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Selbstbeauftragte Publizisten

Soziale Medien können und müssen eine Ergänzung und Bereicherung für den Journalismus sein – aber kein Ersatz.

Wenn man Menschen auf der Straße, die wirken, als könnten sie eine Frage in ganzen Sätzen beantworten, fragt, was für sie Journalismus bedeutet, hört man nach einem irritierten Blick auffallend oft das Wort „Wahrheit“. Unabhängig von anekdotischen und wissenschaftlichen Definitionen – diejenigen, für die Journalismus überhaupt betrieben wird, sehen im professionellen Journalismus eine Instanz der Wahrheit.

Das kann man gerade angesichts der Fehler, der Propaganda, der oft wirtschaftlich bedingten Nachlässigkeiten bei der gewerblichen Produktion von Nachrichten durchaus für problematisch halten. Man kann sich aber weder als einzelner Journalist noch als Medienunternehmen von der daraus resultierenden Verantwortung lossprechen. Medien produzieren das, was Menschen als Realität empfinden und sind damit essentiell für die Gesellschaft.

Das alles sind keine Neuigkeiten, neu ist aber das Internet und sein Einfluss auf die journalistischen Strukturen, die Realität herstellen. Dieser Einfluss lässt sich grob in zwei Bereiche gliedern: die inhaltliche Wirkung auf journalistische Arbeitsprozesse und die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die dahinterliegenden Infrastrukturen, in der Regel Unternehmen.Die unternehmerischen Veränderungen sind enorm. Auch als großer Fan des Internets muss man anerkennen, dass die Medienindustrie als Basis für professionellen Journalismus ein dramatisches Problem hat. Die über viele Jahre hochprofitablen Strukturen brechen weg. Das liegt nicht nur am Niedergang des bedruckten Papiers als Medium, sondern auch an der Verschiebung der Werbeausgaben.

Für einen funktionierenden Journalismus von morgen fehlen die Ansätze zur Refinanzierung. Jeder erfolglose Zeitschriftenlaunch in den vergangenen zehn Jahren hätte fünf unternehmenseigene Start-ups ermöglichen können, die mit entsprechenden Geschäftsmodellen experimentieren. Das wäre keine Erfolgsgarantie gewesen, aber wenigstens der ernsthafte Versuch, das Problem zu lösen. Dafür hätte man aber die Chancen für eigenständigen Journalismus im Internet höher schätzen und das Netz nicht als Anhängsel der gedruckten Zeitung oder Zeitschrift betrachten müssen.

Wie an dieser Stelle die verlegerische Realität aussieht, erkennt man an der Tatsache, dass von drei bei Gruner + Jahr Ende 2009 gestarteten Zeitschriften allen Ernstes nur eine mit einer eigenen Webseite aufwarten konnte, die zudem eher ein Online-Inhaltsverzeichnis als einer Zeitschrift würdig war. Nach der Erfindung der Taschenlampe wirft der Fackelhändler ein neues Fackelmodell nach dem anderen auf den Markt, um gegen diese seltsamen, elektrischen Handfackeln zu bestehen.

Paid-Content-Plattformen aufbauen

Wo aber liegen die unternehmerischen Chancen? Neben dem neuen Modell von Apple müssen andere Paid-Content-Plattformen aufgebaut werden, vor allem solche von allerhöchster Einfachheit. Kompliziertheit ist der Feind aller neuen Prozesse. Verbunden mit der Hürde, jemanden von einem neuen Produkt und damit vom Geldausgeben zu überzeugen, hatte bisher kein Ansatz eine Chance am Markt. Dass für Inhalte generell bezahlt wird, ist zwar auch eine Annahme, aber eine, die sich in mehreren anderen Bereichen als tragbar erwiesen hat. Apples iTunes-Store eilt von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord, der größte Teil der angebotenen Inhalte kostet. Und es handelt sich nicht nur um Musik, sondern um alle möglichen anderen Inhalte.

Neben klassischem Paid Content könnten auch andere Formen der Refinanzierung erprobt werden, zum Beispiel Prepaid Content, wie er etwa von der englischsprachigen Plattform Spot.us angeboten wird. Journalisten stellen dort Ideen für Geschichten ein, die Community kann sie per Klick mit einem Betrag unterstützen, bis das benötigte Budget zusammengekommen ist. Solche Ansätze sind mit Sicherheit kein Allheilmittel, ebenso wenig wie das iPad, aber in der Summe könnte sich eine Mischung ergeben, die den Journalismus von morgen finanziert und damit überhaupt erst ermöglicht.

Aber wie sieht eigentlich der Journalismus von morgen inhaltlich aus? Die Antwort auf diese Frage entspricht der eingangs erwähnten Wirkung des Internets auf die journalistischen Arbeitsprozesse. Die wichtigste Veränderung im medialen Schaffen ist die Entstehung des millionenfachen Rückkanals. Eigentlich ist Rückkanal sogar ein ungenaues Wort, weil damit nicht die Kommentare unter einem Onlineartikel gemeint sind. Sondern die Vielzahl der Möglichkeiten, mit einem journalistischen Inhalt im Internet zu interagieren, ihn zum Beispiel weiterzuleiten, zu bewerten, daraus zu zitieren, darauf in eigenen Kanälen zu referenzieren – all das, was im Netz jeden Tag passiert.

