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Verlagsangebote im Jahr 2025

Wie sieht unsere Mediennutzung in zehn Jahren aus? Eine Gruppe von Studenten verschiedener Fachrichtungen hat einen analytischen Blick in die Zukunft geworfen.

zusammen mit Lisa Ankenbrand, Melina Engelhardt, Kristina Gawlik, Hartmut Glücker, Johannes Kässinger, Thomas Lipsky, Christina Meyer, Steffen Ridderbusch, Okke Schlüter, Ann-Charlott Stegbauer, Lukas v. Stumberg, Sophie von der Tann, Harald Weiler und Julia Zemsch.

Die dynamischen und disruptiven Veränderungen in der Verlagsbranche verlangen viele Entscheidungen auf strategischer Ebene. Als Grundlage dafür spielen Annahmen über die Zukunft eine wichtige Rolle. Im Rahmen einer Sommerakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes und des Max Weber-Programms im August 2014 wurde deshalb ein Szenario “Verlagsangebote im Jahr 2025” entwickelt.

Unter Anleitung von Prof. Dr. Okke Schlüter (Hochschule der Medien, Stuttgart) und Frederik Fischer (Krautreporter, Tame, Berlin) arbeiteten 13 Stipendiaten mit der Methode der narrativen explorativen Szenariotechnik. Die Studierenden unterschiedlicher Studienfächer sind zwischen 19 und 32 Jahre alt und agieren damit als Digital Natives wie auch als künftige Kunden der prognostizierten Verlagsprodukte.

Methode

Die narrative Szenariotechnik verwendet folgendes standardisierte Vorgehen:

  • Definition des organisatorischen Rahmens
  • in Visionsworkshops werden Szenariofeld und Zukunftsannahmen erarbeitet
  • Storyboard für die Szenarien
  • Scenario-Writing
  • Anreicherung der Szenarien durch anschauliche Details

Auf das so erschaffene Zukunftsszenario blicken wir durch die Augen von sechs fiktiven Charakteren (Personae), die auf der Basis demografischer und gesellschaftlicher Trends modelliert wurden. Jede Persona repräsentiert einen spezifischen Mediennutzungstypen — von konservativ bis progressiv. Dabei werden unterschiedliche Erzählperspektiven verwendet, um neben äußeren Ereignissen auch die Medienbenutzung aus Sicht der handelnden Personen zu beleuchten. In der Summe bilden die Beschreibungen und subjektiven Eindrücke der Personae ein breites Spektrum möglicher Verlagsprodukte und deren Integration in den Alltag im Jahr 2025 ab.

Branchenumfeld / Marktentwicklung

Die Verlagsbranche steht am Scheideweg. Über Jahrzehnte bewährte Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt. Neue Geschäftsbereiche können nicht ersetzen, was an alten Strukturen wegbricht — und doch: Es besteht kein Zweifel, dass auch in zehn Jahren noch Verlage zu den konstituierenden Faktoren einer informierten Öffentlichkeit gehören werden.
Für das Zukunftsszenario 2025 haben wir sechs maßgebliche Faktoren untersucht und auf Grundlage aktueller Trends und Daten eine mögliche Zukunft modelliert.

Die Faktoren im Einzelnen

Alltag

Als sicher gilt: Die deutsche Bevölkerung wird im Schnitt älter. Das hat Einfluss auf die Bedeutung von Gesundheit und Arbeit. Gesundheit wird zum Fetisch, ein ungesunder Lebenswandel zunehmend gesellschaftlich geächtet. Körperliche und geistige Gesundheit erhöhen nicht nur die Lebensqualität, sie sind auch zwingende Voraussetzungen um im Beruf zu bestehen. Karrieren von morgen zeichnen sich durch zunehmend verschwimmende Grenzen zwischen Privatleben und Beruf aus. Hinzu kommt ein späterer Renteneintritt sowie häufiger wechselnde Arbeitgeber und das Jonglieren mehrerer Nebenbeschäftigungen. Umso wichtiger wird die Reduktion aufs Wesentliche. Was zählt ist die Nutzung, nicht der Besitz. Die Sharing-Economy wird zum volkswirtschaftlich relevanten Phänomen und übersetzt die digitale Disruption in die physische Welt. Taxi-Unternehmen, Makler und Banken stehen vor ähnlichen Umwälzungen wie die Verlagsbranche.

Verbreitung

Die Homepage von Verlagen ist bloß mehr virtuelles Aushängeschild. Für den Traffic spielt sie keine große Rolle mehr. Die Leser kommen fast ausschließlich über Newsletter, soziale Netzwerke und Filter-Apps. Verlage versuchen zunehmend über Veranstaltungen neue Leser zu gewinnen und die Beziehung zu bestehenden Lesern zu festigen. Ziel ist es, aus Lesern Fans, aus dem Publikum eine Gemeinschaft zu machen. Dies funktioniert besonders gut in der Nische. Im Mainstream-Segment wird eine Konsolidierung stattfinden und die publizistische Vielfalt abnehmen.

Staatliche Regulierung

Noch folgt die Regulierung des Internet einem internationalen Multi-Stakeholder-Ansatz. Faktisch dominieren jedoch amerikanische Unternehmen und Institutionen die Strukturen. Einzelne Staaten wie China, Iran und Pakistan arbeiten schon heute eifrig an nationalen Netzen. Das World Wide Web zerfällt in viele regionale Netze mit unterschiedlich stark ausgeprägten Überschneidungen.

Endgeräte

Tragbare Sensor-Computer, sogenannten „wearables“ sind 2025 noch nicht in der Masse angekommen aber auf dem besten Weg dorthin. Produkte wie Google Glass und Smart Watches sind für Verlage ein Hoffnungsschimmer. Sie bieten Möglichkeiten Verlagsprodukte noch intensiver in die Lebenswelt der Leser zu integrieren.

Content Creation

Die Grenzen zwischen Konsumenten und Produzenten verschwimmen. Neue Vertriebswege machen es möglich, auch für kleinere Märkte Inhalte zu produzieren, bzw. diese zu vertreiben. Produziert werden die Inhalte ohnehin in vielen Fällen von Hobby-Journalisten/Autoren, die intrinsisch motiviert sind. Verlage können aus diesem wachsenden und kostenlosen Content Pool schöpfen, die Inhalte ggf. anreichern, aufbereiten und über ihre weiterhin konkurrenzlos reichweitenstarken Vertriebsnetzwerke verkaufen. Statt handwerklicher Kunst, rückt in vielen Fällen, die unmittelbare Relevanz (örtlich/thematisch). Eine neue Generation an Nutzern stellt hohe Ansprüche an die Neuwertigkeit von Inhalten und verschmerzt andererseits stilistische Armut. Neben der Amateurisierung kommt die Automatisierung. Viele Prozessschritte wie Recherche, Analyse und visuelle Aufbereitung werden von Software übernommen werden. Teilweise werden sogar ganze Texte automatisch generiert. Schon heute lassen sich unter dem Schlagwort Roboterjournalismus die ersten Schritte in diese Richtung erkennen.

