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Selber denken macht fromm: Evangelische Medien im digitalen Zeitalter

Wie verbreitet man das Evangelium im 21. Jahrhundert? Sollte man die Bibel twittern? Ja, man soll, und zwar nicht nur, um Nachwuchs zu werben.

„Mehr als alles andere achte auf Deine Gedanken, denn sie entscheiden über Dein Leben (Sprüche 4,23)“. So wie die Bibel regt auch die Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Denken an, präzise gesagt: Zum selber denken. „Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ heißt das Motto 2014 für die alljährliche Aktion zwischen Aschermittwoch und Ostern.

Fasten ist – auch – evangelisch: Bis zu drei Millionen Protestanten in Deutschland machen jedes Jahr mit, lassen sieben Wochen lang Alkohol weg, oder Schokolade oder Fleisch oder kommen zu Gedanken, die sie sich im Rest des Jahres eben nicht machen. Im Medienzeitalter dringt eine Fastenaktion nur durch, wenn sie zur Medienkampagne wird.

„7 Wochen Ohne“ wird betreut von den Machern des evangelischen Magazins „chrismon“ und bietet unter anderem Kalender an, mit Texten von prominenten Autorinnen und Autoren. Sie wird verbreitet auf allen Kanälen – im Fernsehen mit dem Eröffnungsgottesdienst im ZDF, in Radiointerviews, online auf chrismon.de und evangelisch.de und natürlich auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken. Vernetzt über all diese Kanäle hinweg sollen die Mitmachenden in diesem Jahr also übers Denken nachdenken und sich vor falschen Gewissheiten hüten. Mediale Glaubensvermittlung im 21. Jahrhundert? Geht so die Verbreitung des Evangeliums in modernen Medienzeiten?

Mediale Vermittlung des Glaubens

Ja. Auch so. „Das war und bleibt reformatorisches Anliegen: denken, reflektieren, nachdenken, verstehen können, fragen dürfen“, schreibt Margot Käßmann, Lutherbotschafterin der EKD, im Kalender zum „Selber Denken!“ Die evangelische Kirche steuert auf ein großes Jubiläum zu. 2017 liegt das Ereignis 500 Jahre zurück, das die Kirche bis heute bewegt. 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen. Die Folgen sind bekannt – sie dauern an bis heute.

„Es geht nicht um Glauben allein aus Gehorsam, aus Konvention oder aus spirituellem Erleben. Sondern es geht um das persönliche Ringen um den eigenen Glauben“, schreibt Margot Käßmann in den Fastenkalender. Nicht leicht, so etwas medial zu vermitteln. Ohne den von Johannes Gutenberg kurz vor Luthers Wirken erfundenen Buchdruck hätte die Reformation keine Verbreitung gefunden. Der Buchdruck ist, frei nach Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, die erste bahnbrechende Revolution im Kulturbereich, die Digitalisierung die zweite.

Mit für die christliche Religion tragischen Folgen? Die erste hat der Reformation die Straße geebnet, die zweite zwingt den Glauben in eine Sackgasse? Weil die Verbreitung des Evangeliums in der Flut von Twitter-Gezwitscher, Facebook-Partys, Dschungel-TV, Format-Radio, omnipräsenten Boulevard-Bildern, Schlagzeilen-Gewitter in Print und Online hoffnungslos untergeht? Mangels Interesse?

Die Verbreitung des Evangeliums im 21. Jahrhundert

Wenn dem so wäre, was würden wir verlieren! Mensch, bin ich froh, dass wir noch längst nicht so weit sind. „Lieber Gott, mach mich fromm„, titelt das evangelische Magazin „chrismon“ in der Februarausgabe und trifft Herz, Gemüt und Kopf. Mensch, chrismon! Was macht Ihr denn? Belästigt Eure treue Leserschaft – eine Million sind es jeden Monat – mit einem dümmlichen Kinderwunsch. Ihr, die ihr mit interessanten Menschen auf Euren Titeln erscheint, die ihr Käßmann und Lahm in Begegnungen bringt, die ihr bewegende Lebensbeichten aufschreibt, Euch mutig mit menschenwürdigem Leben und Sterben auseinandersetzt. „Lieber Gott, mach mich fromm!“ Schreiben die auf den Titel des Magazins, das hinter dem Fastenmotto „Selber Denken“ steckt. Was denn nun? Selber denken oder Gott befohlen? Eine Geschichte für Ungläubige, Zweifler und andere gute Christen, steht in der Anleitung zur fett gedruckten Bitte: „Mach mich fromm!“ Geht so die Verbreitung des Evangeliums im 21. Jahrhundert?

