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Kritikable Medienkritik

Der deutsche Medienjournalismus laboriert an Entwicklungsproblemen wie der wachsenden Unübersichtlichkeit seiner Gegenstände, redaktioneller Ressourcenarmut und einem Verlust an Unabhängigkeit. Besonders prekär ist die Lage der Medien-Fachdienste in kirchlicher Trägerschaft. Währenddessen artikuliert sich Medienkritik auch in Blogs und Social Media.

Seit gut zehn Jahren durchlebt der deutsche Medienjournalismus eine tiefgreifende Veränderung. Begriffe wie Strukturwandel oder Krise wären zu hoch gegriffen. Aber es sind doch ein paar ernstzunehmende Probleme zu konstatieren, die die Kontroll- und Korrekturfunktion journalistischer Medienkritik einschränken. Der erste Faktor ist die Ausweitung der Gegenstände.

Seit das Internet bzw. seine inhaltliche Sphäre, das World Wide Web, sich als neue Öffentlichkeit mit medial-publizistischen Kolonien darin etabliert hat, musste es zwangsläufig zu einem Thema auch für Medienjournalisten werden. Die aber müssen seither viel dazu lernen, um die digitale Öffentlichkeit verstehen und beschreiben zu können.

Kompetenzdefizite lassen sich nicht bestreiten. Das Web zu verstehen ist so unendlich schwierig, weil die Fülle seiner Inhalte jedes Maß menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit übersteigt und weil seine Entwicklungsdynamik jeder Begriffsbildung davon zu eilen scheint. Kaum hatte man gelernt, das Internet (verstanden als technische Plattform mit mehreren Diensten) vom WWW zu unterscheiden,  kamen neue Phänomene auf – Stichwort: Social Media.

Mehr Kanäle, neue Unsicherheit

Schon die klassische Fernseh-Programmkritik hatte ihre Wahrnehmungsprobleme, seit Mitte der 1980er Jahre das private Fernsehen aufkam. Die Vervielfältigung der Kanäle brachte eine neue Unübersichtlichkeit für den Fernsehkritiker. Wer sollte das alles sehen und kennen, wer die sich weiter entwickelnde Formensprache von Fernsehen verstehen? Dieser Prozess hat sich mit dem Internet als sozialkulturellem Phänomen wiederholt und radikalisiert.

Medienjournalismus, richtig verstanden und ambitioniert praktiziert, ist ja hohe Kunst und immer ein berichtendes und interpretierendes Multitasking aus sächlicher (Inhalts-) Beschreibung einerseits und Bewertung andererseits, ist eine Journalismus-Spielart, in der kulturelle, menschliche, politische, rechtliche, ethische, wirtschaftliche und auch technische Aspekte eine Rolle spielen. Oft treffen sich mehrere Aspekte in einem Thema, weswegen der Medien-Fachjournalist einerseits ein Spezialist ist, andererseits aber auch ein Universalist mit breiter Bildung sein muss. Weiterbildungsangebote für dieses schmale Segment gibt es kaum, immerhin einmal jährlich ein Angebot der Grimme-Akademie in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk.

Der Medienjournalismus hat seine üblichen Unterbelichtungen – so genannte Fernsehkritik gibt es in jeder Regionalzeitung. Kontinuierliche Pressekritik hingegen hat fast nirgends einen publizistischen Ort, und wenn, dann nur in punktueller Erregung über Entgleisungen des Boulevards. Über „Bild“ zu schimpfen fällt allen leicht und umso leichter, je besser gestellt man sich dünkt.

Ideologische Verengung

Der zweite Faktor, der die neuere Entwicklung kennzeichnet, ist eine ideologische Verengung, ja teilweise Indienstnahme medienjournalistischer Berichterstattung. Zahllose Polemiken in Tageszeitungen widmen sich seit etwa fünf Jahren dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen angeblichem Qualitätsverlust und dessen mutmaßlich grenzenloser Expansion ins Internet.

Qualitätsblätter wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Süddeutsche Zeitung“ – beide mit eigenen Medienseiten – bedienten und bedienen diese politische Tendenz, die auch auf Zustimmung bei großen Teilen des Publikums stößt.

Bei aller Berechtigung von Kritik an ARD und ZDF im Einzelnen und bei aller Wertschätzung für die prägenden Redakteure und Autoren auf den Medienseiten der genannten Tageszeitungen – hier war Medienjournalismus häufig eben nicht mehr neutral, sondern nahm Partei in einem politökonomischen Wettbewerb um Nutzer und Werbenachfrage auf der Medienplattform Internet.

