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Symbole und Öffentlichkeit

Symbole sind in demokratischen Systemen nach wie vor von elementarer Bedeutung – für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Vermittlung von Traditionen. Doch unter dem Eindruck der Digitalisierung befinden sie sich jetzt im Wandel.

„Was ist der Unterschied zwischen einem Protokollchef und einem Terroristen? Ganz einfach: Mit einem Terroristen kann man wenigstens verhandeln“ – das soll angeblich einer der Lieblingswitze von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck sein. Alleine schon der Gedanke, mit Protokollchefs ließe sich nicht verhandelt, sollte uns großen Respekt vor ihrer Arbeit abverlangen: Sie beschäftigen sich vor allem mit der Organisation und Terminierung offizieller Anlässe – was unter den Vorzeichen des digitalen Strukturwandels nicht leichter zu werden scheint. Eine besondere Herausforderung ist es augenscheinlich, dass die Protokollchefs in der Politik bei exakt durchgetakteten Abläufen stets bemüht sind, Unregelmäßigkeiten zu verhindern oder sie zumindest zu minimieren helfen sollten – sei es bei einem Staatsbankett, einer Auslandsreise, einem Empfang oder einem Nationalfeiertag.

Doch die Eigendynamiken öffentlicher Symbole nehmen mit der umfassenden Digitalisierung bekanntlich zu – und mit ihnen die Störfaktoren, die es zu kontrollieren und zu steuern gilt. Wer sich in den vergangenen Jahren mit der Veränderung von Ritualen, Mythen und Symbolen in der Politik befasst hat, genauer gesagt: mit der Transformation der politischen Kommunikation durch die Medien, kommt nicht umhin, auf den um sich greifenden Einfluss der Internet-Kommunikation zu verweisen. Um den Zusammenhang von Symbolen und Medien zu illustrieren, sollen hier Beispiele aus dem Journalismus herangezogen werden.

Der Symbolbegriff ist semantisch stark aufgeladen – immerhin hat er eine hohe Bedeutung für den politischen Bereich und damit auf unsere öffentlichen Symbolsysteme. Uns sind als Rezipienten etliche Symbole in den vergangenen Jahren in unendlich vielen Formaten und Gestalten in den Medien begegnet – etwa bei der Tsunami-Katastrophe in Fukushima oder dem Loveparade-Unglück in Duisburg; in der Gedenktagsberichterstattung anlässlich des Tags der Deutschen Einheit oder an den Jahrestagen des 11. Septembers 2001. Sie sind uns konkret begegnet im Skandal um Ex-Bundespräsident Christian Wulff, bei den Olympischen Spielen, im US-Präsidentschaftswahlkampf und natürlich bei der aktuellen Bundestagswahl.

Symbolische Darstellungen kommen in den Medien heute beinahe überall und fast täglich vor – aber nicht nur während politischer Krisensituationen, bei globalen Sportereignissen oder im Rahmen historischer Gedenktage, sondern natürlich auch im politischen Kleinklein, sei es in der Berichterstattung über die Banken- und Eurokrise oder in der Diskussion um die Wahlprogramme der Parteien oder bei den Kanzlerduellen. Allerdings sind es immer häufiger mosaikartige Versatzstücke, die von den Medien gelegentlich unvermittelt, aber auch in anderen Kontexten gebraucht werden. Dabei haben Symbole – vereinfacht gesagt – die Funktion, den Sinn komplexer Sachverhalte in einen Zeichenträger zu übersetzen.

Symbole sind somit eine gesellschaftliche Notwendigkeit oder, wenn man so will, eine anthropologische Grundgegebenheit, auf die wir als Mitglieder eines funktionierenden Gemeinwesens angewiesen sind. Das gleiche gilt für moderne Mythen und Rituale, also tradierte Erzählungen und symbolische Handlungsabläufe, die im Idealfall Sinn stiften, Zusammenhänge herstellen und soziale oder politische Bedeutungen signalisieren können. In der Summe wirken Symbole gemeinschaftsbildend und identitätsstiftend, indem sie unsere Gesellschaft auf eine gemeinsame Wahrnehmung von Bedeutungen verpflichten.