Gesellschaftliche Bedeutung von Verlagsprodukten

Mit der Mediennutzung fragmentiert auch die Gesellschaft. In Expertenzirkeln wird weiterhin Expertenwissen vorausgesetzt. Auch in Zukunft werden in diesen Kreisen Bücher und Zeitungen gelesen – in analoger und digitaler Form. Im Bevölkerungsschnitt jedoch verlieren klassische Medien an Bedeutung. Unterhaltungsangebote aus dem Games- und Lifestyle-Bereich beanspruchen einen wachsenden Teil der verfügbaren Aufmerksamkeit. Was bei Buchverlagen heute schon üblich ist, findet auch Gültigkeit im Journalismus der Zukunft: Statt als Beruf wird die publizistische Tätigkeit als Hobby und Selbstvermarktungswerkzeug gewertet. Journalisten, die mit ihrer publizistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten können, werden von der Regel zur Ausnahme.

Personae

Start in den Tag

Niclas

Niclas wohnt im Studentenwohnheim in einem Einzimmer-Appartement. Seinen Lebensunterhalt deckt er durch Nebentätigkeiten und bekommt zudem von seinen Eltern finanzielle Unterstützung, um die Miete zu decken. Da seine Schwester (20) ein duales Studium in Bauingenieurwesen begonnen hat und dadurch finanziell unabhängig ist, ist es seinen Eltern auch möglich, ihm hin und wieder etwas mehr Geld zukommen zu lassen. Niclas ist single und studiert im siebten Semester Politikwissenschaften. Mit Beginn seines Studiums musste er, umzugsbedingt, sein Hobby, American Football, aufgeben.
Datenbrille9 Uhr, der Wecker klingelt. Niclas setzt seine Datenbrille auf und scrollt durch die neuesten Meldungen auf Facebook. Von seiner ZEIT-App wird direkt eine Push-Mitteilung über ein Erdbeben im Silicon Valley in sein Sichtfeld eingeblendet.
Nach dem Duschen macht er sich mit der U-Bahn auf den Weg zur Uni. Dabei liest er über seine Datenbrille in sozialen Netzwerken und in der ZEIT, von der er ein Abonnement hat, weil ihm zuverlässige Informationen wichtig sind. Zur Dateneingabe nutzt er ein kleines Notebook mit ausrollbarem Display, welches aber auch als Tastatur/Eingabegerät für seine Datenbrille genutzt werden kann. Mit dieser schreibt er seinen Freunden, dass sie sich abends noch in einer Bar treffen wollen. Nebenbei macht er sich auch Notizen für den weiteren Wochenverlauf.

Julian

„Sonnenlicht fällt durch das Fenster auf mein Gesicht, die Jalousien haben sich automatisch geöffnet. Diese Schlafphasen-App meint wohl, dass ich jetzt wach sein sollte. Dann ab in die virtual gym – mein Wohnzimmer – da wartet schon mein hawaiianischer Fitnesscoach auf dem Multimedia Spiegel auf mich. Der Schweiß lohnt sich, ich habe den nächsten Trainingslevel bei PimpYourBody erreicht! Ein letzter Blick auf den Screen: 350 kcal in 30 Minuten verbrannt, nicht schlecht, dafür schlägt PimpYourBody den Super-Protein-Shake Frühstück vor. Also ab in die Küche. Ich kann mir nie merken, was in den Shake rein muss. Zum Glück denkt mein Kühlschrank mit: zwei Bananen, Eiweißpräparat, Vitaminpulver und Quark müssen in den Mixer, verrät mir der Kühlschrankscreen. Später kann ich mir noch die neusten Blogeinträge anschauen, wie ich meine Körperwerte weiter optimieren kann. Aber jetzt muss ich erst einmal checken, was heute ansteht. Zwei Aufträge erscheinen als Push-Benachrichtigung auf meinem Tablet.
HeizungseinheitIn der Wohneinheit 835C ein Heizungssteuerungsproblem. Na dann mal los, die nächste Bahn geht in fünf Minuten.“

Zeynep

OLED-Display„6.:5 Uhr – der Wecker klingelt. Ein Blick auf mein Smartphone sagt mir, dass es Zeit für die täglichen 30 Minuten Morgen-Yoga mit meiner Balance-App ist. Rückblickend war die App ein echter Glücksgriff für einen Morgenmuffel wie mich und ihr Geld absolut wert. Anschließend folgen die üblichen Morgenrituale wie Duschen, Anziehen und Schminken, welche Balance mit etwas Vogelzwitschern begleitet. Nachdem ich nun etwas wacher bin, folgt ein gemütliches Frühstück mit Vollkornmüsli und einem Erdbeer-Smoothie – natürlich von Balance an meine Ernährung angepasst. Parallel lese ich auf meinem ausrollbaren OLED-Display meine Online-Tageszeitung.
Das Abonnement dafür war zwar nicht gerade billig, aber die beste Möglichkeit an hochwertige Informationen zu kommen. Das ist in meinem Beruf sehr wichtig. Vertieft in die Lektüre habe ich natürlich mal wieder die Zeit vergessen und verlasse um 8:30 Uhr etwas gehetzt die Wohnung in Richtung U-Bahn. Dort lese ich weiter in der Online-Zeitung und habe sogar noch etwas Zeit übrig, um einen Blick auf meine E-Mails zu werfen.”

Markus

Ring Ring. Verschlafen taste ich in der Dunkelheit nach dem Smartphone. ‘Open!’, sage ich, um per Sprachsteuerung die Jalousien zu öffnen.
Es tut sich nichts. ‘Schon wieder kaputt’, denke ich genervt. Noch als ich 20 Minuten später das Haus für meinen täglichen Morgenlauf verlasse, ärgert es mich, dass die Technik mal wieder streikt. Nach 15 Minuten verrät mir ein Blick auf meine Fitness-App, dass ich schon 150 kcal verbrannt habe. Ich bin zufrieden. Als ich 130 kcal später etwas außer Atem wieder das Haus betrete, sitzt Emily schon am Frühstückstisch.
‘Morgen, Emily!’
‘Morgen, Papa!’
‘Gut geschlafen?’
‘Jap. Wie war’s beim Joggen?’
‘Super! 280 Kalorien verbrannt sagt meine App. Nicht schlecht, oder?’
‘Ja, für dein Alter ganz okay.’
Mit der einen Hand löffle ich mein Müsli mit der anderen Hand öffne ich PersonalNews auf dem OLED-Display des Küchentischs. Bei dem ganzen Amateur-Journalismus, der im Internet betrieben wird, bin ich für diese qualitative Berichterstattung wirklich dankbar. Die App ist ihre fünf Euro monatlich wirklich wert!
‘Holst Du mich heute von der Schule ab?’
16:00 Uhr Emily Schulschluss sagt mein Kalender auf dem OLED-Screen.
‘Klar’, sage ich und richte mir eine Erinnerung ein.
Während Emily über WhosOn mit ihren Freunden vereinbart, welchen Bus sie nehmen werden, überfliege ich einen Artikel über bionische Linsen.
Die Technologie scheint nun endlich einsatzbereit, daher werden Testpersonen gesucht, die die Linsen einige Tage probetragen. Könnte ich mir gut vorstellen. Ich beschließe, mich zu melden.
Um halb acht bricht Emily auf. Ich dusche erst einmal und räume den Frühstückstisch auf. Dann geht’s an die Arbeit.”

