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Patrick Gensing: „Medien dürfen keine Ängste schüren“

Als Gründer des Watchblogs publikative.org beschäftigt sich Patrick Gensing seit Jahren mit den Themen Neonazis, Rassismus und Antisemitismus. Im Interview erklärt er, mit welchen Mitteln und Maßstäben die Arbeit gelingt.

Bunte Häuserwände, dreckige Straßen und ausnahmsweise mal wenig Menschen: Das ist das Hamburger Schanzenviertel an einem Montagmorgen um 09:30 Uhr. Ich treffe mich in einem kleinen, netten portugiesischem Café mit meinem journalistischen Vorbild Patrick Gensing. Gensing, Jahrgang 1974, ist Nachrichtenredakteur, Blogger und Buchautor. Als jugendlicher Langhaariger war er „Antifamäßig“ unterwegs und hat sich seitdem mit den Themen Neonazis, Rassismus und Antisemitismus beschäftigt. Seit knapp zehn Jahren betreibt Gensing das Watchblog publikative.org, welches 2013 mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet wurde. Gensing arbeitet als Journalist hauptsächlich für tagesschau.de und den NDR, schreibt aber auch für andere Medien. 2009 bekam er den 3. Axel-Springer-Preis für junge Journalisten. Jetzt schlägt ihm die Heimpleite seines Clubs St. Pauli noch etwas aufs Gemüt, doch der Galáo bringt den Träger des Totenkopfpullis in Schwung. Es entsteht ein Gespräch über Pegida, lange Haare und den großen Vorteil von Blogs.

VOCER: Herr Gensing, wie ist Ihr persönlicher Zugang zum Thema Extremismus?

Persönliche Betroffenheit. Ich war als Jugendlicher Antifa mäßig unterwegs, hatte lange Haare und wir waren halt alle eher alternativ drauf. In Schleswig-Holstein Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre war der organisierte Rechtsextremismus eine virulente Bedrohung und in den Medien ist davon nichts aufgetaucht, was uns damals extrem aufgefallen ist.

Interviewpartner Patrick Gensing.

Interviewpartner Patrick Gensing.

Kam die Entscheidung sich auch journalistisch mit Rechtsextremismus zu befassen aus dieser Unzufriedenheit heraus?

Das hat sich so ergeben. Als ich hauptberuflich anfing, als Journalist zu arbeiten, dachte ich, die meisten Kollegen kennen sich damit bestimmt aus, aber so war es eigentlich nicht. Ich habe gemerkt, dass ich einen Wissensvorsprung hatte, obwohl ich mich mehrere Jahre nicht mehr mit dem Thema beschäftigt habe. Als ich bei tagesschau.de angefangen habe, gab es niemanden, der sich groß dafür interessiert hat. Von daher habe ich mir dann das verwaiste Feld erschlossen.

Aktuell gehen tausende Menschen in Deutschland unter dem Namen Pegida auf die Straße, um gegen eine angebliche Islamisierung zu demonstrieren. Man kann den Eindruck bekommen, dass sich die sogenannte Mitte der Gesellschaft radikalisiert. Sehen Sie das auch so?

Auf jeden Fall ist es so. Es wird wieder so ein bisschen wie in den 90ern. Themen wie kriminelle Ausländer, Asylbewerber und Islamisten werden in den Medien riesig groß gefahren, so dass man denken könnte, dass seien die größten Probleme, die es in Deutschland gerade gibt. Wenn solche Diskussionen in der großen Öffentlichkeit stattfinden, versuchen Rechtspopulisten davon zu profitieren, was ja, wie wir an den Pegida Demonstrationen in Dresden sehen, auch klappt. Da marschieren plötzlich 15.000 Leute gegen irgendwas auf, was es gar nicht gibt.

Eben noch als „Lügenpresse“ beschimpft, solidarisiert sich die Pegida-Bewegung nun mit den Opfern des Anschlages auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Grotesk oder zu Recht?

Der Begriff Heuchelei trifft es wohl recht genau. Die Angehörigen der Opfer haben ja sogar noch betont, dass die getöteten Journalisten von „Charlie Hebdo“ glasklare Gegner von Bewegungen wie Pegida waren.

Und wie berichten die Medien?