Guy Fawkes, Pussy Riot und der Euro

Seit längerem sind die politischen Symbolsysteme nun dabei, sich unter dem Eindruck der Digitalisierung zu verändern. Zwar operieren Symbole nach wie vor als gesellschaftlich-politischer Bezugsrahmen, der uns in einer immer komplizierter werdenden Welt Halt und Orientierung bieten will. Jedoch wird gerade die politische Symbolik allmählich untergraben, das bedeutet: sie wird ihrer originären Identität und Autorität beraubt. Im Wesentlichen sind dafür fünf Entwicklungen verantwortlich, die diese Deformierung ursächlich begünstigen:

  1. Im digitalen Zeitalter gibt es immer mehr digital hergestellte und kopierte Symbole,
  2. Durch die digitale Vernetzung werden Symbole stärker mit anderen Zeichenträgern verknüpft und verändert,
  3. Im Zeitalter der sozialen Medien werden diese Symbole schneller verbreitet und in anderen Kontexten verwendet,
  4. Mit der umfassenden Digitalisierung können Symbole qua Herkunft nicht mehr eindeutig klassifiziert werden- zum Beispiel in politische, staatliche und religiöse Symbole,
  5. Symbole entwickeln durch die Beschleunigung digitaler Informationen insgesamt ein Eigenleben, das nicht mehr steuerbar ist.

Dass durch diese Veränderungen gerade im Zuge der Digitalisierung gewissermaßen symbolische Parallelwelten entstehen wird deutlich, wenn man sich an die Bildsprache verschiedener politischer Ereignisse der letzten Jahre zurückerinnert: Die Euromünze – verbrannt, durchlöchert, geschmolzen, zerbrochen, zerbombt – ist inzwischen das Symbol für eine gescheiterte Währungsunion – zumindest haben sie einige Medien wie der „Spiegel“ dazu gemacht.

Die Strickmaske und die geballte Faust mit der antifaschistischen Bürgerkriegsparole „!No Pasaràn!“ (sie werden nicht durchkommen) wurden zum Symbol des Widerstands der Band Pussy Riot gegen die russische Staatsgewalt unter Vladimir Putin.

Natürlich muss auch an die Guy-Fawkes-Maske erinnert werden, derer sich die Occupy-Bewegung in der ganzen Welt bemächtigt hat. Als Symbol des Protests steht sie gegen die herrschende Weltwirtschaftsordnung stellvertretend für die „99%“ und den „Anonymous“.

Auch die Sanduhr der Whistleblower-Plattform Wikileaks und das Konterfeit ihres Gründers Julian Assange sind – je nachdem, welche Lesart man bevorzugt – zu Ikonen der Pressefreiheit oder zum Symbol der Informations-Anarchie geworden.

In der deutschen Internet-Gemeinde vielfach herumgereicht und zum Symbol eines neuen politischen Lebensgefühls wurde das Signet der Piraten-Partei; die schwarze Flagge dient nunmehr als Logo für eine Generation Internet-affiner Politiker und Wähler, die sich unter anderem für eine direkte Demokratie und mehr Teilhabe in der digitalen Gesellschaft einsetzen.

Erinnern könnte man noch an das „Hope“-Poster des Künstlers Shepard Fairey, das zur Ikone der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama im Jahr 2008 wurde: Das Kunstwerk der Hoffnung wurde in den vergangenen Jahren verfremdet und in etlichen neuen Kontexten verwendet. Imitationen und Parodien gab es zum Beispiel in Bezug auf Obamas politische Gegner und bei der Occupy-Bewegung sowie im lybischen Bürgerkrieg 2011.

Noch ein letztes Beispiel: Neda Agha-Soltan heißt die Studentin, die als „Engel des Iran“ berühmt wurde, weil sie im Juni 2009 bei einer Demonstration gegen die Wahl Mahmud Ahmadinedschads in Teheran kaltblütig von dessen Anhängern erschossen wurde. Das Handy-Video ihres blutüberströmten Gesichts ging anfangs ausschließlich über Twitter und Facebook um die Welt, zur Ikone des politischen Wiederstands wurde Neda erst über die sozialen Netzwerke. Was an diesen Beispielen gezeigt werden kann: Sie stehen dafür, wie einige politische Symbole im Internet zu digitalen Selbstläufern werden können, indem sie in den sozialen Netzwerken geposted, geteilt, geliked, getwittert und damit auch collagenartig zu etwas Neuem verschmelzen und dekontextualisiert werden – ob es nun Symbole des Widerstands und Protests, der Krise und des Neuanfangs oder des Gedenkens und der Hoffnung sind.

