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Warum Worte Werte prägen

Begriffe wie Cyberkriminalität, Datenkrake oder Internettäter haben das Bild vom “gefährlichen” Internet geprägt. Unsere Autorinnen darüber, wie sehr diese Stereotypen ganze Bevölkerungsgruppe ausgrenzen und wie die Alternative aussieht.

Nicht nur der Nerd selbst ist inzwischen salonfähig, auch seine Sprache: Twittern steht längst im Duden, wir ergooglen uns grammatikalisch korrekt die Welt. OMGs, LoLs und fails künden von einer neuen sprachlichen Ära- und schon fragt die Öffentlichkeit: Verkümmern die sprachlichen Fähigkeiten unserer Kinder durch dieses Internet? Wenn man bedenkt, dass seit mehr als 2000 Jahren der angebliche Verfall irgendwelcher Sprachen beklagt wird, sollte man sich wohl nicht allzu viele Sorgen darum machen, wie aus dem Internet adaptierte Begriffe und Abkürzungen unser Sprachgut beeinflussen. Zumal vor dem Internet schon mindestens der Rockmusik eine ähnlich sprachapokalyptische Wirkung nachgesagt wurde.

Das größere Problem in der Art, wie wir über das Internet reden, ist ein anderes: Dreiviertel der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren sind laut der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie gelegentlich online – ein Großteil davon dürfte nur bedingt Verständnis für Themen wie Datenschutz bei Facebook oder Kriminalität im Netz haben. Das scheint den Zeitschriften, Fernseh- und Radiosendern gerne zu entgehen, die sich inzwischen fast täglich mit Fragen aus diesem Bereich beschäftigen.

Worte diffamieren und stigmatisieren

Redakteure – medial eigentlich so versiert, dass sie zumindest die Grundmechanismen des Internet verstehen sollten – schreiben in Tageszeitungen vom Kampf gegen Cyberkriminelle, der “Spiegel” titelt “Netz ohne Gesetz”, Google oder Facebook sind zur “Datenkrake” geworden, und Nachrichten vom “Internetaktivisten Julian Assange” machen in etablierten Medien die Runde. Medien mit Zielgruppen, die oftmals nur sehr oberflächlich Bescheid wissen über die Mechanismen des Netzes. Der Kontext einer Metapher wie der Datenkrake fehlt ihnen. Also die Frage, was mit unseren digitalen Fingerabdrücken eigentlich passiert und vor allem passieren darf. Sie müssen sich so ihr ganz eigenes Bild vom Internet zusammenschustern.

Das Bild eines unnahbaren, glitschigen Ungetüms etwa, das mit vielen Armen nach unserer Privat- und Intimsphäre giert. Oder das Bild, das Begriffe wie Internet- oder Cyberkriminalität mitunter hervorrufen: Wer ist hier der Geschädigte? Derjenige, der statt auf einen Scheckbetrüger auf einen Betrüger hereingefallen ist, der sich des Internets bedient? Oder nicht eher das Netz selbst, dem ein neuer Zweig der Kriminalität zugeschrieben wird? Für viele Leser, Zuschauer oder Zuhörer klassischer Medien dürfte das Web noch auf lange Zeit ein beängstigender Ort bleiben, weil sie es per se mit Kriminellen verbinden.

Und wer gehört eigentlich zu dieser ominösen Netzgemeinde, von der nicht nur überregionale Zeitung wie “Süddeutsche” oder “Handelsblatt” schreiben, als hätten wir einst mit Abschluss unseres Internetvertrages zugestimmt, gemeinsam mit über einer Milliarde Nutzer weltweit in eine Glaubensgemeinschaft eingegliedert zu werden?

Das Internet als Hort des Bösen

Bei der Netzgemeinde mag man noch schmunzeln. Aber was ist mit Wortschöpfungen wie dem Internettäter, der vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der RTL2-Sendung “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” auftauchte und seinerzeit vor allem von der “Bild”-Zeitung dankbar aufgegriffen wurde? Er erzeugte ein schiefes Bild: “Diese und ähnliche Begriffe erwecken den Eindruck, als ginge es dabei um eine neue Form krimineller Handlungen, die durch das Medium des Internets ermöglicht werden”, erklärt Prof. Dr. Elize Bisanz, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Lüneburg.

