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Von Lautsprechern und Leisetretern

Medien und Kommunikation durchdringen unser aller Alltag – und doch fristet die Forschung dazu noch immer ein Schattendasein, häufig abgetan als unnützes Zeug. Braucht die Kommunikationswissenschaft mehr PR?

Dieser Artikel erschien zuerst in der DGPuK-Publikation „Aviso“. VOCER übernimmt ihn mit freundlicher Genehmigung des Autoren.


Vielleicht gibt es ja gar kein Problem. Denn warum eigentlich sollten kommunikationswissenschaftliche Forschungsergebnisse sich in der Tagespresse wiederfinden? Warum sollten sich angesehene Wissenschaftsmagazine dafür interessieren? Warum sollten kommunikationswissenschaftliche Experten zu aktuellen Fragen Stellung nehmen?

Die Antwort ist simpel: weil bei geringer Sichtbarkeit ganz schnell der Eindruck entstehen kann, es mangele der Medien- und Kommunikationsforschung an gesellschaftlicher Relevanz. Und genau das lassen sich Medien- und Kommunikationswissenschaftler nur ungern sagen; denn die Unterstellung fehlender Bedeutung ist eine schmerzende und tief sitzende Kränkung. Immer wieder wurde behauptet, Kommunikationswissenschaft sei bestenfalls überflüssig, sie bilde zu nichts wirklich aus.

Eine Bemerkung des Soziologen Ferdinand Tönnies, die er auf dem Soziologenkongress 1930 im Streit mit den Publizistikwissenschaftlern Emil Dovifat und Hans A. Münster äußerte, ist sogar legendär geworden: Tönnies war der Ansicht, nicht jeder Gegenstand rechtfertige eine eigene Wissenschaft und bezeichnete die neue Zeitungswissenschaft im Vergleich als „Enten- und Hühnerwissenschaft“. Ebenso wenig wie jene (weil die Zoologie die entsprechenden Fragen ausreichend berücksichtige) brauchte es für Tönnies die Zeitungswissenschaft – denn in der Soziologie waren die betreffenden Fragen aus seiner Sicht gut aufgehoben.

Gefühlte Bedeutungslosigkeit

Die historische Entwicklung hat zwar eine andere Richtung genommen, als von Tönnies intendiert. Dennoch: die Kränkung ist geblieben. Und die „gefühlte“ Bedeutungslosigkeit auch. Doch anders herum gefragt: Was haben die Medien- und Kommunikationswissenschaften dafür getan, dass sie mehr Relevanz in der öffentlichen Wahrnehmung erführen? Gibt es Kommunikationsstrategien für das Fach als Ganzes? Nicht dass sie zu erkennen wären. Gibt es zumindest Strategien für einzelne Institute? Möglich, doch nur in Einzelfällen nimmt man Notiz davon.

Was es allerdings gibt, sind die herausragenden Gestalten, die das Fach geprägt haben. Und viele von ihnen wurden in den letzten Jahren emeritiert – oder ihre Emeritierung steht kurz bevor. Und die neuen, exzellenten Kollegen? Die sind zumeist so zeitraubend damit beschäftigt, sich um ihre eigene wissenschaftliche Karriere zu kümmern, dass ihnen für die Positionierung des Faches kaum Zeit bleibt. Und das ist ganz klar ein Fehler!

Denn wenn die PR-Forscher in den letzten Jahren etwas erbracht haben, dann wohl den handfesten Beleg für einen „Wertschöpfungsbeitrag der Kommunikation“. Und der gilt selbstredend auch für die Kommunikationswissenschaft, die das Handwerk nicht schon gleich deshalb beherrscht, weil sie so heißt.

Anti-populärer Effekt

Das muss nicht darin resultieren, dass Forschungsgegenstände nach ihrer medialen Verwertbarkeit ausgesucht werden. Aber das kann darin resultieren, dass Teile größerer Forschungsprojekte bewusst nach ihrem Medienwert aufbereitet werden.

Doch hier stecken die Kommunikationswissenschaftler oft in einem zweifachen Dilemma: Einerseits ist ihnen oft nicht klar, was zur laufenden Agenda passen würde, andererseits tun sie sich schwer bei populären Themen. Ganz so, als könnten ihre Forschung und ihr Ruf Schaden nehmen. Ich spreche mal forsch von einem anti-populären Affekt.

Die nackten Zahlen sind ernüchternd: In einem Vergleich der Jahre 1999 und 2009, den Cornelia Brandtner und Brigitte Huber bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Dortmund vorgestellt haben, verzeichnete die „Süddeutsche Zeitung“ 105 Artikel mit konkretem Bezug auf Ergebnisse oder Expertenwissen der Kommunikationswissenschaften.

Der „Jo-Groebel-Effekt“

Die Situation in der Schweiz ist deutlich besser, wie Stephan Ruß-Mohl und Bartosz Wilcek berichten. Hier gibt es 155 Beiträge – und ein deutlich höheres Potential, mit der kommunikationswissenschaftlichen Forschung auch gesellschaftliche Debatten anzustoßen. In Deutschland hingegen schaffen es einzelnen Studien in Kulturkanäle oder – als Kurzmeldung – ins Ressort Vermischtes.

Präsent sind allenfalls einzelne Wissenschaftler, die sich dann notorisch zu praktisch allem äußern können. Auf der Dortmunder Tagung referierte Nicole Gonser beispielsweise über den „Jo-Groebel-Effekt“. Doch es geht auch anders: mit gezielten, relevanten Beiträge zum Tagesgespräch, mit klaren Analysen – und dem auf den journalistischen Bedarf komprimierten Kurzbericht. Damit gewinnt man durchaus auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft Pluspunkte. Denn dass jemand den Ertrag seiner Forschung lesbar und lebendig darstellen kann, ist ein Wert an sich.

Relevanz entsteht nicht nur über Drittmittel, sondern auch über gesellschaftliche Einbettung. Und wäre es der Kommunikationswissenschaft gelungen, diese Einbettung auch schon früher zu signalisieren – wer weiß, ob sie dann nicht auch eher im CHE-Hochschul-Ranking berücksichtigt worden wären. Man erinnere sich: Erst seit 2005 werden Medienstudiengänge hier überhaupt gelistet. Und das, obwohl Kommunikations- und Medienwissenschaften sich seit Jahren bei Studierenden ungebrochener Beliebtheit erfreuen.

Mittlerweile existieren in Deutschland mehr als 500 entsprechende Programme. Das verpflichtet.

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