Den Presseverlegern geht es nicht gut auf diesem digitalen Markt, ihre Alles-gratis-Fehlentscheidung aus der Frühzeit des Netzes rächt sich bitter, tragbare Geschäftsmodelle haben sich bislang nicht etablieren können. Aber bedeutet das, dass Wettbewerber, hier: öffentlich-rechtliche, publizistisch ausgestochen werden dürfen?

Nur noch wenige Medienseiten

Meine These: Allzu viele Medienjournalisten haben in jüngerer Zeit ihr eigenes, nachvollziehbares Interesse an Arbeitsplatzerhalt und das Mitgefühl für die Eigentümer der privaten Medienorganisationen über die unabhängige Sachverhaltsvermittlung gestellt.

Werfen wir einen kurzen Blick auf das medienjournalistische Gesamtangebot der Medien in Deutschland, dann leisten sich immer noch einige Tageszeitungen eine tägliche Medienseite, darunter auch kleinere Blätter wie „Tagesspiegel“ und „taz„. Eine wöchentliche Medienrubrik gibt es noch immer im „Spiegel“ und im „Focus“ – dort aber fusioniert mit „Kultur & Leben“.

Die „Zeit“ hat ihre Medienseite vor rund fünfzehn Jahren abgeschafft und handelt Medienthemen in der Wirtschaft oder dem Feuilleton ab. Manchmal fährt die große Hamburger Wochenzeitung fernsehkritische Großaktionen gegen den Niveauverlust des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, so zuletzt am 23. Mai 2013, als von der Titelseite an auf 18 Seiten die Frage abgehandelt wurde: „Ist das noch unser Fernsehen?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat mit dem NDR Magazin „ZAPP“ ein so kritisches wie unterhaltsames Format etabliert, das aber bislang in einem Dritten Programm (NDR Fernsehen) verbleiben muss und den Sprung ins Erste bislang nicht geschafft hat – zu sehr gelten Medien als Thema für eine interessierte Minderheit. Im öffentlich-rechtlichen Hörfunk senden regelmäßig sieben Medienmagazine – was des Guten fast ein bisschen zu viel sein dürfte.

Zur prekären Lage der Mediendienste in kirchlicher Trägerschaft

Unter den Journalismus-Fachzeitschriften sind „journalist„, „M„, „Medium Magazin“ und „Message“ zu nennen. Als prekär muss die derzeitige Stellung der Medien-Fachdienste in kirchlicher Trägerschaft bezeichnet werden. Die katholische „Funkkorrespondenz„, die seit 60 Jahren erscheint, stand 2013 vor dem Aus und sollte aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden. Nach Protesten, bei denen sich Prominente für die „Funkkorrespondenz“ (FK) als „unabhängiges und verlässliches Richtmaß der Medienkritik“ einsetzten, entschied der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz dann doch die Fortführung. Der Rat würdigte das medienethische, medienpädagogische und medienpolitische Engagement der Wochenschrift (KNA vom 23.4.2013).

So genannte Dienste wie die FK sind wichtig für die Binnenkommunikation innerhalb der Rundfunkanstalten bzw. für deren Außenkommunikation mit Fernsehkritik und Medienpolitik. Hier ist der Ort, um Personalentscheidungen von Intendanten oder programmliche Fehlentwicklungen kritisch zu diskutieren. Renommee ist hier keine Phrase aus Festreden, sondern eine operationale Bedingung für den Impact, d. h. die korrigierende Wirkung bei Personal- und/oder Programmentscheidungen. Die Dienste etablieren einen Legitimationszwang, der aus der kontinuierlichen Arbeit der Redaktion, aus ihrer Expertise und der Autorität sowie aus der ihrer (freien) Fachautoren resultiert. Für den Bereich der avancierten Fernsehkritik sind hier Namen wie Dietrich Leder (FK), Sybille Simon-Zülch und Fritz Wolf („epd medien“) zu nennen.