Als Internettäter bezeichnete beispielsweise die damalige Ministergattin Stephanie zu Guttenberg Pädokriminelle, die sich ihre Opfer (unter anderem) online suchen. Wegen der reißerischen Art ihrer Sendung blieb sie nicht ungescholten. Doch im Gedächtnis bleibt, neben ihrem flammenden Plädoyer für die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen, auch die Anklage des Internets, das zum Mitschuldigen bei sich anbahnenden Verbrechen auserkoren wurde. Und: Der Begriff verschwand nach dem Sendungsende nicht, auch wenn er glücklicherweise nicht die Schlagkraft der Datenkrake entwickelte.

Solche Fälle, in denen das Internet zwar genau genommen nur ein mögliches Instrument ist, aber wie der Verursacher für verschiedene Delikte dargestellt wird, sind zahlreich. Ein eindrucksvolles Beispiel: die Cyber-/Netz-/Online-/Internet-/Webkriminalität, die sich Woche um Woche auf den Seiten großer Tageszeitungen sowie in Online-Publikationen findet. Eine Stichprobe in einem Medienarchiv zu diesen und weiteren Begriffen lässt vor allem den Schluss zu, dass Journalisten gern Schubladendenken kommunizieren – ohne zu erklären, was denn in dieser neuartigen Schublade eigentlich drin ist.

Wie kann es zum Beispiel sein, dass Zeitungen die jüngste BKA-Statistik über den “Schaden durch Internet-Kriminalität aufgreifen – ohne dass die Definition geklärt wurde? Was fällt unter diese Internet-Kriminalität eigentlich? Dazu zählen kriminelle Hacker, die sich Zugang zu geschützten Accounts verschaffen oder mittels Spionagesoftware ganze Konten leer räumen (können). Aber: Ist jemand schon ein Cyberkrimineller, wenn seine Tat “im Internet geboren” ist, wie es der Unionspolitiker Hans-Peter Uhl unter Spott vieler Onliner im Zusammenhang mit den Anschlägen von Norwegen nannte? Oder müssten Journalisten die abscheuliche Tat des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik, der für den Mord an fast 80 Menschen kürzlich zur Höchststrafe verurteilt wurde, in seiner Stereotypenkommode nicht vielmehr in einer Schublade für “Real-Life-Kriminalität” ablegen? Ein Hin und Her, wie es sich um Hans-Peter Uhls Äußerung und das daraufhin geprägte Meme #iminternetgeboren ergab, wiederholt sich regelmäßig - zwischen jeweils anderen Vertretern der Politik mit alten Floskeln und anderen Gesichtern im Web mit gewohnter Häme. Zuletzt veröffentliche das “Handelsblatt” etwa die Kampfansage eines Politikers an die Netzgemeinde – die gelassener hätte reagieren sollen.

Klischees im Praxistest

Seien wir mal ehrlich: Die Gesellschaft hat aus den unterschiedlichsten Gründen zu einem immer noch erheblichen Anteil keinen blassen Schimmer, wie kompliziert und banal gleichermaßen das Internet eigentlich ist. Wir haben uns unter online- wie offline-affinen Personen umgehört. Das Resultat: Die Datenkrake ruft sofort Assoziationen wie “Google”, “Facebook” oder “Datenklau” hervor. Bei Cybermobbing denken die meisten, so sie denn etwas mit dem Begriff Mobbing generell anfangen können, an soziale Netzwerke. Der Kunstbegriff verschleiert das eigentliche Problem: Mobbing bleibt Mobbing, egal welches Medium genutzt wird. Und auch der Internetaktivist erweist sich in der nicht repräsentativen Kurzumfrage als äußerst irreführend. Wenn überhaupt, wurden die Befragten in Artikeln über WikiLeaks damit konfrontiert. Julian Assange, der Gründer des Whistleblower-Portals, war 2011 so oft in den Schlagzeilen, dass er zur Vorzeigefigur des Internetaktivismus und untrennbar mit dem Begriff verbunden wurde.

Markus Beckedahl, der vor allem durch das netzpolitische Blog Netzpolitik.org und den Lobbyverein Digitale Gesellschaft bekannt ist, sagt, er habe sich “mittlerweile daran gewöhnt”, dass für ihn der Internetaktivist quasi als Berufsbezeichnung geführt wird. “Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass ich schwer mit einem Titel zu beschreiben bin”, verteidigt er die Wortwahl. Und doch schließt er mit: “Wenn Ihr was Besseres findet, lasst es mich wissen!”

