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Periscope und Co.: Warum sich Journalisten trauen sollten

Soziale Netzwerke sind eine große Chance für den Journalismus, findet der Journalist und Medienblogger Richard Gutjahr. Bange machen vor Gefahren gilt nicht. Jetzt ist der Pioniergeist gefragt.

VOCER: Herr Gutjahr, der Einfluss des Internets hat die journalistische Arbeit in den vergangenen Jahren stetig verändert. Wie hat sich dieser Wandel in Ihrem Alltag bemerkbar gemacht?

Richard Gutjahr: Ich musste viel lernen. Das fing bereits damit an, den Begriff Internet richtig zu verstehen. Das Internet ist nicht mehr der Computer, der im Arbeitszimmer steht. Das Internet muss man sich als Smartphone vorstellen, es ist mobil und damit wird auch der Journalismus mobiler.

Mit der wachsenden Mobilität werden auch digitale Netzwerke wie Facebook wichtiger für die Verbreitung von Nachrichten. Stimmen Sie mir zu?

Natürlich, und in den vergangenen Jahren haben klassische Medien dazugelernt, was die Möglichkeiten des Social Webs betrifft: Rückkanäle werden erschlossen. Die mobile Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten und deswegen sollten sich Medienunternehmen mit sozialen Netzwerken weiter vertraut machen und mit ihnen experimentieren. Eine gewisse Neugierde und Innovationsbereitschaft sind dafür ganz wichtig.

"Wer auf Social Media Lust hat, soll loslegen", sagt Medienblogger Richard Gutjahr. Foto: Mathias Vietmeier

„Wer auf Social Media Lust hat, soll loslegen“, sagt Medienblogger Richard Gutjahr. Foto: Mathias Vietmeier

Für viele klingt das nach noch mehr Arbeit.

Das ist es sicher auch, aber die digitale Welt verschafft Journalisten unbegrenzten Zugang zu Informationsquellen. Dadurch wird die Branche auf eine völlig neue Ebene gehoben. Das ist sehr positiv zu bewerten; auch, weil Journalisten viel näher an ihr Publikum rücken können. Soziale Netzwerke helfen uns, Stimmungen im Volk früher wahrzunehmen und bringen uns auf neue Ideen, welche in der Hektik des Alltags überhaupt nicht abzusehen waren.

Hektik klingt nach Gefahren. Sind soziale Netzwerke nicht eher ein unkalkulierbares Risiko, etwa für klassische Reporter, die parallel zu ihrer gewöhnlichen Arbeit auch noch twittern oder streamen wollen?

Wer auf Social Media Lust hat, soll loslegen. Die Qualität der Berichterstattung liegt letztlich in der Routine des Reporters, die technische Versiertheit kommt schnell mit dem Ausprobieren dazu. Und wer Fehler macht, der muss daraus lernen. Es gibt keinen Grund, neue Vorschriften für Social Media zu formulieren. Das wäre sogar kontraproduktiv und würde vor neuen Technologien abschrecken.

Mit der Livestream-App Periscope kann man kostenlos weltweit Videos teilen. Was nützt diese Möglichkeit Journalisten?

Sie ist ein weiteres Tool in der Werkzeugkiste für Reporter. Ich kann mir deswegen sogar vorstellen, dass wir eine Form des Comebacks des alten Live-Reporters erleben werden. Eine Nachricht kann mit solchen Apps schneller an das Publikum geleitet werden. Livestreams sind also eine starke Möglichkeit, um zu kommunizieren.

Bei Periscope kann jeder streamen. Wird der Einfluss von Bloggern auf die Öffentlichkeit größer?

Wenn wir über Periscope sprechen, dann noch über eine Amateurliga. Aber ich sehe Tendenzen, die beispielsweise bei Youtube gut erkennbar sind. Dort gibt es sehr erfolgreiche Amateurfilmer, die unglaubliche Reichweiten erzielen.

Was bedeutet das für klassische Journalisten?

Wir Journalisten haben uns lange in der Rolle gefallen, immer das letzte Wort zu haben. Aber die Öffentlichkeit hat sich verändert. Neben der sogenannten vierten Gewalt ist plötzlich die fünfte aufgetaucht. Und damit müssen sich Medienschaffende künftig auseinandersetzen. Dass heißt auch, auf Leserkommentare oder den Vorwurf der Lügenpresse zu reagieren.

Journalisten müssen davor Sorge haben, künftig von Bloggern abgelöst zu werden.

Falsche These. Vielleicht sehen wir in Zukunft weniger klassische Journalisten, aber dafür garantiert mehr neue Berufsfelder in dieser Branche. Die angesprochenen Leserkommentare müssen beantwortet werden, dafür gibt es immer mehr Social-Media-Redakteure. Für interaktive Grafiken stellen Medienunternehmen Datenjournalisten ein. Das ist eine spannende und gute Entwicklung. Es ist jedoch wichtig, sich Gehör zu verschaffen. Journalisten, die nur einen guten Text schreiben können, werden irgendwann in der digitalen Welt verschwunden sein.

Und verschwinden lineare Nachrichten wie die Tagesschau gleich mit? Wir haben die vielen Livestreaming-Angebote angesprochen.

Noch hat der Livestreaming-Markt seine größte Kraft nicht erreicht. Erst wenn Datenübertragungen und Akkus optimiert werden, können Streams mit dem Fernsehen konkurrieren. Aber auf der Empfängerseite wird es langfristig keinen Spaß machen, Nachrichten per Stream zu verfolgen. Es wird also eine Integration von Livestreaming-Apps in klassische Empfangsgeräte geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dafür eine technische Lösung geben wird und dann Streams mit klassischen Nachrichtenformaten im Fernsehen konkurrieren werden. Möge der Bessere gewinnen.


Das Interview wurde im Januar 2016 geführt. Es entstand im Zuge der Bachelorarbeit von Jan Göbel über das journalistische Potential von Periscope. Richard Gutjahr kam in der Abschlussarbeit als Experte zu Wort.

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Kommentare

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