Medienethisches Wächteramt

Eine qualitativ wie quantitativ ebenso große Tradition wie die FK hat „epd medien„¹ aufzuweisen, ein Fachblatt des Evangelischen Pressedienstes. Das Blatt, das früher „epd/Kirche und Rundfunk“ hieß, erscheint seit 64 Jahren. Die erste Ausgabe erschien in der unmittelbaren Nachkriegszeit, am 21. Januar 1949. Den Rundfunk freizuhalten für den freien gesellschaftlichen Diskurs, jeglicher Vermachtung wie unter dem NSRegime mit seinem Propaganda-Rundfunk vorzubeugen und auch medienethisch ein Wächteramt wahrzunehmen, zum Beispiel bei programmlichen Übertreibungen im Bereich von Sex- und Gewaltdarstellungen oder bei Verunglimpfungen des Glaubens – all das gehörte zu den Gründerideen der evangelischen Publizisten um Friedrich Wilhelm Hymmen (1913–1995), die über die Jahrzehnte von wechselnden Redaktionsleitungen jeweils neu dekliniert wurden.

In den 2000er-Jahren machte „epd medien“ dann auch mit investigativ eingreifender Medienkritik von sich reden (Lilienthal 2005). Im Jahre 2005 enthüllte der epd-Fachdienst massive, in Drehbücher implementierte Schleichwerbung in der ARD-Serie „Marienhof„. Der aufsehenerregenden Veröffentlichung war ein Rechtsstreit vorausgegangen: Die hauptverantwortliche Schleichwerbeagentur hatte versucht, den Report „Die Bavaria-Connection“ gerichtlich unterbinden zu lassen (Lilienthal 2006).

Schwache wirtschaftliche Basis

Die publizistischen Leistungen sind das eine. Doch sowohl FK wie auch „epd medien“ haben ein Einnahmeproblem. Trotz hoher Abonnementspreise (70 Euro monatlich im Falle von „epd medien“) sind die verkauften Auflagen unzureichend und auch sinkend. Im 4. Quartal 2008 hatte der epd-Dienst noch eine verkaufte Auflage von 844 Exemplaren, 920 Hefte wurden verbreitet². Gegenwärtig wird die verbreitete Auflage auf 811 beziffert – ein Rückgang von mehr als 100 Heften also³. Auf dem Anzeigenmarkt sind die beiden Blätter praktisch ohne Bedeutung. Also bietet weder der Teilmarkt Vertriebsumsatz noch der der Anzeigenerlöse ein hinreichendes Auskommen.

Leider scheinen die Verlage bzw. die dahinterstehenden kirchlichen Trägerorganisationen immer weniger bereit zu sein, die Rundfunk-Fachdienste dennoch personell hinreichend auszustatten und sie wegen ihrer grundsätzlichen Kommunikationsaufgabe für einen freien Qualitätsrundfunk mäzenatisch weiterhin möglich zu machen. Der Plan zur Einstellung der FK war dafür ein Warnsignal – nur gut, dass die Deutsche Bischofskonferenz zum guten Ende ein Einsehen hatte.

Jörg Bollmann, Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), lässt sich beim jährlichen Treffen der Intendanten von ARD, ZDF und Deutschlandradio mit den Kirchen gerne bestätigen, „dass die Fachpublikation epd medien ein unverzichtbarer kritischer Begleiter für das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem“ sei, so Bollmann im Jahresbericht des GEP für das Jahr 20134.

Zielkonflikt: Medien-Fachjournalismus im Agentur-Newsroom

Unverzichtbar und kritisch – dem ist unumwunden zuzustimmen, rechtfertigt aber nicht, über fundamentale Probleme, die sich aus Redaktionsorganisation und Führungsstruktur des Evangelischen Pressedienstes ergeben, zu schweigen. Die Medien-Fachredaktion arbeitet seit einigen Jahren in einem Newsroom und liefert deutlich stärker als früher dem Agenturangebot des epd zu. Das hat sein Gutes, weil die Fachredaktion damit die von ihr originär recherchierten Inhalte einem größeren Publikum bekanntmachen kann und der epd mit seiner unbestrittenen medienkritischen Expertise bei Agenturkunden und Lesern punkten kann.

Jedoch entsteht ein gefährlicher Zielkonflikt, wenn eine Chefredaktion auch noch das drittklassigste vermeintlich relevante Medienthema beim Fachteam anfordert, nur damit der epd mit dem Thema zeitgleich zu anderen Agenturen auf dem Markt ist. Das kann man so halten, wenn die Redaktionsstärke und der Honoraretat für freie Autoren dem entsprechen – nach meiner unmaßgeblichen Beobachtung ist das aber nicht der Fall.

