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Schreckgeweitete Augen

Globalesisch statt Deutsch: Journalisten sind vernarrt in die Apokalypse – jetzt spielt die Apokalypse mit ihnen.

Worüber reden wir am liebsten? Am liebsten reden wir über unsere Befindlichkeit. Denn wir fühlen uns bedroht: vom Newsroom, von Online, von Free-content – vor allem reden wir in letzter Zeit über Dinge, die nichts zu tun haben mit dem guten alten Journalismus. Und wo reden wir? Auf Workshops, an Panels, bei Brain-stormings: über die Zukunft unseres Metiers – über die Krise unseres Metiers.

Medienwissenschaftler haben sich unseres Berufs bemächtigt. Wahlweise verkünden sie den fundamentalen Umbruch oder das nahe Ende der gedruckten Zeitung. Wir gucken ihnen mit schreckgeweiteten Augen in die professoralen Nasenlöcher – und glauben, was sie sagen. Journalisten sind vernarrt in die Apokalypse, spielen am liebsten täglich, stündlich mit ihr, vom Klimawandel über die Schweinergrippe bis zum Euro-Untergang. Jetzt spielt die Apokalypse mit uns.

Es ist ja wahr, vieles mussten wir über uns ergehen lassen: Wie in der globalen Wirklichkeit hat die Finanzwirtschaft in den Verlagen die Macht über die Realwirtschaft errungen. Und genau wie in der globalen Wirklichkeit trieb die Finanzwirtschaft auch in den Verlagen die Rendite hoch und beschädigte die Realwirtschaft: den Journalismus.

Rollkoffer-Kommandos

Wir haben die Rollkoffer-Kommandos der Controller und Consultants über uns ergehen lassen müssen, die anhand von Flipcharts, Overhead-projections und Powerpoint-presentations erläuterten, dass wir Content for people zu produzieren hätten, der aber per Page noch zu teuer sei, weshalb ein Relaunch unumgänglich werde. Die Sendboten der neuen Zeit, ausgebildet in Boston und St. Gallen, lizenziert in ökonomischem Obskurantismus, predigten uns die Heiligkeit des Consumers. Diese Executives der neuen Macht – in ihrer Menschenferne zu besichtigen im Film „Up in the Air“ mit George Clooney – haben uns per Powertalk auch noch unserer Sprache beraubt: Deutsch.

Sprachlos geworden, haben wir kapituliert. Ja, jetzt reden auch wir globalesisch. Macht sich gut auf jeder Session, bei jeder Convention, die unseren Untergang zum Thema hat. Schließlich sind wir in einem Punkt noch immer Journalisten der guten alten Art: Uns imponiert stets am meisten, was gerade Mainstream ist. Doch lehrt uns die allerjüngste Vergangenheit auch: Wer sich in den Mainstream verguckt, dem fehlt der Blick für das, was wirklich geschieht.

„It’s the journalism, stupid!“

Die Finanzwirtschaft hat es vorgemacht. Müssen wir es nachmachen? Nein. Denn es geht um etwas, wovon wir eigentlich schon mal gehört haben sollten: Es geht um Journalismus. Oder, zum besseren Verständnis, auf globalesisch und frei nach Bill Clinton: „It’s the journalism, stupid!“. Nur – was ist das: Journalismus? Es ist die Kultur der Sprache, der wir leidenschaftlich dienen. Es ist der Glaube an die Kraft der Sprache als Alpha und Omega unseres Berufs. Freilich nicht Sprache als Verpackung, nicht Sprache um der Sprache willen, sondern Sprache um der Klärung willen. Der Begriff „Aufklärung“ allerdings gilt nicht mehr als zeitgemäß.

Der Zeitgeist hört auf den Begriff „Kunde“, nicht auf den Begriff „Bürger“. Auch wir Journalisten haben uns auf den „Consumer“ dressieren lassen – den „Verbraucher“ an Stelle des „Lesers“. Der Leser, das war der Bürger. Ein unberechenbarer, ja gefährlicher Mensch in Zeiten des totalen Controlling. Dem Leser, dem Bürger Sprache geben – das ist, das wäre, das war unsere Kernkompetenz. Des Bürgers Bürgermacht nämlich gründet auf dieser täglichen und alltäglichen Leistung: dass wir Journalisten ihm ein Instrument zur Klärung der Dinge in die Hand geben. Damit er mehr sein kann als nur Konsument.

Deshalb ist das unzeitgemäße Wort „Aufklärung“ das richtige Wort für diese Zeit. Denn es reimt sich auf Journalismus. Wenn aber Journalismus wieder etwas mit Aufklärung zu tun haben soll, dann muss unser Thema wieder das Handwerk sein: das Ringen um das Wort, um die Sprache, um die Geschichte, um die Reportage, um das Interview, um den Kommentar, um den Essay.

Kämpfer müssen wir sein, leidenschaftliche: für unseren Journalismus. Kämpfer müssen aber auch die Chefredakteure endlich wieder sein: um die besten Rechercheure, die besten Schreiber, die besten Reporter, die besten Kolumnisten. Kämpfen müssen sie – und sich kümmern, indem sie kritisieren und loben, aufrütteln und beruhigen, fordern und begeistern. Das haben unsere Chefredakteure zu tun. Nichts anderes.

Ihr Workshop ist die Redaktion, ihr Panel ist die Redaktion, ihre Convention ist die Redaktion. Für Meetings mit Controllern und Consultants fehlt ihnen die Zeit. Ist das bloß die Schwärmerei von einer längst versunkenen Zeit, als der Chefredaktor spät abends den letzten Text umschrieb, die letzte Schlagzeile formulierte und anschließend mit den letzten Kollegen in die letzte Kneipe zog – um über das Blatt von morgen zu diskutieren?

Die Redaktion ist ein Klub

Alles vorbei und vergessen? Nein, so funktioniert der wirkliche Journalismus: intellektuell und emotional, narzisstisch und altruistisch, libertär und autoritär, oft auch chaotisch. Die Redaktion ist ein Klub, der die Gesellschaft durch Geschichten aus ihrer eigenen Mitte heraus gestaltet, sie dadurch lesbar, erfahrbar, erkennbar und veränderbar macht. Journalisten sind Denkhandwerker, die aus der Gegenwart jeden Tag Geschichten schöpfen – und damit Alltagsgeschichte schreiben.

So – und nicht anders – funktioniert unsere Realwirtschaft: der Journalismus. Er ist das Gegenteil von Management. Was geschieht, wenn die Realwirtschaft beschädigt wird, hat uns die globale Finanzwirtschaft vor Augen geführt. Sollten wir daraus nicht etwas lernen? Es ist wieder Zeit für Journalismus!


Ursprünglich ist dieses Essay als Teil der „SZ“-Reihe „Wozu noch Journalismus“ erschienen, die auch als Buch erhältlich ist. VOCER veröffentlicht ausgewählte Beiträge in teils leicht aktualisierter Form.

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