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Philip Grassmann: Die Community als zweite Redaktion

Der Freitag bezeichnet sich selbst als „Meinungsmedium“ und gibt seinen Lesern entsprechend die Möglichkeit, in eigenen Blogs ihre Meinung zu sagen. Ob das mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt, erklärt Chefredakteur Philip Grassmann im Interview.

Stephan Weichert: Herr Grassmann, der digitale Journalismus bedeutet auch die Möglichkeit, dem Publikum mehr Teilhabe zuzugestehen. Was bedeutet das für Sie persönlich und Ihre Redaktion?

Philip Grassmann: Das bedeutet für mich, dass wir näher an unseren Lesern dran sind und auch auf Themen aufmerksam gemacht werden, die man im Alltag des täglichen Ablaufs oft übersieht. Mehr Teilhabe bedeutet auch, dass wir neue Formate entwickelt haben für die Zeitung, die aus dem Netz gekommen sind und die wir versucht haben, auf Print zu übersetzen. Ich glaube, dass die Community eine Redaktion intellektuell befruchtet und wir andersherum natürlich auch die Community. Ich glaube, dass das Produkt dadurch innovativer und besser wird.

Wie gelingt es, Ihr Publikum kontinuierlich in den journalistischen Arbeitsprozess einzubeziehen?

Wir versuchen, die Mauern zwischen Print und Online abzubauen und diese beiden medialen Vertriebskanäle zu vereinen. Dafür versuchen wir, unsere Redaktion mit den Bloggern im Netz möglichst nah aneinander rücken zu lassen, um sich inhaltlich gegenseitig zu befruchten.

Haben Sie dafür ein besonders gelungenes Beispiel?

Einige. Wir haben mehrmals ein „Meet and read“ veranstaltet, bei dem die Leser Autoren mit Fragen löchern können. Bei der Christian-Wulff-Debatte haben wir versucht, den bei uns geführten Online-Diskurs auch in Print abzubilden. Beim Format „Buchkritik“ entsteht in Zusammenarbeit mit der Community ein „wachsender Artikel“ an dem sich alle beteiligen können und der am Ende nicht mehr aus einem Guss kommt. Wie wir unsere Website gestalten sollen, haben wir ebenfalls mit partizipativen Elementen im Dialog mit unseren Lesern entwickelt.

Wie würden Sie den Grad der Beteiligung beim Freitag beschreiben? Ist der eher zu schwach, eher sehr stark oder genau richtig?

Wir können noch besser werden. Ich glaube, dass das unmittelbar damit zusammenhängt, wie die Community technisch aufgestellt ist. Auch eine Community muss Qualität liefern. Es geht nicht zwingend darum, dass jeder in der Community ständig eine originelle Idee haben muss. Aber die Beiträge der Leser muss man lesen und verstehen können. Und oft ist die Tendenz einer Community problematisch, sich vielleicht ein bisschen zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen. Da muss man – und daran arbeiten wir im Augenblick – Mittel und Wege finden, die Qualität der Texte zu erhöhen und vielleicht auch die Debatte etwas intelligenter zu steuern. Wenn uns das gelingt, können wir in Zukunft auch mehr Texte aus der Community in Print holen.

In welchen Fällen kann der Austausch mit der Community auch kontraproduktiv oder sogar schädlich sein?

In dem Moment, wo die Blogger Texte veröffentlichen, die rechtlich problematisch sind. Wir haben in den vergangenen Jahren bereits die eine oder andere Unterlassungsverfügung gehabt. Deshalb mussten wir manche Blogs auch schon offline nehmen. Aber grundsätzlich fühlen sich unsere Blogger auch verantwortlich, was in der Community stattfindet, sodass es auch Leute gibt, die so ein bisschen mäßigend auf den ein oder anderen einwirken.

Halten Sie Klarnamen für notwendig?

Ich halte es für richtig, dass man seinen Namen im Netz nennt. Ich halte es aber auch gleichzeitig für illusorisch. Denn es ist nun mal so, dass das Netz die Möglichkeit zur Anonymität bietet – und das kann man nicht verbieten. Und ich glaube, dass das auch nicht sinnvoll ist. Denn für uns stehen die Inhalte im Vordergrund und nicht so sehr, wer was geäußert hat. Als Journalist sollte man in jedem Fall mit seinem Namen für seine Texte stehen, von den Bloggern muss man das nicht unbedingt verlangen. Und wenn es mal Stress gibt, lässt sich ja auch immer noch auf die IP-Adresse zugreifen.

Was halten Sie von Bürgerreporter-Konzepten?

Viel. Man muss den Leuten die Möglichkeiten geben, sich einzubringen. Allerdings muss das auch gesteuert werden. Ganz auf Augenhöhe werden Journalisten und ihr Publikum womöglich nie sein. Denn am Ende muss einer die Inhalte ordnen und sortieren und entscheiden, was veröffentlicht wird und was nicht. Aber das heißt nicht, dass die Leser den Redakteuren nicht selbstbewusst gegenüber auftreten können.


studie-coverDieses Interview ist für die Studie „Digitaler Journalismus. Dynamik – Teilhabe – Technik“ geführt worden. Sie ist von der Landesanstalt für Medien (LfM) in Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben worden und leistet eine wissenschaftliche Positionsbestimmung neuer kommunikativer Leistungen, identifiziert Entwicklungspotenziale insbesondere bei der Einbindung des Publikums und technischer Innovationen im Journalismus, nimmt aber auch Herausforderungen und Risiken in den Blick. Die Autoren sind Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehl und Silvia Worm.

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