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Qualitätssicherung: Checken und diskutieren

Über Qualität im Journalismis wird viel diskutiert. Doch der Begriff der Qualität ist dehnbar, ausgesprochen sonntagsredentauglich. Und wird entsprechend missbraucht.

Vorbemerkung: Es wird zurzeit viel über Qualität im Journalismus geschrieben, gesprochen und gestritten. Zu viel? Geradezu gebetsmühlenartig beschwört die Branche die eigene Qualität: Qualität ist das Verkaufsargument, Qualität ist gleichbedeutend mit journalistischer Zukunftssicherung, Qualität unterscheidet professionelle Information von der Beliebigkeit des vielstimmigen Informationskonzerts.

Das alles ist ebenso richtig wie wohlfeil. Der Begriff der Qualität ist dehnbar, ausgesprochen sonntagsredentauglich. Und wird entsprechend missbraucht. Beispiel: Die „WAZ“ verkaufte die drastische Reduzierung ihres Personals um rund 30 Prozent, die Umbildung der gesamten Redaktion als „Qualitätsoffensive“. Publizistische Qualität erscheint inzwischen so beliebig, dass die Westfälische Rundschau künftig ohne Redaktion auskommt und mit Seiten aus der eigenen Gruppe bzw. von der bisherigen Konkurrenz (!) zusammengestoppelt wird. Die „Frankfurter Rundschau“, ein Beispiel für Qualitätsjournalismus, tut sich schwer, ihre publizistische Zukunft zu sichern. Auf breiter Ebene werden soziale Standards abgebaut, redaktionelle Etats gesenkt, freie Mitarbeiter/innen auf Hobbyniveau gedrückt, Vielfalt eingeschränkt.

Wir können unsere Augen nicht davor verschließen, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. Es macht nicht immer Spaß, über Qualität im Journalismus zu schreiben, zu reden, zu streiten.

Die Initiative Qualität

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) tut es dennoch. Es gehört zu seinen Kernaufgaben als Berufsverband, zur Sicherung und Steigerung der Qualität im Journalismus beizutragen – im Sinne aller Bürger/-innen, die auf Professionalität und Kompetenz der Vermittler von medialer Information und Unterhaltung angewiesen sind.

Der DJV kooperiert dabei ganz bewusst mit jenen, die ebenfalls einen Beitrag zur Qualitätssicherung und -steigerung im Journalismus leisten wollen: 2001 begründete der Deutscher Journalisten-Verband (DJV) die „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ). Ihr gehören vor allem Berufsverbände der Journalisten und Verleger an, Institutionen der journalistischen Aus- und Weiterbildung, die Medienkontrolle (ZAK), die Medienselbstkontrolle (namentlich der Deutsche Presserat), Ombudsleute, Wissenschaftler und Medienfachpublizistik. Diese Organisationen leisteten und leisten jeweils eigene Beiträge zur Qualitätssicherung. Was jedoch fehlte, war eine Zusammenarbeit mit dem Ziel, diese Kräfte zu bündeln, gemeinsame Veranstaltungen und den Ideenaustausch anzuregen und Aktivitäten im Sinne der Qualitätssicherung zu koordinieren – durch den Austausch über Aus- und Weiterbildung, Qualitätskontrolle, Verbesserung der Rahmenbedingungen, Auszeichnung herausragender Aktivitäten und vieles mehr. In diese Lücke sollte IQ springen.

Gebildet hat sich daraus ein interessanter Kreis, deren Mitglieder je auf ihren Ebenen (auch) für Qualitätssicherung stehen, die aber ohne IQ keine engeren Verbindungen untereinander pflegten. So führte IQ beispielsweise zum ersten Mal Vertreter des Presserats, also der Selbstkontrolle, mit Vertretern der Kontrollgremien des Rundfunks zusammen – beides Institutionen, die auf ähnlicher Basis unter anderem journalistische Qualität und Entscheidungen bewerten.

Interesse und Erwartungshaltung an IQ sind groß, die Liste von Aktivitäten zur Qualitätssicherung ist lang. Sie reicht von scheinbaren Banalitäten wie einer regelmäßige Redaktionskonferenz oder dem Gegenlesen von Beiträgen bis zu großen Projekten wie der Zertifizierung von Institutionen der Aus- und Weiterbildung oder der Einführung von Ombudsleuten für die Medien.

