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Vom Chaos zur Katharsis

Während der Katastrophen der letzten Zeit konnte man schon mal das Gefühl bekommen: Es stimmt was nicht mit dem deutschen Krisenjournalismus. Dabei haben die Redaktionen viel über das Reportieren im Ausnahmezustand gelernt – seit dem 11. September 2001, der die Medienwelt nachhaltig veränderte.

Als RTL-Nachrichtenchef Peter Kloeppel am 11. September 2001 das Unfassbare in Worte fassen muss, kämpft er mit den Tränen. Während er beobachtet, wie ein Flugzeug in das World Trade Center rast und explodiert, bebt seine Stimme. Er ist sichtbar bemüht, nicht die Sprache zu verlieren: Nur schwer gelingt es ihm, auszusprechen, was er dort am Fernsehschirm sieht.

Ulrich Wickert, dem damaligen Anchorman der „Tagesthemen“, ergeht es nicht anders: Als er an jenem Dienstagnachmittag eilig in das ARD-Nachrichtenstudio nach Hamburg-Lokstedt gerufen wird, weiß er genau so viel wie der Zuschauer. Ihm stockt die Stimme, er ringt um Fassung, als er die beiden Türme zusammenbrechen sieht. Live. Der Zuschauer zu Hause sieht ihm die Angst vor der Ungewissheit an. Hilflose Nachrichtenmoderatoren, das ist eine ungewohnte Situation für die verunsicherte Fernsehgemeinde, aber vor allem für die Moderatoren selbst.

Einige Jahre später werden Wickert und Kloeppel, aber auch ihre Kollegen Steffen Seibert (damals ZDF), Astrid Frohloff (damals Sat.1) und Anne Will (ARD), die ebenfalls am 11. September stundenlang moderierten, der Presse rückblickend anvertrauen, dass dieser Tag einer der schwierigsten in ihrer gesamten Journalistenlaufbahn war – vor allem, weil sie zum anfänglichen Zeitpunkt ihrer Moderationen nicht mehr wussten als die Zuschauer.

„In diesen Situationen schaltet man aber einfach auf Autopilot um, da darf man nicht sprachlos bleiben“, wird Kloeppel später über dieses Ereignis sagen. Und Wickert wird in Erinnerung an seinem Moderationsmarathon von nächtelangen Albträumen berichten, von Flugzeugen, die auf sein Bett herunterstürzen, so heftig, dass er sich für die Zukunft nichts sehnlicher herbeiwünscht als einen Filter: Katastrophen oder Kriege live zu senden, das halte er für äußerst problematisch, gestand ausgerechnet er, der Journalist, vor einigen Jahren dem „Spiegel“: „Es sollte eine Instanz, einen Filter geben zwischen dem Zuschauer und dem Ereignis.“

Moralisches Umdenken

Wie die Medien über den 11. September 2001 berichteten, hat sich genauso in unser Gedächtnis eingebrannt wie das Krisenereignis selbst, weil unsere mediale Wahrnehmung untrennbar mit ihm verbunden ist. Als Welterklärer nimmt gerade das Fernsehen in solchen Ausnahmesituationen politischer und sozialer Unsicherheit eine prominente Schlüsselrolle ein, weshalb neue journalistische Filtermechanismen, wie Wickert und andere sie einfordern, nicht abwegig sind.

Eher im Gegenteil: Bezeichnend ist, dass der 11. September auch zehn Jahre später noch als krasser Einschnitt, als Auslöser für einen Sinneswandel in der Live-Berichterstattung über Krisen gilt, der ein strategisches und zugleich moralisches Umdenken in den Reihen der Journalisten bewirkt hat – egal, mit welchen Moderatoren, Auslandskorrespondenten, Krisenreportern oder Redakteuren man heute darüber spricht.

