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Von Newscafés bis zum Schreiben in Versionen – Experimente mit offenem Journalismus

Die meisten deutschen Redaktionen lassen ihre Leser sprichwörtlich auf der Straße stehen. Vorbilder vor allem aus Amerika zeigen, wie Medien ihr Publikum in die Redaktion hinein lassen – oder die Redaktion zu den Lesern bringen.

Die kanadische Zeitung „The Free Press“ erscheint in Winnipeg in der Provinz Manitoba und ist auf den ersten Blick eine ganz normale Lokalzeitung: mit einer wochentäglichen Auflage von 115.000 Exemplaren, einer unspektakulären Website und einem Verlagsgebäude irgendwo draußen am Stadtrand, wo sich nur selten ein Leser blicken lässt. Und genau dieser Umstand macht die Zeitung seit 2011 zu einer Besonderheit: „The Free Press“ ist Kanadas erste Zeitung mit einem Newscafé.

Das „Winnipeg Free Press News Cafe“ ist mehr als ein untervermietetes Ladenlokal in der Innenstadt, das Latte und Muffins verkauft, während in den Etagen darüber Journalisten und Verlagskaufleute isoliert ihrer Arbeit nachgehen. Im Newscafé passieren „Random Acts of Journalism. Daily. Live.“ Soll heißen: Wenn Journalisten sich unter das Volk mischen und sich auf Augenhöhe tagtäglich über Stunden mit ihrer Zielgruppe austauschen, dann können spannende und spontanen Begegnungen passieren, die in lebendigen Journalismus münden.

Während das erste europäische Newscafé, 2009 von einer Kette lokaler Wochenblätter in Tschechien gestartet, anderthalb Jahre später wieder eingestellt wurde, weil dem Investor die Refinanzierung zu lange dauerte, soll  das Free Press News Cafe kein eigenständiges Proftcenter sein, sondern ein Labor für neue, offene Formen des Journalismus. Eine Social-Media-Reporterin, ein Multimedia-Reporter und ein Redakteur arbeiten ständig im Café, weitere Mitarbeiter bei Bedarf. „Schon wenn man reinkommt, sieht man, das das hier ein echter Betrieb unter Live-Bedingungen ist“, sagt der stellvertretende Online-Chef John White. Zu jeder Zeit sehe man Kolumnisten und Reporter im Café schreiben. Die Zeitung ermutigt außerdem ihre Redakteure, sich für nicht-sensible Hintergrundgespräche oder Interviews im Café zu verabreden.

Ein Newscafé mit aktivem Austausch zwischen Journalisten und Bürgern gibt es auch im kalifornischen Oakland. Hier organisiert das Non-Profit Portal Oakland Local, das sich vor allem zivilgesellschaftlichen Themen mit Lokalbezug widmet, regelmäßige Versammlungen in einem normalen Café. Manchmal geht es um Themen, die vor allem für einkommensschwache Bürger von Interesse sind, dann werden Sponsoren für freie Bewirtung gesucht. Oakland Local schult zudem in regelmäßigen Workshops Bürger, die sich selbst publizistisch für öffentliche Belange einsetzen wollen – ob bei Oakland Local oder auf anderen Plattformen ist dabei zweitrangig.

Noch mehr Offenheit wird bei Digital First Media praktiziert, eine Kette mit 18 lokalen Tageszeitungen, 172 ein- oder mehrmals in der Woche erscheinenden Zeitungen und 154 reinen Webportalen. „25 unserer Zeitungen haben mittlerweile eine offene Redaktion“, so Jim Brady, Chefredakteur der Mediengruppe. Offen bedeutet: Bürger haben zu jeder Zeit Zugang zu den Redaktionsräumen, nicht bloß während Besucherführungen. Sie können das gesamte Archiv und und die Rechner nutzen, um selbst Beiträge zu verfassen – alleine oder in Kooperation mit Redakteuren. Sie können auch für private Zwecke in der Redaktion recherchieren, sich Tipps abholen, ein Anliegen loswerden und sogar die Besprechungsräume für Versammlungen nutzen. Redaktionssitzungen sind (bis auf Ausnahmen) öffentlich und werden live im Netz übertragen. Näher dran an den Bürgern ist derzeit kaum eine Lokalzeitung in den USA.