Emily

Emily ist die 13-jährige Tochter von Markus und besucht die siebte Klasse einer Ganztagesschule. Ihr Traum ist es, Modedesignerin in Indien zu werden, wo ihre Mutter als Ärztin arbeitet. Um diesen Traum zu verwirklichen, entwirft Emily bereits eigene Mode, die sie mit ihrer Lieblings-App Dresscode postet. Um sich ihre technische Ausstattung leisten zu können, führt Emily die Hunde in der Nachbarschaft aus.
Emily_imText„Halb sieben… nein… ich will noch nicht aufstehen! Naja, hab eh keine Wahl. Ich kann ja unter der Dusche noch ein bisschen chillen, bis Papa kommt und sich wieder über die zu laute Musik im Bad beschwert.
Oh Mann, jetzt muss ich mich schon wieder beeilen. Vielleicht sollte ich mir doch mal angewöhnen, schneller aus dem Bett zu kommen… Die Werbung vor den Stylingtutorials wird auch immer länger, so ein Mist! Wo war denn jetzt das coole Video mit der eingedrehten Hochsteckfrisur? Zum Glück beschlägt mit der neuen Lüftung wenigstens der Multimedia-Spiegel nicht mehr, sodass man die Projektion darauf gut erkennen kann.
Papa kommt gleich, also auf zum Frühstück! Wo ist denn mein Smartphone? Erstmal gucken, ob heute jemand mit mir im Bus fährt. Hm, zuletzt online gestern Nacht, keine neuen Nachrichten seit ein Uhr, die anderen werden wohl kaum rechtzeitig aus den Federn kommen.”

Renate und Claus

Der Tag der Senioren Renate (81) und Claus (84) beginnt um 07:30 Uhr damit, dass Renate das Frühstück zubereitet und die Lieder aus dem Radio mitsummt, während er die regionale Tageszeitung aus dem Briefkasten holt. Mürrisch liest Claus seine Zeitung am Frühstückstisch, da die Qualität des Regionaljournalismus in den vergangenen Jahren maßgeblich nachgelassen hat. Die Printversion der qualitativ hochwertigeren VAZ kann nur noch über ein Sonntags-Abo bezogen werden, da der Verlag den täglichen Druck inzwischen nicht mehr für wirtschaftlich erachtet. Unter der Woche bleibt Claus nur die digitale Ausgabe in Form der VAZ-App — das Tablet gehört für Renate jedoch nicht an den Frühstückstisch. Sie interessiert sich ohnehin eher für die Todesanzeigen in der Regionalzeitung und berichtet ihrem Ehemann eifrig über die dort aufgeführten Schicksale der ihnen bekannten Personen. Während jener vergeblich nach hochwertigen Artikeln im Politik-Ressort sucht, blättert Renate in ihrem Rezeptbuch und notiert ihrem Mann handschriftlich die Zutaten, die sie für die Mahlzeiten mittags und am Abend benötigen, damit Claus diese über die Lieferanta-App bestellen kann.

Vormittag

Niclas

Nachdem Niclas in der Uni angekommen ist, hat er von 10 bis 10:15 Uhr zunächst ein Gespräch mit seiner Dozentin Frau Yilmaz. Mit ihr spricht er über sein anstehendes Referat und muss ihr den aktuellen Stand präsentieren. Dafür, dass er alles erst in der vergangenen Nacht vorbereitet hat, ist Niclas mit dem Gesprächsverlauf zufrieden.
Danach nimmt er noch an einer Vorlesung teil, wobei er seine Datenbrille nutzt, um währenddessen Vorlesungsfolien und weiterführende Artikel zu lesen.
Wissenschaftliche Artikel werden ihm dabei von der Universitätsbibliothek digital zur Verfügung gestellt.
Bei der anschließenden Übung projiziert die Datenbrille die Übungsblätter per Augmented Reality auf den Tisch vor ihm. Er bearbeitet die Aufgaben mit einem speziellen Digitalstift (ohne Tinte), sodass die Eingaben über der Datenbrille virtuell auf dem Blatt angezeigt werden.

Julian

“Jeden Tag U-Bahn. Das ist nach wie vor das zuverlässigste und technisch am besten ausgestattetste Verkehrsmittel. Ich werfe einen Blick in meine Lieblingsapp PimpYourBody. Dafür, dass ich die für 20 Euro monatlich abboniere, ist die Information, dass Schokolade den Hormonhaushalt dereguliert, dürftig. Muskelförderung beim Seilspringen, das wäre eher was für meine Tochter. Der neue Personal Interest Filter überzeugt eben noch nicht. Dann ein kurzer Klick auf MySoccer: Dortmund ist abgestiegen. Auf einmal gucken alle auf den Infoscreen. Breaking News: Erdbeben, Richter 3 im Silicon Valley. Heftig. Dass meine Filter-App mir das nicht anzeigt, überrascht mich. Vielleicht muss ich an den Filtereinstellungen noch einmal was ändern.
Immer dieser ewige U-Bahn-Weg zu Schillerstraße. Aber die Bewohner der Schillerstraße 3 waren meine ersten Stammkunden. Ihre Sockelvergütung bringt mir immerhin 250 Euro pro Monat plus Auftragszuschläge. Die Heizungssteuerung des Zentralrechners in Wohnung 10 ist mit meiner Software schnell repariert. Faszinierend, wie das immer funktioniert. Aber während Mark Zuckerberg programmieren lernte, hab ich mich durch Age of Ampire und Serious Sam gelevelt.
Dann ist eigentlich Freizeit. Und Freizeit heißt Tablet. Tablet heißt PimpYourBody, MySoccer oder – TenderMeet. Dort lächelt mir Monicas anmiertes Profilbild entgegen. Heute Abend werden wir uns treffen – bei mir. Sie sieht in TenderMeet zumindest ganz nett aus. Dann öffne ich Face2Face. Dass Leonie schon wieder Bilder in indischen Lappen posten muss… Stefanie lässt mich einfach nicht nah genug an sie heran. Auf WhosOn sehe ich, dass Andi und John um 4 Uhr in den Gym gehen. Ich sage mal zu.”

