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Pech gehabt, versendet sich

Wer sich vom medialen Gebläse überföhnen lässt, kann Entscheidendes verpassen. Denn Vielfalt bedeutet nicht immer Qualität.

Wozu noch Journalismus? Eine merkwürdige Frage. Weil man bei uns nicht erschossen wird, wenn man Machthaber kritisiert, sondern im blödesten Fall eine Gegendarstellung kassiert. Ein Blick auf die Verhältnisse in Russland, China, dem Iran oder all den Ländern, die in der Pressefreiheitsstatistik weit hinter uns liegen, würde wohl reichen, um diese Frage einfach zu beantworten.

Für den Erhalt unserer Demokratie! Klingt zu banal?

Als „Panorama“ anfing zu senden – 1961 – war kritischer Fernsehjournalismus in Deutschland unbekannt. Das Fernsehprogramm bestand in erster Linie aus seichtem Tanzgeplänkel und schmonzettigen Heimatfilmen. Und mitten rein platzte „Panorama“: „Jetzt wollen wir uns mal ein bisschen mit der Regierung anlegen“ – eine der berühmtesten Moderationen von Gert von Paczensky.

Die Regierung war damals Adenauer und fand eigentlich nicht, dass es dem Fernsehen und seinem neugegründeten Magazin in irgendeiner Weise zustünde, sie zu kritisieren. Was die Journalisten aber mitnichten einschüchterte, sondern im Gegenteil noch anspornte. Obwohl Politiker wirklich alles versucht haben, um unliebsame Journalisten los zu werden. Über die Besetzung von Rundfunkräten nach der Farbenlehre konnte man wunderbar über die Personalpolitik in die Sender hineinregieren. Mancherorts kann man das bis heute. Vermutlich würden einige Politiker im heutigen Berlin den kritischen Journalismus im Fernsehen immer noch gerne abschaffen, vor allem dann, wenn er die eigene Person oder Partei betrifft. Wenn es allerdings um die gegnerische Fraktion geht, freut man sich doch. Das jedenfalls hat mir Günther Beckstein bei den Dreharbeiten zum 50-jährigen „Panorama“- Jubiläum gestanden. Was wäre also passiert, hätten sich Adenauer und seine Mannen damals durchgesetzt? Sie hätten nicht nur „Panorama“ abgeschafft, sondern den „Spiegel“ gleich mit. 1962 wurde Augstein verhaftet, die Redaktion durchsucht und für einige Zeit lahmgelegt – die berühmte „Spiegel“-Affäre.

Ohne kritischen Begleitjournalismus würden wir also immer noch denken, der „Spiegel“ habe Landesverrat begangen und Franz Josef Strauß sei ein doller Kerl, weil er das ja aufgedeckt hat. Der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Karl Filbinger hätte nie zurücktreten müssen, denn die Öffentlichkeit wüsste nichts von Todesurteilen, die er in der Nazizeit kurz vor Ende des Krieges noch unterschrieben hat. Flick wäre als unbescholtener Milliardär gestorben. Helmut Kohl könnte sich bis heute in Ruhe in seiner deutschen Einheit sonnen, ohne den hässlichen Schatten der CDU- Spendenaffäre. Und Christian Wulff wäre – um mal ins Heute zu springen – wohl immer noch Bundespräsident, der ab und zu gemütlich Urlaub bei guten Freunden macht. Ja, für viele wäre es schön gewesen, ohne Journalismus.

Aber genau das Vertrauen darauf, dass die meisten Schweinereien irgendwann doch ans Licht kommen, macht die deutsche Demokratie so stark. Von daher kann man es nur begrüßen, dass sich viele neue Formen des Journalismus gebildet haben. Je mehr gesucht wird, desto mehr kommt auch zu Tage. Man kann zum Beispiel schön beobachten, wie hilflos manche Unternehmen auf Blogeinträge reagieren, die Produkte oder Geschäftsgebaren kritisieren. In Windeseile verbreiten sie sich im Netz, unmöglich, selbst für die perfekteste PR- und Presseabteilung dagegen anzukommen.
Die Möglichkeit der Information hat sich allein in den letzten zehn Jahren derartig vervielfacht, dass jeder zu jedem Thema bestens informiert sein kann.

Die Betonung liegt auf „kann“. Denn je mehr verbreitet wird, desto mehr Mist ist auch darunter. Vielfalt bedeutet eben nicht immer auch Qualität. Welche Information ist wertvoll, wer filtert, wer bewertet, wer gewichtet? Wer sich nur überföhnen lässt vom allgemeinen medialen Gebläse, kann Entscheidendes verpassen oder sogar völlig falschen Behauptungen aufsitzen.

