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Schöpferische Zerstörung

Schluss mit dem andauernden Online-vs.-Print-Streit. Lassen wir Papier einfach Papier sein und schauen wieder auf Inhalte! Dann wird auch der Weg frei, um den Zeitungsjournalismus der Zukunft zu gestalten.

Es ist noch keine fünf Wochen her, da sagte die Münchener Unternehmensberatung Roland Berger eine „digitale Renaissance des Publishings“ vorher: In einem schmallippigen Strategiepapier (PDF) machten die Berger-Berater einige Vorschläge zur Rettung der Print-Branche: Als Königsweg wurde in wolkigem Berater-Slang ein „Leuchtturm“-Konzept erörtert, das „im Zentrum einer integrierten Informations- und Erlebniswelt“ stehen und einen emotionalen Ankerpunkt für den Leser bilden solle. Die vier Hauptzutaten für erfolgreiche Publishing-Produkte seien laut Berger und Co. das hybride Publizieren, die Aufwertung der Community, eine inhaltliche Wegweiser-Funktion und das Wirtschaftswachstum in neuen digitalen Geschäftsfeldern.

Das ist alles nicht unbedingt falsch, aber bahnbrechend neu oder gar revolutionär ist es auch nicht. Wohl nicht von ungefähr hat „Meedia“ das Berger-Papier als „bemerkenswerte ärgerliche Veröffentlichung“ gescholten: Man könne sich nicht erinnern, „wann jemals so viele Plattitüden zu einem Bündel verschnürt und als selig machende Weisheiten in die Welt hinausposaunt wurden“. Jedem Medienpraktiker, urteilte der Branchendienst, müssten sich bei Lektüre dieser Phrasen-Fibel „vor Grausen die Nackenhaare aufstellen“. Mit solchen Klischees hätten Berger und Kollegen ihren Ruf als Branchenkenner verspielt.

Umso ärgerlicher sind solche Prognosen auch deshalb, weil wir uns dieser Tage wieder inmitten einer moralinsauren Debatte um die drohende Apokalypse der Presse und mit ihr des so genannten „Qualitätsjournalismus“ befinden, in der gerne viele gut gemeinte Ratschläge gegeben werden, in der aber auch vieles schon wiederholt gesagt worden ist – offenbar nur noch nicht von allen. Die hohlen Phrasen von Beratern, gelenkigen Medienwissenschaftlern und auch so manchen Verlegern und Journalisten übertrumpfen sich derzeit wieder in einem Wettbewerb um die steilste These zum Untergang der Branche. Nüchterne Reflektion, ausgeruhte Analysen mit klarem Verstand, die die schöpferische Zerstörung des Medienwandels als Chance begreifen, findet man dieser Tage selten.

Auch „Die Zeit“ machte vergangene Woche großformatig und für ihre Verhältnisse aktuell mit dem Thema „Wie guter Journalismus überleben kann“ auf – und verbat sich artig, ähnliche medienalarmistische Töne wie die Verlagskonkurrenz anzuschlagen, kam aber ebenfalls nicht um vage Prophezeiungen und einige schlagkräftige Thesen herum. Das Glaskugelgewerbe zur Zukunft der Branche hat, so scheint es, derzeit wieder Hochkonjunktur – und mit ihm einher geht die schleichende Demoralisierung des eigenen Berufsstands.

Weder Schicksal noch Zufall

Umso erfreulicher war es, dass Springer-Chef Mathias Döpfer vergangenen Donnerstag einige Mut machende Worte für die Zeitungsbranche parat hatte: „Journalismus hat das Beste noch vor sich“, schrieb er in der hauseigenen „Die Welt“. Alles redete vom Zeitungssterben, so Döpfner, doch Journalismus sei nicht vom Papier abhängig. „Zeitung kann auch digital zum Leser kommen“, versprach er. Döpfner ist einer der wenigen Verleger, die nicht einstimmen wollen in den Schwanengesang vom Ende des deutschen Qualitätsjournalismus, der in den vergangenen Tagen nach dem Aus der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ oft angestimmt wurde.