Zeynep

Um 9:00 Uhr kommt Zeynep in der Universität an. Sie setzt sich an ihren Arbeitscomputer und öffnet ihren Terminplaner, um ihren Tag grob zu planen. Dann beginnt sie, für ihr Forschungsthema „Politische Ökonomie des türkischen Mediensystems“ zu recherchieren. Über ihren PC hat sie Zugriff auf die digitalisierten Versionen von Büchern der Bibliothek. Kostenpflichtige Fachzeitschriften kann sie über ihren Uni-Account einsehen. Hin und wieder steht sie auf, um eines der alten Fachbücher aus dem Regal zu holen. Um 10:00 Uhr klopft es an der Tür und der Student Niclas kommt herein. Zeynep freut sich, den Studenten auch einmal im richtigen Leben zu treffen, da sie ihn sonst nur von Online-Kursen und Chats kennt. Sie überfliegt die vorläufige Struktur seines Referates für ein Seminar und hat ein paar Änderungsvorschläge. Insgesamt ist sie zufrieden mit seinem Fortschritt und lobt seine fundierte Recherche. Nachdem Niclas gegangen ist, gestaltet sie auf ihrem Laptop Präsentationen für ihre Seminare und organisiert per Rundmail ein Meeting mit den Forschungskollegen für den nächsten Tag. Schließlich macht sie sich an die Korrektur einer Hausarbeit eines Studenten, wobei ihr eine kostenfreie Plagiate-App sehr hilft.

Markus

8:00 Uhr. Noch wirkt Markus entspannt. Die Kaffeetasse in der Hand setzt er sich an den Schreibtisch, fährt seinen Laptop hoch und liest nebenbei auf seinem Smartphone:
Hausmeister Julian: Bitte um Bestätigung des Termins zur Reparatur 13:45.
Antwort von Markus: OK.

Markus scheint zufrieden, checkt seine E-Mails. Nichts Besonderes. Wobei: Doch, dieser Morgen ist besonders, was Markus merkt, als er mit dem Monitoring beginnt.
Blogger (gestern, um 22:12): Nehmt bloß nie die Hautcreme von BeautifulSkin!! Mein Gesicht ist angeschwollen, ich habe Ausschlag und bin knallrot!!! Dem Post beigefügt ist ein Selfie des Bloggers. Das sieht nicht gut aus.
Markus wird unruhig. Der Blogger hat 100.000 Follower auf Shitter, dem beliebtesten Portal unter der immer größer werden Zahl so genannter Trolle, übel gelaunter Netz-Nutzer. Es häufen sich bereits zahllose wütende Kommentare. Über Markus bricht eine E-Mail-Flut herein. Auch der Vorstand hat bereits Wind von den Vorgängen bekommen. Markus beantwortet die E-Mails hektisch.
9:00 Uhr PersonalNews: Breaking News: ERDBEBEN IM SILICON VALLEY. AUSWIRKUNGEN NOCH UNKLAR.
In solchen Momenten ärgert sich Markus fast, die Push-Notifications nicht ausgestellt zu haben. Genervt klickt er die Nachricht weg, ohne sie bewusst gelesen zu haben. Er spykt mit dem Vorstand. Was ist hier los? Verleumdung oder Wahrheit? Wie hoch ist das Ausmaß des Schadens? Markus schüttelt den Kopf. Was für ein Morgen.
12:00 Uhr. Nach endlos scheinenden Spyke-Calls scheint das Problem allmählich behoben. Markus wird wieder ruhiger. Nach einem Arztbesuch scheint geklärt, dass der Blogger lediglich allergisch auf das Produkt reagiert hatte. Er zeigt sich nun kooperativ und akzeptiert einen Gutschein in Höhe von 100 Euro als Wiedergutmachung. Erleichtert checkt Markus nun seine Fitness-App.

Emily

Zum Einsteigen in den Bus zur Schule lässt Emily ihr Smartphone in der Hosentasche, weil der Bustürscanner ihr elektronisches Monatsticket automatisch erfasst. Wie erwartet sind ihre Freundinnen noch nicht auf dem Weg zur Schule. Nachdem sie einen Platz im überfüllten Bus gefunden hat, überfliegt Emily die Neuigkeiten, die ihre Tablet-App Dresscode zu bieten hat. Sie freut sich über die positiven Bewertungen, die ihre gestern veröffentlichten Modeentwürfe bekommen haben und kommentiert einen Artikel des Modedesigners Karl Feldlager. Für ihre Aktivität bekommt Emily neue Credits, mit denen sie weitere Inhalte von Dresscode kostenlos konsumieren kann.
UnterrichtIn der Schule angekommen, schließt Emily ein Grafiktablet an ihren Laptop an.
Sie ärgert sich, dass sie trotz der virtuellen Möglichkeiten weiterhin Schulbücher im Printformat in die Schule mitnehmen muss. Während der Lehrer am digitalen Tafelbild erklärt, wie die Schüler einen neuen Raum in ihrer Programmierumgebung aufbauen, scannt Emily den QR-Code ihres Lehrbuchs ein, um zu den dazugehörigen Übungen zu gelangen. Der Informatikunterricht ist inzwischen verpflichtendes Hauptfach. Mit seinem OLED-Pult synchronisiert der Lehrer die Schüler-PCs, bevor Emily mit dem Programmieren beginnt.

Renate und Claus

Um 08:45 Uhr fährt Renate mit einer (über eine App organisierte) Mitfahrgelegenheit wegen ihrer stark ausgeprägten Sehschwäche zum Augenarzt. Im Wartezimmer findet sie die Printversion der Farbenfrohen vor, über die sie sich aus Nostalgiegründen freut und sie durchblättert, denn ihr Sohn Julian hat ihr inzwischen die kostengünstigere, auf dem “Pay as you read”-Prinzip basierende Farbenfrohe-App auf dem Tablet installiert. Aufgrund ihrer Sehschwäche kann sie ohnehin nur die digitale Ausgabe mit Schriftvergrößerung lesen.
Unterdessen holt Claus sein Tablet hervor, woraufhin er prompt durch eine Push-Notification seiner VAZ-App über ein Erdbeben im Silicon Valley informiert wird. Er überfliegt die wichtigsten Details der Eilmeldung, widmet sich dann aber — wie eigentlich geplant — einem Artikel in seiner Garten-Fachzeitschrift über neuartige Düngemittel. Ein QR-Code ermöglicht ihm die rasche Bestellung des Testsieger-Düngers über den mit dem Magazin verknüpften Onlineshop. Anschließend widmet er sich der Gartenarbeit, während er klassische Musik über sein Hörgerät hört, welches per Bluetooth mit seinem Tablet verknüpft ist.
Peter und Monika, eher einkommensschwache Freunde des Paares, kommen bei einem Spaziergang zufällig am Garten vorbei. Claus spricht das Unglück in den USA an, von dem die beiden leider nichts mitbekommen haben. Sie lesen aus finanziellen Gründen ausschließlich die günstige Printregionalzeitung und bekommen daher manche Sachverhalte nicht oder erst recht spät mit. Peter nutzt die Gelegenheit, eine Einladung zu seiner Geburtstagsfeier am Wochenende im Schützenverein auszusprechen. Das Gespräch wird durch den Lebensmittelboten unterbrochen, der die Bestellung vom Morgen vorbeibringt. Nach Inspektion der Lebensmittel bezahlt Claus den fälligen Betrag in bar — mit der Vorab-Bezahlmethode PayBuddy ist das Rentnerpaar nämlich nicht vertraut.