Verwendung von Social-Media-Plattformen

Basis für diesen Rückkanal ist die Empfehlung. Es zeigt sich, dass nicht das Internet generell den Journalismus verändert, sondern vor allem der Teil, den wir „Social Media“ nennen. Also diejenigen Medien, wo keine Redaktion über Schaffung und Verbreitung der Inhalte wacht, sondern wo das Kollektiv diese Funktionen übernimmt. Blogs nehmen hier übrigens eine Zwitterstellung ein, weil hier das Kollektiv mit Hilfe der Referenzierung in anderen Blogs nur über die Verbreitung entscheidet.

Die anfängliche Ablehnung von Social Media durch viele Redaktionen war dem diffusen Gegenüber geschuldet, bestehend aus Millionen unbekannter, selbstbeauftragter Publizisten. Inzwischen hat diese Ablehnung spürbar nachgelassen. Das kann aber nur der erste notwendige Schritt sein, der zum Journalismus von morgen führt. Und natürlich ist es keine Lösung, wenn von heute auf morgen alle Journalisten anfangen zu twittern (was sie trotzdem tun sollten, weil man nirgendwo besser die unmittelbare Wirkung von Worten erfahren kann).

Kein Platz für Experimente in Krisenzeiten

Was noch viel zu kurz kommt, ist nicht die bloße Verwendung von Social-Media-Plattformen um deren Existenz willen, sondern deren Eingang in journalistische Arbeitsprozesse und Ergebnisse. Welche Inhalte, Vorgehensweisen und Darstellungsformen sind durch das Netz überhaupt erst möglich? Dieser Frage wird wenig nachgegangen, vermutlich auch, weil für publizistische Experimente in Krisenzeiten wenig Platz ist.
Die technischen Möglichkeiten des Internets werden ärgerlich wenig ausgeschöpft. Ab und zu sieht man zum Beispiel bei der Onlineausgabe der „New York Times“ aufblitzen, was möglich wäre. Interaktive Visualisierungen, Grafiken, die einen zeitlichen Verlauf darstellen können, navigierbare Tabellen oder Übersichten – wenn man die Erklärung von Zusammenhängen als einen wichtigen Teil des Journalismus ansieht, wird hier eine riesige Chance vertan.

Aber nicht nur in der Darstellung, sondern auch in der Produktion etwa eines Artikels sollte das Netz seinen Platz finden. Ein simples Beispiel ist die Angabe (oder Verlinkung) von Quellen, die über Agenturkürzel hinaus bei traditionellen Medien kaum stattfindet. Auch die Einbeziehung des Publikums in die Ausgestaltung eines Beitrages ist äußerst selten.

Der Rückkanal aber hat unter anderem dazu geführt, dass bei jedem Thema grundsätzlich irgendwo jemand zu finden ist, der im Detail besser Bescheid weiß. Oder zumindest Bescheid wissen könnte, wenn man ihn erreichen würde. Dieses Potential zur Verbesserung der journalistischen Qualität einzusetzen, erfordert aber nicht nur das technische Vorhandensein der Möglichkeit, sondern auch die entsprechende Haltung. Es ist leider nicht die Regel, dass Onlineartikel verbessert werden, wenn ein Kommentator auf Fehler hinweist.

Im Netz ist ein Artikel nicht endgültig vollendet, sondern hat sich vom unveränderlichen Produkt zur Momentaufnahme eines laufenden Prozesses verwandelt. Eigentlich sollte daraus folgen, dass Onlinebeiträge eine Nachsorge erfahren, Verbesserungen, Ergänzungen, neue Entwicklungen, Kommentare – all das könnte in technisch geeigneter Weise den Textjournalismus im Netz verbessern.Auch die journalistische Vorarbeit und Recherche geschieht meistens abseits der Öffentlichkeit – einfache und plakative Mechanismen, mit denen das Publikum aktiviert werden könnte, finden sich kaum. Dabei gibt es viele Beweise, dass publizistischer Mehrwert durch die Einbindung der Leserschaft entstehen kann. Das bildblog etwa, das die Fehler und Lügen der Bild-Zeitung und anderer Medien aufdeckt, bekommt einen Großteil der Anlässe für ihre Artikel per Mail zugespielt. Das Blog Netzpolitik.org erfüllt eine wichtige netzpublizistische Aufgabe dadurch, dass es sich zur Anlaufstelle für anonyme Informanten im Bereich Datensicherheit entwickelt hat.

Solche Formen des investigativen Journalismus sind notwendig und bedingen eine Ansprechbarkeit durch das Publikum – auf den meisten Medienangeboten im Netz findet sich heute nicht einmal die Mailadresse der Redakteure. Auch die Einbindung von so wertvollen Plattformen wie wikileaks.org – einer Seite, auf der anonym Informationen veröffentlicht werden können, die eigentlich geheim bleiben sollten – ist noch zu wenig verbreitet. Lobend erwähnen kann man an dieser Stelle: „Die Zeit“, die sowohl mit wikileaks.org wie auch mit den Experten von informationisbeautiful.net bereits zusammengearbeitet hat.