Gefahr für die aufgeklärte Gesellschaft

Ungeachtet der schwierigen und für Unternehmen wie Google oder Facebook nicht gerade schmeichelhaften Deutungen hat etwa die Datenkrake natürlich einen ernsten Hintergrund. Nur wird dieser durch falsch inszenierte Begrifflichkeiten gerne verschleiert. Kommunikationswissenschaftlerin Bisanz warnt vor den Konsequenzen, die “immer negativ für eine aufgeklärte Gesellschaft” seien. Anstatt auf die eigentliche Gefahr hinzuweisen, werde – wie etwa im Fall des Internettäters – “ein Typus erfunden, der den Eindruck erweckt, allein durch das Fernbleiben vom Internet Kriminalität verhindern zu können”. Natürlich darf man die Themen, um die es geht, deswegen nicht bagatellisieren. Das Internet ist ein nützliches Instrument für Pädokriminelle ebenso wie für Wirtschaftskriminelle oder datensammelnde Staaten und Unternehmen.

Wordle: Was denken Sie, wenn Sie den Begriff Datenkrake hören?

Deshalb müssen wir dringend über die eigentlichen Themen reden, anstatt Klischees zu produzieren! Medien müssen für die tatsächlichen Gefahren sensibilisieren, ohne dabei das Gespür für die Macht ihrer Worte zu verlieren, wie es gelegentlich der Fall zu sein scheint.

Besser ein Text, in dem drei Mal hintereinander “Facebook” oder “das Unternehmen” vorkommt, als einer, in dem Datenkrake steht, bloß weil ein Synonym gesucht wurde. “Die Datenkrake bringt ein neues Produkt auf den Markt” – das sei ein Kontext, “der den Leser, ob er will oder nicht, beeinflusst”, bedauert Stefan Keuchel, Pressesprecher Google. Denn eine Datenkrake werde nun mal “eher als etwas Negatives wahrgenommen”. Das Unternehmen geht deswegen gerne in die Offensive, was die Wortwahl von Journalisten angeht: “Wenn Journalisten den Begriff Datenkrake in einem Artikel verwenden, nehmen wir häufig Kontakt zu dem entsprechenden Redakteur auf, um mit ihm darüber zu sprechen und Hintergrund zum Thema Datenschutz anzubieten”, erzählt Keuchel. “Das hilft in den meisten Fällen. Redakteure, die man direkt darauf anspricht, verwenden den Begriff in der Regel anschließend nicht mehr.”

Doch die Verbindung Google/Datenkrake lässt sich nicht mehr so leicht tilgen. Nur: Wenn schon mit diesem Begriff gearbeitet wird, dann doch bitte, weil es im Text auch konkret ums Thema Datensammeln geht. Im Fall von Google etwa darf man keinesfalls kleinreden, wie bedenklich das enorme Wissen ist, dass der Konzern aus den Daten generiert, die wir ihm aus freien Stücken überlassen. Gerade unbedarfte Nutzer, denen die Funktionsweise von Internetunternehmen fremd ist, müssen über das Pro und Contra des Veröffentlichens ihrer Daten in sozialen Netzen oder der Nutzung von Cloud-Diensten immer wieder aufgeklärt werden. Umso mehr ein Grund, das eigentliche Problem nicht mit Kunstausdrücken zu verschleiern.

Ausgrenzung

Sprache ist es auch, die den Dauerclinch zwischen online-affiner Bevölkerung und politischer Öffentlichkeit mitverschuldet. Die Kluft zwischen Online- und Offline-Welt, wird vergrößert von denen, die die Gesetzmäßigkeiten des Netzes beherrschen und sich erhaben über diejenigen fühlen, denen die Regeln noch fremd sind. Internetausdrucker ist ihr liebstes Schimpfwort – ein lustiger Begriff, könnte man meinen, der jedoch klar eine Diffamierung impliziert. Wer das Internet nicht annimmt, wird so gerne in die Schublade der Fortschrittverweigerers gesteckt. Die Schublade wird abgeschlossen und erst wieder geöffnet, um den nächsten vermeintlich profanen Anti-Netz-Wortschwall hineinzuschieben.

Wordle: Was denken Sie, wenn Sie "Internetaktivist" hören?