Mittag

Niclas

Nach der Übung geht Niclas in der Mensa essen. Per Navigation über die Datenbrille findet er sofort die Kommilitonen, mit denen er sich verabredet hat. Sie machen einen Termin für die Bearbeitung einer gemeinsamen Hausaufgabe aus und legen die einzelnen Arbeitspakete für die Gruppenmitglieder fest. Dabei nutzt er die Terminplanung auf seinem Smartphone, da die Gesten- und Sprachsteuerung und die Sprachsteuerung der Datenbrille auch 2025 noch immer ein ungewohntes Bild für die Umgebung abgeben.
Danach unterhalten sie sich noch über die neue Hype-Serie “Game of Bones” und diskutieren über eine umstrittene Szene, die heute Morgen schon seine Social Media Timelines verstopfte. Niclas hat sich einen Season-Pass gekauft, einer seiner Freunde hat ein Abo bei Whatever und ein anderer zieht sich die Filme bei movie8k.to.
Niclas schaut sich die Serie zu Hause immer auf seiner Datenbrille an, die im Jahr 2025 eine so gute Qualität hat, dass sie Monitore ersetzen kann. Fernseher und Beamer sind nach wie vor die Hauptgeräte in den Haushalten, jedoch ist Niclas mit der Brille ausreichend zufrieden.

Julian

MensaJulian bestellt beim Chinesen ein Drei-Gänge-Menü für sein Date am Abend. Dabei wird er hungrig. Er öffnet die HomeCooked-App und checkt, welcher private Anbieter in der Nähe ein günstiges und leckeres take-away Gericht anbietet. Er entscheidet sich für Steak und Ofenkartoffeln zwei Straßen weiter. Mit dem Mittagessen setzt er sich in einen nahegelegenen Park. Während des Essens surft er mit seiner MultiMediaBrille in sozialen Netzwerken und sieht sich Zusammenfassungen von Fußballspielen an. Für seine MySoccer-App zahlt er eine monatliche Gebühr und erhält zusätzlich Angebote von online – Fitnessausstattern. Nach dem Mittagessen macht er sich auf den Weg zu seinem zweiten Auftrag.

Zeynep

Kollege: “Zeynep, es ist 13 Uhr. Bist du fertig für die Mittagspause? Ich würde dann losgehen.”
Zeynep: “Ja, ich komme! Lass uns die anderen abholen.”
Die beiden sammeln die restlichen Kollegen ein und machen sich auf den Weg zur Mensa.
Kollege: “Habt ihr schon von dem Erdbeben im Silicon Valley gehört? Ziemlich heftig oder?”
Zeynep: “Was? Das habe ich ja vor lauter Arbeit gar nicht mitbekommen!”
Manchmal ist eben auch der am besten informierte Mensch zu beschäftigt zum Nachrichten lesen, aber während der wissenschaftlichen Recherche kann sie sich einfach nicht ablenken lassen.
In der Mensa angekommen wird erst einmal der Speiseplan analysiert und Zeynep stellt freudig fest, dass es heute türkische Spezialitäten gibt.
Zeynep: “Schaut mal heute gibt es Sarma — mein Lieblingsessen! Balance, integriere das in meinen Ernährungsplan!”
Balance: “Sarma ist kompatibel mit deinem Ernährungsplan und wurde soeben integriert.”
Ein OLED-Fernseher über der Essensausgabe zeigt ihnen freie Plätze in der Mensa an. Am Tisch angekommen folgt eine angeregte Diskussion über das aktuelle Forschungsprojekt, während der alle die Zeit vergessen. Doch zum Glück gibt es ja die Technik:
Balance: “Hallo Zeynep, es ist Zeit für ein paar Übungen.”
Zeynep: “Mist, so spät schon? Bis später Leute, ich muss jetzt los.”
Zeynep geht zurück in ihr Büro und macht einige Fitnessübungen. Anschließend liest sie noch einen Artikel im International Politics, welchen sie für die Arbeit abonniert hat. Schon ist ihre Pause vorbei.

Markus

“Um 13.00 Uhr klingelt mein Smartphone. Meine Fitness-App macht mich darauf aufmerksam, dass FoodDrone soeben meinen Salat zugestellt hat. Na endlich. Ich speichere die halbfertige Pressemitteilung und hole meine Bestellung, die von einer Drohne direkt vor der Tür abgestellt wurde.Paketdrohne
Während ich am Küchentisch meinen Salat esse, sehe ich auf dem OLED-Display die Breaking News von PersonalNews aufleuchten. ‘Erdbeben im Silicon Valley? Achja, stimmt.’
Dunkel erinnere ich mich an den Vormittag. Interessiert klicke ich den Artikel an und informiere mich über den aktuellen Stand. Zum Glück brauche ich mir um meine Dateien keine Sorgen zu machen. Vor einem Jahr habe ich in weiser Voraussicht von unserem Hausmeister einen eigenen Server aufsetzen lassen, der sämtliche Dateien regelmäßig lokal speichert.
Noch während des Lesens fällt mir ein, dass ich YouTravel gestern versprochen hatte, ihnen genauere Informationen über meine Geschäftsreise nächste Woche mitzuteilen. Es wird nach London gehen und Emily wird mich begleiten. Zum Glück hat mir Tom die Website YouTravel empfohlen, die von einem ehemaligen Reiseführerverlag gegründet wurde. Es ist wirklich eine Entlastung, dass virtual assistants mir Flug, Hotelbuchungen, meine Terminkoordination und die Schulbefreiung sowie die Organisation des E-Learning Programmes von Emily abnehmen. Ich habe ein bisschen Angst, dass Emily mit dem E-Learning-Programm und der selbständigen Bearbeitung der Aufgaben nicht zurechtkommt. Ich zumindest bin überrascht von der Komplexität der Software. Wie soll da eine 13-jährige durchblicken? Andererseits: Meine Eltern hielten damals auch alles für Hexenwerk, was ich mit meinem ersten iPhone angestellt habe. Wird schon funktionieren. Notfalls kann ihr ja auch noch Zeynep, ihre Spyke-Nachhilfelehrerin, helfen… Ich verschicke die Auftrags-Mail. Um 13:45 klingelt es an der Tür. Aus Gewohnheit sage ich ‘Open’. Doch dann fällt mir ein, dass die Sprachsteuerung kaputt ist. Seufzend stehe ich auf, öffne dem IT-Hausmeister und ziehe mich nach einem kurzen Gespräch in mein Arbeitszimmer zurück.”