„Liebe Presse: ich weiß doch auch nichts von dem Verrückten…“

Nehmen wir mal ein mediales Großereignis der letzten Jahre: Der Amoklauf von Winnenden. Wahrlich keine Sternstunde des Journalismus. Dass überhaupt etwas passiert war, im baden-württembergischen Städtchen, erfuhr die Welt nicht von recherchierenden Reportern, sondern über Twitter. Der Internet-Kurznachrichtendienst, in dem sich jeder ausmähren kann, allerdings nur in 140 Zeichen: „ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig – besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ (Internetauszug 2009 Twitter, von „tontaube“ am 11.03.2009).

Wie wunderbar – Quelle und Augenzeuge in einer Person. Man musste als Reporter nicht mal telefonieren, geschweige denn vor Ort sein, um zu recherchieren. Kurze Nachricht reicht. Kein Wunder, dass „tontaubes“ Twitter-Postfach binnen kürzester Zeit überquoll. „tontaube“ (wer auch immer das ist) jedenfalls reagierte twitterwendend: „Liebe Presse: ich weiß doch auch nichts von dem Verrückten…“. Also musste man doch hinfahren, an den Ort des Geschehens, um sich selbst ein Bild zu machen. Und hier wird die Pflicht zur Kür: auch aus so einer Anreise lässt sich ja schon was rausholen: „Focus-Reporter passieren erste Straßenkontrolle“ (Internetauszug 2009 Twitter, von „Focus„) erfuhren wir also von den ebenfalls im Netz twitternden Nachrichtenreportern. Und ihr Chef habe das Geld „für zwei Zahnbürsten freigegeben“. Gott sei Dank, um die Mundhygiene von „Focus“ musste man sich also schon mal keine Sorgen machen.

Wer hat hier wen verblödet?

Vor Ort angekommen, zeigte sich aber erst, was wahre Reporterkunst ist, live und in Farbe bei „RTL Punkt 12“ kräht die jugendliche Reporterin: „Es ist kaum zu beschreiben, was hier vor Ort gerade abgeht. Es ist Wahnsinn, hier blinken die Lichter. Es heißt sogar, dass der Täter hier vor Ort noch um sich springen könnte. Man hat nicht erwarten können, dass ein solches Großereignis hier heute eintritt. Es ist hier ein Chaos vom Feinsten!“ (Sendungsausschnitt „RTL Punkt 12“ vom 11.03.2009) Chaos vom Feinsten! Vielen Dank. Das richteten allerdings die daheimgebliebenen Journalisten genauso an. Denn erst bei der Suche nach dem Täter, zeigte sich, wozu vermeintliche Recherche fähig ist. Tim Kretschmer – der Name des Amokläufers ist bereits überall bekannt – allein es fehlt ein Bild und ein paar Hintergrundinformationen. Kein Problem für den modernen Journalisten. Einfach schnell Google, Facebook, Xing und sonstige Netzwerke gecheckt, schon weiß Deutschland, dass Tim Kretschmer IT-Fachmann und gerade in der Ausbildung ist. Auch ein Foto ist schnell runtergeladen – eins, zwei, drei, schon hat der Täter ein Gesicht. Leider das falsche. Der Tim Kretschmer, der in Internetportalen und sogar manchen Zeitungen erscheint, ist nicht Tim Kretschmer. Er heißt nur so wie der Schütze aus Winnenden. Pech gehabt, versendet sich.

Dass all diese gruseligen Verfehlungen einiger Branchenmitglieder ans Licht kamen, ist vor allem einem zu verdanken: dem Journalismus. Und zwar dem Journalismus, der sich noch die Mühe macht, zu hinterfragen. All die hier genannten Zitate stammen zum Beispiel aus einem Beitrag des NDR-Medienmagazins Zapp, der das mediale „Chaos vom Feinsten“ untersuchte. Womit die Frage: „Wozu noch Journalismus?“ eigentlich schon beantwortet wäre. Genau dazu.

Eine ganze Regierung erschüttern mit der Kraft der Recherche

Aber was zeigt das Beispiel? Ja, es gibt massive Defizite. Das wurde in diesem Dossier auch schon hinreichend beschrieben. Aber warum nur? Liegt es an den Reportern? Grundsätzlich würde ich so gut wie jedem Journalisten unterstellen, dass sein Arbeitsziel nicht unbedingt ist, Menschen vorschnell, falsch oder überhaupt nicht informieren zu wollen. Wer anfängt in diesem Beruf, hat vielleicht sogar den Traum der ganz persönlichen Watergate-Enthüllung (auch wenn vielleicht die wenigsten noch wissen, was das wirklich war).

