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Zyklop mit ungewisser Zukunft

Ein Leitmedium im Übergang: Das Fernsehen verändert sich und bleibt doch hinter seinen Potenzialen zurück. Was einst die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen war, mutiert zum Auslaufmodell. Wozu noch Fernsehen?

TV verblödet – schon Ende der achtziger Jahre regte sich der Publizist und Dichter Hans Magnus Enzensberger über diese schlichte These auf. In einem glorreichen Essay für den „Spiegel“ zermalmte er damals die Vorwürfe der verbitterten Bedenkenträger und Madigmacher, die ihren ideologiegetränkten Kritiken am Fernsehen obsolete „Vorstellungen von Propaganda und Agitation aus früheren Zeiten“ zugrunde legten. Enzensberger widersetzte sich der damals gängigen Auffassung, das Fernsehen sei inhaltsgetrieben. Für ihn war klar, dass dem Phänomen mit anachronistischen Begriffen wie „Medium“ oder „Programm“ nicht mehr beizukommen ist.

Vielmehr mache gerade die „Sprach- und Bedeutungslosigkeit“ des Geräts dessen Charme aus, wenn „die bunten, flackernden, leuchtenden Flecke unfehlbar und dauerhaft ein inniges, man möchte sagen, ein wollüstiges Interesse“ ausriefen. So habe das „Nullmedium“ längst ein Massenpublikum erobert, glaubte Enzensberger, dessen Stärke in einer „transkulturellen Magie“ bestünde – „unabhängig von allen gesellschaftlichen Voraussetzungen, die gleiche Anziehungskraft in Lüdenscheid, Hongkong und Mogadischu“ zu entfalten.

Der Medienphilosoph mit der spitzen Feder hatte jedoch selbst schon lange genug vom klassischen Fernsehen oder vielmehr seiner Art, wie es die Zuschauer von oben herab behandelte. Schuld sei die repressive Rundfunkordnung, die eine Interaktion der Zuschauer mit den Programmveranstaltern unmöglich mache.

Enzensbergers Lösungsvorschlag, den er schon Anfang der Siebziger in seinem „Baukasten zur Theorie der Medien“ formuliert hatte, liest sich wie der zeitlose Strategieplan eines TV-Managers: Nicht das Modell „Ein Sender, viele Empfänger“ solle die Medienlandschaft beherrschen, sondern jeder Empfänger könne auch ein potenzieller Sender mit einer Botschaft sein. Nur auf diese Weise könne die Mobilisierung der Massen erreicht werden, um sich solidarisch gegen die gesellschaftliche Entpolitisierung, sogar Verdummung sowie die Gefährdung der kindlichen Unschuld durch die unzüchtigen Bilderflutendes Fernsehens zu wappnen.

Verabschiedung in neue Erlebnisströme

Und heute? Junge Menschen schauen kaum fern. Manche besitzen gar keinen Fernseher. Und wenn sie fernsehen, dann natürlich lieber über DSL via Internet-Zugang, indem sie die Online-Mediatheken der Sender anwählen oder Videoschnipsel bei Youtube streamen – zeitsouverän und mobil, versteht sich.

So oder so ähnlich lauten gängige Vorurteile gegenüber einer Generation, aus der angeblich immer mehr Angehörige dem linearen Jahrhundertmedium Fernsehen endgültig Lebewohl sagen – und sich stattdessen ins rebellisch-interaktive Netz verabschieden. Betrachtet man Datenerhebungen neueren Datums, entsteht allerdings der Eindruck, dass solcherlei Prophezeiungen eine tüchtige Portion Schwarzmalerei enthalten – jedenfalls sprechen aktuelle Zahlen der TV-Marktforschung dagegen, dass junge Leute ihr Fernsehgerät abgeschafft hätten.

Des Deutschen liebste Freizeitbeschäftigung – ein Auslaufmodell? Wenn wir uns an das viel beschworene „magische Auge“ zurückerinnern, an den „Zauberspiegel“ oder das „Fenster zur Welt“, das nächstes Jahr in Deutschland seinen 60. Geburtstag feiert (gerechnet seit Aufnahme des regelmäßigen Sendebetriebs im Dezember 1952 beim NWDR in Hamburg), könnte man beinahe sentimental werden. Zu neu, aufregend und verspielt war das, was diese geheimnisvolle Bilder- und Gedächtnismaschine anfangs ausspielte.