Es geht dabei um den problematischen Umgang mit unmittelbar verfügbaren und oft unüberprüfbaren Handy-Videos und Fotos von irgendwelchen Augenzeugen. Es geht um die gestiegene ethische Verantwortung gegenüber den Medienkonsumenten und die Frage, welche der Bilder von Zerstörung und Gewalt gezeigt werden dürfen. Es geht um die breite Aufmerksamkeit der Nachrichtenmedien gegenüber dem globalisierten Terrorismus und dem islamischen Fundamentalismus, die mit einem unterschwelligen Bedrohungsgefühl in der Gesellschaft und somit immer auch mit einer Gefahr der Panikmache seitens der Medien verbunden ist.Es geht aber auch, ganz praktisch gesehen, um die Sicherheit der Kollegen vor Ort, um deren psychologische Präventiv- und Nachbehandlung durch Trauma-Therapie und ein Training redaktioneller Arbeitsabläufe, um im realen Moment der Katastrophe vorbereitet zu sein, selbst wenn die meisten Krisen sich nicht direkt ankündigen. Es geht, im Ganzen, um eine „routinization of the unexpected“, wie es der israelische Terrorforscher Gabriel Weimann nennt – um die journalistische Vorbereitung und Verarbeitung des Unerwarteten.

Expertenlisten für Krisenfälle

Elmar Theveßen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur und beim Sender als „Terrorexperte“ geführt, sagt im Rückblick, tatsächlich habe der 11. September bei seinem Sender „den größten Denkprozess ausgelöst, weil das Ausmaß dieser Katastrophe und das Ausmaß der verfügbaren Bilder so umfangreich war, dass man sich im Grunde genommen in den Entscheidungsprozessen zentralisieren musste“. Das habe bedeutet, sowohl die Reporter vor Ort von einer zentralen Stelle aus zu leiten als auch die „ethischen Rahmenbedingungen immer wieder ins Bewusstsein zu rufen und im Zweifel Ansagen in der Zentrale zu machen“.

Vor allem, betont Theveßen, habe man die Gefahr, dass die Hintergründe und Tiefen einer solchen Geschichte zugunsten emotionaler Live-Bilder „unter die Räder kommen“, reduzieren wollen. Es sei im Wettlauf mit den realen Ereignissen in New York vor allem darum gegangen, sehr schnell in der Lage zu sein, profunde Analysen und Erklärungen zu liefern. Deswegen gebe es „seit einigen Jahren einen Terrorexperten und Listen für Krisenfälle, mit deren Hilfe wir Experten aus verschiedensten Bereichen sehr schnell erreichen und sie uns ins Studio holen können.“

Zudem habe sich das ZDF als öffentlich-rechtlicher Fernsehsender wegen seiner besonderen gesellschaftlichen Verpflichtung bewusst mit möglichen Regelwerken für Krisensituationen auseinandergesetzt und sich über genauere professionelle Rahmenbedingungen verständigt. So würden zum Beispiel bei Terrorvideos eben zwingend jene Expertisen von außen hinzugezogen.

Diese Bereitschaft, dass Redaktionen eine solche Draufsicht akzeptieren und sich folgsam einer kritischen Selbstreflexion unterziehen, ist seit 9/11 merklich größer geworden, wohl auch, weil die Katastrophe einen erheblichen ethischen wie moralischen Nachholbedarf offenbarte: „Seitdem machen wir Workshops zum Thema Medien-Ethik mit unseren Kollegen“, sagt ZDF-Mann Theveßen. Vor allem die Trauma-Verarbeitung liege ihm am Herzen: „Wir haben einen Psychologen, mit dem wir nach Großereignissen wie in Haiti oder beim Tsunami eine sehr intensive Nachbereitung machen.“

Bitterer Beigeschmack

Dass News-Channels wie Al Jazeera, CNN, BBC World und auch einige deutsche Medien infolge des 11. September haushohe Quoten- und Auflagenerfolge verbuchen konnten, ist statistisch belegt. Inwiefern die Exklusivität und der gnadenlose Druck dahinter damals auch zu zweifelhaften Recherchemethoden und merkwürdigen Sachzwängen geführt haben, wird allerdings nur hinter vorgehaltener Hand thematisiert.

Überhaupt hat der kommerzielle Erfolg der Medien in Krisenzeiten seit 9/11 einen sehr bitteren Beigeschmack. Er steht in Kontrast zu den menschlichen Tragödien, die solche Ereignisse zeitigen. Es erscheint auch aus aktueller Perspektive grausig, dass sich Medien so gut vom Geschäft mit Krisen und Katastrophen nähren können: Sei es der Atomunfall von Fukushima, die Massenpanik bei der Love Parade in Duisburg oder kürzlich die Anschläge von Oslo – Krisenereignisse füttern den Organismus des News Business, gießen Öl ins Getriebe der nervösen Info-Maschinerie, lassen das Blut in den Adern von News-Junkies gerinnen.

