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Zukunft der Journalistenausbildung: Digitale Umarmung

In einer zehnteiligen Serie nimmt VOCER gemeinsam mit dem Medienmagazin journalist die Aus- und Weiterbildung von Journalisten in den Blick. Zum Auftakt starten wir mit grundsätzlichen Überlegungen zur neuen Wirklichkeit der Branche.

„The biggest mistake of all those who are interested in preserving or creating a professional journalism would be to mourn the old times.“

 

Diese deutlichen Worte richtete der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach schon vor einigen Jahren an die Medienbranche. Nicht zurückblicken und den guten alten Zeiten nachtrauern, sondern einen unverstellten Blick nach vorne wagen, um den Journalismus als Ganzes zu bewahren. Donsbach glaubte, dass sich Journalisten mit offenem Visier den Herausforderungen stellen und alle Chancen nutzen sollten, die der Digitalisierungsprozess ihrer Profession zu bieten hat.

In einer zehnteiligen Serie möchten wir auf VOCER genau das tun und die Aus- und Weiterbildung in den Blick nehmen: Was müssen junge Medienmacher heute lernen, um morgen erfolgreich in den Job zu starten? Welche Skills sollten sich Praktiker aneignen, um im neuen Berufsumfeld bestehen zu können? Die Aus- und Weiterbilder stehen vor einer Herausforderung, die mindestens so anspruchsvoll ist wie die der Branche insgesamt: Sie sollen innovative Ausbildungskonzepte für ein Mediensystem entwickeln, das sich gerade komplett umkrempelt. Eine Debatte darüber ist dringend nötig. VOCER bietet dafür in den kommenden Wochen das Forum, in dem Ausbilder, Praktiker und Nachwuchsjournalisten ihre eigenen Konzepte für die Journalistenausbildung der Zukunft darlegen.

Zum Auftakt starten wir mit einigen grundsätzlichen Überlegungen zur neuen Wirklichkeit, in der Journalisten heute arbeiten.

Plattformen rüsten auf

Der anfangs zitierte Wolfgang Donsbach hatte Recht: Der Journalismus muss sich wandeln und zugleich das Kunststück seiner eigenen Transformation vollbringen. Er hat gar keine andere Wahl, als sich auf die technologiegetriebene Digitalwelt einzulassen und innovative Antworten auf die schwierigen Fragen der veränderten Mediennutzung zu finden. Wer sich heute noch an obsolete Darstellungsformen klammert oder sich ausschließlich auf hergebrachte Vertriebswege konzentriert, kann mit seinem Angebot langfristig keine wirtschaftlichen mehr Erfolge erzielen. Vor allem entledigt sich Journalismus seiner Bedeutung, wenn seine Inhalte nicht mehr wahrgenommen werden.

Der Journalismus steht inzwischen mit zahllosen Digitalangeboten in einem harten Wettkampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Vorrangig sind es die sozialen Netzwerke, die das Informations- und Unterhaltungsbedürfnis vor allem junger bis mittelalter Nutzer befriedigen. Inzwischen rüsten die Plattformen sogar selbst redaktionell auf – was wiederum neue Arbeitsfelder ermöglicht. Erwähnt sei nur das Branchennetzwerk Xing, das einerseits Newsletter für seine Nutzer zusammenstellt, gleichzeitig aber auch gestandene Journalisten beschäftigt und selbst zum Content-Produzenten wird. Die Plattformen treten mit traditionellen Verlagshäusern und Rundfunkanstalten dadurch in direkte Konkurrenz und haben mittlerweile einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen nicht mehr um die Nutzer buhlen, denn die sind sowieso da.

„Fernbedienung für unser Leben“

Eine weitere Trendwende ist die mobile Mediennutzung, wie sie beispielsweise der „Digital News Report“ des Reuters Institute for the Study of Journalism in statistischer Zuverlässigkeit jedes Jahr aufs Neue dokumentiert: Das Mobile bildet inzwischen den Kontrapunkt zur stationären Medienentwicklung vergangener Jahrzehnte, da digitale Inhalte aller Art künftig verstärkt non-linear, also zeit- und ortsunabhängig, konsumiert werden.

