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Süße Sehnsucht

Ob der Rabbi Yaacov Deyo ahnte, welchen Weg das Speed-Dating beschreiten würde, als er das Konzept in den Neunzigern erfand?

Die Legende besagt, dass es Rabbi Yaacov Deyo aus Los Angeles war, der im Jahr 1999 eine bestechende Idee hatte: Um die Zahl der Eheschließungen zu erhöhen, versammelte er die Singles seiner Gemeinde und sorgte dafür, dass je ein Mann und eine Frau für ein paar Minuten einander gegenüber saßen, um die nötigen Fakten auszutauschen. So ward das Speed Dating erfunden.

Bald übernahmen weitere jüdische Gemeinden das Konzept, bald veranstalteten auch kommerzielle Anbieter solche Runden. Schon begann sich die Wissenschaft dafür zu interessieren, auch Hollywood. Speed-Dating taugt einfach perfekt zur Fabel über die modernen, vielleicht sogar postmodernen Zustände: Es zeigt, was man alles zu tun bereit ist, um nicht alleine zu sein – und darf zugleich als Kritik an dem romantischen Ideal der Liebe verstanden werden, das von Film und Fernsehen oft genug in einer geradezu grotesken Variante vorgestellt wird.

Doch damit war die mediale Erfolgsgeschichte noch nicht an ihrem Ende angelangt. Vor etwa zwei Jahren lernten sich ein Mann und eine Frau beim Speed-Dating kennen und sogleich lieben. Seither trifft man immer wieder auf sie, im Fernsehen und im World Wide Web. Auf ihrer gemeinsamen Facebook-Seite posten sie Bilder von Urlauben in New York oder an tropischen Stränden, von ihrem Kurztrip zum Oktoberfest und ihren WM-Kostümierungen, von Weihnachten und dem letzten Kinobesuch. Auf jedem dieser Bilder scheinen sie unaussprechlich glücklich zu sein, ihre Säuselei ist kaum zu ertragen.

Ein paar Videos von den beiden sind ebenfalls im Umlauf, darauf ihre schönsten Momente: das Wiedersehen nach einer Trennung, gemeinsames iPod-Hören, sein Auftritt beim Karaoke-Singen. Auf ihrer Website kann man unter der Überschrift „Home Sweet Home“ einen Blick in ihre Wohnung werfen. Die Dame des Hauses steht in der Küche und mixt eine Bananenmilch, während er im Schlafzimmer das Bügeleisen schwingt. In der Garderobe lungern ein paar bunte Schuhe von ihr herum, an der Wand ein Fotorahmen mit einem Bild dieses perfekten Paars.

Frauen sind eher so hell und flüssig

Wie klingt das? Genau: unmenschlich und viel zu süß. Tatsächlich ist er ein Schokoladenriegel, der Mr. Chocolate heißt; und sie ein Glas Milch namens Mrs. Milk; auf Facebook nennen sie einander liebevoll „Milky“ und „Schoki“. Seit zwei Jahren sind die beiden das Traumpaar der Ferrero-Werbung: „Einfach Milch und Schokolade. Nur zusammen einfach einzigartig im Geschmack. Kinderriegel: Einfach zum Anbeißen.“

Nur was will uns Ferrero damit sagen? Dass Süßkram die Sehnsucht nach der großen Liebe befriedigen könnte? Dass Frauen eher so hell und flüssig und Männer eher dunkel und hart sind? Dass Beziehungen heutzutage auch nicht länger währen als ein Stückchen Schokolade? Das Gegenteil ist wohl der Fall: Der Zuckerriegel soll am Glanz dieser Partnerschaftsidylle – die durchaus auf der Gegensätzlichkeit ihrer Protagonisten beruht – teilhaben, damit seine Kurzlebigkeit nicht gar so auffällt. Weil sie nunmal unvermeidlicherweise ins Gewicht fällt.

Tauglicher mit Hüftschwung

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen dem ersten Entwurf des ersten Spots und der Fassung, von der man sich die avisierte Konsumsteigerung erhoffte. Ursprünglich waren die Rollen nämlich ein wenig anders verteilt: Da trat er an den Tisch, an dem sie bereits saß (was nicht unwichtig ist). Im Fernsehen sah man es dann andersherum – auf den unwiderstehlichen Hüftschwung eines Milchglases wollte man offensichtlich nicht verzichten. Auch knickte ihr Beinchen während des Kusses anfangs nicht gar so süß nach hinten ab, wie es das im TV tat. Zudem sah das Konzept eine Verschmelzung der beiden vor, die Umarmung sollte sich zum Schokoriegel morphen.

In der Endfassung blendete die Kamera dagegen höflich weg, nachdem Mr. Chocolate seinem Speed-Dating-Gegenüber Mrs. Milk die entscheidende Aufgabe – „Vollende bitte diesen Satz: Ich habe eine Schwäche für…“ – gestellt und sie mit fast flüsternder Stimme „Schokolade!“ geseufzt hatte, ihm deshalb der Stift aus der Hand gefallen war, beide aufgesprungen waren, er den hindernden Tisch umgeworfen hatte, sie einander in die Arme gestürzt und in einen tiefen Kuss versunken waren. Statt dieser Vereinigung von Milch und Schokolade sieht man nun einen weißen Riegel, der von einer braunen Soße überwuchert wird.

Der echte Sex kommt eben auch bei Ferrero nur in merkwürdigen Metaphern vor.

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