Die Digital First Media Redaktionen sind Vorreiter eines neuen Konzepts im anglo-amerikanischen Journalismus, das sich „Open Journalism“ oder „Liquid Journalism“ nennt. Dabei wird das Medienmodell von Sender und Empfänger weitgehend aufgehoben, Journalismus orientiert sich an forlaufenden Prozessen statt an abgeschlossenen Produkten. Die Aktivierung von Lesern erschöpft sich nicht darin, die Leser möglichst viele Kommentare, Likes und Retweets generieren zu lassen, sondern die Interessen der Leser auf allen Stufen der journalistischen Produktion in den Mittelpunkt zu stellen und für alle Seiten gewinnbringend anzuzapfen. „Echtes Nutzerengagement beginnt schon bei der Themenfindung und Recherche“, sagt Brady. Weil sie mit Nutzern kontinuierlich zusammenarbeiten, schaffen es die Digital First Redaktionen zunehmend, trotz personaller Ausdünnung von lokalen Themen frühzeitig zu erfahren und Themen aufzubereiten, die „draußen“ auch wirklich interessieren. Allerdings hätten viele amerikanischen Verlage mit diesem Ansatz noch große Probleme, weiß Brady. „Sie lassen ihre Leser an der Türschwelle stehen, sie lassen sie aber nicht ins Haus.“

In Deutschland: Leser müssen draußen bleiben

Im Vergleich zum Konzept bei Digital First Media lassen viele deutsche Zeitungsredaktionen ihre Leser allerdings nicht nur an der Haustür, sondern sprichwörtlich auf der Straße stehen. Nur wenige Online-Redaktionen laden sich beispielsweise Leser zur aktiven Blattkritik ein (wie die „Rhein-Zeitung“) oder schalten sich in den Kommentarspalten mit eigenen Beiträgen ein (wie „Zeit Online“), so dass die Nutzer nicht bloß untereinander in einem eigenen Gehege kommunizieren. Wie sehr der Austausch mit Nutzern mitunter von oben herab gestaltet wird, zeigte sich jüngst beispielsweise bei einer Leserfragen-Aktion der „HNA“.

Auch bei der Recherche werden Nutzer hierzulande noch wenig einbezogen. Prädestiniert für einen offenen, partizipierenden Ansatz sind vor allem datenjournalistische Projekte mit sehr großen oder unvollständigen Datensätzen oder Geschichten mit widersprüchlichen Quellen. Ein Paradebeispiel dafür, wie eine Redaktion Hinweise von Lesern und Berichte von Bloggern in eine fortlaufende Berichterstattung einbeziehen kann, findet sich beim Guardian: „Kony 2012: what’s the real story?“ Doch zum Erfolg gehört eine offene journalistische Grundhaltung: Während der „Guardian“ öffentlich ankündigt, woran die Journalisten arbeitet, bei datenjournalistischen Projekten gelegentlich per Crowdsourcing seine Leser um Mithilfe bei der Datensammlung bittet und routinemäßig zur Kreation von eigenen Anwendungen auffordert („Can you do something with this data?), ist der (Daten)journalismus in Deutschland derzeit noch sehr daran ausgerichtet, fertige Geschichten oder fertige Anwendungen zu veröffentlichen. So kann beispielsweise das lokale Datenbankprojekt „Alles über Ihre Straße“ des „Hamburger Abendblatt“, das redaktionelle Bewertungen von über 8.000 Hamburger Straßen enthält, zumindest in dieser Stufe von Nutzern zwar kommentiert, aber nicht um eigene Inhalte ergänzt werden.

Der wahrscheinlich radikalste Ansatz eines deutschen Journalisten, Journalismus offen und transparent zu machen, findet außerhalb eines Verlages statt. Dirk von Gehlen, Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt in seiner Freizeit sein neues Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ in Form eines Experiments mit offenem Ausgang. Die Leser haben das Buch nicht nur per Crowdfunding vorfinanziert, sondern geben während des Schreibprozesses Feedback, der im Prozess des Schreibens miteinfließt. „Die Digitalisierung verändert unsere Vorstellung von kulturellem Schaffen. Ein Buch ist nicht mehr unveränderliches Werkstück, sondern ein bewegliches, verflüssigtes Programm, das in Versionen ausgeliefert wird“, beschreibt von Gehlen programmatisch sein Schreibexperiment.

Ein weiteres Signal in Richtung Offener Journalismus: Anfang Februar startete der Journalist Julius Endert („Elektrischer Reporter“, „Hyperland“) eine „Agentur für modernen Journalismus“, die den Prinzipen des offenen Journalismus folgt. „Moderner Journalismus findet immer dort statt, wo Menschen auf Informationen treffen – sowohl in seiner Entstehung als auch in seiner Wahrnehmung. […] Er trägt der Tatsache Rechnung, dass sich Menschen über Themen (spontan) vernetzten. Er initiiert und unterstützt diese sich immer neue bildenden Netzwerke durch das Hervorbringen neuer Informationen, durch Darstellen und Kuratieren von Daten und Wissen und durch Interaktion“, schreibt Endert auf seinem Blog. Ob allerdings die Experimente anglo-amerikanischer Redaktionen und einzelner deutscher Journalisten auch deutsche Zeitungsredaktionen zum Ausprobieren offener Ansätze animieren, ist derzeit noch offen.

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