Vor allem lösen Krisen bei Reportern und Redakteuren den unbedingten Reflex aus, als Erster vor Ort und auf Sendung zu sein, um das oft Unbegreifliche greifbar zu machen, indem sie es mit Fotos, Videos, Tönen und Beschreibungen einzufangen versuchen.

Ihrer Verwertungslogik folgend, tendieren die Medien einerseits dazu, einige plakative Bilder und Sequenzen der Krise schier endlos zu wiederholen. Wenn die Berichterstattung über Krisen anderseits reibungslos funktioniert, fühlt sich das Publikum nicht nur gut und glaubwürdig informiert. Es solidarisiert sich unter Umständen mit den Betroffenen, will bei der Krisenbewältigung – zum Beispiel durch Spenden – mitwirken und rückt in der Not ein Stück zusammen.

Krisen als Katharsis

Moderiert von den Medien nehmen wir als Gesellschaft Krisen häufig zum Anlass, einen Diskurs zu führen über das, was gut und böse, was richtig und falsch, was wichtig und unwichtig ist. So makaber es klingt: Es liegt auch etwas Heilsames – man könnte sagen: Kathartisches – in jeder Krisensituation.

Das Krisenhafte, das in seiner altgriechischen Ursprungsbedeutung einen „kritischen Wendepunkt“ markiert, ist also in der Genetik des Nachrichtengeschäfts angelegt – auch weil es wahrnehmungspsychologisch gesehen bei fast allen wichtigen Nachrichtenfaktoren ins Schwarze trifft, vom Überraschungsmoment und dem Bezug zu Elite-Nationen bis zu Negativität, Dramatik und Bedeutsamkeit – all das sind Charakterzüge, die Krisenereignissen anhaften und sie für Journalisten so anziehend machen.Doppelgesicht der Krisenberichterstattung

Dennoch zeigt sich das Doppelgesicht der Krisenberichterstattung nirgends so deutlich wie bei verheerenden Naturkatastrophen oder Terroanschlägen mit zahlreichen Opfern.

Denn wenn Journalisten sich zu allwissenden Welterklärern aufschwingen und dem Schrecken einen – ihren – Sinn überstülpen wollen, stoßen sie regelmäßig an ihre emotionalen und handwerklichen Grenzen: Erschlagen von der Bildgewaltigkeit, überrumpelt von der eigenen anfänglichen Sprachlosigkeit und überwältigt von dem Chaos, das fast in jeder Krisensituation vorherrscht, neigen Korrespondenten und Kommentatoren hin und wieder zu Fehlurteilen, lassen sich gelegentlich zu Spekulationen über Hintergründe und Opferzahlen hinreißen, überspielen häufig ihr Unwissen durch Übertreibungen und versuchen stets, den Mangel an Eigenrecherchen mit einem Überfluss an nichtssagenden Expertenmeinungen, Talkshowgästen, Live-Schalten oder Bilderschleifen zu kompensieren.

Bei aller Besonnenheit hat man daher seit geraumer Zeit immer wieder das Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht ganz mit der deutschen Krisenberichterstattung.

Mittendrin statt nur dabei

Dass der Krisenjournalismus seit dem 11. September in vielerlei Hinsicht professioneller geworden ist, mag dennoch niemand bezweifeln. Gerade deutsche Nachrichtenmacher haben während dieses Ereignisses, an dem „ein Stück Welt explodierte“, wie es der Journalist Herbert Riehl-Heyse ausdrückte, viel dazu gelernt: Sie haben die logistischen Probleme des globalen Terrorkriegs weitgehend in den Griff bekommen, konnten die technischen Herausforderungen von Satellitenübertragung und Breaking-News-Systemen meistern, haben sprachliche und kulturelle Hürden bezwungen und wurden so ihrem Anspruch gerecht, mittendrin statt nur dabei zu sein, wenn die Welt einmal wieder in Flammen stand.

Auch wenn so mancher Kritiker ihnen eine Krise ihrer selbst andichten will: Die hiesigen Magazine wie „Spiegel“ und „Stern“, die überregionale Qualitätspresse, einige Online-Newsportale, auch das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen liefern handwerklich gesehen eine ordentliche Performance ab, die den tonangebenden Global News Players wie „New York Times“, „Economist“, „Guardian“, BBC World, Al Jazeera oder CNN in wenig nachsteht, was Reaktionszeit, Taktung oder den spontanen Einsatz in Krisengebieten angeht.