Nur Rückwärtsgewandte warnten damals vor einem elektronischen „Zyklopen“ im privaten Heim, der im Begriff war, seine Zuschauer zur Passivität zu verdammen und unsere Lese- und Hörkultur dahinzuraffen. Doch schon bald trat die Skepsis hinter die Verzückung zurück: Aus dem sozialen Ungeheuer wurde das erfolgreiche Massenmedium, dem wir uns bis jetzt in einer seltsamen Hassliebe zugeneigt fühlen.

Unablässiger Erlebnisstrom

Unser Reflex, „das Gerät einzuschalten, um abzuschalten“, wie Enzensberger einst süffisant formulierte, ist mittlerweile sichtlich ausgeleiert. Die mediale Eskapismus-Funktion haben Facebook, You-Tube oder „World of Warcraft“ übernommen: Der homo televisionis hat sich offenkundig ins Web 2.0 verabschiedet. Wir hängen heute nicht nur ganztags im Büro, sondern häufig auch abends in unserer Freizeit freiwillig und mit wollüstigem Interesse am unablässigen Erlebnisstrom des Internets.

„Deutschland sucht den Superstar“, „Wetten, dass..!?“, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, „Tatort“, „Bauer sucht Frau“, der Eurovision Song Contest oder die Fußball-WM sind vielleicht die letzten Überbleibsel einer gesättigten Erlebniskultur, in der Großereignisse im Fernsehen noch zur Synchronisation breiter Gesellschaftsschichten und über Generationen hinweg taugten.

Abschaffung einer Integrationsinstanz

Während die Unbeweglichkeit des Programms jedoch den heutigen Seh- und Nutzungsgewohnheiten zuwiderläuft und sich das Fernsehen als Integrationsinstanz allmählich abzuschaffen droht, schwindet auch sein Einfluss als zuverlässige Gedächtnismaschine: Schon heute hinterlassen Ereignisse wie die Revolutionen im Nahen Osten schmerzvolle Lücken im ikonografischen Gedächtnis der Mediengesellschaft – weil die Berichterstattung über sie nicht mehr alleine auf dem Erinnerungsmodus des Fernsehens beruht wie zu Zeiten der Mondlandung 1969, während des Mauerfalls am 9. November 1989 oder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

In Ägypten, Tunesien, aber auch in Libyen waren es die Videos, Fotos und Erlebnisberichte Tausender Amateure im Internet, die den Fall der Diktatoren mitherbeiführten und ihn dokumentierten. Das Fernsehen kam erst später zum Zug.

Andererseits erfindet sich das Leitmedium im Web 2.0 gerade neu, ganz so, wie es der amerikanische Vordenker Nicholas Negroponte prophezeite, als er forderte, dass wir aufhören müssten, Fernsehen als Fernsehen zu denken. Fern zu sehen, schließt auch mit ein, sich Bewegtbild-Inhalte im Internet anzuschauen, ob auf Zeitungs-Websites oder eben bei YouTube oder einer anderen der mittlerweile unzähligen Video-Plattformen.

Unumkehrbare Transformation

Dass es hierüber allzu viele Missverständnisse gibt, offenbart auch die streitlustig geführte Debatte um das Online-Engagement öffentlich-rechtlicher Sender (Stichworte Drei-Stufen-Test oder „Tagesschau“-App). Diese streben, um mit der Zeit zu gehen, nach neuen technischen Verbreitungsmöglichkeiten und versuchen damit auch weiterhin dem Grundversorgungsanspruch zu genügen, einen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen.

Doch ebenso wenig, wie „Fernsehen“ noch auf einen einzigen Vertriebskanal oder ein Empfangsgerät reduziert werden kann, lässt sich heute eine eindeutige Definition aufrechterhalten, die sich an einem Übertragungsweg, dem Programmdiktum oder gar einzelnen Institutionen festmacht. Das wissen im Grunde auch die Regulierungsbehörden, allerdings sind sie auf diese unumkehrbare Transformation des Fernsehwesens nur unzureichend vorbereitet.