Meine persönliche Wahrnehmung reicht nur bis ins Jahr 2009, aber es sollte mich sehr wundern (und freuen), wenn zwischenzeitlich Verbesserungen eingetreten sein sollten. GEP-Direktor Jörg Bollmann ist allerdings der Auffassung, dass dies der Fall ist: „Die Integration hat sich in jeder Hinsicht bewährt. Die Zusammenarbeit innerhalb der epd-Zentralredaktion hat sich seitdem deutlich und spürbar verbessert.“5

Der qualitätsgefährdende Zielkonflikt entsteht aus meiner Sicht daraus, dass Agenturmeldungen sich an ein disperses Publikum richten, also allgemeinverständlich sein müssen – viel Arbeit machen sie dennoch, binden Arbeitszeit, die am Ende beim Fachdienst fehlt. Ein Fachdienst muss aber vor allem auch intellektuell auf Flughöhe bleiben, weil er es mit einem Fachpublikum zu tun hat, das die dargebotenen Inhalte und deren Qualität, deren Recherchetiefe und Verstehensleistung, in aller Regel beurteilen kann und das Entscheidungshilfen in der beruflichen Praxis erwartet. Ob ein Programmredakteur beim Fernsehen oder der Medienpolitiker in einer Partei – beide wollen nicht zum wiederholten Male lesen, was andernorts schon stand.

Kleines Wunder

Nicht, dass „epd medien“ diese Flughöhe schon verlassen hätte. Doch grenzt es meines Erachtens an ein kleines Wunder, dass der kleinen Frankfurter Redaktion noch immer respektabler Medien-Fachjournalismus gelingt. Zu meiner Zeit als Verantwortlicher Redakteur führten wir ein Rotationsmodell ein: Ein/e Kollege/in übernahm den Dienstvorsitz und prüfte eingehende Mitteilungen auf deren Agentureignung. Zugleich schrieb diese Person die Meldungen für die Agentur. Dies hatte den Vorteil, dass drei Kollegen aus dem damaligen Vierer-Team sich auf die Arbeit an einem respektablen Fachheft konzentrieren konnten. Das funktionierte schon damals mehr schlecht als recht.

Inzwischen aber liegt die Doppelbelastung Agentur/Fachheft ausweislich des Impressums von „epd medien“ bei nur noch drei Redakteuren. Dieses kleine Team vollbringt nach meiner Beobachtung als Leser wie gesagt noch immer Erstaunliches – aber natürlich können unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen bestimmte Abstriche bei der publizistischen Leistung nicht ausbleiben. Sich weiterzuentwickeln zu einem avancierten Medienjournalismus, der sich auch neue Webkompetenzen aneignet, wird so erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.

Wer riskiert, das Stammpublikum der Abonnenten, vor allem sind das die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten als so genannte Kontingentbezieher6, längerfristig zu enttäuschen, schwächt seine wirtschaftliche Basis zusätzlich. Das ist auch eine Frage der Quantität des redaktionellen Angebots. „epd medien“ erschien früher (seit 1974) zweimal wöchentlich mit einem Regelumfang von 28 Seiten – der Jahrgang (100 Hefte) umfasste also annähernd 3000 Seiten, auf denen sich alles zum nationalen und internationalen Mediengeschehen nachlesen ließ.

Ab dem Jahrgang 2011 entschied sich das GEP, auf eine nur noch wöchentliche Erscheinungsweise, allerdings bei einem höheren Seitenumfang pro Heft von etwa 40 Seiten, umzustellen. Das hatte offenbar wirtschaftliche Gründe, war aber auch eine notwendige Anpassung an die Redaktionsgröße bei gleichzeitig ausgiebiger Agenturzulieferung. Ein unzufriedener Kunde könnte diese Entwicklung für eine versteckte Preiserhöhung halten.

Wie stellt man also Abonnenten zufrieden, die pro Jahr 840 Euro bezahlen sollen? Wegen des Verlusts an Aktualität, wenn nur noch ein Heft pro Woche kommt, und wegen der deutlich reduzierten Jahrgangsleistung (nur noch etwa 2000 Seiten) werden die Abonnenten seit jener Zeit zusätzlich fünfmal inder Woche mit einem Online-Newsletter versorgt.7. Der enthält aber in der Regel nur drei bis fünf Kurzmeldungen aus dem epd-Agenturangebot.