Beide Strömungen gehören zusammen und verändern den Journalismus gravierend. Die „New York Times“ hat das Smartphone deshalb einmal zur „remote control for your life“ getauft: Die „Fernbedienung für unser Leben“ ist vor allem in der Generation der Millennials täglich im Dauergebrauch. Sie nutzt die schlaue Telefonie als primäre Zugangsquelle, um mit ihrer sozialen Umwelt zu netzwerken, ihren Fitnessfaktor zu kontrollieren, ihr Liebesleben zu organisieren – und um in die digitalen Medienwelten einzutauchen. Es ist also nur konsequent und notwendig, dass sich Journalisten auf diese mobilen Nutzungsformen der jungen Medienkonsumenten einstellen, um alternative Distributionswege zu erschließen und in neuartige Absatzmärkte für journalistische Produkte vorzustoßen.

Anpassungsfähigkeit an die digitalen Trends

Wir glauben, dass die Journalistenausbildung in dieser neuen Medienwelt zum zentralen Faktor, zum Interface des Medienwandels, geworden ist: Das, was an Akademien, Journalistenschulen, Universitäten und Fachhochschulen gelehrt wird, wird letztlich darüber entscheiden, ob ihre Absolventinnen und Absolventen im Job bestehen werden. Mittelbar wird es diese Generation verantworten, inwiefern der Journalismus für sie zuständig bleibt.

Die Güte der journalistischen Aus- und Weiterbildung wird damit zum Schlüsselbereich für eine ganze Branche, die sich in Zukunft noch flexibler zeigen muss, was ihre eigene Anpassungsfähigkeit an die digitalen Trends von morgen betrifft. Sie darf nicht flatterhaft werden, sondern muss sich Zeit nehmen, um ein intellektuelles Fundament für den Medienwandel auch in ethischer, politischer und sozialer Hinsicht zu schaffen. Klassische Standards dürfen nicht automatisch verteufelt werden, nur weil sie „von gestern“ sind. Im Gegenteil: Journalistisches Handwerk und Berufsethik müssen in die neue Wirklichkeit integriert werden, um weiterhin Gültigkeit besitzen zu können.

Die Rolle der Journalisten

Live-Videostreaming, Accelerated Mobile Pages, Wearables, Instant Articles, Social Bots, Virtual oder Augmented Reality, Gamification of News, 360-Grad-Storytelling, Drohnen – das sind aktuelle Buzzwords, die in der Branche gleichermaßen für Aufbruchsstimmung und Verunsicherung sorgen. Zu Recht: Jedes dieser digitalen Tools, jeder einzelne Trend birgt Risiken, aber auch enorme Potenziale für den Journalismus – für seine Distribution, Darstellungsformen, Recherchen, Produktions- und Partizipationsmöglichkeiten. Wir sind deshalb der Überzeugung, dass es schon lange nicht mehr ausreicht, die klassischen Standards und Grundsätze des Journalismus als objektiv gegeben zu vermitteln. Journalistenausbildung kommt heute zu oft reaktionär daher und hechelt den digitalen Innovationen hinterher.

Das mag angesichts der tiefgreifenden Veränderungen verständlich und erklärbar sein, der Anspruch sollte jedoch das genaue Gegenteil sein: Ausbildungsstätten müssen sich noch stärker als digitale Innovationslabore begreifen, die den Journalismus der Zukunft gestalten und mitbestimmen, welche Rolle Journalisten in unserer Gesellschaft einnehmen.

