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Von vornherein gescheitert

Fehleinschätzung, Überschätzung, Realitätsverlust: Im großen Interview mit ARD und ZDF versuchte sich Bundespräsident Christian Wulff zu erklären. Doch er hatte schon verloren, bevor die Fernsehstrahler angeknipst wurden.

Offenheit, seit Wochen verlangt, war das wieder nicht: Nur zwei Fragestellern von ARD und ZDF stand Christian Wulff am Mittwochabend Rede und Antwort. Andere Medienvertreter blieben ausgesperrt. Den Mut, sich auf einer Pressekonferenz zig oder gar hunderten Journalisten zu stellen – für jedwede Fragen und zeitlich unbegrenzt – hatte er offenkundig nicht. So war der Versuch eines Befreiungsschlages schon von vornherein gescheitert.

Für ARD und ZDF war es nicht unproblematisch, sich auf dieses Spiel einzulassen. Unmittelbar vor und nach dem Interview mit dem Präsidenten am Mittwochabend hatten gleich mehrere Blätter die Bewertung in Umlauf gebracht, die die Öffentlich-Rechtlichen unbedingt vermeiden wollen: „Staatsfernsehen“. Nur, bitte nicht zu viel der Scheinheiligkeit! Wer hätte sich den Scoop entgehen lassen, das Staatsoberhaupt auf dem Gipfel seiner Selbst-Demontage interviewen zu dürfen?

Es gibt Politiker, die werden als „Grüß-Gott-August“ verspottet. Christian Wulff ist inzwischen ein Entschuldigungs-Präsident. Mittwochabend mal wieder eine seiner inflationären Entschuldigungen – die wievielte eigentlich? – und die Beteuerung, er habe aus seinen Fehlern gelernt. Alles Stereotypen, die wir auch schon früher von ihm gehört hatten, und dann kam immer wieder was nach.

Wer so die Nerven verliert, unbeherrscht in die Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs schimpft und Journalisten bedroht wie es unser Staatsoberhaupt getan hat, der kann nicht mehr glaubhaft versichern, künftig besonnen zu agieren.

Er gab sich reumütig, zweifellos. Aber wie er sich gleich darauf auch als Opfer stilisierte, das konnte einem die Sprache verschlagen. Denn die „Bild“-Zeitung stellte inzwischen den Fragenkatalog ins Internet; jenen Fragenkatalog, der den Präsidenten in die Raserei getrieben hatte. Sechs Fragen, allesamt sachlich und die meisten – wie wir inzwischen wissen – absolut berechtigt. „Unwahrheiten“, von denen das selbst ernannte Opfer Wulff im ARD/ZDF-Interview Mitleid heischend schwadronierte, finden sich in dieser Anfrage jedenfalls nicht.

Und dann die positiven Überhöhungen des Christian Wulff durch Christian Wulff: Seine Anwälte würden jetzt alle Antworten auf alle 400 Anfragen ins Internet stellen. „Ich glaube nicht, dass es das oft in der Vergangenheit gegeben hat“, brüstete sich der Präsident – und er verschwieg, dass es dazu bei seinen Vorgängern nie einen Anlass gegeben hatte. Dann weiter: Sein Schritt werde „unsere Republik offenkundig auch zu mehr Transparenz positiv verändern“. Das alles aus dem Mund des Mannes, der viel zu lange geleugnet, abgewiegelt und Fehler erst dann eingestanden hatte, wenn es gar nicht mehr anders ging; und der damit sich und sein Amt aufs Schwerste beschädigt hatte. Und ausgerechnet dieser Wulff behauptete, er habe das Amt des Präsidenten insgesamt gestärkt – welch maßlose Fehleinschätzung, Überschätzung und welch Realitätsverlust.

Streckenweise clever, dann wieder demütig, dann atemberaubend dreist – so trat der Mann auf, der auch weiterhin unser Staatsoberhaupt sein will. Dabei hatte er schon verloren, bevor die Fernsehstrahler angeknipst wurden. Denn Christian Wulff hat bereits alles verspielt, was einen Bundespräsidenten ausmacht: Moralische Integrität, Glaubwürdigkeit, Autorität.

Gegen den Begriff „Bundespräsident auf Bewährung“ hat er sich entschieden verwahrt. Zu Recht. Denn er hat gar keine Chance mehr, sich zu bewähren. Das Schlimmste ist: Wir müssen ihn ertragen, weil er sich wichtiger nimmt als das Amt; weil er nicht die Größe hat zu gehen.


 Das gesamte Interview in der ZDF-Mediathek sehen. 

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