Ja. Auch so. Die Reaktionen auf den Februar-Titel sind nur so auf die Redaktion niedergeprasselt. Schön! Nix mit untergehen in der Flut von Twitter, Facebook, Bild und anderen. Überraschend sein. Zum Denken anregen. Eine Million Lesende jeden Monat von chrismon, 610.000 Zuschauende im ZDF beim Eröffnungsgottesdienst der Fastenaktion, 250.000 Stück Auflage der evangelischen Wochenpresse.

Kümmern um den Nachwuchs

Ja, die gibt’s auch noch. Und wie! Anfang März sind die Ergebnisse der neuen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) unter dem Titel „Engagement und Indifferenz“ veröffentlicht worden. Eine Erkenntnis: Unter den knapp 24 Millionen evangelischen Christen im Land gibt es rund 13 Prozent, die sich in Kirche, aber auch in Gesellschaft intensiv engagieren. Um den Nachwuchs muss sich die evangelische Kirche allerdings intensiv kümmern: Während von den evangelischen Mitgliedern über 60 Jahre noch rund 83 Prozent in der Familie religiös erzogen wurden, gilt das für die Kirchenmitglieder unter 30 Jahren nur noch für 55 Prozent.

Da wartet auch eine gewaltige mediale Aufgabe auf die, die sich dem Auftrag Jesu Christi verbunden fühlen: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht. Und was Euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern“ (Matthäus 10,27). Der kirchlichen Wochenpresse wird dabei eine aktive Rolle zufallen: Nach der KMU sind die kirchlichen Zeitungen nach der Tageszeitung und dem lokalen Gemeindebrief die drittwichtigste Informationsquelle über die evangelische Kirche.

Viel zu tun

Wir haben also zu tun. In der evangelischen Kirche und in der evangelischen Publizistik. Wie Medien Glauben vermitteln können, werden wir immer wieder gefragt. Unterschiedlich. Vielfältig. Überraschend. Dem Neuen aufgeschlossen, das Alte nicht vernachlässigend. Natürlich muss die Verbreitung des Evangeliums online gehen, tut’s ja auch. Wir lassen die Bibel auf Twitter übersetzen und Gott in der Twitter-Übersetzung am siebenten Tag nicht ruhen, sondern chillen. Das heißt aber nicht, dass die Gemeindebriefe überflüssig sind oder Zeitungen, Magazine, Bücher. „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht. Und was Euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“

Gemeint sind alle Dächer. „Freisprecher„, das neue TV-Format ist ebenso ein Dach wie „Das Wort zum Sonntag„, der ZDF-Gottesdienst, die TV-Serie „Herzensbrecher“ oder die Talkshow „Tacheles„. Die KMU sagt uns, wie bunt und vielfältig die Schar der evangelischen Christen ist – von hoch interessiert und engagiert bis nahezu gleichgültig. Eigentlich haben wir’s schon immer geahnt, wie bunt das Völkchen in Gottes großem Garten ist. Für die einen brauchst Du viel Wasser zum Blühen, die anderen wollen lieber in der Sonne liegen. Also gut, Gleichgültige gibt es in der bunten Schar der evangelischen Christen. Wirklich? Wer tröstet, wenn wir Trost brauchen? Wer weist den Weg, wenn wir uns verirrt haben? Wer mahnt uns, wenn wir übermütig werden? Wer holt den Esel vom Eis, wenn’s ihm mal wieder zu wohl geworden ist? Sind die, die gleichgültig sind, wirklich gleichgültig? Mit der richtigen Anleitung zum Selber Denken kommt manch Einer vielleicht auf überraschende Antworten.

Dazu Anstöße geben, auch dazu sind evangelische Medien da. Ja. Auch. Wie können Medien Glauben vermitteln? Auf allen Dächern, auf allen Kanälen. Gelingt das? Ja. Manchmal. Immer wieder. Mehr, als Du glaubst. Ist das wichtig? Ja! Auch für die Gleichgültigen. „Lieber Gott, mach mich fromm!“

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Kommentare

  1. […] 24.3. Selber denken macht fromm: Evangelische Medien im digitalen Zeitalter (vocer.org) […]

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