Zweifellos verändert sich der Journalistenberuf rasant. Auch deshalb sind Innovation und Unternehmergeist inzwischen notwendiger als die Verteidigung des Status quo. Ein Blick auf den aktuellen Stellenmarkt zeigt, dass digitale Fähigkeiten in deutschen Redaktionen inzwischen gefragter sind denn je – ob Datenjournalismus, Audience Engagement, multimediale Erzählweisen oder im Innovationsmanagement. Die Aus- und Weiterbildung muss diese Trends unmittelbar aufgreifen und sicherstellen, dass Nachwuchs und Praktiker mit den digitalen Anforderungsprofilen Schritt halten. Wer als Journalist seine Relevanz und Reichweite erhalten möchte, muss die Digitalisierung umarmen.


In der kommenden Woche schreibt an dieser Stelle Julian Heck zum Thema Self-Marketing und journalistische Haltung.

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Kommentare

  1. […] 5.5. Zukunft der Journalistenausbildung: Digitale Umarmung (vocer.org) […]

  2. leser says:

    Puhhh, nach dem drölfzigsten Buzzword noch zum Schluss gescrollt und wieder nur so ne apodiktische Feststellung über „obsolet“ und „reaktionär“ gelesen… Es klingt wie einer der vielen Artikel, bei denen sich der Autor (zur Selbsterhöhung?) Krawattenträger an Schreibmaschinen vorstellt.

    Wo sind die Fragen, die in der Praxis doch längst diskutiert und teilweise angegangen werden nach – Achtung, auch mal ein Buzzword – Workflows, die die optimale Teilung zwischen „klassischen“ Journalistenaufgaben (2 Sätze bekamen sie…) und neuen Produktionsmöglichkeiten mit ihrem unendlichen Zeithunger haben (kein Tool funktioniert schließlich so reibungslos und toll, wie es angepriesen wird, von der „Schnelligkeit“ ganz zu schweigen…).
    Das Problem ist doch nicht, scheinbar altmodische Journalisten für Glitzertools zu begeistern, sondern die Tools so zu nutzen, dass noch Zeit für Inhaltsbeschaffung mit Substanz bleibt.
    Wenn jemand aus einer schwurbeligen PR-Mitteilung nicht mehr die Substanz erkennen und erfragen kann, muss er natürlich auf den experimentellen Laborcharakter des Produkts abheben – im Instant-Beta-Stadium ist man ja so viel weniger angreifbar.

    Ob man in diesem Stil mal einen „altmodischen“ Journalisten über den Umgang junger „digital natives“ mit Userkommentaren in den SocialMedia schreiben lassen sollte, wo ja am anderen Ende immer noch ein Mensch sitzt, der oft genug besser Bescheid weiß als der Journalist?
    Mit Blick auf Ausbildung nur der Gedanke, dass viele Tools, denen jemand in dieser Zeit begegnen würde, bei seinem Berufseinstieg bereits vom nächsten Tool überholt sein dürften – undankbare Sache für die natürlich wirklich unabdingbare ausbildende Beschäftigung damit. So, genug „Reaktionäres“ ;-)

  3. Donsbach hat vorm Jammern gewarnt, und der Autor … jammert.
    Dass Journalisten für’s Neue aufgeschlossen sein und viel ausprobieren müssen – keine Neuheit!
    Mir fehlen Hinweise auf konkrete Schritte für die Journalistenausbildung. „Me-too“ ist noch kein Beruf.
    Und es fehlt der (tröstende) Hinweis, dass in alten und neuen Medien immer noch und wieder „content“ benötigt wird. Vor lauter Verpackungshinweisen wird das oft übersehen. Den content mediengerecht zu liefern, zu verpacken und zu vermarakten – das ist Handwerk.
    Mit lahmen Sprüchen wie die heutige Journalistenausbildung komme oft reaktionär daher, ist niemandem geholfen.

  4. […] 
Ein Beispiel hierfür ist das Karrierenetzwerk XING: Mit eigenem Newsletter und eigenen Journalisten wird das Netzwerk selbst zum Contentproduzenten. XING und andere Netzwerke haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Medienhäusern: „Sie müssen nicht mehr um die Nutzer buhlen, denn die sind sowieso da“, schreiben Stephan Weichert und Daniel Moßbrucker auf vocer.org. […]

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