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Was Herr Heveling von Slow Media lernen kann

Ein provokanter CDU-Politiker hat ihn wieder mal aufreißen lassen: den vermeintlichen Graben zwischen alten und neuen Medien, zwischen Online und Offline. Ein Scheingefecht! Warum wir einen digitalen Waffenstillstand brauchen.

„Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!“ Ansgar Heveling, Mitglied der Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestages, muss ganz in seinem Element gewesen sein. „Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird!“ Das ist natürlich eine famose Steilvorlage und eine nahezu unwiderstehliche Kriegserklärung. Wer immer mag und dem Internet halbwegs wohlgesonnen ist, war durch diese Worte eingeladen, sich angegriffen zu fühlen. Hevelings Gastbeitrag im „Handelsblatt“ fährt schwere Geschütze auf und aktiviert in bewährter „Das wird man doch wohl sagen dürfen“-Rhetorik bereitliegende Ressentiments.

Es ist schwer, da nicht reflexhaft in Frontalstellung zu gehen. Dennoch plädiere ich dafür, der Versuchung zu widerstehen und sich durch die Provokation nicht von den eigentlichen Fragen abbringen zu lassen. Denn wer Heveling jetzt „Nein, wir werden den Kampf nicht verlieren!“ entgegnet, sagt auch: „Ja, es gibt einen Kampf“ – und ist schon in die Falle getappt.

Widersteht den Scheingefechten

Die Frage, die sich stellt, ist nämlich nicht: Hat jemand wie Heveling Recht mit dem, was er sagt? Sondern: Möchten wir da einen Graben haben, wo er und viele andere vor ihm ihn ziehen? Möchten wir diesen Kampf zwischen alten und neuen Medien? Möchten wir eine Grenze ziehen zwischen normalem und digitalem Lebensraum? Verbindet Onliner und Offliner wirklich nichts? Kann man nicht internetaffin und zugleich bibliophil sein?

Das Slow Media Manifest ist vor zwei Jahren aus Unmut über genau diese unfruchtbare Auseinandersetzung entstanden, zwischen Print und Online, zwischen echter und digitaler Welt, zwischen traditionellen und neu entstehenden Kulturmustern, zwischen alten und neuen Geschäftsmodellen. Schon damals beherrschten Klischees die Debatte: das der Qualität im Print und des Schrott im Internet auf der einen Seite. Auf der anderen Seite das Klischee der Überlegenheit des Digitalen über jedes Totholzmedium verbunden mit unreflektiertem Fortschrittsglauben.

Mit dem Slow-Media-Ansatz schlugen Benedikt Köhler, Jörg Blumtritt und ich vor, diese Fronten hinter uns zu lassen und einen dritten, konstruktiven und lösungsorientierten Weg zu gehen. Niemand käme auf die Idee, einen Essay von Hannah Arendt mit einem pharmafinanzierten Artikel aus der Regenbogenpresse zu vergleichen, nur weil beides auf Papier gedruckt ist. Mit unserem medienübergreifenden Ansatz im Slow Media Manifest verlangen wir dieselbe Differenzierung auch für digitale Medien.

Wir definierten in 14 Thesen Qualitäts-Kriterien wie Gesprächsbereitschaft, Diskursivität, Inspiration und den Aufbau nachhaltiger Bindung, die unabhängig vom Trägermedium anwendbar sind und zugleich in den Kern des Medienwandels treffen. In viele Sprachen übersetzt wandert das Manifest seither durch die Kontinente, offenbar selbst ein gutes Beispiel für die Anregung von Gesprächen. Es kursiert in der Buchbranche und wird aus dem Blickwinkel des Buches debattiert. Online-Portale für den Mediendiskurs – wie VOCER, in dem dieser Beitrag erscheint – haben sich der Philosophie angenommen und fühlen sich ihr verpflichtet. Das Manifest wird auf Russisch („Медленные медиа Манифест“) gelesen, in China, und in amerikanischen Universitäten unterrichtet. Medien- und Landesgrenzen hat der Slow-Media-Diskurs also mehrfach überschritten und zeigt weltweit den Wunsch nach neuen, unideologischen Denkansätzen.