Döpfners Worte wirken wohltuend, denn das Ende der traditionsreichen „Rundschau“ und der ambitionierten „FTD“ hat weder mit Schicksal noch Zufall zu tun. Vielmehr fällt es in eine Zeit, in der solche Zukunftsszenarien der Zeitung nun schon etliche Male gedanklich durchgespielt wurden, und in der das Wort „Zeitungskrise“ schon lange keiner mehr hören kann. Es fällt in eine Zeit, in der das „fragliche journalistische Konstrukt namens Tageszeitung“, wie es Wolfgang Blau, Noch-Chefredakteur bei Zeit Online und journalistischer Überläufer zum Guardian, neulich in einer angeregten Facebook-Diskussion auf den Punkt brachte, offenbar selbst zum Grund seines vorläufigen Scheiterns geworden ist.

Dass die ersten beiden bedeutenden Tageszeitungen in Deutschland früher oder später pleitegehen würden, kam also längst nicht so überraschend, wie viele Kommentatoren jetzt tun. Irritierend ist vor allem, mit welcher Bestürzung diese sich schon lange ankündigende Schließung aufgenommen wurde. Denn was die „Rundschau“ in den vergangenen Jahren an Misswirtschaft und fehlgeleiteter Positionierung angestellt hat, war publizistischer Selbstmord – vielleicht aus Angst vor dem Tod: Eine Zeitung, die sich nicht mehr an ihrer regionalen Zielgruppe orientiert, die das Potenzial des Internet fast ungenutzt lässt und am Ende sogar ihrer Blattlinie untreu wird, für die sie jahrzehntelang geachtet und gefürchtet wurde, muss zwangsläufig mit wehenden Fahnen untergehen. Auch der Tod der FTD ist ein Beispiel, wie die journalistische Ignoranz gegenüber der Kernleserschaft und einer dahinsiechenden Auflage abgestraft wird. Sie steht aber auch für eine gewisse Orientierungslosigkeit der Presse in der digitalen Moderne generell. Und natürlich dafür, dass die großen wirtschaftlichen Erfolge vieler etablierter Verlagshäuser möglicherweise der Vergangenheit angehören.

Aber den Anfang vom Ende des Qualitätsjournalismus, da liegt Döpfner richtig, bedeutet das lange nicht. Wenn diese Hiobsbotschaften etwas Symbolhaftes haben, ist es der Weckruf an die Medienbranche, dass es keinesfalls zu spät ist. Das Verfallsdatum der Papierzeitung mag, wenn man sich die Auflagen und die Gewohnheiten der Nutzer ansieht, schon bald überschritten sein. Dennoch dürfen diese Insolvenzen nicht als Niedergang der Presse, sondern müssen als Neuanfang mit offenem Ende begriffen werden. „Auch viele Tageszeitungen könnten eine Zukunft haben“, kommentiert Blau, „aber nur, wenn sie das Netz nicht als ihren Feind empfinden.“ So simpel diese Aufforderung klingen mag, so schwer wiegt sie. Denn dass mit diesem professionellen Identitätsverlust nicht nur Optimismus verbunden ist, sondern auch eine reflexhafte Abwehrhaltung gegenüber allem, was die Netzpublizistik an Neuerungen bereithält, ist nach wie vor redaktionelle Realität. Längst nicht mehr alle Verleger und Chefredakteure sehen im Internet einen Feind – aber ein echter Freundschaftsbeweis sieht eben auch anders aus als das, was viele von ihnen im Digitalen so veröffentlichen.