Blickt man auf die Fülle dessen, was andere Online-Mediendienste bieten, noch dazu kostenlos, wird man das kaum für konkurrenzfähig halten können. Die neueren Online-Medienfachdienste in privater Trägerschaft wie „meedia.de„, „dwdl.de“ oder auch das Debattenportal „VOCER“ bieten inzwischen eine durchaus qualifizierte Berichterstattung an und haben in Form ihrer positionsbeziehenden Meinungsbeiträge auch erkannt, dass Medienpublizistik ohne begründete Wertung, ohne Qualitätsurteile und medienethische Verhaltenskritik blutleer und folgenlos bleibt.

Dringend erwünscht: ein Signal der Ökumene

Die Zukunft der Mediendienste in kirchlicher Trägerschaft erscheint unsicher. Gegen zunehmende Prekarisierung wäre ein Signal der Ökumene wünschenswert. Das könnte so aussehen: Die großen Kirchen entscheiden sich, ihre medienjournalistische Kompetenz – zusammen ein Erfahrungsschatz von mehr als 120 Jahren! – zusammenzulegen, und zwar in verbürgter Unabhängigkeit von den Trägern8.

Das wäre keine Fusion im Sinne von Vielfaltsverlust, sondern eine Konzentration der Kräfte und die personell-strukturelle Ermöglichung eines kompetenten Medienjournalismus, der in der Lage ist, mediale Prozesse durch Recherche und Thematisierung, durch Kritik und Kontrolle positiv zu beeinflussen – im Interesse von Öffentlichkeit und Allgemeinheit.

Warum warten?

Ein solches Mäzenatentum entspräche dem Gemeinwohlauftrag der Kirchen und es wäre ein Leuchtturmprojekt mit weiter Ausstrahlung in die Gesellschaft und auf die säkularkommerzielle, oft allzu sehr interessengebundene Publizistik. Persönlichkeiten mit Sinn für gute Medien, die eine solche ökumenische Initiative anstoßen könnten, gibt es in beiden Kirchen Gott sei dank genug. Warum also warten?

Für GEP-Direktor Jörg Bollmann gibt es keinen Anlass zu handeln: „Für das GEP gibt es derzeit keine Veranlassung, Überlegungen über eine substantielle Änderung bei dem Produkt anzustellen.“ Und er fügt hinzu, anders als bei der FK sei bei „epd medien“ „zu keinem Zeitpunkt“ über eine Einstellung nachgedacht worden9.

Alternative: dekonstruktive Medienkritik

Die gesamte Medienpublizistik, die säkulare wie die konfessionell gebundene, steht vor enormen Herausforderungen. Dies auch deshalb, weil in Gestalt von Blogs10 und Social Media längst eine Medienkritik der interessierten Laien entstanden ist, geschrieben von fernsehinteressierten und/oder pressekritischen Laien, die oft mit einem erstaunlichen Wissen und Urteilsvermögen überraschen. Das Spektrum reicht von schwächeren Exempeln wie „SpiegelKritik.de„, „SPIEGELblog.net“ oder „suedwatch.de11 bis hin zu hochprofessionellen Watchblogs wie „stefan-niggemeier.de“ und das (von Niggemeier mitbegründete) „BILDblog – ein Watchblog für deutsche Medien12.

Was ist das qualitativ Neue an dieser Art der Medienkritik, wie sie auf den beiden letztgenannten Websites paradigmatisch demonstriert wird? Sie nimmt Äußerungen von Medien-Produzenten und -Verantwortlichen ernst und misst deren Elaborate daran. Sie rekonstruiert Entstehungsprozesse von Medienprodukten (bis hin zur zergliedernden audiovisuellen Dokumentation auf der Website) und unterwirft sie anschließend einer Analyse im Wortsinn von Zergliederung und Auflösung. Die Methoden dafür heißen Überprüfungsrecherche und Ideologiekritik: Was stimmt, was nicht? Was ist wahrhaftig, was nicht?

Ausgehend von der Einsicht, dass mediale Kommunikate immer Konstruktionen sind, oft handwerklich mangelhafte und ideologisch manipulative, könnte man von deskonstruktiver Medienkritik sprechen13. Diese neue Medienkritik könnte die klassische, die journalistische Selbstbeobachtung des eigenen Metiers, überflüssig machen. Es sei denn, der Medien-Fachjournalismus adaptiert für sich die neuen Arbeitsweisen und Analysemethoden der dekonstruktiven Medienkritik und überwindet seine überkommene Rechercheschwäche. Eines dürfte offensichtlich sein: Ästhetische Geschmacksurteile und ethische Meinungsäußerungen über das, was sich in Medien schickt und was nicht, aber ohne jede Evidenz, reichen längst nicht mehr hin, um im Mediendiskurs als relevante Stimme wahrgenommen zu werden.


