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Stunde Null (Erklärer)

Mit dem Abstand von fünf Jahrzenten beleuchtet VOCER die „Spiegel“-Affäre, diese historisch einmalige Nagelprobe für die noch junge Bundesrepublik. Als Einzelereignis hat sie der Demokratie und Pressefreiheit im Land zwar nicht zum Durchbruch verholfen, war aber eine der wichtigsten Lektionen in diesem Lernprozess.

Im Frühjahr 2005 ließ die Staatsanwaltschaft Potsdam die Redaktionsräume des Politikmagazins „Cicero“ durchsuchen und leitete ein Ermittlungsverfahren gegen den Cicero-Journalisten Bruno Schirra und den damaligen Chefredakteur Wolfram Weimer ein, weil diese ausführlich aus einem streng geheimen Bericht des Bundeskriminalamts zitierten. Das beschäftigte zwar noch viele Monate danach die Gerichte und das interessierte Fachpublikum. Die Bevölkerung aber nahm von dem Eingriff der Staatsmacht kaum Notiz – geschweige denn hat sie sich dagegen aufgelehnt. Eine breite Debatte über die Freiheit der Presse ist seitdem nicht entfacht worden. Zu sehr hat sich die Gesellschaft offenbar an dieses Grundrecht gewöhnt, als dass man dafür noch kämpfen müsste.

Auch schon vor 50 Jahren gab es das Grundrecht auf Pressefreiheit. Doch als Anfang Oktober 1962 Staatsanwälte in der Redaktion des „Spiegel“ einmarschierten, die Büroräume durchsuchten und den Gründer des Nachrichtenmagazins, Rudolf Augstein, festnahmen und mehr als 100 Tage ins Gefängnis steckten, konnte man sich nicht sicher sein, wie ernst es die damals kaum 15 Jahre alte Bundesrepublik – allen voran Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß – mit diesem Grundrecht nehmen würden. Vordergründig ging es der Staatsmacht um den Artikel „Bedingt abwehrbereit“ des Redakteurs Conrad Ahlers, in dem aus einem geheimen Papier über den bedauernswerten Zustand der Bundeswehr zitiert wurde. Doch viele fürchteten, die Regierung um Strauß habe es auf den „Spiegel“ als publizistisches Organ abgesehen. Ein latent kritisches Nachrichtenmagazin sollte offenbar mundtot gemacht, die Pressefreiheit ausgehöhlt werden, so zumindest der Verdacht.

Hätten sich nicht Tausende Menschen in ganz Deutschland auf die Straßen getraut und mit Schildern und Plakaten wie „Spiegel tot – Freiheit tot“ oder „Freiheit für Rudolf Augstein – Freiheit für den Spiegel“ demonstriert, wäre das den konservativen Regenten vielleicht sogar gelungen. Denn auch fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Volk noch obrigkeitshörig. Doch nun – zum ersten Mal in der noch jungen Geschichte des Landes – spürte die Politik Wut und Widerstand. War das Ereignis also ein Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands?

In Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum „ansTageslicht“ und der Journalistenzeitschrift „Message“ durchleuchtet dieses Dossier eine historisch einmalige Nagelprobe für die noch junge Bundesrepublik: Medienhistoriker melden sich zu Wort, Zeitzeugen, Juristen und natürlich Journalisten, die die „Spiegel“-Affäre mit dem Abstand der Jahrzehnte kritisch bewerten. „Stunde Null“ betrachtet die Ereignisse von damals und jene Reifeprüfungen, die noch folgen sollten, in allen Facetten. Als Einzelereignis hat die „Spiegel“-Affäre der Demokratie und Pressefreiheit im Land zwar nicht zum Durchbruch verholfen, war wohl aber eine der wichtigsten Lektionen in diesem Lernprozess.


Die VOCER-Herausgeber Janko Tietz und Stephan Weichert verantworten dieses Dossier.

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