Tatsächlich ist die Romantisierung um das Coming-out des Fernsehens als gesellschaftliches Mitmachmedium nicht totzukriegen. Dieser Ansatz gilt seit der digitalen Wende angesichts der technischen Möglichkeiten mehr denn je als alternativloses Szenario – doch waren echte Fortschritte bisher Mangelware. Jüngste Neuerungen betrafen eher zusätzliche Ausspielkanäle wie Internet-Streaming, On-Demand-Angebote, Smartphone- und Tablet-Apps.

Die eigentliche Herausforderung wurde aber geflissentlich ignoriert: So wuchtig sich die monolithischen Programmsilos präsentieren, so wenig scheinen sie zu den filigranen Möglichkeiten zu passen, die das Netz bietet. Dabei ist die Interaktivität des Fernsehens inzwischen gar keine Frage der technischen Machbarkeit mehr, sondern sie betrifft vielmehr die Mentalität der Fernsehschaffenden: Mitmach-TV wird zwar als wichtiger wahrgenommen, doch bleiben viele Sender ihren starren Programmschemata wegen der eingefahrenen Organisationsrituale und Produktionszwänge vorerst treu.

Mehr als nur passive Zapping-Gemeinde

Wenn große Jubiläen nahen, kramt der öffentlich-rechtliche Rundfunk ausgiebig in seiner Klamottenkiste: Die hauseigenen Rundfunkarchive werden nach kuriosen Ausschnitten durchforstet, die von Großereignissen und nostalgischen Momenten zeugen und uns glauben machen, das Fernsehen sei immer noch unser verlässlichster Zeitzeuge: Video ergo sum – ich sehe, also bin ich!

Dabei ist der gigantische Bilder- und Szenenreichtum in den Archiven, vor allem die Methode seiner Lagerung und Bereitstellung selbst längst zum Problem geworden, um nicht zu sagen: Das Fernsehen ist ausgerechnet dort, wo im Internet-Zeitalter seine Stärken liegen könnten, zur Verschlusssache geworden.

Nicht nur, dass mobile Endgeräte und die Vielzahl digitaler Medienangebote der klassischen Fernsehnutzung mit ihren linearen und streng ritualisierten Abläufen zunehmend das Wasser abgraben. Auch die mangelnde Verfügbarkeit der größtenteils von Gebührengeldern subventionierten Programmschätze in den Online-Mediatheken (Stichwort Zwangslöschung) bleibt auf Dauer nicht folgenlos: Sogar bei seinen treuesten Zuschauern muss das Fernsehen wohl auch deshalb künftig empfindliche Bedeutungsverluste hinnehmen.

Trotz zaghafter Annäherungsversuchen an die ästhetischen und syntaktischen Vorlieben der Generation Facebook, etwa durch Zuschauereinbindung während Live-Sendungen, bleibt das Fernsehen vor allem eines: stumpf und, ja, irgendwie auch passiv. Selbst die tadellos aufgemotzten Mediatheken von ARD, ZDF und Arte wirken eigentümlich blass, wenn man sie mit dem digitalen Medienwirbel vergleicht, den so manche Online-Angebote in Kraft setzen können.

Der Ruf, ein Innovationstreiber zu sein, ist dem einstmaligen Leitmedium zwar schon länger abhandengekommen. Aber was sich viele Sender heute an lieblosen Social-Media-Marketing-Gags leisten, unterstreicht eigentlich nur, dass dem Medium eines noch nicht gelungen ist: in einen echten Dialog mit dem Zuschauer zu treten.

Öffentlich-rechtlicher Wagemut, zum Scheitern verdammt?