So wie die Datenkrake von der einen Seite oft unbewusst genutzt wird, um die andere zu diskreditieren, wirft diese mit Begriffen um sich, die letztlich dasselbe tun: Das Gegenteil eines Digital Native wird als digital naiv tituliert, Neueinsteiger werden despektierlich Noob – oder eher: N00b – genannt und wer eine Zeitung statt Flipboard auf dem iPad liest, ist Holzmedienleser. Wir merken es oft erst am Stirnrunzeln des Gegenübers, wenn sich unsere Sprache mit Internet-Fachchinesisch wie bashen, faven, hachen oder trollen mischt – Begriffe, die dem überwiegenden Teil der Bevölkerung so fremd vorkommen müssen wie uns die wissenschaftlichen Erläuterungen von Sheldon Cooper in der Nerd-Serie “The Big Bang Theory”. Und wenn dann noch Vorsatz dahinter steckt, ist die Kluft kaum mehr zu überwinden.

Die Erfindung des World Wide Web und das Aufkommen moderner Kommunikationswege wie Facebook hat die Wertemuster in unserer Gesellschaft verändert – und diese Wertemuster werden durch Codes vermittelt, wie die Sprache eines ist. Klar, dass diese neue Symbolik nicht über Nacht in den allgemeinen Sprachschatz aufgenommen wird. Wenn stattdessen Begriffe Einzug halten, die für die eine oder andere Seite Partei ergreifen, werden sich online-affine und nicht so online-affine Menschen nur noch weiter voneinander entfernen.

Streng genommen gehören übrigens auch Begriffe wie Onliner und Offliner, Digitale und Analoge oder die Rede von verschiedenen Seiten und Parteien als Kategorisierung von Menschen auf unsere schwarze Liste. Und solche finden sich auch in diesem Text zuhauf. Sprache ist halt nicht nur eine Waffe, wie Kurt Tucholsky sagte, sondern manchmal auch verdammt schwer zu kontrollieren.


Zu diesem Thema haben Sanja Stankovic und Carolin Neumann auf der Konferenz re:publica einen Vortrag gehalten, den Sie hier anschauen können. Der Text steht unter dieser CC-Lizenz.

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Kommentare

  1. vera sagt:

    Oh làlàl, da hängt ihr euch aber weit aus dem Fenster. Was mir bis jetzt an (Print-)Schreibern untergekommen ist, war mit einfachen Erklärungen, etwa, was der AK Zensur so macht, schon einigermaßen überfordert. Und ich maße mir mal an, halbwegs Hochdeutsch zu sprechen und Sachen geduldig erklären zu können.

    • Wir behaupten ja auch weder, dass wir alles erfassen noch dass es einfach ist – sondern wollen darauf aufmerksam machen, dass auch scheinbar kleine Worte von Bedeutung sein können.

      Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, habe ich bewusst Begriffe wie Datenkrake (übrigens ja vom FoeBud geprägt, was das Ganze noch mal interessanter macht) oder Cyberkriminalität durch andere ersetzt, wo es sinniger war. Es ist also möglich. Und ich bemerke bei mir selbst gelegentlich das, was wir zum Schluss noch thematisieren: dass diese Art der “Ausgrenzung” auch in die andere Richtung funktioniert.

      Die gefühlte Mehrheit derjenigen, mit denen ich im Netz zu tun habe, springen dankbar auf jeden Politiker-basht-das-Internet-Zug auf und bringen uns dabei kein Stück weiter. Das hat vor einer Weile auch schon Sabria David aufgeschrieben: http://www.vocer.org/de/artikel/do/detail/id/107/was-herr-heveling-von-slow-media-lernen-kann.html

