesse da. Nach dem letzten Hype um Datenjournalismus und Datenvisualisierungen sind viele auf der Suche nach dem nächsten heißen Ding. Vielleicht sind das ja Newsgames.

Es hat den Anschein: Buzzfeed hat kürzlich bekannt gegeben, mit dem Gedanken zu spielen, sogar ein eigenes Studio für Newsgames zu gründen. Wie schätzt du die Situation in Deutschland ein: Ist das Thema für Verlage tatsächlich so relevant, dass sie das Genre früh selbst mitgestalten?

Interesse ist prinzipiell da. Leider wird oft ein Fehler wiederholt, der schon das Genre Serious Games bereits für Jahre gelähmt und gerade bei Gamern in Verruf gebracht hat. Ganz konkret: Es wird oft auf ergänzenden Sachverstand aus dem Bereich Game Design verzichtet. Stattdessen setzten hausinterne Teams auf bereits vorhandene und erfolgreiche Game-Mechaniken und stricken Content drum herum. Das geht leider oft schief. Ich kann halt schlecht „Tetris“ mit Infos über Ebola, IS oder sonst etwas koppeln.

Also sind die Meilensteine im Genre eher von Gamestudios wie deinem zu erwarten?

Wir als unabhängiges Studio würden sehr gerne jede Woche oder jeden Monat ein Newsgame umsetzen, einzig: Wir müssen als wirtschaftliches Unternehmen Geld verdienen, um Angestellte zu bezahlen. Eine schlechte Ausgangsposition, um allein Innovationen voranzutreiben. Deswegen setzten wir derzeit auf Austausch, Information, Kontaktaufnahme und Veranstaltungen wie den Hackathon, um Verbündete innerhalb und außerhalb traditioneller Medienunternehmen zu finden, um das junge, spannende Genre voranzutreiben.

An welchen Newsgame-Beispielen orientiert ihr euch bei der Entwicklung von Spielen?

International gibt es einige Beispiele …

… die womöglich zwangsläufig aus den USA stammen?

Nicht immer zwangsläufig aus den USA. Brasilien hat beispielsweise eine sehr interessante Newsgames-Szene. Wir halten generell die Augen offen nach innovativen Game-Ansätzen, um Inhalte interaktiv erfahrbar werden zu lassen: Virtual Reality, Smartwatches, Google Glass, Verbindung analog-digital, Sensoren, etc. Unsere Herangehensweise ist dabei dem klassischen Game Design verpflichtet. Wir suchen Mechaniken, die zum Inhalt passen, und bieten handgefertigte individuelle Lösungen. An denen arbeiten wir in engem Austausch mit verschiedenen Auftraggebern wie Museen, NGOs und Unternehmen.

Welche Plattformen sind für Newsgames interessant? Läuft es für dieses Genre immer auf den Browser hinaus oder sind Konsolen auch potentielle Plattformen?

Da gibt es derzeit im erweiterten Kontext von Newsgames zwei Herangehensweisen. Zum einen ist es sicher interessant, schnell, günstig und niedrigschwellig Games im Browser anzubieten, gerade auch weil die Möglichkeiten dank HMTL5 da für Games immer besser werden. Zum anderen gibt es mit Nonny de la Pena eine Vertreterin des Immersive Journalism, der sich sicherlich auch sehr gut auf der Konsole macht. Das eine schließt das andere nicht aus. So oder so werden Games in Zukunft mehr als jetzt zur Inhaltevermittlung eingesetzt werden. So viel ist sicher. Da reicht ein Blick auf den mannigfaltigen Einsatz von Games im Kontext des US-Militärs, immer noch einem der zentralen technologischen Vorreiter unserer Zeit.

Was stellt für euch bei der Entwicklung eines Newsgames die größte Herausforderung dar?

Nicht alles ist ein Spiel. Davon ausgehend ist die Suche nach einer passenden Game-Mechanik eine spannende Herausforderung. Wie kann man ein Spiel designen, das interessante Entscheidungen bietet, dabei Inhalt vermittelt und im Idealfall vom Spieler oder der Spielerin immer und immer wieder gespielt werden will beziehungsweise einen dauerhaft bleibenden Eindruck hinterlässt. Keine einfache Aufgabe. Aber eine schöne, die letzlich auch mit wenig Einsatz von Technik und Zeit möglich ist. Siehe „Everyday the same dream“ von Paolo Pedercini. Kein Newsgame, aber ein Spiel über das Leben in der post-industriellen Wohlstandsgesellschaft, das diese zeigt, entlarvt und fast poetisch nach praktischen Auswegen Ausschau hält. Meine Empfehlung!

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Kommentare

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