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Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht

Geistes- und Sozialwissenschaftlern scheint es per se in die Petri-Schale gelegt: das öffentliche Interesse an ihren Themen. Während die meisten die Öffentlichkeit scheuen, machen die Medien andere zu regelrechten Stars – und Nervensägen.

Der Elfenbeinturm ist nach wie vor eine beliebte Metapher, um zu erklären, dass ein Wissenschaftler lieber einsam und alleine vor sich hinforscht, als sich vor der Öffentlichkeit zu artikulieren und damit zu legitimieren, für was er Millionen von Euros ausgibt. Was heute nicht nur wie ein Vorwurf klingt, sondern auch als solcher gemeint ist, war vor 200 Jahren eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit: Dichter und Denker mussten in der Abgeschiedenheit grübeln, um den Lauf der Welt erkennen und Lösungen für die Probleme entdecken zu können.  Heute stehen viele Wissenschaftler regelmäßig vor Mikrofon und Kamera und vor allem Kollegen fragen sich: Wie kommt dieser Forscher noch zum Forschen?

Das Rampenlicht sind heutzutage Blitzlicht und Studiobeleuchtung. Im Fernsehen und auf Internetplattformen, in Hörfunkmagazinen und Zeitungen, in Talkshows, Wissenssendungen und Nachrichtenformaten ist wissenschaftliche Expertise gefragt. So steigen viele Forscher vom Turm herunter oder aus dem Labor herauf, lassen sich Make-up ins Gesicht pudern und stehen Rede und Antwort zu Klimawandel und Energiefragen, zu Mobilität und Sterblichkeit und vielem mehr.

Das kommt nicht immer (gleich) gut an. Die populären Massenmedien kreieren Lieblinge und Stars – zum Beispiel Harald Lesch – ebenso wie „Nerven-Sägen“ – etwa Arnulf Baring und Jo Groebel. Trotzdem springen Wissenschaftler – und seltener Wissenschaftlerinnen – regelmäßig und wohl auch gerne ins mediale Haifischbecken. Warum tun sie das? Für Geld? Die Honorare sind keine Honorare, sondern Aufwandsentschädigungen. Mit Medienauftritten ist noch niemand reich geworden. Für Lob und Ehre? Das ist ein zweischneidiges Schwert. Denn in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird noch immer kritisch beäugt, wer seine Nase allzu oft und zu vielen Themen aus dem medialen Fenster hängt. Neid, Anfeindungen, bisweilen sogar Hass tragen nicht gerade zum Reputationsgewinn in der Wissenschaft bei.

Pathos vor Berufung

Das Hauptmotiv der medienaffinen Wissenschaftler für den Auftritt im Rampenlicht klingt hehr und fast pathetisch: Wissenschaftler fühlen sich in der Pflicht, der Öffentlichkeit das Wissen zur Verfügung zu stellen, für das diese bezahlt hat. Mit weniger Pathos nennen Wissenschaftler weitere Motive: Wissenschaft ist Berufung und spannend; die Faszination ist es wert, anderen vermittelt zu werden. Aber selbst wenn es keine Wissenschaftler (mehr) gäbe, die intrinsisch motiviert, also aus eigenem Antrieb heraus an die Öffentlichkeit streben, so würde es mit Sicherheit noch jene geben (müssen), die sich verpflichtet sähen, ab und zu Forschungsprojekte und -ergebnisse öffentlich zu präsentieren: Die Mediatisierung der Welt und die Medialisierung der Wissenschaft fordern ihren Tribut.

Raus aus den wissenschaftlichen Spezialmedien und hinein in „Bild“, „Hart aber fair“ und „Tagesschau“. Experten gehen davon aus, dass die Verknüpfung von Wissenschaft, Information und Unterhaltung noch zunehmen wird. Die Menschen sind neugierig, interessiert und in großen Teilen wissbegierig. Aber trockene Fakten in Schule, Universität, über Internet-Portale oder in Abendkursen der Volkshochschule zu lernen, ist Vielen zu wenig attraktiv und zu anstrengend. Das Publikum hat zwar schon vor Jahrzehnten durch Zappen und die Priorisierung (privater) Unterhaltungsprogramme den Massenmedien abgewöhnt, sich als die großen Bildungsinstanzen der Republik zu verstehen, aber unterhaltsam Wissen vermitteln dürfen sie gerne. Das sogenannte Scientainment hat sich mittlerweile fest in der Medienlandschaft, vor allem der visuellen, etabliert. Aber wie ist die Balance zwischen Information und Unterhaltung, zwischen Wissenschaftlichkeit und Spaß zu halten?