  2. Sandor Ragaly sagt:

    Danke Euch für den guten Artikel.
    Meines Erachtens sind Schlagwörter wie “Nerd” oder “Datenkrake” die handliche Spitze eines Eisbergs, der in seinem riesigen Rumpf einen, wie Ihr schreibt, revolutionären Wertewandel, eine Neuorientierung, und auch Ängste und ihre journalistische Ausnutzung im Zug von Rasanz und Komplexität der Zweiten (nämlich netzbasierten) Computerrevolution. Walter Lippmann, der bekannte Journalist, schrieb 1922 in “Public Opinion”:”In the great blooming, buzzing confusion of the outer world we pick out what our culture has already defined for us, and we tend to perceive that in the formstereotyped for us by our culture…” – Stereotype, die uns helfen, komplexe, neue (in diesem Fall) Phänomene handlicher zu machen, die aber auch – etwa in Verbindung mit Abwertung, die Ihr wichtiger Weise ansprecht – sich negativ auswirken können (bis hin zum “Ewigen Juden” als Extrem).”Nerd” und “Datenkrake” sind solche Stereotype, die teils die Probleme der Menschen mit neuen Entwicklungen ausdrücken, die im Rumpf des Eisbergs kommuniziert, aber als Spitze auch in Form dieser Stereotype zugespitzt debattiert werden. Diese eher affirmative Sicht steht jedoch nicht allein, sonst wäre sie naiv:Denn von medial-kommerziellen bzw. journalistischen Nachrichtenwert-Faktoren geht dabei ein starker dysfunktionaler Einfluss aus: Speziell der Nachrichtenfaktor “Negativismus” (ergänzt etwa um die hohe Zahl potenziell Betroffener etc.) führt dazu, dass Schaden, Konflikte, Probleme/Gefahren in Zusammenhang mit Netzthemen, einfach, weil sie die Publikationswürdigkeit aus journ. Sicht stark erhöhen, bevorzugt ausgewählt und mit dicken Lettern ausgeschmückt werden – ihre Publikation ist für den intensiveren Netznutzer dabei so durchschaubar dramatisiert, dass ich sage, diese “Berichte” richten sich an die NICHT-Nutzer – die die Argumente nicht falsifizieren können, umso weniger, da es um ein neues, komplexes Thema geht, welches auch Profi-Blogger zum Thema  nicht richtig durchschauen können, jedenfalls, sobald man die Zeitachse in Richtung Zukunft betrachtet (was bei der Frage der Datenbewahrung und -verwendung natürlich notwendig ist).Dies ist m.E. weit problematischer als die vorhandenen, ja de facto nur mäßig abfälligen, meist ja recht humorigen Stereotypen zwischen etwa Netz-Profis/-Erfahrenen, den mäßig Erfahrenen/”Abstinenten”, den zahllosen Zwischenstufen (Wer könnte sich daherr schon völlig über den Anderen erheben?) oder den großen Anbietern wie Google. Letztere halten den Begriff “Datenkrake” gut aus, und als “Holzmedienleser” würde ich mich glatt gern selbst bezeichnen lassen, würde ich nicht alles per Netz und RSS lesen.Es sind m.E. nicht diese Begriffe, die jemand “schlecht machen”, die ein Problem sind, das ist alles inhaltlich wie sprachlich recht “soft” – aber, worauf ihr zunächst und sehr deutlich hinweist – ein großes Problem ist vermutlich, dass ältere Leute, solche, die sich technisch erstmal schwertun bzw. die das Internet einfach noch nicht (richtig) kennen, durch die Negativismus-angespornte Berichterstattung der populären Medien abgeschreckt werden, wobei ihnen ein Bild des Themenfelds, der Issues hier und auch des alltäglichen Gebrauchs vermittelt wird, das sehr mit Angst, Bedrohlichkeit (Ihr erwähntet auch die harte Kriminialität) zu tun hat und ihre Distanz zur Thematik evtl. immer weiter verstärkt!  Gute Fachzeitschriften wie Chip.de sind da übrigens anders, weil sie ihren kundigen Lesern eben gar nicht erst Bären aufbinden können, ohne ihr “standing” zu verspielen… Ich denke, es machten, von welcher Seite auch immer, als Deutungsmuster-Gegenoffensive tatsächlich Aufklärungs-Kampagnen zum Internet Sinn, die die Probleme und Gefahren, die ja existieren (etwa Privacy) in einer vernünftigen, relativierenden Weise auf Normalmaß brächten – und die Vorzüge in derselben Weise. Medienartikel dazu in diesem vocer-Rahmen z.B. würden dagegen wieder nur die Insider-Onliner/Power Reader/Binärdenker ;-) erreichen.

    • Mit dem, was du zuletzt schreibst, hast du in gewisser Weise Recht. Wir haben das bei einigen Reaktionen auf den Text bereits gemerkt: dass die Nerds, um es mal sehr pauschal und radikal zu sagen, das Problem gänzlich verkennen.