Ohnehin bleibt aktive Zuschauerbeteiligung ein Spiel mit dem Feuer. Rezepte, wie das fernsehfaule Publikum zu aktivieren ist, gleichzeitig aber in die Verantwortung genommen werden kann, sind schon häufig gescheitert. Zuletzt zeigten dies die geringen Quoten des grandiosen ARD-Mehrteilers „Dreileben“, dessen ineinander verwobenen Geschichten die Zuschauer offenbar überfordert haben. Doch dass solche wagemutigen TV-Experimente auch scheitern können, gehört zum Berufsrisiko. Und wer keine Risiken eingeht, wird nie erfahren, ob es auch anders geht.

Vielleicht liegt das Versagen innovativer Sendekonzepte auch daran, dass der Zuschauer schon immer auf Abstand gehalten wurde und noch gar keine echte Chance hatte, sich an eine neue Rolle zu gewöhnen. Bisher mangelte es den Sendern jedenfalls sowohl am konsequenten Willen als auch am Mut, das Publikum ungefiltert nach seinen Wünschen zu befragen und es aktiv auf die Programmgestaltung einwirken zu lassen. Das zeigt nicht nur die Halbherzigkeit der meisten Sender, wenn es um konkrete Zuschauerrückmeldungen zum Programm geht, sondern auch die vor einigen Jahren ergebnislose Debatte zur Errichtung einer „Stiftung Medientest“, die eine unabhängige Publikumsvertretung hätte werden sollen.

Das überforderte deutsche Regulierungssystem mit seinem bürokratischen Wildwuchs an Telemedien- und Telekommunikationsgesetzen, Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, Rundfunkänderungsstaatsverträgen und anderen sprachlich verunglückten Ungetümen kommt offenkundig ohne eine durchdachte Publikumsbeteiligung aus: Der zuschauende Konsument und Gebührenzahler befindet sich nicht als souveränes Element im Zentrum medienpolitischer Überlegungen, sondern ist allenfalls Zaungast, dessen Stimme meist nur in der Quote Ausdruck findet.

Vor allem gemessen an europäischen Nachbarn ist die deutsche TV-Landschaft, was die Qualitätssicherung und Programmgestaltung unter Einbeziehung des Publikums angeht, eine Wüste.

Fernsehen unter Verschluss

Die Bannmeile für das Publikum zieht aber noch weitere Kreise: Auch unser so genanntes „Rundfunkerbe“, ein ebenso kostbares wie schützenswertes Kulturgut, wird für Nutzer buchstäblich unter Verschluss gehalten. Weder haben Gebührenzahler eine rechtliche Handhabe, in Fernsehen oder Hörfunk einmalig ausgestrahlte Beiträge außerhalb des starren Sendeschemas noch einmal zu Gesicht oder zu Gehör zu bekommen. Noch gibt es einheitliche Regeln, die den Zugang zu derlei Programmrelikten erleichtern, etwa für die politische Bildungsarbeit, für künstlerische Arbeiten oder zu wissenschaftlichen Forschungszwecken.

Nach Ablauf des herkömmlichen Sendezyklus‘ erleben allenfalls aufwändige TV-Events („Der Tunnel“, „Dresden“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Baader“) oder Erfolgsserien („Kir Royal“, „Derrick“, „Lindenstraße“, „Diese Drombuschs“) aus kommerziellen Verwertungsabsichten noch einmal ein Gnaden-Comeback auf DVD oder in einer Online-Mediathek. Der Großteil des Programms verstaubt jedoch in den sendereigenen Archiven.

Dabei wünschen sich gerade die Verantwortlichen an den Steuerrädern der alten Fernsehdampfer, dass ein neues goldenes Zeitalter für ihre wertvollen Programmschätze anbreche. Zwar ist und war bei Weitem nicht alles Gold, was nun zu neuem Glanz verholfen werden soll. Doch planen ARD und ZDF unter dem Projektnamen „Germany’s Gold“ eine (kommerzielle) Online-Videoplattform, auf der angestaubte Sendungen gewinnträchtig wiederverwertet werden sollen. Zugleich formten sie in ungewohnter Eintracht mit dem Verband der privaten Sender eine so genannte „Content-Allianz“, um gegenüber der wachgeküssten Medienpolitik ihr vermeintliches Alleinstellungsmerkmal zu vermarkten: professionell produzierte Inhalte.

