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Wenn weniger mehr ist

Journalismus darf sich nicht in der Protokollierung des Geschehens erschöpfen, muss dranbleiben und über die nächste Neuigkeit hinaus denken. Zum offiziellen Start von VOCER einige Gedanken, wie das Handwerk wieder besser werden kann.

Seit der Pleite der Lehmann-Brothers im Jahr 2008 ist kein Tag vergangen ohne Berichte über Finanz-, Banken-, Immobilien-, Wirtschafts- oder Eurokrise, diverse Rettungsgipfel, Sparmaßnahmen und die Kritik an alldem. Was haben wir seitdem verstanden? Könnten wir erklären, wie Finanzmärkte funktionieren oder einzelne fiskalpolitische Instrumente?

Das alles sei auch für Experten kaum mehr zu durchschauen, versichern uns Journalisten. Ja, das Thema ist zweifelsohne komplex. Dennoch beschleicht uns als Beobachter das Gefühl, dass hier – statt sich etwa mit den, beim nun schon 15. Euro-Gipfel vorgeschlagenen Maßnahmen detailliert auseinanderzusetzen – auch manchmal dankbar ausgewichen wird auf weichere Aspekte, wie die Anreiseschwierigkeiten der Teilnehmer.

Aber hinter der Frage, ob wir genau erklären könnten, was den EFSF- vom ESM-Rettungsschirm unterscheidet, steckt ja viel mehr: Es geht um die journalistische Verantwortung für unsere demokratische Gesellschaft. Wenn Artikel 5 des Grundgesetzes jedem das Recht garantiert, sich „aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, dann, weil dies eine Voraussetzung für die Demokratie in ihrem Wortsinn ist: für die Herrschaft des Volkes. Um diese auszuüben, müssen Bürgerinnen und Bürger ihre Rechte kennen, über die nötige Information verfügen, sich eine fundierte Meinung zu bilden, und wissen, wie Sie ihre Interessen durchsetzen können.

Das Politische neu vermessen

Natürlich kann jeder selbst nach Informationen googeln und seine Meinung ungehindert bloggen, posten und twittern. Doch gerade angesichts der Flut von Informationen gibt es viel Unsicherheit darüber, welche Daten verlässlich sind. Gerade die Masse der Meinungsäußerungen lässt die Wirkung eines einzelnen Kommentars verpuffen. Deshalb darf Journalismus sich nicht in der Protokollierung und Kommentierung des Geschehens erschöpfen. Journalisten sollten gelieferte Erklärungsangebote hinterfragen, Diskurse reorganisieren, den Raum des Politischen neu vermessen, Zugänge öffnen und damit eine echte Öffentlichkeit schaffen, in der Menschen ihre Interessen artikulieren können.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Was wir brauchen, sind mehr Medienschaffende, die ihre eigene Leistung in Hinblick auf diesen Auftrag kontinuierlich reflektieren und Konsequenzen ziehen.

Nun ist es nicht so, dass Medien sich nicht mit sich selbst beschäftigen würden. Im Gegenteil: Bei plötzlich und unerwartet eintretenden Ereignissen fragen Moderatoren gerne ihre Interviewpartner, warum „die Medien“ denn nicht schon früher etwas bemerkt hätten. Dabei lässt schon die anscheinend selbstkritische Formulierung „die Medien“ als Verweis auf vermeintlich Dritte ahnen, dass hier eher rituelle Scheinempörung praktiziert wird und keine kritische Analyse des eignen Tuns.

Ist das Thema erst einmal groß, ist der Druck, es zu bedienen, enorm: Quotenlogik schlägt Relevanz – und so befragen sich Journalisten bei schlechter Nachrichtenlage notfalls gegenseitig zu eben dieser, weil ja irgendwas gesendet werden muss.

Aber: Muss dann wirklich gesendet werden? Lohnt dann nicht eher ein Perspektivenwechsel, der sich erst mittelfristig amortisiert, dafür aber die Nachrichtenlagen nachhaltiger ausleuchtet?

Wenn weniger mehr ist

Der ehemalige „New York Times“-Reporter und Pulitzer-Preisträger David Halberstam sagte einmal mit Blick auf Kollegen, die das tun, „their commitment to reporting difficult stories over the long haul, often against the conventional grain, is a tremendous public service, and the example of endurance and honor that they bring to the profession is a reminder of what journalism is about at its best.“ Anti-zyklisch berichten, recherchieren, dranbleiben, zwischen eilig und wichtig trennen: Weniger ist hier mehr.

Genau dies fordert die Slow-Media-Bewegung, der sich auch VOCER verpflichtet fühlt: Sie steht für Beiträge, die zeigen, dass nicht Schnelligkeit und Masse den Wert des Medienangebots ausmachen, sondern dessen Inhalt. Schließlich geht es nicht um Entschleunigung aus Gründen der Gemütlichkeit, sondern um die Sorge um die fundamentale Rolle der Medien für unsere Demokratie.