Drei Phasen, die nicht zufällig an die Stadien im Übergangsritual der Ethnologen Arnold van Gennep und Victor Turner erinnern, haben unsere Wahrnehmung des 11. Septembers in den Medien, aber auch von Krisenereignissen generell maßgeblich beeinflusst: Schock, Inszenierung und Bewältigung.

1. Phase: Schockzustand

Unwirklich, beinahe surreal kamen den meisten Betrachtern die Live-Bilder zunächst vor, die der 11. September in unsere Wohnzimmer brachte: So etwas hatte man noch nie gesehen! Gerade in der Anfangsphase der Berichterstattung stand den Moderatoren ihre Sprachlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Die tieffliegende zweite Passagiermaschine, der explodierende Feuerball, die zusammenstürzenden Twin Towers, die mit Staub überdeckten Straßen und umherirrenden Menschen: Viele Fernsehredaktionen waren süchtig nach diesen sich wiederholenden Sequenzen, nach Zeitlupen, Korrespondenten-Schalten und Experteninterviews während der laufenden Katastrophe.

Die Konzentration auf die wenigen Bilder des Terrors zeugte von einem Schockzustand, der aber wenig später in einen regelrechten „Terror der Bilder“ umschlug, indem die immer gleichen Endlosschleifen liefen – während die Medien anfangs in Erklärungsnot gerieten oder sich zu Spekulationen hinreißen ließen, wer hinter den Anschlägen steckte. Auch auf den Titelseiten der Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine erschienen weltweit trotz einer immensen Bilderflut unmittelbar nach den Ereignissen fast dieselben Fotografien. Die Wirkung dieser Ikonografie war am Ende so groß, dass sie die eigentliche Katastrophe überstrahlte.

Und noch ein Effekt zeigte sich in dieser Phase, die uns unser Sicherheitsgefühl nahm und unser Weltbild veränderte: Großzügig freigeschaufelte Sendezeit mit frischem Material zu füllen, ist in Live-Situationen besonders heikel. Das ist jetzt zehn Jahre her, aber ein ähnlicher Schockmoment war beim Atomunfall im japanischen Fukushima zu beobachten. Auch hier verliehen Live-Bilder von der Explosion des Meilers dem Ereignis eine seltsame Dramatik, die Moderatoren und Korrespondenten zu Fehleinschätzungen und Kurzschlussreaktionen verführte, was das gesamte Ausmaß der Katastrophe und die Folgen betraf. 

2. Phase: Inszenierung

Das Medienereignis wurde von enormem Inszenierungsreichtum getragen: Als wäre das Geschehen an sich nicht schon spektakulär und dramatisch genug, hat sich die Setzung eigens entworfener Designs in der Krisen- und Kriegsberichterstattung etabliert. Emotionalisierende Themen-Logos wie „Terror gegen Amerika“ oder „Krieg gegen den Terror“ waren danach häufig eingesetzte ästhetische Gestaltungselemente.

Auch war solcherlei Krisenrhetorik seither nicht mehr nur „typisch“ für amerikanische Nachrichtensender, sondern fortan auch im deutschen Fernsehen immer häufiger stilbildend in Krisen- und Katastrophensituationen unterschiedlichster Provenienz. Video-Trailer, Montagen, Split-Screen-Verfahren und Computer-Simulationen sind weitere Inszenierungselemente, die nach den Terroranschlägen von New York Karriere machten, um Medien-Hypes zu erzeugen, also spektakuläre und über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum aufgebauschte Ereignisse am Kochen zu halten, im Fachjargon: weiterzudrehen.