Enttäuschte Liebe

So manch einer ahnt in den unvermeidbaren Insolvenzen weiterer regionaler und überregionaler Blätter in den kommenden Jahren schon den Zusammensturz intellektueller Reflektion und kultureller Resonanz. Dass dies eine Schimäre ist, zeigt schon der Ausfluss an diskursiver Leidenschaft und Transparenz, die das Netz schon immer zu bieten hatte. Nein, die Zeitung ist wahrlich nicht der einzige Ort, wo politische Probleme zur Sprache kommen, wo wirtschaftliche Korruption und Betrügereien entlarvt werden und wo ernsthafte Debatten zwischen Redakteuren und Lesern entstehen. Erst das Internet hat die Distanz zwischen Medien und ihrem Publikum auf ein basisdemokratisches Maß schrumpfen lassen. Aber nur die Idee der Zeitung vermag es, der unablässigen Spaltung der Mediennutzer etwas entgegenzusetzen. Dort, Twitter, Facebook und YouTube immer nur jeweils personalisierten Teilöffentlichkeiten entstehen lässt, kann die Presse eine kritische, vor allem konsistente Öffentlichkeit stimulieren. Die Zeitung, ob gedruckt oder in digitaler Form, wird alleine schon deshalb ein Zentralorgan bleiben, weil sie die versprengten Informationen und Nachrichten des Tages professionell zusammenführt, einordnet und bewertet.

Gerade in diesem Ritual der Verbindlichkeit, das sich mit der Presse seit Anbeginn der Demokratie verbindet, liegt nach wie vor der Schlüssel ihres Erfolgs. Denn diese Synchronisationsfunktion, breite Teile der Bevölkerung auf gemeinsame Themen und Ereignisse zu verpflichten, wird ihr so schnell keiner nehmen können. Auch wenn die derzeitige Strukturkrise der Presse ein Indikator dafür sein mag, dass die Liebe zur Zeitung enttäuscht wurde und auch die Verachtung gegenüber dem Berufsstand des Journalisten weiter zu wachsen scheint, hat der Journalismus tatsächlich seine besten Zeiten noch vor sich. Wir müssen uns dringend fragen, wie das gestörte erotisierende Verhältnis, das die freie Presse einst für sich beanspruchte, wieder gekittet werden kann. Und wie die Grundskepsis gegenüber dem Journalismus einem neuen Gesellschaftspakt weicht, in der das Bezahlen für dieses wichtige Gut wieder zur Normalität wird.

Schwächer ohne Pioniergeist

Die Grundidee der Zeitung wird daher auch in Zukunft zweifellos überleben – aber nur, wenn sich deren Macher auf die Zukunft einlassen. Sie müssen sich eingestehen, dass der aktiv mitgestaltete Wandel der Presse zwangsläufig einen Mentalitätswandel in ihren Köpfen erfordert. Das Internet macht Spaß, und die digitalen Möglichkeiten sind unendlich – nur sind eben der Hang zur Nostalgie eines „Früher war alles besser“-Lamentos und die romantischen Rückblicke auf bedrucktes Papier oft nur Ausdruck von Bequemlichkeit, nicht über das Unabwendbare in diesen Zeiten des „rasenden Stillstands“ (Jean Baudrillard) nachzudenken. Nämlich statt blutleerer Durchhalteparolen und melancholischer Abgesänge sich den entscheidenden Fragen zu stellen: Wie muss sich die Idee der Zeitung neu erfinden, um ihrer gesellschaftlichen Rolle weiter gerecht zu werden? Welche Formeln und Formationen braucht es im Journalismus unter digitalen Vorzeichen, damit er gleichzeitig als Produkt am Markt funktioniert?

Immerhin ist eine fruchtbare Ko-Existenz von Print und Internet trotz – oder besser: wegen – des fundamentalen Umbruchs gar nicht unwahrscheinlich. Aber ohne den notwendigen Pioniergeist wird die gedruckte Zeitung immer mehr geschwächt, während sich alternative Angebote im Netz beständig weiterentwickeln und mit den etablierten Verlagen konkurrieren. Weitere Entlassungen und Budgetkürzungen könnten vermieden werden, wenn sich kein Kasino-Kapitalismus breitmacht, der wie in Spanien den Zeitungsjournalismus Stück für Stück zersetzt. Bezeichnend ist, dass die Qualitätszeitung „El País“, ganz anders als etwa das defizitäre US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“, dem Untergang geweiht ist, weil – und nicht obwohl – sie schwarze Zahlen schreibt. Spanische Verhältnisse, die das System einer unabhängigen Kontrolle der Presse von Politik und Wirtschaft untergraben, müssten das eigentliche Angstbild in einer freiheitlichen Demokratie sein – und nicht der Verlust bedruckten Papiers.

