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Schwere Zeiten für den kritischen Journalismus

Die Möglichkeiten des Internets sind für den kritischen Journalismus zugleich Fluch und Segen. Journalisten haben jedoch einen öffentlichen Auftrag, um dem gerecht zu werden müssen sie gestärkt werden.

Die Herausforderungen eines dem Demokratieprinzip dienlichen Journalismus liegen heute anders als zu Georg Büchners Zeiten – jedenfalls in Deutschland – oftmals jenseits der Abwehr staatlicher Eingriffe. Das heißt aber nicht, dass sie deswegen durchweg geringer wären.

Die Möglichkeiten des Internets beispielsweise sind für den kritischen Journalismus zugleich Fluch und Segen. Neben vielen anderem ermöglicht das Internet die sehr schnelle und unter Umständen auch sehr kostengünstige Verbreitung journalistischer Inhalte. So war es vielleicht auch dem Internet zu verdanken, dass das weltweite Bekanntwerden der Enthüllungen von Edward Snowden von den hiervon betroffenen Regierungen nicht verhindert werden konnte. Und mit Hilfe des Internet können sich heute immer mehr Bürgerinnen und Bürger über ein breites Spektrum der im öffentlichen Raum vertretenen Meinungen informieren, weil sie nicht mehr ausschließlich auf ihre abonnierte Tageszeitung und die Tagesschau angewiesen sind.

Als Kehrseite dessen haben aber gerade Printmedien heute nicht selten Schwierigkeiten, eine ausreichende wirtschaftliche Grundlage für ihr Handeln zu sichern. Das gilt auch und gerade für Qualitätsjournalismus. Die jüngsten Beispiele der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ geben insoweit Anlass zur Sorge. Die Demokratie braucht zur Vermittlung komplexer gesellschaftlicher und politischer Ereignisse Journalisten, die über eine gute Ausbildung verfügen, die sich in ihrem Themenfeld auskennen und die dementsprechend angemessen bezahlt werden. Außerdem braucht gute Berichterstattung Zeit; ganz besonders, wenn im Rahmen einer investigativen Recherche zunächst einmal die relevanten Tatsachen ans Licht zu bringen sind.

Zeit wird knapper

Gerade die zeitlichen Ressourcen werden angesichts des vor allem durch das Internet angetriebenen „Echtzeitjournalismus“ immer knapper. Und wenn ständig neue Nachrichten erforderlich sind, um die kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Internetnutzer auf die eigenen Seiten zu lenken, taugt zunehmend jede kritische Äußerung eines Amtsträgers zur Nachricht. Da damit zugleich die Bereitschaft öffentlicher Amtsträger, inhaltliche Aussagen zu treffen, permanent abnimmt, befinden wir uns in einem circulus vitiosus: In Reaktion auf die Inhaltsleere vieler Äußerungen müssen zunehmend Aussagen, die eigentlich keinen Nachrichtenwert haben, zu Meldungen stilisiert werden.

Die Diskursfunktion einer pluralen Medienlandschaft wird zudem gefährdet, wenn Politikberichterstattung zunehmend weniger die sachlichen Gründe für unterschiedliche Meinungen erörtert, sondern in aller erster Linie (teilweise nur vermeintliche) persönliche Konflikte zwischen einzelnen Personen zum Erklärungsmuster des Politikbetriebs bestimmt. Werden zudem durch eine zugespitzte Personalisierung und die Konzentration auf leicht zu vermittelnde persönliche Fehler komplexe Sachverhalte verkürzt dargestellt, so geraten Strukturen, die häufig viel wichtiger sind für die Erklärung von Missständen, in den Hintergrund. Die Folgen sind nicht zuletzt eine gewisse Trivialisierung und Simplifizierung der Berichterstattung.

Auswirkungen auf das Niveau

Nicht nur im Internet kann außerdem die zunehmende Bildberichterstattung Auswirkungen auf das Niveau des Journalismus haben. Bilder sind wenig präzise, sehr suggestiv und interpretationsoffen und befördern zudem den mit zahlreichen Nebenwirkungen verbundenen Trend zur Personalisierung. In vielen Bereichen können Bilder die Informationsvermittlung durch Texte allenfalls ergänzen, nicht aber ersetzen. So ist etwa das Recht mit Bildern oft nur ausschnittsweise zu erfassen.

Das Bundesverfassungsgericht kann sich insoweit glücklich schätzen, dass aus Karlsruhe – trotz eines auch insoweit zu beobachtenden Trends zu Kosteneinsparungen – eine große Zahl sehr qualifizierter Journalistinnen und Journalisten dafür sorgen, dass die oft langen und komplizierten verfassungsgerichtlichen Entscheidungen auch jenseits der Bilder der jeweils acht Frauen und Männer in roten Roben einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Ethos des kritischen Journalisten

Die Zeiten für kritischen Journalismus sind heute nach alledem nicht einfacher geworden. Für den einzelnen Journalisten, die einzelne Journalistin bedeutet dies, dass er oder sie sich vielleicht bewusster als früher dafür entscheiden muss, entgegen äußerer Widrigkeiten oder Anreize kritischen Journalismus und nicht bloße Unterhaltung zu betreiben.