Das Lob für die zarten Pflänzchen eines zeitgemäßen Journalismus soll hier nicht aufhören: Die „Neon“ hat zwar einen hoffnungslos veralteten Netzauftritt, aber gute Konzepte des inhaltlichen Zusammenspiels von Webseite und Zeitschrift. Die „Welt kompakt“ unternimmt erkennbar viele unterschiedliche und teilweise sehr gute Versuche, mit dem Netz und im Netz zu arbeiten – leider kommt dabei nur eine Papierzeitung heraus, aber das wird sich sicher irgendwann ändern.

Neue Haltung erforderlich

„Spiegel Online“ hat mit dem Twitteraccount @Spiegel_LIVE mehrfach hervorragende Ansätze für eine Twitterberichterstattung unternommen und verlinkt sogar Quellen – allerdings bisher nur im Ressort Netzwelt. Und der Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“, Christian Lindner, nutzt Twitter vorbildlich zur Themenfindung, zur direkten Abfrage der Publikumsmeinung und zur Interaktion mit den Lesern, ähnlich wie das Team der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Es gibt also durchaus Beispiele im deutschsprachigen Raum für positive Einflüsse von Social Media auf den Entstehungsprozess und die Vermittlung des Journalismus. Leider handelt es sich noch um Ausnahmefälle in der hiesigen Medienlandschaft. Damit sich das ändert, hilft es nicht, wenn in den Verlagen – die über lange Zeit Garanten für einen funktionierenden Journalismus waren – abwechselnd über Google, die Öffentlich-Rechtlichen und die Medienkrise gejammert wird. Erst recht nicht, wenn die dafür aufgewendete Zeit, das Geld und die Energie viel besser eingesetzt werden könnten, um Journalisten neue Methoden, Technologien und Denkansätze näher zu bringen.

Eine neue Haltung gerade gegenüber Social Media ist erforderlich, die BBC-Nachrichtenchef Peter Horrocks für seine Mitarbeiter mal so formulierte: „Das ist nicht irgendeine Marotte von einem Technikbegeisterten. Ich fürchte, man kann seinen Job nicht erfüllen, wenn man mit diesen Dingen nicht umgehen kann.“

Wenn, wie eingangs erwähnt, die Gesellschaft die Wahrheitsfindung abseits der Nachrichtensimulation tatsächlich als Aufgabe für den Journalismus ansieht, ist die Verantwortung für eine funktionierende, professionelle Medienlandschaft umso größer und muss deshalb noch bedingungsloser angegangen werden. Sollte es tatsächlich Journalisten geben, die glauben, sie könnten bis zur Rente schon irgendwie ohne Internet und Social Media zurechtkommen, erfüllen sie diese Aufgabe nicht.

Ebenso wenig wie diejenigen Medienverwalter, die Qualität herbeisparen wollen und sich auf einem sinkenden Schiff gegenseitig versichern, dass es sich immerhin noch bewege und die Kommandobrücke ja noch immer trocken sei. Der Anfang des 21. Jahrhunderts ist vermutlich der ungünstigste Zeitpunkt der Geschichte, um als unflexibler Journalist durch die Welt zu spazieren.

Ein Fazit in der Sache „Zukunft des Journalismus“ kann derzeit nur ein Zwischenfazit sein – und bei aller Sorgfalt auch eines, das zum Großteil auf Prognosen, Vermutungen, und eigenen Erfahrungswerten aufgebaut ist. Insofern beinhaltet das Fazit hier weniger konkrete Vorschläge als vielmehr eine persönliche Einschätzung, verbunden mit einer Aufforderung: Die Gesellschaft braucht professionellen Journalismus dringender als je zuvor, weil die Flut der Informationen den Bedarf an Einordnung, Sortierung und Bewertung der Fakten und ihrer Zusammenhänge exponentiell erhöht.

Soziale Medien können und müssen eine Ergänzung und Bereicherung für den Journalismus sein – aber kein Ersatz. Die Lösung kann nicht darin liegen, anderen Mitspielern des Medienmarktes möglichst große Barrieren in den Weg zu legen. Sondern nur darin, neue Gebiete des Journalismus zu erschließen und Modelle zu finden, diesen Prozess zu refinanzieren. Dass sich das leichter schreibt, als es sich umsetzen lässt, ist jedem klar. Es aber deshalb nicht zu versuchen und darauf zu hoffen, dass alles vom Werbemarkt bis zu den Zeitungsabonnements wieder so wird wie früher, wäre für den zukünftigen Journalismus gleichbedeutend mit der Schockstarre des Rehs im Scheinwerferlicht.


Ursprünglich ist dieses Essay als Teil der „SZ“-Reihe „Wozu noch Journalismus“ erschienen, die auch als Buch erhältlich ist. VOCER veröffentlicht ausgewählte Beiträge in teils leicht aktualisierter Form.

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