Medienwandel aus der Metaperspektive

Doch bei aller Resonanz: Die Gräben existieren nach wie vor und werden regelmäßig wieder aufgerissen. Wenig sachlich und gezielt polarisierend wird das Internet, flankiert von Kulturuntergangs-Szenarien, als Hort der Kinder- und Urheberrechtsschänder ausgemalt. Ein Sumpf, in dem Verbrechen geboren werden, und der trockenzulegen ist. Warum?

Wer hat Interesse an der Zunahme der Tonschärfe und an Polemik? Wohl niemand, der an einer konstruktiven und unideologischen Auseinanderssetzung interessiert ist. Solange alle in ihren Schützengräben liegen, geht es nicht weiter. Jeder muss bei seiner Position bleiben. Keiner darf sich bewegen, die Front muss um jeden Preis verteidigt werden. Das mag verlockend klingen für jemanden, der sich nicht bewegen will. Wie überall gibt es auch hier Profiteure der Konfliktaufrechterhaltung. Sie haben mehr Interesse an der Stabilisierung und am Ausbau bestehender Strukturen als an der Entwicklung von angemessenen neuen. 

Doch was in diesen Zeiten gefragt ist, sind Augenmaß, gesunder Menschenverstand und ein konstruktiver Blick auf die Mechanismen des Medienwandels. Niemand, dem an zukunftsfähigen Lösungen gelegen ist, kann ein Interesse an ideologischer Frontenbildung haben. Kampfansagen verhindern einen sachlichen und lösungsorientierten Blick – und den sollten wir uns nicht nehmen lassen. Die Frage ist nicht „Wie doof sind die anderen?“, sondern: „Wo wollen wir hin?“ 

Für neue Lösungen braucht es kritische Differenzierung

Wir sollten uns also nicht von den wirklich notwendigen Auseinandersetzungen ablenken lassen, die wir führen müssen, um den mediengesellschaftlichen Wandel zu bewältigen. Welche Werte sind uns wichtig? In welches Verhältnis setzen wir Eigentum zu Gemeinwohl? Wirtschaftsinteressen zu Freiheit? Welchen Wert haben für uns Demokratie, Kunst, Theater, Literatur, und welche Modelle sind in Zukunft geeignet, diese zu erhalten? Wie gehen wir mit privatwirtschaftlichen Monopolen um, die im Schatten der Debatte Print versus Online errichtet werden, mit Google, Facebook, Amazon?

Dazu müssen wir einen Schritt aus dem rituellen Nahkampf heraustreten. Das Einnehmen einer solchen Metaposition, von der aus konstruktive Lösungen herleitbar sind und neue und tragfähige Konzepte entwickelt werden können, ist auch der Ansatz des Slow Media Instituts.

Irritierende Grautöne zulassen

In diesem Sinne steht Slow Media für einen mutigen und differenzierenden Blick. Einen naht- und stufenlosen Übergang von bisherigen zu zukünftigen Kulturtechniken wird es – so schön es wäre – nicht geben. Wir können nicht erwarten, für alles fertige Modelle zu haben. Wir müssen mediale Amphibien sein, wir müssen das Nebeneinander von sich widersprechenden Konzepten aushalten, experimentieren, ausprobieren, neue Ansätze entwickeln. Wir müssen uns den Brüchen und Verwerfungen unserer eigenen Klischees aussetzen. Wir müssen nach neuen Kriterien suchen, die dies- und jenseits unserer Klischees funktionieren.

Wir können uns als Gesellschaft dieses harte Entweder-Oder nicht leisten.  Wir müssen irritierende Grautöne zulassen – mehr noch: Wir müssen sie sogar suchen, das Weiße im Schwarzen und das Schwarze im Weißen sehen lernen.

Das rate ich auch Herrn Heveling: Krieg führen ist leicht. Eine Lösung finden ist schwer.

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