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Suchmaschinen: Auf der Suche nach einem Korrektiv

In der digitalen Vielfalt entwickelt sich die neue Meinungsmacht zunehmend über die Nutzung von Suchmaschinen – und dadurch durch die Algorithmen kommerzieller Unternehmen. Gedanken zu öffentlich finanzierten Alternativen.

Sollten Sie es vergessen haben: Wir haben eine Krise! Die Weltwirtschaft geht den Bach hinunter, und niemand möchte prognostizieren, ob es in einem Jahr den Euro noch gibt und wie viele Rettungsschirme noch gespannt werden. Selbst die politische Freund-Feind-Grenze ist nicht unumstößlich. Häme und Feindseligkeit sind in der internationalen Presse allgegenwärtig, selbst vor Hakenkreuzen wird nicht halt gemacht, wenn die deutsche Kanzlerin karikiert werden soll.

Und daneben existiert noch ein weiteres Feindbild: die Ratingagenturen. Jene privatwirtschaftlichen Organisationen, die über Wohl und Wehe ganzer Nationalstaaten entscheiden. Um den großen Agenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch ein wenig von ihrer Dominanz zu nehmen, wird derzeit intensiv über die Einrichtung einer nicht-gewinnorientierten Ratingagentur beraten.

Das Ranking ist das Rating für den Nutzer

Was treibt nun Medienregulierer dazu, über Ratingagenturen zu schreiben? Bei Ratingagenturen geht es um Deutungsmacht und ebendiese ist Kern des medialen Produktionsprozesses. Wer entscheidet über die Themensetzung, wie werden meinungsbildende Inhalte gefunden, wie kann die Aufmerksamkeit der Rezipienten erreicht werden? Neben den klassischen Medien übernehmen in der digitalen Welt zunehmend andere Instrumente diese Ordnungsfunktion. Insbesondere Suchmaschinen besetzen in der Onlinewelt eine Bottleneck-Position, denn was der Nutzer nicht findet, das existiert (für ihn) auch nicht. Die Suchalgorithmen sind die neuen Meinungsbildner, denn sie entscheiden darüber, was in welcher Reihenfolge wo gefunden wird. Das Ranking der Suchmaschine ist damit das Rating für den Nutzer.

Rating, Bewertung, Algorithmen – alles Begriffe, die einem aus der Diskussion um die Eurorettung bekannt vorkommen. Offenbar liegen hier bisweilen vergleichbare Problemen vor: die Konzentration auf wenige Unternehmen, die über weitreichenden Einfluss verfügen. Um diese Konzentration auf dem Markt der Ratingagenturen aufzubrechen, werden derzeit verschiedene Lösungsvorschläge diskutiert. Denkbar wäre eine europäische Ratingagentur, doch die beauftragte Unternehmensberatung Roland Berger musste im April dieses Jahres feststellen, dass Investoren an einem solchen Ansatz wenig Interesse zeigen und die Finanzierung nur schwer zu stemmen ist. Ein wenig überraschendes Ergebnis. Daraufhin legte die Bertelsmann-Stiftung eine Blaupause für INCRA (International Non-Profit Credit Rating Agency) vor. Diese nicht-gewinnorientierte Organisation soll mehr Transparenz, Legitimität und Rechenschaftspflicht bei den Länderratings gewährleisten.

Befasst man sich mit der Auseinandersetzung, die Verleger und Google derzeit führen, finden wir an dieser Stelle wiederum Analogien. Im Bereich der Textsuche hat Google zweifelsohne eine dominierende Stellung eingenommen, die von Seiten der Verleger nachdrücklich attackiert wird. Eine wiederkehrende Forderung – neben den im Vordergrund stehenden monetären Forderungen zum Revenue-Share – ist dabei, dass die Suchalgorithmen offengelegt werden sollen. Transparenzverpflichtungen und damit die Überprüfbarkeit der Suchergebnisse sollen das Missbrauchspotential eindämmen.

Eine öffentliche Suchmaschine als wirksames Korrektiv?

Missbrauch und Gefahren für die Meinungsvielfalt muss frühzeitig begegnet werden. Das Bundesverfassungsgericht verlangt in seiner Rechtsversprechung ausdrücklich, der Konzentration von Meinungsmacht frühzeitig entgegenzuwirken. Das mündet unter anderem im öffentlich-rechtlichen Rundfunkauftrag einhergehend mit der Gebührenfinanzierung als Gegengewicht zum kommerziellen Rundfunk. In der digitalen Vielfalt entwickelt sich die neue Meinungsmacht zunehmend über die Nutzung von Suchmaschinen und dies wirft die Frage auf, ob wir an dieser Stelle eigentlich ein wirksames Korrektiv haben. Könnte eine öffentliche Suchmaschine im Sinne der Meinungsvielfalt ihre Wirkung entfalten?