In der konkreten Zusammenarbeit zeigt sich, dass Qualität nicht nur ein abstrakter Begriff ist. Sondern auch ein Politikum. So findet man zum Beispiel bei Medienunternehmern wenig Verständnis für die These, dass redaktionelle Mitsprache ein Qualitätskriterium ist. Unterschiedlich beurteilt wird auch die Frage, inwieweit soziale Standards und Arbeitsbedingungen Faktoren der Qualitätssicherung bilden.

Unterschiedliche Interessenslagen können und sollten in einer solchen Initiative nicht negiert werden. Hier arbeiten Verbände und Institutionen zusammen, die in Einzelfragen kontroverser Meinung sind und in anderen Zusammenhängen durchaus Gegner sein können – zum Beispiel in Tarifverhandlungen. Qualitätssicherung ist ein Prozess, und in einem solchen Prozess gilt es zu diskutieren und auch zu streiten. Um Positionen, um Perspektiven.

Positionen und Perspektiven tauschen wir aus – in den Arbeitskreissitzungen, bei den jährlichen Dreiländertreffs mit Partnerorganisationen aus der Schweiz und Österreich sowie fachöffentlich in unseren zweijährlichen Herbstforen. Positionen und Perspektiven sammeln und verbreiten wir – in den zweimonatlichen Rundmails. Und wir publizieren sie – auf der Homepage www.initiative-qualitaet.de.

„Qualität“ ist auch durch IQ-Mitwirkung zu einem breiten Thema in der Branche geworden. Allein der DJV hat ihm seit 2006 eine erste Kampagne unter dem Motto „Journalisten 21“ gewidmet, aktuell seit 2011 eine umfassende Debatte zum „Wert des Journalismus“ mit vielen Einzelveranstaltungen und Veröffentlichungen. Zudem hat der DJV erfolgreiche Checklisten zur Qualitätsdebatte beigesteuert: Checklisten für die Bewertung eines Praktikums, eines Volontariats, eines Hochschulangebots oder einer Journalistenschule. Und eine Checkliste zur Qualität in den Medien, die auf der DJV-Charta zur Qualität im Journalismus basiert.

Die Charta Qualität im Journalismus

In dieser Charta hat der DJV bekannte Standards über Qualität im Journalismus festgehalten – auf der Basis von Positionspapieren zur journalistischen Qualität aus dem In- und Ausland. Die Charta verpflichtet auf ethische und handwerklich-professionelle Standards, ausgehend von den Grundsätzen des Pressekodex‘. Weitere Kriterien:

  • Transparenz des journalistischen Handelns, auch des Handelns in Medienunternehmen (Diskussionskultur und Zielvereinbarungen),
  • Kompetenz, also in Aus- und Weiterbildung vertieftes Sach- und Fachwissen, kommunikative und soziale Kompetenz,
  • Beherrschung des Handwerks von der fundierten Recherche über Faktentreue und Formenvielfalt bis zur verständlichen Darstellung,
  • Pflege der Kritikkultur, von der Abnahme einzelner Beiträge über das freiwillige Berichtigen von Fehlern bis zur Benennung von Ombudsleuten,
  • respektierender Umgang mit Medienkritik – über bewusste Publikumsaktionen, die Wahrnehmung externer Kritik oder im Verhältnis zum Presserat,
  • Einbeziehung der Wissenschaft, Überwindung des Spannungsverhältnisses zwischen Praxis und Journalismusforschung,
  • Förderung der Rahmenbedingungen (Produktion, soziale Sicherheit)
  • Achtung der Unabhängigkeit (von sachfremden Interessen aus Politik, Wirtschaft, Werbung/PR, Umgang mit Rabatten).

Die Charta soll Orientierung und Hilfestellung für den redaktionellen Alltag bieten. Und damit sie nicht allein ein gut gemeintes Positionspapier bleibt, hat der DJV versucht, es entsprechend alltagstauglich zu machen. Wir sind weit davon entfernt, für alle Zweifelsfälle des redaktionellen Lebens Antworten zu haben. Das wäre vermessen und würde auch nicht den unterschiedlichen Ansprüchen von Redaktionen gerecht.

Aber wir stellen Fragen. Fragen, mit denen sich die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen auseinandersetzen können. Mit deren Hilfe sie ins Gespräch über journalistisches Handeln und auf Antworten kommen, die ihnen professionelle Entscheidungen und das Miteinander im Team erleichtern.