Einige der gezeigten Symbole sind einfach nur durch die Netzwelten mäandert, bis niemand mehr Lust hatte, sie zu teilen. Andere entwickelten in einem fremden Kontext eine neue Bestimmung. Und wiederum andere wurden sogar instrumentalisiert und zweckentfremdet. Ich will nicht behaupten, dass dies neu ist – solche Umdeutungen hat es immer schon gegeben. Aber neu ist doch die Geschwindigkeit und die Eigendynamik, mit der dies heutzutage immer wieder und immer schneller passiert. Als eine der schwerwiegendsten Folgen der sich beschleunigenden Internet-Kommunikation ist deshalb – zunächst ganz allgemein – das Aufbrechen traditioneller Informationsstrukturen auch und vor allem in der Politik zu bezeichnen: Zum einen sind die globalen Knotenpunkte der öffentlichen Kommunikation vielfältiger und komplexer, aber auch unmittelbarer und schneller geworden. Zum anderen könnten sich die herkömmlichen Formen politischer Öffentlichkeit aufgrund der vernetzten Architektur des Supermediums Internet schon sehr bald auflösen.

Journalismus ohne Leitfunktion?

Diese Vorgänge haben gerade im politischen Journalismus, der ja bisher grundlegend auf eine lineare Informationsverbreitung und -verdichtung angewiesen war, in den vergangenen Jahren zu ebenso schwerwiegenden wie schmerzhaften Erkenntnissen geführt, zum Beispiel

  1. Wird seine umfassende Orientierungsleistung erschwert, über aktuelle, nennenswerte und faktische Ereignisse zu berichten.
  2. Wird seine Aufgabe als maßgeblicher Themenlieferant und Agenda Setter (gerade im Nachrichtenbereich) unterwandert,
  3. Kann er nicht mehr die Synchronisation zur Integration breiter Teile unserer Gesellschaft gewährleisten,
  4. Schwindet seine Bildungsfunktion – also sein Einfluss zur politischen Meinungs- und Willensbildung beizutragen,
  5. Wird letztlich auch seine gesamtgesellschaftliche Ordnungs- und Stabilisierungsfunktion immer mehr infrage gestellt.

Gefragt werden muss also auch, inwieweit die Leitfunktion des Journalismus, der Werte, Traditionen und Normen vermitteln soll, verwässert wird. Denn im ungünstigen Falle bildet er kein verlässliches Frühwarnsystem für politische Krisen oder zur Kontrolle der Macht mehr – also das, was in der Fachsprache unter einer Wächterfunktion verstanden wird.

Bei diesen Erfahrungen aus dem Journalismus handelt es sich freilich um Risiken und Nebenwirkungen, die als Worst-Case-Szenarien zu betrachten sind. Aber sie ergeben sich mit der zersplitterten Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter beinahe zwangsläufig. Immerhin lässt sich daraus eine gewisse Brisanz in Bezug auf die Identität des Journalismus herauslesen. Denn es sollte klar geworden sein, dass die traditionellen Funktionsbestimmungen des Journalismus heute mehr denn je zur Disposition stehen – zumindest wird seit geraumer Zeit über innovative Herangehensweisen für den Journalistenberuf diskutiert: Nicht nur die Vordenker der Branche sind inzwischen der Meinung, dass die veränderten Raum- und Zeitvorstellungen im Netz angepasste Arbeitstechniken und Darstellungsformen erfordern, die größtenteils erst noch ausgestaltet werden müssen. Journalisten müssten stärker bereit sein, in anderen Kategorien, Kontexten und Begriffen zu denken und praktisch zu handeln. Sie müssten sich, vereinfacht gesprochen, stärker zu Moderatoren und Kuratoren wandeln, die stärker auf die Präferenzen von Nutzern Rücksicht nehmen und deren partizipativen Möglichkeiten in Anspruch nehmen. Dabei steht außerfrage, dass unsere Gesellschaft auch künftig den Journalismus als Bindeglied der demokratischen Öffentlichkeit brauchen wird.

