Mit eingezogenen Fühlern

Mit eingezogenen Fühlern

von Julia Friedrichs
21. Juni 2012

Zur Eröffnung der diesjährigen Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche sprach die Reporterin Julia Friedrichs über die Lage des Journalismus. VOCER dokumentiert ihre Rede in leicht gekürzter Form.


Ich bin 32 Jahre alt. Über meinen Weg in diesen Beruf könnte ich das gleiche erzählen wie vermutlich die meisten Journalisten: Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war 17 und ich verliebte mich im Münsterland. In Gronau, einem Ort, der jungen Menschen wenig Anlass für große Träume lässt.   

Aber da war die Zeitung. Drei Räume mit vier Redakteuren, die mich nach und nach immer mehr schreiben ließen. Ich durfte in den Rat und zu Rektoren, zu Seniorenabenden und zu Schützenfesten. Und wenn Sie jetzt denken: "Schützenfest, oh je!", dann haben sie noch keinen Kleinkunstabend in einer Kleinstadtaula erlebt. Aber all das, was klingt wie ein abschreckendes Lokalzeitungs-Klischee fand ich, verknallt in das, was ich tat, toll. Auch Senioren und Schützen haben spannende Geschichten zu erzählen. Von Ehen, die 60 Jahre halten, und von Gewehren, die im Keller lagern. Sonntags früh dann, der wöchentliche Gang in die Redaktion. In diese bald bekannte Welt der Redakteure, die Zeit hatten oder sich Zeit nahmen, jeden Text gründlich zu redigieren. Und am Montag dann die Berichte in der Zeitung. Das Gefühl, eine Stimme zu haben, die jemand hört oder besser liest.         

Kurz darauf ergab sich genau daraus die Gelegenheit, diese Stadt verlassen zu dürfen. Etwas, was ich meiner ersten großen Liebe nie vergessen werde.

Wie viele habe ich dann studiert, volontiert und schon vor dem Abschluss angefangen richtig zu arbeiten. Filme zu drehen, Radio zu machen, weiter Texte zu schreiben.

Aber ich vermute, an diesem Punkt enden die Gemeinsamkeiten, zumindest mit einem Teil hier im Saal. Mit denen, die schon etwas länger dabei sind. Denn es dauerte nicht lange, bis ich merkte, dass ich mich mit dem Journalismus in einen verliebt hatte, dem es nicht gerade gut ging.

Im Oktober 1999 begrüßte ein Professor mich und 50 weitere Erstsemester und versprach uns eine goldene Zukunft. Es war das letzte Mal, dass ich jemanden so etwas sagen hörte. Das Institut hätte einen erstklassigen Ruf, meinte er. 96 Prozent der Absolventen würden unmittelbar nach dem Studium eine Redakteursanstellung finden und somit einen ordentlich bezahlten, sicheren Job.

Wir hatten gerade die Mappen mit den ersten selbst moderierten Sendungen im Uni-Radio und den Übungsmeldungen abgegeben, als 2001 das über uns hereinbrach, was  als "Erste Medienkrise" der Auftakt eines ganzen Krisenreigens war. Wir lernten schnell, dass auch Professoren unrecht haben.

Der Speck ist weg

Bei manchen Verlagen, sagt der Medienforscher Horst Röper, sei damals der Speck weggefallen, den sie sich angefuttert hatten. Das sagte er 2008 zu Beginn der zweiten großen Medienkrise. Und er fügte an: "Jetzt gibt es keinen Speck mehr."

Trotzdem kam die nächste Sparrunde. Von vielen Verlagsmanagern wurde diese als eine Art Naturereignis beschrieben: "Die See wird rauer", begründete Bodo Hombach die Kürzungen bei der "WAZ". Und Bernd Buchholz, der Vorstandsvorsitzende von Gruner und Jahr, steuerte zu dieser Meer-Methaper seinen bekannten Sonnendeck-Ausspruch bei: "Wenn Sie als Kapitän auf der Brücke stehen und eine Riesenwelle aufs Schiff zukommen sehen, dann müssen Sie den Leuten auf dem Sonnendeck sagen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseite stellen müssen."

Ich will Sie jetzt nicht mit einer Rückschau auf zehn Jahre Medienkrise quälen. Ich will Ihnen nur ein Gefühl dafür geben, wie es war, in dieser Zeit mit dem Beruf zu beginnen. Zehn Jahre begleitet von einem Krisenrauschen.

Die goldenen Zeiten des Journalismus habe ich nicht mehr erlebt. Manchmal erzählen Menschen, die dabei waren, davon. Von Sonnendecks habe ich zwar noch niemanden sprechen hören, aber von Business-Class-Flügen, horrenden Spesenrechnungen, tagelangen Vorbesichtungen mit touristischem Schwerpunkt. Das ist aus gutem Grund vorbei. Es mag notwendig gewesen sein, Journalisten klar zu machen, dass Inhalte auch verkauft werden müssen. Es mag nötig gewesen sein, ihnen Wahrheiten beizubringen, wie sie Giovanni di Lorenzo lehrte: "Ohne ein profitables Unternehmen wird es keinen Qualitätsjournalismus geben", sagte er.

Hoffen auf den "Recall"

Ja. Journalismus ist auch ein Wirtschaftsgut. Diese Botschaft haben wir inhaliert. Diese Botschaft prägte wie keine zweite unser bisheriges Berufsleben. Sie hat uns und das, was wir tun, verändert. Da ist zum einen das Geld. Viele, vor allem viele Junge, haben gelernt, bescheiden zu sein.

Es war einmal normal, nach einem Volontariat als Redakteur unbefristet übernommen zu werden. Manche werden sich daran erinnern. Diese Sicherheit ist Vergangenheit. Trotz Studium, trotz Volontariat: Die Gegenwart vieler Jungjournalisten ist prekär.

Da werden Befristungen an Befristungen gehängt, Junior-Redakteursverträge mit Dumping-Gehalt abgeschlossen, Pauschalisten statt Redakteure eingekauft. Da werden Volontäre nach der Ausbildung bei verlagseigenen Subunternehmen angestellt, um sie dann als Leihredakteure anzuheuern. Andere bleiben gleich ganz bei outgesourcten Content-Büros und liefern Seiten am Fließband. Viele in der Hoffnung, irgendwann doch noch einmal in der echten Redaktion landen zu können. Dauer-Casting. Ständiger Wettbewerb. Die permanente Angst zu versagen, auszuscheiden, es nicht einmal in den "Recall" zu schaffen. So beschrieb die Journalistin Nina Pauer, gerade 30 geworden, dieses Lebensgefühl. Nein, das mit den 96 Prozent in lebenslanger Festanstellung - das hat nun wirklich nicht geklappt.

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