Die Fragen bergen Empfehlungen für ein stilles Nachdenken, für ein anregendes Gespräch, für Schwerpunktthemen in der Ausbildung oder für eine konkrete Veränderung im Redaktionsalltag.

Einige Beispiele aus dem Fragenkatalog:

  • Zum Pressekodex
    – Wird in der Redaktion über journalistische Grundsätze diskutiert?
    – Werden Entscheidungen des Presserats bekannt gemacht?
    – Wird in der Redaktion der Grundsatz „Sorgfalt vor Schnelligkeit“ akzeptiert?
  • Zur Transparenz
    – Verfügt die Redaktion über gemeinsam erarbeitete bzw. vereinbarte publizistische Ziele bzw. ein Qualitätsstatut?
    – Finden regelmäßige Planungskonferenzen auf der Basis dieser Ziele statt?
    – Lässt die interne Diskussionskultur Kritik an den Zielen bzw. an ihrer Umsetzung zu?
  • Zur Kompetenz
    – Legt das Medienunternehmen Wert auf eine fundierte, systematische Ausbildung? – Regt das Medienunternehmen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ständiger Weiterbildung an?
    – Erhalten freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Möglichkeiten zu betrieblicher oder überbetrieblicher Weiterbildung?
  • Zum Handwerk
    – Gibt es besondere Gratifikationen für das Erreichen bestimmter Qualitätsstandards?
    – Fördert die redaktionelle Struktur und Ausstattung die journalistische Arbeit, insbesondere die Sorgfalt bei Recherche und Informationsvermittlung?
    – Lässt die Redaktionsstruktur projektbezogene Zusammenarbeit zu?
  • Zur Kritikkultur
    – Werden Texte vor der Veröffentlichung von Kollegen/Vorgesetzten gegengelesen und diskutiert bzw. Programmbeiträge entsprechend abgenommen?
    – Gibt es einen Ombudsmann/eine Ombudsfrau, der/die externe und interne Kritik systematisch bearbeitet und daraus perspektivische Leitlinien entwickelt?
    – Gibt es eine redaktionelle Rubrik für Korrekturmeldungen?
  • Zur Medienkritik
    – Stellt sich das Medienunternehmen der Öffentlichkeit – auch in Fällen interner Konflikte?
    – Organisiert die Redaktion bewusst Publikumsresonanz, zum Beispiel durch Telefonaktionen oder Diskussionsforen?
    – Wird Kritik des Publikums ernst genommen?
  • Zur Wissenschaft
    – Spielen wissenschaftliche Ansätze/Erkenntnisse aus Journalistik oder Kommunikationswissenschaft in der Redaktion eine Rolle? – Werden Inhalte von Weiterbildung redaktionsintern weitervermittelt?
    – Beteiligt sich die Redaktion an bestehenden Foren zum journalistischen Gedanken- und Ideenaustausch (z.B. „Drehscheibe“/Bundeszentrale für politische Bildung)
  • Zu Rahmenbedingungen
    – Kann die Redaktion unter berechenbaren Bedingungen arbeiten?
    – Ist das Medienunternehmen geprägt durch soziale Verantwortung?
    – Lässt der Honoraretat eine angemessene Beschäftigung und Bezahlung freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu, und setzt die Redaktion sich dafür ein?
  • Zur Unabhängigkeit
    – Ist es für die Redaktion selbstverständlich, Pressetexte nicht unbearbeitet und ungeprüft ins Blatt/ ins Programm zu nehmen?
    – Werden enge persönliche Verbindungen zwischen Redaktionsmitgliedern und Funktionsträgern aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport offen thematisiert, und gibt es redaktionsinterne Regeln für den Umgang mit persönlicher Befangenheit?
    – Gibt es redaktionsinterne Regeln für den Umgang mit Rabatten, Zuwendungen und Geschenken?

Fragen über Fragen, die das anregen wollen, was in den Redaktionen unter Zeitdruck, Produktionszwängen und personeller Unterbesetzung häufig verschüttet ist: das kollegiale Gespräch. Über das eigene Handeln, über Konfliktfälle im Alltag, über Lösungswege, über Qualität der journalistischen Arbeit und über Sicherung dieser Qualität. Nur ein breiter Diskurs darüber, was wir wollen, was wir sollen und was wir leisten können, kann Schwachstellen im Journalismus deutlich werden lassen und dazu beitragen, dass anerkannte Standards und journalistische Wirklichkeit zunehmend deckungsgleich werden.