Für das Symbolische in der Politik, das uns seit jeher als gesellschaftliches Bezugssystem dient, gilt Ähnliches wie für den Journalismus: Die Orientierungshorizonte verbreitern und ihre Koordinaten verschieben sich stetig – geografisch, zeitlich und sozial gesehen – , aber auch hier deutet sich an, dass nur eine hochentwickelte liquide Politik überlebensfähig bleibt.

Ein überbordendes Rauschen

Daraus folgt, dass bei der Herstellung politischer Öffentlichkeit die gesellschaftlichen Filtermechanismen filigraner, aber auch die Konkurrenzstrategien um Aufmerksamkeit vonseiten der Politik aggressiver werden. Während eine objektive Informationskultur in Diktaturen wie China, Kuba oder Syrien nur über das Internet möglich wird, bedeutet die Kommunikation über digitale Netzwerke für westliche Demokratien nicht immer einen qualitativen Zugewinn an Informationen. Vielmehr ist das ständige Rauschen allgegenwärtig geworden und derart überbordend, dass es uns schwerfällt, die guten von den schlechten Informationen zu trennen – eine Aufgabe, die ja ursprünglich dem Journalismus zufällt.

Die hohe Bedeutung des Journalismus für den politischen Bereich lässt sich aber nicht nur von dieser öffentlichen Aufgabe ableiten: Die Ausdehnung der politischen Sphäre auf die gesamte Gesellschaft geht außerdem mit einer gewollten Nähe der politischen Akteure zu medienwirksamen Vorstellungen sowie einer möglichst ungefilterten Darstellung ihrer Positionen und Inhalte einher. Dies ist in der Politik, nicht ganz zu Unrecht, inzwischen zu einem Politikum geworden, da politischer Erfolg zunehmend an die Medienwirksamkeit gekoppelt und ein nicht geringer Teil des politischen Handelns reines Politik-Marketing ist.

Dass Politik immer häufiger konsequent aus den Bedürfnissen der Medien heraus entwickelt und verkörpert wird, muss aber nicht nur Schlechtes meinen, wie der Umgang inzwischen vieler Spitzenpolitiker mit Facebook, Twitter und anderen sozialen Kanälen im Web 2.0 zeigt. Dabei geht es in der Politikvermittlung nach wie vor darum, wie die wachsende Komplexität, die unser soziales Leben immer mehr prägt, kompensiert werden kann. Qualitätsmerkmale moderner Politik markieren daher stets auch die Vergesellschaftung des Politischen, um an ein bestimmtes Evolutionsniveau unserer „Digitalen Gesellschaft“ anschlussfähig zu bleiben.

Es zeigt sich an den vorgenannten Beispielen, wie stark uns die Symbolsprache im Internet bestimmte „Weltbilder“ aufzwängen will, die wir als Common Sense akzeptieren. Es geht dabei um neue geschaffene Symbolsysteme, die auch der (politische) Journalismus nach seiner spezifischen Produktionslogik weiterverbreitet. Es geht – allgemeiner gesprochen – um strukturelle Zwänge der digitalen Medien, die sich zum Beispiel an dramaturgischen Techniken und erzählerischen Effekten orientieren. Es geht dabei um das Aufbrechen und – in letzter Konsequenz – um eine Umdeutung bestehender Symbolstrukturen. Die Gefahr liegt bei diesen digitalen Symbolwelten letztlich darin, dass sie eigene Realitäten erzeugen.

Die Durchlässigkeit politischer Symbolsysteme zeigt sich unter dem anhaltenden Eindruck der Digitalisierung überdeutlich. Aufgrund der Transformation politischer Kommunikation unter digitalen Vorzeichen lassen sich abschließend fünf zugespitzte Thesen formulieren:

These 1

Die subjektive Wahrnehmung der Menschen von Zeit und Raum hat sich in der Internet-affinen Gesellschaft zwar erheblich gewandelt. Aber das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und einer geordneten Welt ist beständig. Demnach bleibt auch die öffentliche Kommunikation von tradierten Symbolen und Ritualen durch die Massenmedien ein zentrales Moment sozialer Teilhabe, weil sie gemeinsame Überzeugungen repräsentieren.