Emily

“Zum Glück ist endlich Pause, ich sterbe vor Hunger! Außerdem sind die Plätze in der Mensa immer so schnell voll. Sie könnten wirklich die Leseecke mit den Zeitungen abbauen, da guckt sowieso nie jemand rein und das Regal nimmt nur Platz weg! Oh cool, Mama hat in WhosOn neue Bilder von ihrer Kongressreise in Indien geschickt! Es wird wirklich Zeit, dass ich sie wieder besuchen kann! Ah super, bei den anderen am Tisch ist noch ein Platz frei.
Wer hat mir eigentlich bei Dogcare geschrieben? Morgen hätte ich ja Zeit, wieder ein paar Hunde auszuführen. Außerdem brauch ich das Geld dringend für mein neues Smartphone, und sonst lohnt sich auch der Monatsbeitrag für das Portal gar nicht. Sehr gut, zwei Interessenten haben sich schon gemeldet, da schreibe ich mal gleich zurück.”

Renate und Claus

Gleichzeitig mit der Lebensmittellieferung kehrt Renate zurück und beschwert sich ausführlich bei Ihrem Ehemann über die immer länger werdenden Wartezeiten bei Arztbesuchen. Sie geht in die Küche und beginnt mit der Zubereitung des Mittagessens, während Claus im Wohnzimmer ein paar Rechnungen sortiert und den Live-Ticker eines Auslandskorrespondenten zum Erdbeben in seiner Nachrichten-App verfolgt, bis es Essen gibt. “Engelchen, das schmeckt mal wieder sehr gut!” — Renate freut sich über das Kompliment und schlägt vor, dasselbe Gericht am Wochenende noch einmal zu kochen, wenn ihre Enkelin Leonie zu Besuch kommt. Claus erinnert an die strengen Ernährungsregeln, die sich das Mädchen selbst gesetzt hat und möchte vorab in einer E-Mail fragen, ob das Gericht in Ordnung ist. Nach dem Essen greift Renate nach ihrem Tablet, um ihrer Enkelin zu schreiben.

Nachmittag

Niclas

Nach der Mittagspause fährt Niclas mit der U-Bahn nach Hause. Er denkt dabei an das Interview, das er am nächsten Tag führen wird. Mit einem YouTube-Kanal und einem Blog hat er sich eine regelmäßige Zuschauerzahl von 100.000 Menschen erarbeitet. Auf diesen interviewt er Menschen mit Migrationshintergrund, die aus einem aktuellen Krisengebiet stammen. Mit diesen authentischen Inhalten und einer klaren Objektivität zu den Themen setzt er sich gegenüber anderen ab. Der nächste Beitrag handelt von der aktuellen Krise in einer chinesischen Provinz. In seinem erweiterten Bekanntenkreis ist er auf Lu Lee Zhang gestoßen, die von dort stammt und noch Kontakt mit Freunden in ihrem Herkunftsland hat. Für das Gespräch prüft er auf seiner Datenbrille und mit dem Laptop als Eingabegerät noch einige Hintergründe. Zudem legt er die Schwerpunkte und die Betrachtungsweise fest und leitet daraus geeignete Fragen an Frau Akram ab. Durch einen Stromausfall kam die U-Bahn zum Stehen und auch das Internet war nicht verfügbar. Weil Niclas so nicht weiter recherchieren konnte, kam ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn zustande. Die Unterhaltung war zwar kurzweilig, dennoch hatte Niclas nicht den Eindruck, dass sein Gesprächspartner mit allzu hoher Intelligenz gesegnet war.

Julian

“Um 13:45 Uhr komme ich in Markus’ Wohnung an. Er zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück, ich kann mich um das Schlafzimmer kümmern. Die Sprachsteuerung der Jalousien ist defekt, ich lade ein Patch herunter. Das dauert eine Weile. Genügend Zeit, um die CCTVs neu einzustellen. Ordnung muss sein.
FitnessstudioDann geht’s ins Fitnessstudio. Auf dem Weg dorthin passiert mir etwas Seltsames. Die U-Bahn hält mitten auf ihrem Weg an und das Licht geht aus.
Die Serververbindungen zu den CloudServices von sozialen Netzwerken und Kommunikationsdiensten reißen ab – das muss am Erdbeben im Silicon Valley liegen. Die Menschen werden nervös und schauen irritiert um sich. Ein junger Typ gegenüber nimmt seine Datenbrille ab und spricht mich an. Das Gespräch kommt auf Technik, er kennt sich erstaunlich gut aus. Ich finde heraus, dass seine Lieblingsserie auch „Game of Bones“ ist, so übel ist der Typ gar nicht.
Irgendwann geht’s weiter und ich komme doch noch zum Gym. Andi und John stehen schon am Laufband. John trägt ein neues Schweißband, das seinen Puls misst. Es verbindet sich drahtlos mit dem Laufgerät, das wiederum ans Tablet die Laufleistung schickt. John regt sich gerade darüber auf, dass seine Trainings-App das Laufband verlangsamt. Die Aufregung erhöht den Puls und das Laufband wird noch langsamer.
Beim alkoholfreien Julitiner Bier danach kommt noch ein Auftrag rein. Herr Weber aus der Gallienerstraße weiß nicht, warum sein Fernseher nicht funktioniert. Dort angekommen wundere ich mich darüber, wie gut der ältliche Herr technisch ausgestattet ist. Zwei Stecker sind vertauscht, dann läuft der Fernseher wieder. Erstaunlich, dass es diese Volksmusikshows noch gibt. Soweit so gut. Hoffentlich kriege ich heute nicht noch einen Auftrag…”

Zeynep

Pünktlich um 14:15 Uhr steht Zeynep im Hörsaal und hält ihr Seminar „Politisches Denken in der zeitgenössischen Türkei“. Wie immer sind nur sehr wenige Studenten anwesend, da es viele vorziehen, die Aufzeichnung des Seminars zu Hause anzuschauen. Für rege Diskussionen bleibt trotzdem in online Chats noch Platz. Manchmal fragt sie sich aber, ob es nicht einfacher wäre, wenn auch sie von zu Hause unterrichten würde. Nach der Doppelstunde packt sie ihren Laptop ein und geht zurück in ihr Arbeitszimmer. In der nächsten halben Stunde aktualisiert sie nochmal ihren Terminkalender. Dabei sieht sie, dass in 2 Wochen eine Konferenz in Kairo ansteht und sie noch den Flug buchen muss. Nachdem sie das erledigt hat, macht sie sich auf den Nachhauseweg. In der U-Bahn schreibt sie auf ihrem Smartphone die Einkaufsliste für den nächsten Tag, natürlich mit Ernährungsempfehlungen von Balance. Dann sucht sie sich über bookfy eine Kurzgeschichte für den Flug zur Konferenz. Reisen sind die einzige Gelegenheit, bei der sie sich noch Zeit nimmt, ein “Buch” zu lesen. Von zuhause gibt sie der Schülerin Emily von 17.00-18.00 Uhr Englischnachhilfe via Spyke auf ihrem OLED-Display.