Dass sich die Sender gerade jetzt mit derlei Angebotskonzepten ihrer Identität vergewissern, gleicht einer verzweifelten Durchhaltestrategie: Sie folgen lieber ihrem bewährten Vertriebsgedanken als der Leitidee der Netzkultur, die Konsum verschmäht, dafür Transparenz, Dialog und Beteiligung predigt. Die Programmplaner reagieren hilflos und klammern sich an ihr überholtes Modell der Quotenmessung, das kaum noch die Nutzungsrealität der Zuschauer abbildet.

Sackgasse Senderarchiv

Das Diktat der Aufmerksamkeit verlangt nach immer Grellerem, nach Medien-Hypes. Die scharfsinnige wie scharfzüngige Susan Sontag hat einen solchen Hang zu Oberflächeneffekten einmal „Camp Sensibility“ genannt: Camp sei, wenn Stil über Inhalt, wenn Ästhetik über Moral, wenn Ironie über Tragödie siege. Und weil im Vordergrund zeitgenössischer Programmplanung der Erlebnischarakter, die Extravaganz, die Theatralisierung der Erfahrung steht, scheint Sontags ursprüngliche Diagnose über den Kunstbetrieb hier umso besser zu passen.

Die Frage nach gesamtgesellschaftlicher Relevanz und Aussagekraft von Fernsehangeboten ist ein Thema für Podiumsdiskussionen, nicht aber für den Sendealltag.

Schuld an dieser unrühmlichen Praxis sind die Nachlassverwalter des Rundfunkerbes: Weder sieht sich der Staat in der Pflicht, die gültigen Archivgesetze so zu rejustieren, dass unsere Fernseherinnerungen nicht nur sorgsam konserviert, sondern auch im Nachhinein für eine breite Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Noch scheint die Sender – ob nun öffentlich-rechtlich oder privat – die kulturelle Wirksamkeit abseits des Produktionswerts ihrer Archivalien zu kümmern: Dort, wo sich das Programm der Messung von Einschaltquoten und Werbezielgruppen entzieht, endet üblicherweise die Verwertungskette und damit auch das Interesse der Programmmacher.

Dass sich künftig möglichst wenig Programminhalte versenden und damit unwiederbringlich verflüchtigen, liegt also in der Verantwortung von Medienpolitik und Produzenten gleichermaßen.

Es ist schon ein kleiner Medienskandal, dass es Politiker trotz der jahrzehntealten UN-Empfehlung und einer Europaratskonvention zum Schutz des audiovisuellen Erbes bislang nicht geschafft haben, die Gesetze zur privaten und beruflichen Nutzung von TV- und Hörfunkarchiven auf das digitale Zeitalter zuzuschneiden. Aber auch das oft bemühte Mantra der Senderchefs, ihre Archive seien nun mal reine Produktionsarchive und keine Dienstleistungsabteilungen der Bürger, zeugt von einer gewissen Arroganz und auch Betriebsblindheit, den intellektuellen und kulturellen Wert des Fernsehens für die Gesellschaft überhaupt anzuerkennen.

Zwischen Qualitätsfernsehen und Hartz-IV-TV

Nichtsdestotrotz ist das Fernsehen nach wie vor weder nur das eine noch das andere: Es ist weder ausschließlich stimulierende Intelligenzmaschine noch zerstreuendes Verblödungsmedium. Es versucht vielmehr, den täglichen Spagat zwischen „Unterschichten“- und Bildungsfernsehen zu meistern.

Nicht nur technisch gesehen hat das Fernsehen qualitative Quantensprünge gemacht: Nach 60 Jahren Programmentwicklung hat es sich zu einem dauersendenden Strom an teils sehr anspruchsvollen, vielseitigen und überraschenden Produktionen entwickelt. Andererseits stören sich Kritiker am stumpfsinnigem „Hartz-IV-TV“, das sich in Gestalt von Scripted-Reality-Formaten, Glücksspielen und Casting-Shows einem Massenpublikum anbiedert – und die Kluft zum Qualitätsfernsehen erst richtig sichtbar macht.