Journalistisch ist das glaube ich so, dass viel stärker auf die Relevanz geachtet werden müsste. Ein Kollege hatte jetzt aus Spiegel, Stern und Focus mal Titelbilder zusammengestellt, auf denen so was wie „Die Multikulti Lüge“ oder „Gefährlich fremd“ abgedruckt wurde. Das waren alles Titelblätter aus den letzten drei Jahren. Das erinnert mich sehr stark an die 90er, als es eben diese Hetze gegen Asylbewerber gab und daraus dann dieser berühmte Begriff „aus Schlagworten werden Brandsätze“ entstand. Da habe ich das Gefühl, das passiert gerade wieder.

Also tragen die Medien eine Mitverantwortung?

Auf jeden Fall. Definitiv.

Ist es dann auch Aufgabe der Medien die sogenannten „Man-wird-jawohl-noch-sagen-dürfen-Bürger“ wieder abzuholen?

Die Medien sind es nicht allein. Die nehmen natürlich das auf, was in der Politik geredet wird und sie nehmen es dann manchmal eben auch zu unkritisch auf. Dieses Einsammeln der Leute, diese Rücksichtskultur, die Ängste der Leute auffangen, ich glaube da sollte man nicht zu weit gehen. Man muss natürlich zur Kenntnis nehmen, dass es diese Ängste gibt. Ich möchte jetzt aber nicht anfangen immer zu erklären, dass es keine Islamisierung in Sachsen gibt.

Warum nicht?

Das ist einfach Quatsch. Wenn man jeden Unsinn, der geschrieben wird, entkräften muss, verrennt man sich und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir sind gerade an einem Punkt, wo man tatsächlich Position beziehen muss und klar machen muss, wofür man eigentlich steht. Nämlich für eine wirklich multikulturelle tolerante, demokratische Gesellschaft, wo Minderheiten Rechte haben und nicht bestenfalls nur geduldet werden.

Kann und darf ein Journalist denn Stellung beziehen?

Ich bin ein großer Freund von Journalismus mit Haltung, weil ich mich daran viel besser abarbeiten kann. Ich glaube, dass man die Leute eher gewinnen kann, wenn im Journalismus eine Haltung vertreten wird, als wenn da irgendwie einfach nur Fakten angehäuft werden. Das ist in meinen Augen auch überhaupt nicht Journalismus. Einfach nur Fakten zu liefern und sagen, wir können das nicht beurteilen und wissen das nicht. Das zu beurteilen ist doch genau unser Job.

Wie weit geht die Pressefreiheit für dich? Wird ein Journalist zum „Täter“, wenn sich andere durch seine Karikaturen/Berichterstattung religiös verletzt fühlen?

Religiöse Fanatiker können sich leicht verletzt oder provoziert fühlen. Für Satire gelten da ohnehin noch einmal andere Regeln, als für politischen Journalismus. Während Satire es darauf anlegt, zu provozieren, hat sich der politische Journalismus ja eher der Aufklärung verschrieben.

Muss ein Journalist vielleicht sogar „Täter“ sein?

Nein, das glaube ich nicht. Aber man darf keine Angst haben, auch Kritik einzufangen.

Ist Fachwissen insbesondere für komplexe und kontroverse Themen wie dem Extremismus wichtig?

Man muss wissen, was passiert, um über die Relevanz entscheiden zu können, weshalb man Fachleute braucht, die einordnen können, was da gerade passiert und wer da gerade was sagt. Wenn ein NPDler, der überhaupt nichts mehr zu melden hat, aus der Szene aussteigt und das in den Medien als großer Ausstieg dargestellt wird, bin ich da sehr skeptisch. Das war im Fall des NPD-Rechtsanwaltes Ingmar Knop so. Der hat seine wichtigsten Auftraggeber verloren, die NPD in Sachsen ist aus dem Landtag geflogen und die NPD Thüringen war Pleite. Drei Monate später wurde sein Ausstieg groß abgedruckt, weil er schon immer Zweifel gehabt habe.

Sie, als Fachjournalist für Rechtsextremismus, betreiben seit 2005 den Blog publikative.org, dessen Schwerpunkt die kritische Auseinandersetzung mit der NPD und dem Rechtsextremismus in Deutschland ist. Aus welchen Gründen haben Sie das Blog erstellt?

Die Idee war Material über die NPD zu sammeln, so dass ich schnell und von überall ran kommen kann und da habe ich halt dieses Blog gewählt. Dann können auch andere Leute davon profitieren. Erst mal habe ich einfach Informationen unkommentiert angehäuft, dann habe ich angefangen mehr eigenständige Sachen zu schreiben, oder das zu kommentieren. Und das hat sich dann nach und nach so verselbstständigt, dass wir immer mehr wurden.

Und wie hat die rechte Szene darauf reagiert?