Diktat der Unterhaltung

Journalismus muss gelingen, weder Verlautbarungsorgan der Wissenschaft zu sein, noch unter dem Diktat der Unterhaltung alle Daten und Fakten bis hin zur Verzerrung zu reduzieren. Er muss vereinfachen und die Komplexität reduzieren, ohne zu trivialisieren und zu banalisieren. Wohl dem Journalisten, der zu diesem Zwecke einen Wissenschaftler findet, der genau diese Gratwanderung als Person, als Protagonist der zu erzählenden Geschichte mit Bravour zu meistern weiß. Nicht, dass diese Persönlichkeiten so selten wären wie Trüffel; aber es gibt sie auch nicht gerade im Überangebot.

Elfenbeinturm © Rita Kohel width=

Denn: Die Selbstwahrnehmung des (deutschen) Wissenschaftlers als stets ernsthaft und seriös lässt ihn im Falle zu vieler Auftritte in Massenmedien um seine Reputation in der Wissenschaftsgemeinschaft fürchten. Außerdem hat er für so etwas in der Regel keine Zeit.

Die Fremdwahrnehmung durch das Publikum entlässt den Wissenschaftler noch immer nicht aus dem Klischee: Die „bebrillte Laborrate“ scheut das Licht des Tages und der Kamera. Nun gibt es ja offenkundig einige (und immer mehr) Hochgelehrte, die sich offenbar um ihr (gutes) Image keine (negativen) Gedanken machen, und durch die Shows von Günther Jauch, Maybritt Illner und Johannes B. Kerner tingeln, in der Lokalzeitung ein Lexikon über komplizierte Begriffe der Wirtschaftswelt für Laien schreiben (Rudolf Hickels Wirtschaftslexikon im „Weser Kurier“) und in der „Süddeutschen Zeitung“ über die Frage räsonnieren, ob Computerspielen aggressiv macht (namentlich: Christian Pfeiffer).

An diesen – zugegeben – Sonderfällen zeigt sich die Unterschiedlichkeit der Medien und der Wissenschaft: Wofür Letztere mitunter Jahre braucht, versendet sich in wenigen Minuten in Wort, Bild und Ton. Reputation und Prominenz unterliegen in beiden Systemen unterschiedlichen Darstellungslogiken und Erfolgskriterien. Erhält derjenige den wissenschaftlichen Lorbeerkranz, der sachlich, alle Zusammenhänge bedenkend eine komplexe Antwort auf eine komplexe Frage zu geben versucht, so gewinnt diejenige an öffentlicher Aufmerksamkeit, die in eineinhalb Minuten erklärt, weshalb der Benzinpreis mal wieder steigt.

Allen Geistes- und Sozialwissenschaftlern scheint per se in die Petri-Schale gelegt, worum andere mehr oder weniger kämpfen müssen: Forschungsgegenstände aus der sozialen Lebenswelt – wie der der Kommunikation – fordern die öffentliche Auseinandersetzung geradezu heraus, während die Themen aus den natur-, technik- und ingenieurwissenschaftlichen Feldern wie die Nanotechnologie da schon stärker um Aufmerksamkeit ringen müssen, obwohl die Partikelchen in der Zahnpasta und vielen anderen Alltagsgegenständen stecken und wir noch nicht wissen, was sie in und mit uns anrichten.

Kein Wunder also, dass bei Befragungen dem Laien in erster Linie Ökonomen (wie Bernd Rürup), Philosophen, Politikwissenschaftler und Historiker (Peter Sloterdijk, Jürgen Falter und Paul Nolte), Juristen (wie Christian Pfeiffer) und Mediziner (wie Dietrich Grönemeyer) einfallen. Der Klimaforscher Mojib Latif hat sich als einer der wenigen Naturwissenschaftler einen Platz unter dem ersten Dutzend in solchen Bekanntheits-Rankings verschafft. Die Interpretationshoheit – auch und gerade bei dramatischen Katastrophen wie im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011 – übernehmen sehr schnell und überwiegend Geistes-, Sozialwissenschaftler, Publizisten und Intellektuelle aller Art, selten aber Physiker, Chemiker und Verfahrenstechniker.