Wie sieht die Zeitungszukunft aus? Eines Tages werden wir aufwachen, und die Medienwelt hat sich so grundlegend verändert, dass die Debatten um das Erbe der Papierzeitung verschwunden sind. Der Journalismus wird als Beruf nicht ausgestorben sein, Redakteure und Reporter werden nicht vollkommen anders ticken als heute, auch die Bestimmung ihrer Arbeit zielt immer noch dorthin, wo sie derzeit verankert ist: im Herzen der Gesellschaft. Aber ihre handwerklichen Kompetenzen werden vermutlich tiefer in der digitalen Sphäre verortet sein. Und sie werden nicht mehr das gleiche Produkt auf einem Bildschirm wie auf Papier anbieten. Die Reichhaltigkeit der Presse, die in wenigen Jahren mit der Kultur des Netzes verschmolzen sein wird, wird sich auch an der Vielfalt der Stimmen und dem uneingeschränkten Bekenntnis der Bürger zum Journalismus zeigen.

Die alles entscheidende Frage bleibt: Wollen die Menschen den Journalismus dann überhaupt noch, und sind Sie bereit, dafür zu bezahlen? Die Hoffnung ist, dass sich auch das Problem des fehlenden Bezahlwillens im Internet irgendwann in Luft auflösen wird – spätestens dann, wenn die Gesellschaft sich (hoffentlich) darüber klar geworden ist, dass eine unabhängige Presse nur bestehen kann, wenn sie auch am Markt überlebt. Damit sich dieser neue Gesellschaftsvertrag der Presse in barer Münze auszahlt hat Stefan Plöchinger, Chefredakteur von „Süddeutsche.de“, in einem hellsichtigen Beitrag vorgeschlagen, ab sofort das Unwort „Paywall“ abzuschaffen – es sei verbrannt und signalisiere einen schlechten Umgang mit den Lesern: „Wir wollen ja ihre Unterstützung, keine Mauern für sie errichten“, so Plöchinger. Stattdessen empfiehlt er, virtuelle Leserclubs für Zeitungen zu gründen, die das vermittelten, was eine gute Zeitung schon immer vermittelt habe: ein Stück Heimat und Zugehörigkeit am Frühstückstisch. Auch drücke „Club“ aus, was mit den Lesern erreicht werden soll – „eine Art Deal für die Zukunft des guten Journalismus“.

Damit der Zeitungsjournalismus zum Taktgeber für diesen Wandel werden kann und der Leim für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bleibt, müssen außerdem alle Vorurteile über Bord – zum Beispiel, dass das Internet die journalistischen Sitten verrohen lässt, dass es schuld ist an der Werbe- und Anzeigenmisere, oder dass die Teufelsspirale der Kostenlos-Kultur im Netz nicht mehr zurückgedreht werden kann. Das publizistische wie ökonomische Wagnis der Zeitungsverleger muss lauten, dass Papier einfach Papier sein zu lassen und sich den Organismus der Zeitung davon losgelöst vorzustellen – und sie so zu machen. Aber bitte nicht als medialen Wanderzirkus oder billigen Erlebnislieferanten wie die Münchener Medienberater vorschlagen, sondern als Kaleidoskop und Brennglas unserer Informationskultur, die den Geist der Zeitung hoffentlich noch lange atmen werden.

Es muss endlich ein Ruck durch die Redaktionen gehen – eine elegante Vorwärtsbewegung in die digitale Zukunft.

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