Wer wäre nicht gern Mikael Blomkvist, der Reporterheld aus Stieg Larssons Trilogie? Der eine ganze Regierung erschüttern kann, nur mit der Kraft der Recherche. Recht schnell merkt man in der Praxis, dass sich so ein Knaller nicht so einfach herstellen lässt. Also macht man als Jungreporter erst mal das, was Redaktionsleiter von einem verlangen: Schnell und möglichst billig etwas ins Blatt oder auf Sendung zu bringen. Dass das Internet hier eine große Verlockung ist, kein Wunder. Dass Recherche Zeit und damit auch Geld kostet, die sich kaum einer leisten will, gibt’s als frühe Lehre gratis dazu.

Liegt es also an den Redaktionsleitern? Ja, auch. Wer immer nur auf Quote und Auflage schielt, bedient sich lieber im schnellen Boulevard, als in der langwierigen Recherche, übernimmt halt lieber mal einen kostenlosen PR-Artikel, als selbst jemanden hinzuschicken. Alles bekannt. Lässt sich auch alles problemlos bemängeln, wenn man nicht derjenige ist, der auf’s Geld schauen muss. Was hilft es, wenn man zwar tolle Geschichten hat, die dann aber keiner sehen oder lesen will.

Also ist der Leser oder Zuschauer schuld. Hier allerdings stellt sich gleich die alte Henne-und-Ei-Frage. Wer hat hier wen verblödet? Waren es wir Medien, die mit immer schnelleren, unsauberen Geschichten und immer mehr lockerer Unterhaltung die Zuschauer- oder Leserschaft langsam verseicht haben oder ist das allgemeine Niveau so gesunken, dass niemand mehr ordentlichen Journalismus aushält. Oder zumindest dafür bezahlen will?

Meine Güte, was war das Fernsehen früher gehaltvoll, wird mir oft entgegen geschmettert. Ja sicher. Das kann man leicht sagen. Klar konnte „Panorama“ vor 50 Jahren Interviews mit Politikern in ungeschnittenen 20 Minuten senden. Da war der Erkenntniswert möglicherweise größer, als in den heute üblichen 30- Sekunden- Häppchen. Aber mal ehrlich, möchten Sie heute in „Panorama“ auch nur fünf Minuten ein durchgängiges Gespräch mit irgendeinem Politiker sehen? Grafiken in epischen Längen, Interviews mit kryptischen Fragen konnte man leicht senden, wenn es nichts gab, wohin man mit der Fernbedienung ausweichen konnte. Aber versuchen Sie heute mal das Thema Steuergesetze oder Gesundheitsreform publikumsattraktiv und fernsehgerecht aufzuarbeiten. Da fällt Ihnen bildlich erst mal nicht viel ein. Wer quält sich – angesichts dutzender attraktiv vorgekauter, unterhaltsamer Gegenprogrammen noch durch ein argumentativ aufgebautes Magazinstück?

Erfreulicherweise tun es noch Menschen. Und zwar gar nicht so wenige. Allerdings muss man sich heute sicher mehr Mühe geben, das Interesse auch beim ungeduldigen Publikum mit ständigem Umschaltimpuls zu wecken. Aber genau das ist die Herausforderung. Die Skandale, die Probleme sind ja nicht kleiner geworden. Sie verstecken sich nur besser im großen medialen Trara. Es gibt guten Journalismus. Nicht nur in den klassischen Print- und Fernsehmagazinen. Auch Regionalzeitungen oder Nischensendungen haben oft tolle Geschichten. Man muss nur einfach mehr suchen.

Vielleicht steckt in der Krise auch eine Chance. Vielleicht wird sich alles nur neu zurecht rütteln. Es wird weniger Qualitätsprodukte geben, aber die können dann erhobenen Hauptes aus der Masse herausstechen. Wir können nicht alle alles machen. Die aktuelle Berichterstattung wird sich aufs Internet konzentrieren. Das läuft an Schnelligkeit allen anderen Verbreitungsformen den Rang ab.

Das Video über amerikanischer Kampfhubschrauber-Soldaten, die auf offener Straße aus dem Hubschrauber heraus Menschen im Irak erschießen, darunter auch zwei Journalisten von Reuters, wurde der Internetplattform „Wikileaks“ zugespielt. Und keinem Fernsehsender und keiner Zeitung. Das ist nur logisch. Denn nur so konnten es viele Menschen weltweit sehen. Und zwar gleichzeitig. Sehr demokratisch. Aber die Schnelligkeit des Internets ist ja auch genau seine Schwäche. Weder hält man beim digitalen Lesen lange Strecken durch, noch ist man bereit für eine differenzierte Argumentation. Da können wieder Zeitungen und Magazinsendungen punkten. Auch in Zukunft. Hoffe ich jedenfalls.


Ursprünglich ist dieses Essay als Teil der „SZ“-Reihe „Wozu noch Journalismus“ erschienen, die auch als Buch erhältlich ist. VOCER veröffentlicht ausgewählte Beiträge in teils leicht aktualisierter Form.

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