Von Tim, Struppi und Löwenzahn

Das hat vielleicht auch zu tun mit den Stereotypen, die seit Jahren in Studien über die Fremdwahrnehmung von Wissenschaftlern bestätigt werden: Da viele Menschen keinen Forscher aus eigener Anschauung kennen, prägen nicht zuletzt die Medien deren Images. Wissenschaftler sind Vieles, aber keine normalen Menschen; sie werden als Zauberer oder Helden verehrt oder als Zerstörer und Frankenstein gefürchtet. Vor allem Professoren (männlich, älter), die einen Großteil der Wissenschaftler stellen, werden in fiktionalen und non-fiktionalen Programmen gerne als schrullig und ein wenig verrückt, in jedem Falle aber weltfremd dargestellt. An „Tim und Struppi“ lässt sich dies ebenso zeigen wie in „Löwenzahn“.

Mancher Wissenschaftler wird von den Medien einerseits zum Star, andererseits auch zum Menschen zum Anfassen gemacht. Wie das funktioniert, hat der französische Fotograf und Erfinder Félix Nadar im Jahr 1886 vorgemacht: Zu dessen 100. Geburtstag interviewte Nadar den Chemiker Michel Eugène Chevreul nicht im Labor, mit Kittel und ernstem Blick, sondern in dessen Privaträumen. Der Wissenschaftler trägt Hausschuhe, sitzt an einem Tisch mit karierter Decke und äußert sich zu seinem (Privat-)Leben. Aufgrund der großen Authentizität, bewirkt vor allem durch die Momentaufnahmen, wird Nadars Interview häufig als das erste Foto-Interview bezeichnet.

Das Besondere am besonderen Wissenschaftler und Menschen zu zeigen, ist eines der Grundmotive des heutigen wissenschaftsjournalistischen Storytellings. Manchmal wird dafür auch ein bisschen inszeniert, was authentisch wirken soll.  Aber es gibt auch massenmediale (Natur-)Talente, wie beispielsweise der Biologe und Forensiker Mark Benecke, der sich den Ruf als „Medienstar“ eingehandelt hat über sein Aussehen (Tattoos), seine populärwissenschaftlichen Bücher, seine ungewöhnlichen Vorträge und manche „Bild“-Schlagzeile. Die Penetranz der Zuspitzung bringt dem Kriminologen Christian Pfeiffer höchste mediale Aufmerksamkeit ein und ein Politikwissenschaftler wie Peter Lösche, der einmal als Parteienforscher in den Medien begonnen hat, wird auch als solcher immer wieder befragt – ob er will oder nicht. Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg weiß, wie der journalistische Motor funktioniert, und selektiert professionell die Medien, die bei geringem (Zeit-)Aufwand größtmöglichen Ertrag (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit) versprechen.

Eine Frage der Eitelkeit?

Ob Wissenschaftler eitler sind als andere Menschen, ist noch nicht untersucht worden – beziehungsweise sind Erkenntnisse dazu nicht bekannt. Schüchterne Zurückhaltung und Selbstzweifel sind mit Sicherheit nicht die Grundeigenschaften, die die Tür zu den populären Massenmedien öffnen. Dann bestimmt dies schon eher der Zufall: mit dem richtigen Stichwort zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Werden dann über die Jahre hinweg die wichtigsten Regeln der Medien internalisiert und befolgt, steht einer Medienkarriere des Wissenschaftlers kaum etwas im Weg. Medien und Journalisten brauchen Geschichten und Gesichter. Und Wissenschaftler brauchen den Kontakt zur Öffentlichkeit und die Resonanz auf ihre Forschung, damit sie sich voller Energie und Leidenschaft an die nächsten zu stellenden Fragen und die bisher ungeklärten Rätsel wagen.

Noch haben die Medien eine Grenze nicht überschritten: Die Boulevardisierung der Wissenschaft in Form von Home-Stories über Wissenschaftler sind sehr selten. Expertise und Glaubwürdigkeit sind offensichtlich unvereinbar mit Geschichten über Einrichtungsstil und Kochleidenschaften. Darin werden sich hoffentlich noch lange Zeit Wissenschaftler und Politiker voneinander unterscheiden.

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