Die Nazis haben sich halt unfassbar dafür interessiert, weil sich plötzlich jemand die ganze Zeit mit ihnen beschäftigt hat. Und sie fanden es auch interessant, um abzuchecken wie ihre Aktionen ankommen usw. Sich nur mit den Nazis zu beschäftigen war aber irgendwann zu kurz gesprungen. Wir haben dann auch anderes thematisiert und den NPD-Blog in Publikative um genannt.

Wenn so ein Blog bei den Nazis Aufsehen erregt, worin sehen Sie dann die Vorteile Ihres Blogs?

Das Blog hat den riesigen Vorteil, dass du schreiben kannst was du willst. Du musst das vor dir selbst verantworten. Du musst natürlich die journalistischen Standards einhalten, aber es ist halt möglich einfach ein bisschen flapsiger und spitzer zu schreiben, mehr anzugreifen. Ich kann ganz unmittelbar Sachen veröffentlichen und ich kann natürlich viel fachspezifischer schreiben.

Wie schreiben Sie denn im Unterschied dazu auf tageschau.de?

Bei tagesschau.de könnte ich ja jetzt über Pegida oder so nicht so schreiben, wie ich es auf dem Blog tue. Das geht halt einfach nicht. Bei tagesschau.de ist es klar, dass man noch mehr darauf achtet ausgewogen zu schreiben, d.h. wirklich immer von beiden Seiten die Stimmen einzuholen und natürlich nicht polemisch zu werden und so.

Ich stelle es mir schwer vor, Stimmen von Nazis einzuholen. Wie machen Sie das?

Also mit den Nazis zu sprechen ist natürlich immer so eine Sache. Ich habe wenig persönlichen Kontakt gehabt, sondern habe das meistens telefonisch oder schriftlich gemacht. Das hat den Vorteil, dass man rechtlich auf der sicheren Seite ist, weil die Jungs ja auch sehr klagefreudig sind. Ich habe auch einfach keine Lust, mich mit diesen Leuten zu treffen, ihnen die Hand zu geben und mich mit ihnen hinzusetzen.

Was haben Medien für Mittel, die rechten, extremen Ideologien, die hinter den Aussagen stehen, aufzuschlüsseln?

Der Schlüssel ist, dass man verantwortungsbewusst und angemessen über Probleme berichtet und Ängste nicht schürt, um Auflage zu machen. Die derzeitige mediale Aufmerksamkeit für Pegida halte ich für vollkommen überzogen. Und um rechte Ideologien zu erklären, muss man halt schon ins Inhaltliche gehen. Du musst erklären und benennen, was für Leute und Einstellungen das sind. Ich kann deren Denkweise überhaupt nicht nachvollziehen und weiß auch nicht, ob man das muss. Ich habe da kein Verständnis für.

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Kommentare

  1. Torsten sagt:

    „Ich glaube, dass man die Leute eher gewinnen kann, wenn im Journalismus eine Haltung vertreten wird, als wenn da irgendwie einfach nur Fakten angehäuft werden.“

    Dazu passt der alte Spruch: Meine Meinung steht fest, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen.
    Im Ernst: Patrick Gensings Definition von gutem Journalismus ist ein schlechter Witz. Wer ihn dann noch als Vorbild kürt, der sollte über seine Berufswahl nachdenken.

  2. Klaus sagt:

    „Da marschieren plötzlich 15.000 Leute gegen irgendwas auf, was es gar nicht gibt.
    Eben noch als “Lügenpresse” beschimpft, solidarisiert sich die Pegida-Bewegung nun mit den Opfern des Anschlages auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Grotesk oder zu Recht?
    Der Begriff Heuchelei trifft es wohl recht genau. “
    .
    Auch solche Denke ist es, die Begriffe wie „Lügenpresse“ erst entstehen lässt.
    Die betreffenden Journalisten merken es schon gar nicht mehr.

  3. kdm sagt:

    „Einfach nur Fakten zu liefern und sagen, wir können das nicht beurteilen und wissen das nicht. Das zu beurteilen ist doch genau unser Job.“
    .
    So, wie’s gemacht wird, ist der „Job“ meist schlecht gemacht. Weil allzuoft das Wissen fehlt.
    Dinge & Sachverhalte, die man als Leser gut kennt, und über die man dann in Zeitungen regelmäßig hahnebüchenes liest, beweisen das immer wieder.
    Drum: Es ist NICHT Ihr Job. Weil oder wenn Sie keine Ahnung haben über das, worüber Sie berichten. Was meist der Fall ist.
    Oder, noch schlimmer: Die Ahnung, das „Wissen“ der Journalisten, es stammt aus Reklameveranstaltungen der Regierung, der EU, des amerikanischen Außenministeriums, der NATO… und was dann DABEI rauskommt, all die (sorry:) Lügen, dafür steht der Begriff „Ukraine“. DIESE Berichterstattung hat der deutschen Presse das Genick gebrochen. Ich zumindest les‘ sie NICHT mehr. Und ich war jahrelang Vielleser: drei Tageszeitungen täglich und ein Wochenblatt (FAZ, SZ, Tagesspiegel, ZEIT).