      Wir könnten jetzt ins ganze Thema Medienkompetenz einsteigen, lalala, aber mit unserem Ansatz der Sensibilisierung richten wir uns konkret an Journalisten. Berichterstatter von Techie-Medien wie Chip, Heise oder auch meine Kollegen von SPON gehören da nur bedingt zu den Adressaten. Neben dem unbelehrbaren Boulevard sind es, so unser Eindruck, vor allem die “normalen” Tageszeitungen, in deren Repertoire Netzthemen immer mehr gehören – die aber, weil ihnen die von dir beschriebene Kompetenz von Chip und Co. fehlt, den benötigten Kontext nicht oder nicht ausreichend herstellen.

      • Sandor Ragaly sagt:

        Ich glaube, es gab diverse Missverständnisse.  
        Was ich “zuletzt schreibe” hängt mit dem zuvor zusammen: Stereotype sind ambivalent, d.h. nicht immer nur negativ, dieses Mittel ist bezüglich Ausgrenzung differenziert zu sehen – und, v.a.: Das eigentliche Problem ist der Nachrichtenwert-Negativismus der Medien, “Only bad news are good news”, der die Nachzügler der IT-Rev. noch mehr zu solchen machen kann, weil sie v.a. daran glauben (müssen).
        Hingegen sind “Techie-Medien” nicht das Problem, wie ich bereits oben geschrieben habe, Euer Adressat sinnvoll, wobei ich gerade bei “Spiegel”, “Stern” u.ä. Probleme sehe. (PS: Wenn Euer Adressat konkret Journalisten sind, solltet Ihr das gleich einleitend klarmachen.).
        Es ist gut, dass Du im Kommentar von fehlender journ. Kompetenz bei digitalen Themen schreibst, wobei die Probleme systematisiert gesehen werden sollten, finde ich, etwa:
        1) Es gibt die IT-Kompetenzdefizite der Medien, für die sie Informationen benötigen (und diese WOLLEN), und2) Es gibt die starke News-value-Neigung der Medien zu Negativem, Drama – hier geht es, auch bei hinreichender Kompetenz, um Sensibilisierung im Sinne von Professionalität und Anstand – eine Abkehr von zuviel Kommerz und Reißer-Headline, die die Medien oft NICHT WOLLEN!). Beides spielt häufig zusammen und ist doch unterschiedlich, wenn man Einfluss ausüben will, und vom zu erwartenden Widerstand her. 

        • Wir sprechen hier letztlich von drei Ebenen (auch in Bezug auf andere Kommentare):

          1. Wir müssen mehr über die Sachen sprechen wie die Sicherheit unserer Daten.
          2. Wir müssen anders/besser über diese Sachen sprechen und dürfen uns nicht so sehr vom News Cycle leiten lassen. Ich sage nur iPhone 5 zum 5051. Mal.
          3. Und wir müssen auch thematisieren, wenn das nicht passiert. Ergo: Dieser Artikel.

          Insofern: Ich bin total bei dir.

  3.  Guten Abend geschätzte Vocer-Redaktion,
    warum diese Aufregung über Datenkraken und andere Wortschöpfungen? Wie im Artikel treffend bemerkt, Worte können stigmatisieren. Konnten sie aber schon immer. Zu jeder Zeit. Aus manchen dieser Stigmata sind einprägsame Begriffe geworden. Das bekannteste Wort ist der Protestant -entstanden zu einer Zeit, als manches Wort noch weit aus eher für Ernst genommen und schlimmsten Falls zum Tode geführt hatte. Insbesondere dann, wenn es sich für die Freiheit des Geistes und die Freiheit des Denkens einsetzte. Worte können Werte prägen. Richtig bemerkt. Der Protestant ist ein solcher Wert. Jede Zeit bringt ihre Wörter zur Welt. Unsere auch. Zu der gehören eben Worte wie Datenkrake, Netzgemeinde, Onliner oder Nerd. Wir leben nunmal im Internetzeitalter. Und damit mit den Worten, die dieses Zeitalter hervorbringt. Sie zu ächten, auf eine schwarze Liste zu setzen oder gar verbieten zu wollen, würde doch eher einen Wert des Ungeistes, der Unfreiheit und der Antiaufklärung im Sinne inquisitorischer Gedankenjäger einer anderen um ihren Einfluss fürchtenden geistigen Großmacht prägen. Ich denke nicht, dass dies die Absicht der Vocer-Redaktion ist. Darum: Laissez faire – es wird sich alles mit der Zeit von selbst regeln – man muss den Dingen und Mneschen nur ihre Zeit lassen – auch dabei, die treffenden Wörter in Zeiten digitalen Umbruchs oder einer digitalen Revolution zu finden, um eben jene Ereignisse zu beschreiben, die mit dieser Revolution zu haben. Das wir in solchen Zeiten leben, war zuletzt während der Schlussrunde von Besser Online zu hören.