Wie auch der Launch dieses Portals zeigt, gibt es durchaus viele Journalisten, die sich genau diese Sorgen machen. Doch die Bedingungen für hochwertigen Journalismus haben sich in den letzten Jahren unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit systematisch verschlechtert. Nicht nur, dass es weniger festangestellte Journalisten gibt. Aus Journalisten werden in den Redaktionen immer öfter dienstleistende Textbearbeiter. Wo früher ein Artikel für die morgige Ausgabe geschrieben wurde, muss das Thema heute auch für die Website aufbereitet, ein passender Tweet oder Post getextet und eine Bildergalerie zusammengestellt werden.

Die damit faktische Abschaffung des Redaktionsschlusses erhöht zudem den Druck, mit der Nachricht schneller online zu sein als die Konkurrenz. Wenn sich neue Informationen ergeben, kann man schließlich immer noch nachlegen. Bloß: Was so ganz praktisch und plausibel klingt, verändert die Arbeitsabläufe von Journalisten fundamental. Es bedeutet letztlich das Ende der konzentrierten Recherche, des Zeitnehmens für die Tiefen und Facetten eines Themas, des Doch-noch-auf-die-Aussage-des-Experten-Wartens, der leider erst morgen Zeit hat.

Gnadenlose Medienökonomie

Qualität ist aber nicht nur eine Frage des Geldes. Das zeigt sich dort, wo der finanzielle Leidensdruck nicht so groß ist: beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zwar leisten Journalisten gerade hier nicht selten vorbildhafte Recherche. Doch was zur besten Sendezeit unter „Information“ firmiert, sind vermehrt politische Gesprächsformate. Die Kürzung und Verschiebung der Sendezeit bei den Politikmagazinen bedeutet dagegen ein Qualitätsverlust, der durch die zunehmende Rolle des reflektierten Kommentars und des Politiktalks nicht kompensiert wird.

Sicher ist es interessant, unterschiedliche Positionen zu einer nochmaligen Aufstockung des Rettungsschirms zu hören. Aber entscheidend ist doch, dass auch valide und verlässliche Hintergründe geliefert werden, die uns Rezipienten eine fundierte Einordnung und Bewertung der Positionen, mithin ein eigenes Urteil erst ermöglichen. Da, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk der gnadenlosen Medienökonomie und der Quote mit Qualitätsjournalismus trotzen könnte, tut er es gerade nicht bzw. zu wenig. Übrigens: Die Produktionskosten eines Talkformats mit einem prominenten Moderator sind mittlerweile durchaus mit denen eines faktenstarken Politmagazins vergleichbar.

(Illustration: Rita Kohel)

Illustration: Rita Kohel

Dies zeigt: Qualitätsjournalismus ist auch eine Frage der journalistischen Kultur, eine Entscheidung der Verantwortlichen für gut erzählte, hintergründige Geschichten – und der Überzeugung, dass es genug Menschen gibt, die genau dies lesen, sehen und hören wollen.

Und nicht nur das: Die Rezipienten selber bringen sich mit ihrem Wissen quasi als Ko-Produzenten und Partner ins Spiel. Nachhaltiger Qualitätsjournalismus kann im 21. Jahrhundert auf die Wikipedia-Idee nicht mehr verzichten und sie ausblenden. Deshalb setzt Slow Media sich dafür ein, dass Menschen weniger, aber dafür bessere Medien nutzen können, und dass sich Journalisten wieder mehr Zeit für Recherche, Fact-Checking und die Rückschau auf Vergangenes nehmen können.

Gegen das Vergessen

Ich bin überzeugt, es gibt viele Menschen, die es interessieren würde oder die selber berichten könnten, wie anderthalb Jahre nach der großen Flutkatastrophe in Pakistan die Betroffenen jetzt (über)leben oder was mit all den Millionen passiert ist, die wir für Haiti gespendet haben. Besonders das Internet böte wie kein anderes Medium die Möglichkeit, Dossiers aufzubauen, sie um neue Entwicklungen und Hintergründe zu ergänzen, die Genese von Ereignissen zu visualisieren, in Text, Bild und Ton verschiedene Stimmen einzufangen, zu dokumentieren und sie zu diskutieren – gerade nachdem gemäß der gängigen Dramaturgie das Thema „durch“ ist.

Die Kompetenz und Verantwortung des Journalisten liegt auch darin, uns auf die Anfänge einer Entwicklung zurückblicken zu lassen. Nicht nur den Mediennutzern, sondern auch den Verantwortlichen und Experten in Politik und Wirtschaft wieder vorlegen, was sie unmittelbar nach der Pleite der Lehmann Brothers vermutet, versichert und versprochen haben.

Wenn wir uns die Zeit nähmen, die dreieinhalb Jahre seitdem zu rekonstruieren, zu analysieren und Schlüsse daraus zu ziehen – wir könnten wahrscheinlich eine ganze Menge verstehen. Den Bürgerinnen und Bürgern dies zu ermöglichen, ist die Aufgabe der Medien.

Kritische Journalisten werden Sie hier auf VOCER daran erinnern.


Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, die auch zu den Stiftern von VOCER gehört.

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