Thierry Chervel:

Thierry Chervel: "Das Medium verliert an Profil"

von Ulrike Langer
8. August 2012

Die größten Fehler der deutschen Verlage: das Internet und seine Protagonisten als Feinde sehen, sich an alte Geschäftsmodelle klammern und sich falsche Vorbilder zu nehmen. Thierry Chervel, Journalist und Mitbegründer des Onlinekulturportals "Perlentaucher" spricht im VOCER-Interview über (fehlende) Innovation auf dem deutschen Medienmarkt.


Herr Chervel, ist das deutsche Urheberrecht noch zeitgemäß oder behindert es journalistische Innovationen?

Das Urheberrecht so wie es heute formuliert ist, hat immer die Voraussetzung, dass es physische Träger von Informationen gibt. Die Digitalisierung ist immer eine Verflüssigung von Informationen und Inhalten und macht insgesamt andere Modelle nötig.

Kennt denn das Urheberrecht den Mehrwert von Diensten wie dem "Perlentaucher" an?

Nein, aber ich würde jetzt auch keine Rechte beanspruchen. Wir arbeiten mit Material, das schon da ist und das wir zitieren. Wir möchten darauf hinweisen dürfen, ohne dass es uns irgendeine Gebühr kostet. Wir glauben, dass diese Information ein Teil der freien Öffentlichkeit darstellt, die wir in unserer Gesellschaft brauchen. Deshalb lehnen wir Leistungsschutzrechte für Informationsmedien ab. Sie würden letztlich zu einer Privatisierung von Information führen. Information muss in einer freien Gesellschaft aber frei zirkulieren können. Wir selbst haben das Modell der Werbefinanzierung gewählt. Es ist leider nur so: Es gibt diese Krise der Informationsökonomie. Es gibt unendlich viel Platz für Werbung im Netz, die Preise sind total verdorben. Es ist praktisch nicht mehr möglich, mit Werbung ausreichend Geld zu verdienen.

Perlentaucher-Begründer Thierry Chervel © Foto width=

Nun werden Sie schon länger mit Klagen überzogen. Warum sehen die Verlage in kuratierenden Angeboten wie dem "Perlentaucher" eine Bedrohung, die sie mit harten juristischen Bandagen bekämpfen?

Ich denke, die Verlage haben das Gefühl, man arbeitet mit ihren Informationen und setzt sich gewissermaßen an ihre Stelle. Ich sehe das natürlich genau anders: Wir verweisen auf deren Arbeit, tun also etwas, was in ihrem Interesse liegt. Wir stellen im "Perlentaucher" eine Art Brückenschlag zwischen der neuen und der alten Öffentlichkeit dar. Und das ist meiner Meinung nach genau das, was diese Medien brauchen. Die Leser, die wir ihnen bringen, sind die Leser, die sie haben wollen: die jüngeren, die internetaffinen; diejenigen, die über die weitere Entwicklung der Medien sehr stark mit entscheiden; diejenigen, die man als Medium haben muss, um sich weiterentwickeln zu können. Wir tun also etwas, das im Interesse der Zeitungen liegt.

Können Sie denn die Klagen der Verleger verstehen, die sagen: Wir schaffen mit großem Aufwand Angebote, und andere verdienen Geld damit? Man denke in diesem Zusammenhang auch an Größen wie Google oder Facebook. Können Sie das nachvollziehen?

Ja und nein. Wir alle sind betroffen von der digitalen Revolution und für jedes private Medium, das nicht öffentlich-rechtlich finanziert ist, stellt sich ganz radikal die Frage des Geschäftsmodells: Wie soll ich meine Inhalte refinanzieren? Jede Zeitung lebte mehr oder weniger in einem Monopol oder zumindest einem Duopol seiner Region. Sie hatten in der Region die Macht, Preise für Anzeigen zu definieren, besonders Rubrikenanzeigen. Diese Funktion hatten die Zeitungen auf dem lokalen Markt, und diese Funktion haben sie durch die Medienrevolution verloren. Sie ist übernommen worden von Ebay, Google und wie sie alle heißen.

Wenn Sie jetzt Geschäftsführer eines großen Verlages wären, was würden Sie anders machen?

Es gibt zwei Verlage in Deutschland, die eine ganze Menge richtig gemacht haben: Der Springer-Verlag und der Holtzbrinck Verlag. Die haben kapiert, dass es richtig ist, Plattformen zu kaufen, die heute an die Stelle des Rubrikenmarkts treten: Stepstone, Immowelt oder Parship. Leider gibt es aber so gut wie keine Medien im Internet, die von den Verlagen neu erfunden wurden. In Amerika sind eine Menge sehr einflussreiche Medien im Netz entstanden: Die "Huffington Post", "The Daily Beast" usw. für das allgemeine Publikum; "Politico" oder "TechCrunch" für das spezielle Publikum. Man muss mit Bedauern feststellen, dass die Verlage in Deutschland wenig publizistische Energie entwickelt haben, sondern vor allem darauf aus waren, ihr jetziges Geschäftsmodell so lange wie möglich zu erhalten.

Und was würden Sie anders machen?

Was ich von vornherein und immer schon anders gemacht hätte: die Online-Leute in die Print-Redaktion reinholen. Mit den Online-Redaktionen als Parallelwelten hat man etwas erzeugt, was schizophren ist: Man hat unter derselben Marke Produkte völlig unterschiedlichen Charakters geschaffen. Die "SZ" gilt als eine seriöse Zeitung, online war das lange Zeit mehr oder weniger, wie soll man sagen, ein ziemlich rudimentäres Schaufenster mit recht boulevardesken Elementen. Vielleicht wird das unter der neuen Leitung besser. Ich weiß nur nicht, wie der Nutzer das überhaupt verstehen soll. Ich halte das für ganz falsch. Die Medien hätten damals schon sagen müssen: Print und Online sind zwei Erscheinungsweisen ein- und derselben Sache.

Werden denn Angebote neuerer Art wie "Guttenplag", Flipboard oder Twitter künftig wichtiger für die Nutzer? Oder werden die Nutzer in einem immer unübersichtlicher werdenden Netz doch eher zu den vertrauen klassischen Medien strömen?

Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne diese exklusive Bindung aufrechterhalten. Die Nutzer schaffen sich ihre eigene Übersichtlichkeit. Auf Facebook abonnieren sie bestimmte Medien, bestimmte Freunde, bestimmte Kollegen und schaffen sich damit eine eigene Öffentlichkeit. Sie werden auch thematisch filtern. Sie sind einerseits politisch interessiert und andererseits angeln sie. Das heißt, sie werden den Feed der "Süddeutschen" und den Feed des "Spiegel" abonnieren und haben dann noch Kumpels, mit denen sie angeln gehen. Das individuelle Medium verliert so an Profil, und bestimmte Machtpositionen werden dadurch relativiert, was nicht immer nach dem Geschmack der Medien ist.