Das ist ein Prozess, ein langer Prozess. Ein Prozess, der nie zu Ende geht. Qualität ist keine statische Angelegenheit. Qualitätssicherung ebenso wenig. Im Journalismus erst recht nicht.

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Kommentare

  1. Sandor Ragaly sagt:

    Sehr geehrte Frau Kaiser, danke für Ihren interessanten Artikel!

    Ich denke, infolge von Konkurrenz und insbes. der Popularisierung öffentlicher Kommunikation im Zuge der Digitalisierung (und damit Beteiligung von Rezipienten auf vielen Ebenen), ist die Qualitätssicherung extrem wichtig und ein Zukunftsthema. Denn die neue Situation, die die unmittelbare „Schlagkraft“ des Berichtens noch viel weiter als bisher digital verästelt und Themen weit größer als bisher aufbauen kann, bedeutet eine Machtzunahme der Medien insgesamt (als aggreg. Größe sozusagen) gegenüber Politik, und bedeutet offenbar auch neue, problematische Themendynamiken, „sich selbst-entzündende Kampagnen“ wie bei Grass‘ Gedicht, im Fall Wulff oder jetzt bei Brüderle – wo immer ein Körnchen oder u.U. deutlich mehr Anlass zu Medienaktivität besteht, dies aber quantitativ völlig überthematisiert wird (sieht man auch die jew. pol. Themenbedeitung), und v.a. inhaltlich vielfach ausfällig wird („Der kreichende Präsident“ überschrieb etwa die taz einen Artikel über das Gespräch von Wulff mit Schausten und Deppendorf). Das Ganze ist in diesen Fällen eine – und da kommt eben das Populäre stark hinein – stark *Moralismus*-getriebene Überdrehung, so dass vom Leitartikel bis zum Online-Leserkommentar besonders das Verachtende, den Andern auch in der Wortwahl abkanzelnde, sich selbst Erhöhende stattfindet – und zwar weit über das konkrete Issue an sich hinaus.
    Hier stellt sich die Frage, inwieweit Ihre Maßnahmen tatsächlich bis in die Redaktionen dringen, und gerade in solchen Rush-Situationen gar jemand dort abhalten könnte, sich durdh einen flott-verurteilenden Kommentar, der ungefährlich ist, wiel die Mehrheit in solchen Dynamiken regelmäßig auf der eigenen („moralischen“) Seite ist, hervorzutun? (Implementierung).
    Ich finde es jedoch gut, wie die Resonanz, die Kiritik andere Akteure berücksichtigt werden soll, auch der Medienwissenschaft (die allerdings zur Zurückhaltung jedenfalls in konkreten Fällen von Mediendynamiken zu neigen scheint, das war in seiner beinahe Vollständigkeit im Fall Wulff geradezu peinlich für meine ganze Profession). Das ist wichtig, denn in Abwehr solcher Kritik hat sich bereits die stehende, negativ konnotierte Wendung „Medienschelte“ gebildet, deren einfache Erwähnung schon abwehren kann, dass Kritik an den Medien überhaupt „zugelassen“ wird. Im Fall Wulff übrigens, man könnte fast darüber schmunzeln, wurde selten einmal die Frage gestellt, ob es nicht auch eine Medienaffäre sei. Dann kam im öff.-rechlt., ich glaube der Tagesschau-Kommentar war es, die „erleichternde Botschaft“: Aber nein, an den Medien lag es nicht! (Selbst-Exkulpierung der Medien, zuvor noch als Kläger und Richter über Wulff aufgetreten, nun wieder in Doppelrolle als Angeklagter (Vorwurf) und Richter!).

    Viel Glück bei Ihrer daher sehr wichtigen Arbeit, die wohl angesichts der Tatsache, dass wir *mitten in der medial-digitalen Revolution* sind, noch oft flexibel wird reagieren müssen (wie Sie selbst schreiben), um der Viefalt der Netz-Realität gerecht werden zu können.

    Sandor Ragaly
    (Politik- u. Medienwissenschaftler, Berlin)

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