Das Fernsehen bleibt allen ungenutzten Potenzialen im Web 2.0 zum Trotz in den kommenden Jahren wohl weiterhin Referenzmedium Nummer eins, weil zumindest der (ältere) Teil der Bevölkerung die Umwelt immer noch überwiegend durch die TV-Brille wahrnimmt. Während das Fernsehen als nicht nur akzentuierende, sondern grundlegende elektronische Medientechnologie im Verlauf von nunmehr sechs Jahrzehnten zum dominanten „Paradigma der Welterklärung“ (Knut Hickethier) wurde, wird sein sozialer Wert jedoch fraglos immer wieder unterschätzt. Dabei ist kein Massenmedium barrierefreier, identitätsstiftender und zugleich von so (politischer) Suggestivkraft.

Wenn wir uns an Medienereignisse und wichtige Zeitläufte erinnern, erinnern wir uns nicht selten in Fernsehbildern. Die Ikonografie des Fernsehens begleitet und verbindet uns, sie durchdringt viele unserer Lebensbereiche und prägt wesentlich unser kollektives Zeitempfinden, das weitaus tiefer greift als wir das einem Zwanzig-Uhr-Fünfzehn-Programmschema zuschreiben würden.

Jüngere Menschen wenden sich in Scharen ab

Aus Sicht so manchen Kritikers hätte das letzte Stündchen des Fernsehens längst schlagen müssen: Gefordert wurde schon in den siebziger Jahren ganz programmatisch im Sinne von Jerry Manders: „Schafft das Fernsehen ab!“

Christoph Schmitz-Scholemann, Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt, hat sich vor einigen Jahren einmal auf erfrischend nüchterne Weise mit eben diesem Szenario beschäftigt: Als Konsequenzen, die eine solche Rosskur vermutlich nach sich ziehen würde, nennt er eine kulturelle, ökonomische und soziale Katastrophe ungekannten Ausmaßes und von „unglaublicher Wucht“: „In Deutschland … gibt es gut dreißig Millionen Fernsehgeräte – sollen wir Vogelkäfige daraus basteln? Der vom Fernsehen abhängige Umsatz beträgt in Deutschland nach Schätzungen jährlich zwischen zwanzig und fünfzig Milliarden Mark – das entspricht fast einem Zehntel des Bundeshaushaltes. Wenn Sie diesen Umsatz aus der Volkswirtschaft einfach herausnähmen – es gäbe eine Revolution.“

Entscheidung für das große Schweigen

Der Tag, an dem das Fernsehen „sterben“ könnte oder der Anfang vom Ende eingeläutet wird, wurde bereits vor rund 40 Jahren von dem Drehbuchautor und Regisseur Don McGuire herbeiphantasiert. In seinem Roman „The Day Television Died“ zeichnet er das Portrait eines Branchengenies, das dem Fernsehen, so wie die Welt es kennen-, schätzen- und verteufeln gelernt hat, ein für allemal den Garaus zu machen gewillt ist. Nicht mehr sollen die Zuschauer in Dumpfheit, Grellheit und Dummheit getaucht, sondern von „Silence“ überrascht werden: ein schwarzes Fernsehbild ohne Ton, ohne Inhalt.

Und tatsächlich schafft es der Romanheld, die sanfte Ruhe zumindest einmal in der Woche drei Stunden lang auf dem führenden Network abends zur besten Sendezeit durchzusetzen. Das Unglaubliche gelingt: Die Mehrzahl der Zuschauer schaltet ein, gerade weil sie sich für das Anti-Fernsehen, das große Schweigen der Medienapparatur entscheidet, das die ganze Nation erfüllt.

Der schwarze Bildschirm wird zum Sprungbrett für Aktivitäten, die in Fernsehhaushalten bis dato schier unmöglich geworden waren, weil das bunte, sinnfreie Treiben des Programmflusses sie über alle Maßen lähmte. Der Roman mochte zwar zu seiner Zeit „empörend“ sein (so zumindest die Beschreibung im Klappentext), doch das ersonnene Szenario der bildschirmgeleiteten Fernsehabstinenz war damals mindestens ebenso originell wie in seiner Überzeichnung hoffnungslos weltfremd.