 Der Autor war von 1989 bis 2009 Redakteur von „epd medien“,  zuletzt als Verantwortlicher Redakteur.

Danach hat der Verlag „epd medien“ aus der Auflagenstatistik abgemeldet (vgl. http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=1&u=&p=&detail=true, zuletzt aufgerufen am 18.11.2013)

3 Laut Auskunft von GEP-Direktor Jörg Bollmann, E-Mail vom 19.11.2013

4 Der Geschäftsbericht, der auch auf 40 Jahre Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik zurückblickt, ist im Internet abrufbar: http://gep. evangelisch.de/sites/default/files/geschaeftsbericht/Jahresbericht_Internet.pdf (zuletzt aufgerufen am 15.11.2013). Vgl. auch Bollmann 2013.

Auskunft von GEP-Direktor Jörg Bollmann, E-Mail vom 19.11.2013.

Ein Sender bezieht mehrere Exemplare und gibt diese in den Umlauf – mit positiven Wirkungen für die Leserreichweite.

7 Der Wortlaut der Erklärung gegenüber den Abonnenten in Ausgabe 1 des Jahrgangs 2011: „Von Montag bis Freitag erhalten Sie nun täglich epd medien aktuell – den Newsletter für PCs und mobile Endgeräte. Und freitags finden Sie epd medien als Heft in Ihrer Post […]. Statt zweier gedruckter Exemplare pro Woche ist das nur noch eines, das aber dafür dicker ist und so dezent modernisiert. Sie haben es gleich wiedererkannt. Nun eins plus fünf – also sechs Mal epd medien in der Woche. So viel epd medien war nie“ (S. 2).

8 Zur Notwendigkeit strukturell abgesicherter Unabhängigkeit vgl. Lilienthal 2013, Reim 2013 und Schneider 2013.

Auskunft von GEP-Direktor Jörg Bollmann, E-Mail vom 19.11.2013.

10 Zudem gibt es mindestens zwei Blogs, die sich speziell der Theorie und Praxis des Medienjournalismus widmen: www.medienjournalismus.de und www.neue-gegenwart.de

11 Gegenstand von Beobachtung und Kritik ist hier die „Süddeutsche Zeitung“.

12 Der Untertitel signalisiert, dass die Fixierung auf die Boulevardzeitung „Bild“ inzwischen aufgegeben wurde.


ComSoc 3_4 2013 Titelseite

Dieser Beitrag erschien zuerst in der medienethischen Zeitschrift „Communicatio Socials“:

Volker Lilienthal, aus: Communicatio Socialis. Zeitschrift für Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft, Heft 3-4 / 2013, S. 306-316 (c) Matthias Grünewald Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern. www.verlagsgruppe-patmos.de, online erreichbar unter http://ejournal.communicatio-socialis.de/index.php/cc/article/view/67

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Kommentare

  1. Tim sagt:

    Der wirklich beschämende Mangel ist doch, daß es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine regelmäßige, institutionalisierte Debatte über eine Neufassung des öffentlich-rechtlichen Mediensystems gibt. Vorschläge gibt es zuhauf, doch den Molochanstalten fehlt der Mut.

    Diese Debatte wäre die mit Abstand wichtigste Medienkritik.

  2. wolfram schütte sagt:

    Lilienthals Rundumblick auf die Medienpublizistik in allen Ehren, aber einiges, was sich in den letzten Jahren verändert hat, lässt er außer acht.
    So ist eine tägliche seriöse TV-Kritik an seriösen Programmen so gut wie gar nicht mehr in der Printpresse anzutreffen. Allenfalls gelegentliche Vorauskritiken („Tatort“) oder bei besonderen Anlässen – Frage von Brennpunkten oder Ende von H.Schmidts Medienpräsenz.
    Die Unübersichtlichkeit des Programmangebots ist eine Ausrede für nur noch gelegentlich, pauschale kritische Wahrnehmung. Obwohl das Internet (bzw. die Websites der Printmedien) ein Hauptmanko der früheren Zeiten beseitigt hat – nämlich die drucktechnisch bedingte Inaktualität der TV-Kritik erst 2 Tage nach Sendung -, hat das nicht zu einer Veränderung, bzw. Intensivierung der aktuellen TV-Kritik geführt, die bereits in der „Nachtkritik“ (die es seit einiger Zeit im Internet für Theater gibt) bzw. spätestens am Morgen danach im WWW. vorliegen könnte.
    Es gibt mehrere Gründe, dass eine qualifizierende & qualifizierte TV-Kritik en détail, kontinuierlich & vornehmlich für die öffentlich-rechtlichen Sender geradezu notwendig ist. 1. weil es öffentlich-rechtliche Institutionen sind, die aus Steuergeldern finanziert werden & 2. Aufgaben/Zielsetzungen haben oder haben sollten, die einer ständigen öffentlichen Kritik, bzw. Kontrolle unterliegen sollten. Das trifft auf die nur werbefinanzierten Sender nicht zu.
    So hat man bei den ARD-Regionalsendern bis heute noch nicht darauf reagiert, dass sie weitgehend alle außerhalb ihrer Region empfangen werden können. Das hätte längst kollektiv zu einem anderen Sendeschema führen müssen, damit sich nicht mehr thematische Cluster ergeben, weil alle 3.Programme am gleichen Tag den gleichen thematischen Schwerpunkt, bzw. das „gleiche Format“ anbieten. Das hieße eine übergreifende Programmpolitik zu entwickeln.
    Eine kontinuierliche, seriöse TV-Kritik an den Sendungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten hätte auch für jene Autoren, Redakteure, Moderatoren etc. Sinn, die Abweichendes, Riskantes, Minoritäres wagen & dafür mit geringen Quotenwerten bestraft werden. Ohne eine qualifizierte seriöse TV-Kritik sind sie derzeit rückhaltlos dem Quotenfetischismus ausgesetzt – was ohnehin nachhaltige Kollateralschäden für Innovität, Modernität & Qualität bedeutet.
    Es wäre so viel im Medienjournalismus für ein interessiertes (langfristig dankbares) lesendes Publikum zu tun – warum wird denn keiner tätig? Wolfram Schütte

  3. Nico Remsthaler sagt:

    Hochprofessionell? Aha! So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. Ich lese regelmäßig beim Niggemeier. Mein Eindruck ist, er lässt seinen höchstpersönlichen Abneigungen freien Lauf und animiert seine Kommentatoren, sein jeweiliges Opfer zu beschimpfen und zu verhöhnen. Insofern ist er ein hochprofessioneller Shitstormblogführer der deutschen Medienkritik.

  4. Christian Sauer sagt:

    Wann liest man in Deutschland schon mal eine größere Reflexion über Medienkritik? So gut wie nie. Der Journalismus, der sich mit dem eigenen Metier beschäftigt, bleibt bei uns überwiegend unbeobachtet. Volker Lilienthal füllt eine Lücke.

    Mir gefällt, dass er an daran erinnert, wie ungeschoren die Qualitätsblätter hierzulande, vor allem die überregionalen, immer noch mit viel Halbgarem und Halbverdautem davonkommen. In den USA gibt es die Tradition, selbst die Stücke von Pulitzer-Preisträgern in Spitzenblättern gegen den Strich zu bürsten, technische Tricks und ideologische Verzerrungen aufzudecken. Die Mühe macht sich bei uns kaum jemand. Für die wenigen gelungenen Beispiele gebührt Stefan Niggemeier jeder Medienpreis. Handwerkliche Journalismus-Kritik dieser Art wäre ein schönes Betätigungsfeld für den deutschen Medienjournalismus insgesamt. Das sollte nicht länger Kollegengesprächen überlassen werden; das ruft nach Transparenz gegenüber Lesern und Usern, die zurecht immer selbstbewusster werden.

    Zu Lilienthals These, die Kirchen sollten sich zusammentun und ein Konzept für unabhängigen und modernen Medienjournalismus anbieten (unabhängig von einer Nachrichtenagentur): Schöne Idee, die Frage ist, wer hier den ersten Schritt machen sollte. Das könnte eigentlich nur der katholische Medienbischof Gebhard Fürst aus Rottenburg machen. Der Leidensdruck auf katholischer Seite ist größer. Schon bei der Wahl des Ansprechpartners auf evangelischer Seite kann Fürst aber eine Menge falsch machen. Bin gespannt, ob er den Ball aufgreift, den Lilienthal in die Arena wirft.

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