Markus

Sein Smartphone erinnert Markus daran, dass für heute Nachmittag eigentlich die Planung der viralen Marketing Kampagne für BeautifulSkin auf dem Programm stünde. Durch die Ereignisse des Vormittags gibt es jetzt aber weitaus Wichtigeres zu tun. Markus setzt sich an seinen Laptop um die Pressemitteilung fertigzustellen und beantwortet letzte beunruhigte E-Mails. Im Anschluss bestätigt er die Buchungen, die ihm von YouTravel zugesandt wurden, und bricht um 15.45 auf um Emily von der Schule abzuholen.
Markus gibt die Adresse der Schule in sein Self-Driving-Car ein und macht es sich auf dem Beifahrersitz bequem. Während das Auto die Schule ansteuert, checkt Markus auf dem im Beifahrerfenster eingefassten OLED-Display die aktuellsten News über das Erdbeben im Silicon Valley. Mark Zuckerberg gilt seit dem Vorfall als vermisst. Mehrere Nachbeben erschweren die Bergungsarbeiten.
An der Schule angekommen, steigt Emily ein, die beiden unterhalten sich kurz über den Schultag, bevor sich Markus wieder dem OLED zuwendet und Emily ihr Smartphone aus der Tasche holt.
PaketboteZu Hause angekommen besprechen sie welches Gericht sie später kochen wollen und Emily verschwindet zur Online-Nachhilfe mit Zeynep in ihrem Zimmer. Über seine App FoodKits bestellt Markus die Zutaten die für den ausgewählten indischen Eintopf benötigt werden. Dann setzt er sich wieder hinter seinen Schreibtisch und schaut erst eine Stunde später wieder auf, als der FoodKits-Zulieferer an der Türe klingelt.

Emily

Um 14 Uhr beginnt für Emily der Englischunterricht. Auf ihren Tablets liest die Klasse „Slumcat Millionaire“. Dieses E-Book gefällt Emily besonders gut, weil die Handlung in Indien spielt. Anschließend spyked Emily mit ihrer Partnerschülerin Katy aus New York, was inzwischen fester Bestandteil des Englischunterrichts ist. Katy erzählt aufgeregt von einem Erdbeben im Silicon Valley, das Emily aber nicht sonderlich interessiert. Anschließend tauschen sich die beiden über die von den Lehrern vorgegebenen Fragestellungen aus und laden die Ergebnisse mit dem Kursmanagementsystem poodle in den virtuellen Kursraum ihrer Klasse.
Emilys Vater Markus wartet nach Schulschluss bereits im Auto vor der Schule. Emily erzählt von ihrem Schultag, bevor sie sich den Blogs der von ihr verehrten Modedesignerin widmet. Zuhause beginnt Emilys Englisch-Nachhilfeunterricht bei Frau Dr. Yilmaz, der auf Drängen ihres Vaters zweimal in der Woche per Spyke stattfindet.

Renate und Claus

Claus überprüft aus Gewohnheit auf seinem Smartphone in der Healthlog-App, durch die seine Blutwerte auch an seinen Hausarzt weitergegeben werden, die Verbindung zu seiner Insulinpumpe. Währenddessen löst Renate ein Kreuzworträtsel in der VAZ-App, welches sie aufgrund ihrer Sehschwäche ebenfalls in der Schriftgröße angepasst hat. Sie hofft, die ausgeschriebene Kreuzfahrt zu gewinnen.
Gerade als Claus sich für sein tägliches Mittagsschläfchen hinlegen will, fällt ihm ein, dass er Renate über Peters Einladung zur Geburtstagsfeier informieren sollte. In einem Anflug von Spontaneität möchte Renate sofort in die Buchhandlung fahren, um Peter ein hochwertiges Hardcover-Buch zu kaufen (diese unterscheiden sich deutlich von den günstigen Softcover-Formaten, die weitgehend von E-Books abgelöst werden und sind sehr teuer).
Claus ist von der Idee überzeugt und beide fahren mit ihrem Elektro-Auto (Claus’ ganzer Stolz) zur Buchhandlung in der Stadt. Sie entscheiden sich für einen Bestseller von Don Black; beim Stöbern findet Renate außerdem einen interessanten Roman, welchen sie sich auf ihren E-Book-Reader laden will. Dazu scannt sie mit ihrem Toloni, einem Reader von großen deutschen Buchläden, den Code auf der Rückseite des Buches und lässt den Zugang an der Kasse gegen Barzahlung freischalten.

Abend

Niclas

FingerabdruckAbends trifft sich Niclas mit Freunden. Bei der Unterhaltung kommen verschiedene politische Themen auf. Unter anderem wird auch darüber geredet, dass Niclas vor einigen Wochen einen Artikel für eine bundesweite Zeitung schreiben konnte, die durch seine YouTube-Videos und seinen Blog auf ihn aufmerksam geworden war. Auf Nachfrage seiner Freunde erklärt er, dass die Zeitung noch entscheiden muss, ob er noch weitere Artikel schreiben darf. Bei der politischen Diskussion nutzt Niclas sein Smartphone, um den anderen einen kurzen Ausschnitt aus einem interessanten Artikel in der ZEIT zu zeigen, der nur mit Abo lesbar ist.
Am Ende des Abends zahlt Niclas mit seinem Smartphone, wobei er sich mit dem Fingerabdrucksensor seines Telefons authentifiziert.

Julian

19:45 Uhr, endlich Feierabend, denkt Julian und freut sich auf sein TenderMeet-Date. Er betritt seine Wohnung und startet per Sprachsteuerung seinen Multimedia-Spiegel. Doch seine gute Laune ist schnell verflogen – eine Push-Benachrichtigung erscheint auf dem Spiegel, Monica hat kurzfristig abgesagt. Da kommt ein Anruf seiner Eltern. Seine Tochter besuche ihre Großeltern am Wochenende, Julian möge doch auch zum Mittagessen dazukommen. Davon wusste er nichts und ärgert sich darüber, dass seine Ex-Freundin Besuche über seinen Kopf hinweg organisiert. „Leonie ist auch meine Tochter“, denkt sich Julian und schreibt ihr auf WhosOn, sobald er das Gespräch mit seinen Eltern beendet hat. Der Kurznachrichtendienst und Spyke sind die einzigen Möglichkeiten, direkt mit seiner Tochter zu kommunizieren. Aber das reicht ihm nicht. Er möchte wissen, was im Leben von Leonie vorgeht. Deshalb hat er die Smart-Home Software der Wohnung seiner Ex-Freundin angezapft und sich in ihr Kamerasystem eingehackt. Julian hat sich auch Zugang zu anderen Netzen verschafft. Es fasziniert ihn, auf diese Weise in das Leben der Mieter hineinzuschauen. Vor allem bei den Schlafzimmern und Bädern bleibt er hängen. Der Klingelton an der Tür reißt ihn aus seinen Fantasien, das chinesische Take-Away-Menü ist da. Julian setzt sich auf seine Couch und sieht seine Lieblingsserie „Game of Bones“. In seiner Monatsflatrate kann er sämtliche Serien abrufen, er bezieht das Action- und Fantasy-Paket. Wenig später döst Julian ein. „Das war ein mühsamer Tag: Drei Aufträge, 300 Fitnesspunkte in der Pimp Your Body-App, der Typ in der U-Bahn und ein geplatztes Tender-Date. Tja, mal sehen was morgen kommt“, denkt sich Julian, schnipst und der Multi-Media-Spiegel schaltet sich automatisch ab.