Weltfremd auch aus heutiger Sicht – und zwar deshalb, weil die Realität die einst erdachte Medienzukunft längst eingeholt hat: Gerade jüngere Menschen wenden sich neuerdings in Scharen vom Fernsehen ab, weil sie ihre Medien selbstbestimmter, ortsungebundener und zeitsouveräner nutzen. Je mehr allerdings die Zielgruppen auf diese Weise zersplittern und die verbleibende Fernsehgemeinde überaltert, desto schärfer wird auch der Streit um das Wohl und Wehe des öffentlich-rechtlichen Gebührenfernsehens geführt, weil sich die unter 28-Jährigen kaum mehr vom Grundversorgungsauftrag angesprochen fühlen.

Wer also über die Zukunft von ARD, ZDF und der Dritten sinniert, darf deren Langzeitentwicklung nicht einfach ignorieren: Längst hat deren Programmangebot jegliche Trendsetting-Funktion an die private Senderkonkurrenz abgeben müssen und seinen politisch-aufklärerischen Habitus gleich mit. Öffentlich-rechtliches Fernsehen vor 20 Jahren – das war anders.

Das Lagerfeuer der Nation flackert wieder auf

Doch überall dort, wo sich Jugendliche rund um TV-Serien und ihre Stars zusammenrotten und rege in ihren Web-Foren und Social Networks darüber chatten, zeigt sich, wo die wahren Entwicklungspotenziale abseits von technologischen Spielereien wie HDTV oder 3D liegen: Indem das Fernsehen in der Web-Community für Gesprächs- und Zündstoff sorgt, flackert auch das Lagerfeuer von einst wieder auf, zumindest bei ausgewählten Kohorten.

Das Fernsehen, das ist regelmäßig zu beobachten, wird vorerst Ereignismedium bleiben und damit bei seinen Anfängen, als noch jede Samstagabendshow, jeder Papst-Besuch und jede Fußball-WM-Übertragung ein Straßenfeger war.

Der Vertrauensbonus des Fernsehens

Wenn auch gedämpfter und weniger progressiv zeigt sich vor allem im Nachrichtensektor, welchen Ideenreichtum, welche enormen Steherqualitäten das Fernsehen noch immer entfalten kann – wenn es denn muss: Mobile Journalisten, genannt „MoJos“, berichten inzwischen von so gut wie jedem Ort der Erde in Ton und Bild und versenden ihr Material per Mausklick an die Heimatredaktionen. Anders als die unüberprüfbaren Videos im Netz trotzt der professionell gesteuerte Bilderfluss in Krisenzeiten vor Suggestionskraft. Damit bleibt das Fernsehen gerade in Momenten sozialer Verunsicherung und Angst ein überzeugender Glaubwürdigkeitsmotor.

Die Echtheit der Bilder und ihre Implantierung im Programm sind deshalb entscheidend für den Vertrauensbonus des Fernsehens und seine Beständigkeit: Unaufhörlich produziert es Symbole, schafft Zusammenhänge und gaukelt surreale Szenerien vor, die sich in unserem kollektiven Gedächtnis festpfropfen.

Es ist noch immer das mächtigste Instrument, das die Welt in Gut und Böse, in Echt oder Falsch, in Richtig und Wichtig, in Neu und Alt, in Seicht und Tiefgründig einzuteilen vermag. Es ist, im Ganzen betrachtet, ein oft authentischer Navigator durchs Weltgeschehen – mit allen denkbaren Pflichten und Herausforderungen, die in einer solchen verantwortungsvollen Aufgabe liegen.

Ob und wie die Zuschauer in Zukunft Einfluss darauf nehmen können und sollen, zu welchen ideologischen Gebilden sich diese Symbolwelten verdichten und welche Bedeutung sie uns vermitteln, ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Mediums. Ein emanzipiertes Publikum, das sich die Web-2.0-Qualitäten zunutze macht, wird es allerdings nicht mehr den Fernsehmachern und Senderchefs alleine überlassen, sondern – zumindest gelegentlich – sein Mitspracherecht einfordern.

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