    Mit bestem Gruß,

    Christoph v. Gallera 

    • Ich kann nur wiederholen, was ich gestern auch schon via Twitter erklärt habe: dass es (steht auch im Text) nicht darum geht, die Begriffe auf eine Blacklist zu stellen.

      Das mit dem Zeit lassen funktioniert in der schnelllebigen Welt des Internet meiner Meinung nach so nicht mehr. Also letztlich: Klar, können wir versuchen, Aufmerksamkeit dafür zu schaffen und minimal gegenzusteuern, aber die Sprachrevolution wird es wohl kaum werden. Dennoch: So schnell wie sich das Netz entwickelt, es klafft immer noch diese unfassbare Wissens- und auch Interessenslücke in der Gesellschaft, was seine Nutzung und seine Rezeption als nützliches oder gefährliches Medium angeht. Wie wir zuletzt beschreiben, ist das ein Konflikt, dem man gegensteuern muss, wenn wir jemals eine ordentliche Netzpolitik haben wollen. Und die Einflüsse dieses Generation Gap ziehen sich weit über die Politik hinaus in andere Bereiche, Bildung, Erziehung…

      Deswegen: Laissez faire – schön und gut. Aber in diesem Fall bitte etwas mehr faire.

      • Was Caro sagt! Es geht nicht darum Wörter auf die Blacklist zu setzen, sondern um den Appell bewusst mit Wörtern umzugehen. Und das betrifft insbesondere jene, deren Geschäft das Wort ist. Journalisten haben eine gesellschaftliche Verantwortung und dazu gehört die nicht kleiner werdende Kluft nicht weiterhin zu vergrößern – denn wir leben, völlig korrekt, im Internetzeitalter. Internetzeitalter heißt aber nicht automatisch, dass alle das Internet nutzen, geschweige in diesem Zeitalter angekommen sind. Negativ konnotierte Begriffe erzeugen gefährliches Halbwissen und führen mitunter zu fatalen Entscheidungen. Das fängt an bei politischen Fehlentscheidungen, geht über mangelnde Medienkompetenz (bei Eltern. Lehrern und Kindern) und daraus resultierende (wirklich abwegige panikmachende) Broschüren die an Schulen verteilt werden und mündet in einer Gesellschaft, die sich selbst im Wege steht.

      • Dazu ein, zwei Fragen: Eine ordentliche Netzpolitik? Ist das allein nicht schon ein Widerspruch in sich? Das Netz bezieht seine schöpferische Kraft ja geradezu aus dem Chaos. Auch wenn das uns als Kreativen, die wir hier unsere Leistungen vermarkten wollen, mitunter gewaltig gegen den Strich gehen mag, wie chaotisch manches zugeht. Die Ultima ratio einer geordneten Netzpolitik versucht man ja zumindest von der technischen Seite her, gerade in Dubai auf der ITU durchzudrücken….Dagegen sieht das LSR bei uns eher wie sanfte Morgensonne aus….

  4. Nico Drimecker sagt:

    Wenn ihr die Unterart Cybermobbing von Mobbing nicht haben wollt, solltet ihr vielleicht Eure Unterscheidung von »offline-« und »online-affin« überdenken bzw. streichen.

    Begriffe wie »Datenkrake« als Synonym zu benutzen, ist unnötig. Mir ist aber nirgends so eine Verwendung aufgefallen. Darum wären Belege schön gewesen statt selbst geschriebene bzw. von Pressesprechern diktierte Kunstsätze zu benutzen.

    Auch würde mich freuen, wenn ihr »politische Öffentlichkeit« definieren würdet oder »Gesetzmäßigkeiten des Netzes«, »offline-affin«, »Nerd«, »netzpolitisch(es Blog)« oder »das Internet«. Das sind Begriffe wie »Datenkrake« und »Cyberkriminalität«, die erst einmal eine Sache  verschlagworten, die Erklärung erfolgt durch den (Kon-)Text.

    Das Zitat von Markus Beckedahl zeigt: Es ist unnötig, sich Gedanken über sowas zu machen – zumindest nicht über die von euch gewählten Begriffe. Sprecht über die Sachen anstatt über Begriffe!

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