Zeynep

“Puh, endlich Feierabend! Mein Magen knurrt und zeigt mir so, dass es Zeit für das Abendessen ist. Balance hat natürlich schon einen Rezeptvorschlag parat und assistiert mir beim Kochen. So steht kurze Zeit später ein himmlisch duftendes Abendessen vor mir, welches ich leider etwas hastig essen muss, da ich noch mit meinen Eltern in der Türkei spyken will.
Pünktlich um 19 Uhr klingelt mein OLED-Display bei ihrem Anruf. Mama erzählt mir sofort die neuesten Entwicklungen ihrer Lieblingssoap und Papa erkundigt sich nach meiner Arbeit. Es tut gut, zu sehen, dass sich trotz der drei Jahre räumlicher Trennung nichts Wesentliches geändert hat. Nach dem Gespräch schaue ich noch schnell die ABC News im Fernsehen, in welchen immer noch über das Erdbeben berichtet wird. Da auch Server von Google und Spyke betroffen sind, mache ich schnell Sicherheitskopien meiner dort gelagerten Daten. Die Auswirkungen scheinen doch weitreichender zu sein, als ich gedacht hätte!
So, Zeit für etwas Entspannung! Gespannt verfolge ich in meiner Lieblingssoap „Bir arım“, wie ein Mädchen auf der Suche nach ihrer Zwillingsschwester ist. Etwas später merke ich, wie meine Augenlider immer schwerer werden und entscheide schlafen zu gehen. Um 22:30 Uhr liege ich schließlich in meinem Bett und döse über den Erinnerungen an den Tag langsam ein.”

Markus

Das Essen kocht auf dem Herd vor sich hin und Markus nutzt die Zeit dafür, seinen Krimi weiterzulesen. Mit seinem rollbaren OLED-Display legt er sich aufs Sofa. Er ist gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird. Sein Freund Tom, der den Krimi schon gelesen hat, war ganz begeistert von dessen Ende. Markus bezweifelt aber, dass der personalisierte Krimi, der den Verlauf der Geschichte an das Leseverhalten des Konsumenten anpasst, das gleiche Ende für ihn bereithalten wird.
Nach einem gemütlichen Abendessen widmet sich Emily ihren Modeentwürfen und Markus arbeitet noch etwas an der aktuellen Kampagne weiter, um für den nächsten Abend etwas Zeit freizuschaufeln, weil er ins Fitnessstudio gehen möchte. Um 20:45 macht ihn sein Smartphone darauf aufmerksam, dass er um 21:30 ein Treffen ausgemacht hat. Letzte Woche hat er beim Elternabend die alleinerziehende Mutter einer Klassenkameradin von Emily kennengelernt und sich mit ihr für den heutigen Abend verabredet. Bei der ganzen Aufregung hätte er das glatt vergessen! Markus erklärt den Arbeitstag also für beendet, duscht sich schnell, zieht sich um, verabschiedet sich von Emily und bricht auf. Auf dem Weg zur Bar sieht er sich noch die verpasste „Tagesblick“-Folge auf dem OLED Display seines Autos an. Der Abend mit Sabine wird sehr nett. Als dann noch die beruhigende Nachricht von Emily auf seinem Smartphone eintrifft, dass bei ihr alles in Ordnung ist, entspannt sich Markus endgültig. Die beiden unterhalten sich noch bis tief in die Nacht und Markus denkt zum ersten Mal an diesem Tag nicht an seine Arbeit.

Emily

“Hallo Papa, was gibt’s heute?”
“Ich hätte an Hühnchen mit Mango gedacht, was meinst du?”
“Ja klingt super!”
“Perfekt, die Zutaten hab ich heute früh schon als Foodkit bestellt, dann such ich jetzt mal mit dem OLED-Pult das genaue Rezept raus. Wann spykst du mit deiner Mutter?”
“So um halb sieben.”
“Perfekt, dann ist das Essen schon im Ofen.”

“Also auf Hausaufgaben könnte ich wirklich gut verzichten, ich sitz schon lang genug in der Schule. Ich frag erstmal die anderen, wie weit sie schon sind. Oh toll, Sophie hat ein neues Kleid gekauft, das sieht ja echt super aus, das werde ich gleich mal liken.
So, was mache ich denn heute Abend noch? Im Fernsehen kommt nichts Besonderes, da kann ich einfach Mytube laufen lassen. Und ich komm noch ein bisschen voran mit meinem Entwurf von gestern Abend. Der Kragen an Sophies Kleid ist toll, vielleicht kann ich sowas noch einarbeiten und eine erste Version bei Dresscode hochladen. Und dann schaff ich auch noch ein Level Hindi4you und das nächste Spiel und eine weitere Lektion wird freigeschaltet. Echt lieb, dass Papa mir die App zahlt. Zum Einschlafen kann ich das Hörbuch laufen lassen, das ich letzte Woche freigespielt hab. Aber zuerst les ich „Lovecrash 2100“ weiter, nach dem letzten Hundespaziergang war ich in der Audioversion an einer super spannenden Stelle, da muss ich wissen, wie es weiter geht.”

Renate und Claus

Etwas erschöpft kommen Renate und Claus am frühen Abend nach Hause, essen kurz zu Abend und rufen um 20:00 Uhr vom Festnetztelefon aus ihren Sohn an, um das gemeinsame Essen mit Leonie am Wochenende zu planen. Nach einem nicht allzu ausführlichen Gespräch schalten sie den Fernseher ein und sehen eine nicht-wissenschaftliche Reportage, während sie die Termine der nächsten Tage auf Renates Tablet-Kalender notieren. Anschließend bereiten sie sich für die Nachtruhe vor und liegen nicht viel später im Ehebett. Vor dem Einschlafen liest sie auf ihrem E-Book das an diesem Tag erworbene Buch in vergrößerter Schrift. Es ist ein Ratgeber eines populären Geistlichen, da Renate sehr gläubig ist und sich oft nach Orientierung sehnt. Claus hingegen liest Artikel aus dem Archiv seiner abonnierten App einer technischen Fachzeitschrift auf dem Tablet (sein persönliches Zeitschriftenarchiv im vollen Bücherregal ist leider nicht vollständig). Gegen 22:30 schaltet Renate das Licht aus und die beiden schlafen.

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Kommentare

  1. Peter Löbel sagt:

    Sehr schön gemacht. Wirklich lesenswert!
    Vielleicht ;-) wird ja nicht alles genau so kommen. Doch einiges könnte schon so werden.

  2. Andre sagt:

    Sehr spannend.

    Würde auch nicht an jeder Ecke zustimmen, aber das ein oder andere könnte man sich schon durchaus vorstellen :)

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