    • NordmannTanne sagt:

      Es ist wichtig Journalisten zu haben, die sich in bestimmten Themengebieten gut auskennen. Patrick Gensing scheint auf jeden Fall gute Kenntnisse zu „seinen“ Themen zu haben und hat zum Beispiel im Zusammenhang mit der Errichtung des Gefahrengebietes in Hamburg fundierte Medienkritik geübt.

      Daher ist der erste Kommentar hier etwas fehlgeleitet und mit dem Charme eines Trolls behaftet.

    • Andromed sagt:

      Idealerweise sollte es überall jemanden geben (Journalisten), der eine Urteilsfähigkeit über jeweils das Thema besitzt. Mit dem Ideal ist das aber so eine Sache – das lässt sich nicht überall verwirklichen.
      Korrekt wäre es dann, wenn man aus der Misere heraus nichts berichtet oder wenigstens nicht urteilt, sondern nur zurückhaltend berichtet, was „gemeldet“ wurde (über Nachrichtenverbreitungsservern etwa – Presseagenturen).

      Wie liberaler Journalismus geht, zeigt mir öfter mal die NZZ – sonderbarerweise. Es fällt mir oft auf, dass deren Berichte/Artikel sich von den Qualitätsmedien in D in ihrer Urteilstendenz erheblich unterscheiden. Was in D gerade abläuft, hat nahezu nichts mehr mit freier Meinungsbildung zu tun – alles ist schwer tendenziel in Duktus und Fakten.

      Urteilsfähigkeit aus langjähriger Erfahrung ist da sehr gut. Letztlich aber Vertrauenssache, ob man dem dann auch glaubt. Und da gibt es ja gerade diese Vertrauenskrise, die fast alles durchdringt und jeden betrifft.

  4. Andromed sagt:

    Die letzten beiden Antworten machen es mir wieder schwierig das nötige Vertrauen zum Patrik Gensing als erfahrener in Sachen Naziszene auszubauen. Denn sie geben mir den Hinweis, dass sein Einblick auch nur einer aus der Ferne sei, wo sich die Perspektiven aus einer Mischung der vielen Stimmen dazu zusammensetzen. Auch, wenn die Geschichte mit dem Nazi-Anwalt sich natürlich schlüssig anhört, muß man eben auch aufpassen, ob nicht auch ein recht versierter Journalist zuweilen einen Schnellschuß abliefert, der nicht aus eigenen Erfahrungen und eigener Kenntnis stammt. Hier jetzt darauf gezielt, wenn man Gensing als sogenannten „Spezialisten“ für die Naziszene annimmt.

    Das er die Denkweise von Pegida-Anhängern nicht nachvollziehen kann, ist zwar keine Besonderheit, aber das müsste doch das große Ziel sein, bei einer solchen Anzahl Beteiligter.
    Problematisch ist ja, dass es selbst die bei Pegida nicht können (sich verstehen), es ist nur eine diffuse Kritik, die aus ihnen heraussprudelt. Kein zusammenhängendes Konstrukt der Kritik, sondern chaotisch gefühltes Ungemach. Diese Menschen sind beunruhigt, aber der Rest der Welt sagt: versteh ich nicht, ist auch egal! Das diese Bewegung ausgerechnet in einem Bundesland begann, in dem es das Problem so gar nicht zu geben scheint, weil der Anteil zum Problem führender Menschen dort gering ist, ist da nur ein weiterer Grund, der diese Angelegenheit durch ihre einzigartige Konstellation interessant und wichtig macht.

    Das ist ein Projekt für ein Interdisziplinäres Team mit Soziolgen, Psychologen, Neurowissenschaftler/Mediziner und Politologen, die das dann mal analysieren, worum es tatsächlich geht. Einfach so abtun es nicht verstehen zu können (und auch nicht wollen), ist auch keine Meisterleistung. Sowas kann jeder – ich auch.

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