Wenn man sich fragt, was es ist, das Journalisten wie etwa die Preisträger des Otto Brenner Preises dazu motiviert, solche Arbeit zu leisten, kommen wir zurück auf den „öffentlichen Auftrag“, von dem das Bundesverfassungsgericht im Spiegel-Urteil gesprochen hat.

Journalisten verstehen sich in aller Regel nicht als bloße Produzenten von Unterhaltungsprodukten, sondern verfügen über ein berufliches Ethos, das als innerer Kompass ihr Handeln zumindest mitbestimmt. Der 1973 entstandene und seitdem immer wieder aktualisierte Pressekodex des Deutschen Presserats, der in seiner Präambel davon spricht, dass Verleger, Herausgeber und Journalisten sich stets ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst sein sollen, liefert insoweit wichtige Anhaltspukte für die Beschreibung des journalistischen Ethos.

Der öffentliche Auftrag

Die einzelnen Bestimmungen des Pressekodex wirken dabei zugleich wie eine Ausformulierung des vom Bundesverfassungsgericht genannten „öffentlichen Auftrags“ der Medien. Zusammengefasst wird man danach wohl sagen können: Das Ethos des Journalisten gebietet ihm in erster Linie die Suche nach der Wahrheit und fordert ihn auf, die als wahr erkannten Tatsachen einer gewissenhaften und von äußeren Einflüssen unabhängigen Bewertung zu unterziehen. Deswegen ist es vielleicht nicht zu gewagt festzustellen, dass der Verfassungsauftrag eines kritischen Journalismus nicht ungehört verhallt, weil er auch von vielen Journalisten als solcher empfunden wird und damit im journalistischen Ethos seine Entsprechung findet.

Insoweit scheint mir eine gewisse Parallele zwischen dem Ethos von Journalisten und Juristen, insbesondere Richtern nicht fernzuliegen. Auch der Jurist, zumal der Richter, forscht nach der Wahrheit und sucht die ermittelten Tatsachen zutreffend zu bewerten. Auch wenn die Regeln der Wahrheitssuche und der Bewertung natürlich in größerem Maße als bei der journalistischen Arbeit gesetzlich vorgegeben sind. Wie der Journalist ist der Richter dabei stets bemüht, unabhängig und unparteilich die gerechte und angemessene Bewertung der ermittelten Tatsachen zu finden. Und in ähnlicher Weise wie der Journalist hat auch der Richter – jedenfalls in Deutschland – heute oft weniger mit staatlichem Einfluss, sondern vor allem mit veränderten äußeren Rahmenbedingungen wie höheren Fallzahlen und knapperen Ressourcen zu kämpfen. Zudem ist auch richterliche Arbeit, wie kritischer Journalismus, anstrengend und erfordert gelegentlich Mut und Rückgrat.

Trotz mancher Parallelen darf aber auch nicht übersehen werden, dass Journalisten in ihrer beruflichen Stellung viel weniger abgesichert als Richter sind. Führt man sich zudem vor Augen, dass heutige Journalisten regelmäßig auch im Vergleich zu ihren bundesrepublikanischen Kollegen der vorangegangenen Generation einem stärkeren wirtschaftlichen Druck ausgesetzt sind, stehen wir wieder vor einem Dilemma: Einerseits wird Ethos in einer ökonomisierten Gesellschaft zunehmend eine rare Ressource oder erscheint gar als Fremdkörper. Andererseits braucht es gerade in Zeiten fortschreitender Ökonomisierung ein starkes gegenläufiges Movens, damit Berichterstattung nicht zum ausschließlich an Quote und Auflage ausgerichteten „Als-Ob-Journalismus“ degeneriert, der den Bürgerinnen und Bürgern einen kritischen Journalismus allenfalls vorgaukelt. Die bewusste Pflege des journalistischen Ethos ist deswegen heute vielleicht wichtiger denn je.

Journalisten stärken

Welche aufklärerische Kraft es birgt, wenn die Politik auf ein belastbares Ethos der in den Medien tätigen Personen vertrauen kann, zeigt beispielhaft das einsichtsreiche Buch von Nils Minkmar über die Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück. Der Politiker machte den Zugang des Autors zum Inneren seines Wahlkampfes nur von einer Bedingung abhängig: Er solle sein Buch so schreiben, wie er es mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Auch deswegen sind heute Auszeichnungen wie der Otto-Brenner-Preis vielleicht wichtiger denn je. Sie stärken Journalistinnen und Journalisten, die ihrem Berufsethos entsprechend und gegen die Anreize eines systemkonformen Verhaltens handeln, den Rücken. Und helfen damit, den Verfassungsauftrag eines kritischen Journalismus zu erfüllen.

Journalisten leisten einen maßgeblichen Beitrag dazu, dass unsere Demokratie gut funktioniert. Das ist keine kleine Aufgabe, sondern eine große Verantwortung.


Dieser Beitrag ist Teil einer Rede, die Dr. Andreas Voßkuhle anlässlich der Verleihung des Otto Brenner Preises gehalten hat. Die komplette Rede kann hier angesehen werden.

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