These 2

Insbesondere im politischen Ausnahmezustand tragen Symbole dazu bei, eine Gesellschaft an ihre Normen, Werte und Traditionen zu erinnern. Die Occupy-Bewegung, der „Arabische Frühling“ oder die Verarbeitung von Katastrophen haben gerade im Hinblick auf die Internet-Nutzung bewiesen, wie symbolische Versatzstücke in der digitalen Sphäre zur rituellen Gemeinschaftsbildung eingesetzt werden können: Indem sich Betroffene, Hilfsbedürftige und Helfer in digitalen Netzwerken zum Austausch zusammenfanden, übernehmen diese Kommunikationswege während politischer und sozialer Krisen eine kathartische Funktion.

These 3

Die Zersplitterung der Gesellschaft führt unweigerlich dazu, dass die Partizipationsformen politischer Kommunikation in erster Linie nicht mehr Gemeinschaftserlebnisse in Form einer physischen Begegnung von Politik und Gesellschaft darstellen; politische Performances und Großereignisse wie die Bundestagswahl wandeln sich heute zu individualisierten Netzwerk-Events, bei denen sich die Beteiligte nach Belieben artikulieren und vernetzen. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sind die modernen Debattierclubs der digitalen Ära, die als Katalysatoren politischer Botschaften ein ortsungebundenes Interaktions- und Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Die soziale Informationsverteilung markiert eine neue Qualität und damit einen der größten Umbrüche für die symbolische Politikvermittlung.

These 4

Politik wird daher mehr denn je zu einem dynamischen Prozess, in dem politische Realitäten immer wieder überformt und transformiert werden. Die Internet-Kommunikation hat symbolische Parallelwelten erschaffen, die sich mehr und mehr der Kontrolle der betroffenen Akteure entziehen und die wir genauer analysieren müssen – erinnert sei etwa an die kürzlich aufgebauschten Medienskandale und so genannte „Shitstorms“ in der Politik. In diesen Kontrollverlusten politischer Kommunikation liegt jedoch auch die große Chance, der vorherrschenden Meinungskultur der politischen und wirtschaftlichen Eliten eine demokratische, stärker zivilgesellschaftliche geprägte Diskussionskultur entgegenzusetzen.

These 5

Die politische Öffentlichkeit im Internet steht noch am Anfang. Gerade weil die dezentrale Architektur des Internet eine Anti-Struktur repräsentiert, die äußerlich durch Beliebigkeit und Chaos gekennzeichnet ist, verlangt die Gesellschaft umso mehr nach Symbolisierungen, die Strukturen und Sicherheiten vermitteln und solchen, die soziale Werte, Rituale und Traditionen konservieren. Doch nur mit Kreativität und viel Experimentierfreude können die vielfältigen Möglichkeiten der politischen Kommunikation im Netz ausgelotet werden – denn sicher ist, dass sich die klassischen Erscheinungsformen der Politik mit ihren mitunter noch sehr schwerfälligen Abläufen und Strukturen in Zukunft weiter radikal verändern werden.

Diese fünf Thesen verlieren sich nicht der üblichen Melancholie „Früher war alles besser“: Auch wenn sich das Funktionsspektrum unserer Symbolsysteme und die Geistesverfassung des Politischen mit dem Eintritt in das digitale Zeitalter rasant verändern – entscheidend ist, dass Symbole in demokratischen Systemen nach wie vor von immenser Bedeutung sind. Sie mögen in anderen Erscheinungsformen daherkommen, und ihre Transportwege mögen sich beschleunigen. Aber deren Sinngehalt und die gemeinschaftsstiftende Aufgabe bleiben doch dieselben. Wir können ferner davon ausgehen, dass Symbole und Rituale in unseren sozialen Handlungssystemen auch weiterhin unverzichtbar bleiben, weil sie zu erheblichen Teilen für die innergesellschaftliche Kommunikation und unseren Zusammenhalt verantwortlich sind.

Allerdings, das müssen wir uns vergegenwärtigen, basieren politische Symbole auch auf dem Vertrauen und der Glaubwürdigkeit ihrer Adressaten. Dieses Vertrauen gilt es nun zu schützen und gegen die Inkonsistenzen einer sich zerfasernden Gesellschaft zu verteidigen.

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