Es scheint ein hehres Ziel zu sein, eine Suchmaschine zu etablieren, die auf Google korrigierend ausstrahlen könnte. Doch um eine vielfaltssichernde Funktion zu übernehmen, müsste eine öffentliche Suchmaschine nicht zwangsläufig zum Marktführer werden. Sie müsste sich vielmehr der Qualität der Suchergebnisse verpflichten und sich nicht auf suggerierte Mehrheitsmeinungen beschränken. Hier könnte im Übrigen ein vielfältigeres Meinungsbild entstehen, als es derzeit der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Rundfunkprogrammen leisten kann.

Eine solche öffentliche und finanziell unabhängige Suchmaschine würde vermutlich nicht von der breiten Masse genutzt werden. Insbesondere auf dem Feld der Kartendienste und damit verbunden Anfragen zu Dienstleistungen ist Google schwerlich zu schlagen. Wo das nächste Kino ist, welche Zahnarztpraxis in der Nachbarschaft liegt und wann der Lieblingsitaliener geöffnet hat, wird auch zukünftig vor allem über Google in Erfahrung gebracht werden. Die Zunahme der mobilen Nutzung wird dies noch untermauern. Gleichwohl bestehen gute Chancen, dass auf anderen Such-Feldern das öffentliche Interesse an Vielfalt die Qualität der Rankings bestimmt. Insbesondere bei an Mitwirkung interessierten Mitbürgern könnte eine öffentliche Suchmaschine an Einfluss gewinnen.

Die Anstrengungen des Bundeswirtschaftsministeriums zusammen mit der Wirtschaft beim Forschungsprogramm Theseus zeigen, dass die Notwendigkeit alternativer Informationssammlung und -verfügbarkeit gesehen wird. Zumindest für manche Bereiche ist ein solcher zusätzlicher Datengenerator unabdingbar. Das gilt für den Bereich vernetzter Dienstleistungen, worauf sich Theseus spezialisiert. Und auch im Bereich der meinungsbildenden Rundfunkinhalte scheint es sinnvoll, dafür Sorge zu tragen, dass diese auch online gefunden werden. Diese Wahlmöglichkeit kann und muss dabei nicht mit Google in Konkurrenz treten, um erfolgreich zu sein. Es sei daran erinnert, dass auch die Wirkung der traditionellen Medien sich nicht allein nach Auflage und Nutzungsdauer bemisst.

Ein Ziel könnte „INSEV“ heißen

Insbesondere in Hinblick auf die Videosuche scheint es auch noch nicht zu spät zu sein. Die hohen Nutzungszahlen von YouTube als Videoplattform sind nicht gleichbedeutend mit einer marktbeherrschenden Position im Segment der Videosuche. Gleichwohl zeichnen sich Bestrebungen ab, auch die Suche von Bewegtbildern zu professionalisieren und auszubauen. Der Zeitpunkt scheint damit gekommen, sich zumindest Gedanken zu machen, wie eine öffentliche Alternative zu Google bei TV- und professionellen Videoinhalten ausgestaltet werden könnte.

Dabei sollte zunächst die Frage im Vordergrund stehen, welche Anforderungen an eine solche Suchmaschine gestellt werden müssten. Was müsste sie leisten, was Google nicht schon heute leistet, um sich als zuverlässiges Such- und Navigationsinstrument beim Nutzer etablieren zu können? Eine Denkfabrik wäre das richtige Umfeld, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Als Ziel könnte ausgerufen werden, ein solches Korrektiv im Bereich der Videosuche zu skizzieren, ein Modell zu erarbeiten, wie meinungsrelevante Bewegtbildinhalte alternativ gefunden werden.

Vielleicht stünde dann am Ende tatsächlich die Blaupause zu INSEV: International Non-Profit Search Engine for Video Content.


Eine weitergehende Befassung von Dr. Hans Hege zu dem Thema „Gebietet das Verfassungsrecht eine öffentlich finanzierte Suchmaschine“ findet sich im Digitalisierungsbericht 2012 der Medienanstalten, der am 4. September erscheint und im Rahmen der medienwoche@IFA vorgestellt wird.

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