Die Embleme und Symbole der Krisenberichterstattung wurden seither weiter perfektioniert. Sie liefern einen Interpretationsrahmen, geben durch extreme Stereotypisierungen vor, wer Täter/Opfer, Freund/Feind, Held/Bösewicht ist, um dem Unbegreiflichen einen Sinn zu geben, aber auch um zu demonstrieren, dass die Medien „alles im Griff“ haben und der Ablauf der Krise nach ihren Spielregeln funktioniert.In dieser Schwellenphase, einem labilen Zwischenstadium, erkannte man nach dem 11. September auch, wie das Ereignis von Nachrichtenformaten im Fernsehen allmählich in andere Mediengattungen und Darstellungsformen diffundierte. Ob Talkshow, Reportage, Dossier oder Dokumentation – hier zeigte sich die Macht der Bündelung öffentlicher Aufmerksamkeit in einem einzigen Großereignis: ein bisher wiederkehrender Medienmechanismus – von damals bis zu den Bürgerkriegen in Libyen und Syrien.

3. Phase: Bewältigung

In der Bewältigungsphase formiert sich letztlich die Katharsis, also die reinigende Überwindung des Schreckens, die mit einer starken Gemeinschaftsbildung und Identitätsstiftung in der Krise verbunden ist: Furcht (vor einem Krieg), Mitleid (mit den Opfern) oder Wut (auf die Terroristen) werden abgelöst durch Solidaritätsbekundungen und ein Wir-Gefühl, das auch die Medien durch integrierende Rituale und Artefakte des Krisenereignisses transportieren.

Am 11. September sind die Menschen nicht nur bildlich, sondern tatsächlich zusammengerückt. Poetisch ausgedrückt: Die Gesellschaft wurde durch dieses Live-Erlebnis an den Fernsehschirmen in einem kollektiven Herzschlag synchronisiert. Viele haben die Berichterstattung über viele Stunden nicht nur im engen Freundes- oder Familienkreis verfolgt, sondern auch den kommunikativen Austausch mit Kollegen oder sogar Fremden gesucht: am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof, in der U-Bahn, auf dem Sportplatz. Public Viewing, das bei Sportereignissen wie der Fußball-WM als chic gilt, wurde schon am 11. September massenhaft praktiziert, nur eben nicht zum Vergnügen, sondern zur Bewältigung der Krise.

Zu dieser Form der Medien-Katharsis gehört auch, dass dieses Ereignis das meist fotografierte und gefilmte Ereignis der Mediengeschichte ist: Im Gedenken an die Opfer und Retter versuchen die Medien mit ihren Archivaufnahmen und historischen Dokumenten diesem schrecklichen Ereignis in jedem Jahr – auch an diesem zehnten Jahrestag – ein symbolisches Mahnmal zu errichten. (Hier gibt es eine Auswahl von Sendungen.)

Ein Appell

Dass nicht nur das Publikum, sondern auch die Medien somit zu einem fragwürdigen Modus der Selbstreinigung gefunden haben, zeigt sich heute etwa an den ebenso breitenwirksamen wie offenherzigen Spendenaufrufen und Solidaritätsbekundungen der Medien nach verheerenden Naturkatastrophen wie dem Erdbeben in Haiti, nach Hurrikan Katrina oder dem Tsunami in Südostasien. Hier wird das Bonmot von „Tagesthemen“-Legende Hanns-Joachim Friedrichs, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten, über Bord geworfen. In dieser Phase ist das Grauen meist medial überwunden und verarbeitet. Was bleibt ist das zu medialen Archetypen geronnene Medienereignis, das Realität nicht mehr erzeugt, sondern diese nur noch in unseren Erinnerungen abbildet.

9/11 hat den früheren Welterklärern die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit aufgezeigt. Als sie die Krise öffentlich einordneten, kommentierten und damit diskursiven Beistand zu leisten versuchten, waren die meisten Journalisten in ihrer Rolle des Orientierungsgebers zunächst überfordert. Aber nicht nur handwerkliche Fehltritte im Umgang mit Terror und Gewalt, sondern auch die meisten Lerneffekte der Medien in Krisenzeiten sind auf diese einschneidenden Grenzerfahrungen zurückzuführen.

Was bleibt, ist der Appell, dass sich der Journalismus – auch oder gerade in Krisenzeiten – stärker vom flüchtigen Reiz der Schnelligkeit und der ungeprüften Aktualität lossagen muss. Und er sollte sich auf das konzentrieren, was er im digitalen Zeitalter parajournalistischen Medienangeboten voraushat: die Professionalität und den Luxus, echte Geschichten nicht nur anhand von Bildern und Sensationen erzählen zu müssen. 


Dieser Artikel erschien zuerst in „epd medien“ (Ausgabe 35), er wurde für VOCER leicht modifiziert.

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