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Online oder offline? Ich verstehe die Frage nicht

Unser Kommunikationsverhalten ändert sich dramatisch. Wir sind überall online, trotzdem wird immer noch in den Kategorien „online“ oder „offline“ gedacht.

„Unsere Mediennutzung verändert sich dramatisch!“ Wie oft begegnen wir diesem apokalyptisch anmutenden Ausspruch? Medienpolitische Konferenzen, Vorträge, Artikeln und Interviews beschwören häufig die Endzeitstimmung der traditionellen Massenmedien. Sicherlich kommt dies einer Binsenweisheit gleich und doch verbirgt sich dahinter ebenfalls eine treffende Zustands- oder besser Prozessbeschreibung.

Für einen Vortrag auf dem Symposium zur Zukunft und dem Verhältnis von DVB-T und WebTV der Medienanstalt Berlin-Brandenburg spürte ich diesem Bullshit-Bingo verdächtigen Satz noch einmal nach. Ziel war dabei, die sich zweifellos veränderte Mediennutzung in einen Zusammenhang mit Infrastrukturfragen im urbanen (!) Raum zu bringen. Die These ist einfach und dennoch nicht ganz trivial: Die Unterscheidung „online/offline“ ergibt differenzlogisch immer weniger Sinn, da wir sie immer seltener tatsächlich auch leben. Ursächlich dafür sind insbesondere zwei technologiegetriebene Innovationen. Erstens die wachsende Versorgung mit mobilem, breitbandigem Internet sowie zweitens die darauf fußende Internetfähigkeit der verschiedenen Endgeräte.

Nur die Mediennutzung zu betrachten, häufig verstanden als Rezeption klassicher Massenmedien online wie auch offline, greift zu kurz, wenn die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung beobachtet werden sollen. Wir müssen dafür vielmehr unser gesamtes Kommunikationsverhalten in den Blick nehmen. Die erst-semestrige kommunikationswissenschaftliche Faustregel „Who says what to whom in which channel with what effect?“ kann hier ihre Anwendung finden. Welche Trends lassen sich nun aus den vielfältigen Beobachtungen des Kommunikationsverhaltens in Hinblick auf Infrastrukturfragen destillieren?

Digital statt analog

Es bedarf nicht des Latte-Macchiato-Schlürfens in den einschlägigen Cafés in Berlin Mitte, wo sich jedermann und jedefrau über schicke Apple-Produkten beugt, um feststellen zu können, dass wir immer mehr digital statt analog kommunizieren. Dies gilt für das Lesen der Tageszeitung auf dem Reader, fürs Telefonieren und auch der heimische TV-Anschluss ist mittlerweile häufiger digital als analog. Die analoge Terrestrik konnten wir schon 2009, den analogen Satelliten im vergangenen Jahr abschalten. Die Digitalisierung der Medien und der Kommunikation ist ein Allgemeingemeinplatz, beschreibt aber die Entwicklung in korrekter Weise.

Wir kommunizieren nicht nur immer mehr digital statt analog, sondern auch zunehmend online. Wir beschreiben sogar unseren Seins-Zustand als „online“, denn wir sind online. Die Unterscheidung in entweder online- oder offline-Sein ist schon heute keine sinnvolle mehr, denn viele von uns sind grundsätzlich nicht mehr offline.

Der Leser möge sich bitte gefragt fühlen, ob er in den vergangenen sieben Tagen sein Smartphone komplett ausgeschaltet hat – und damit ist nicht das Aktivieren des Flugzeugmodus gemeint. Für viele von uns spielt es keine Rolle mehr, online zu sein. Wenn überhaupt ist es bemerkenswert, offline zu sein. Dann berichtet man stolz von seiner Online-Diät, weil das Handy im Urlaub tatsächlich ausgeschaltet blieb. Und warum freuen wir uns eigentlich über eine handgeschriebene Postkarte so viel mehr als über eine E-Mail? Der Seltenheitswert mag es erklären.

Mein Smartphone ist eigentlich immer online, außer ich entscheide mich bewusst dagegen. Diese Entscheidung muss ich dann auch noch aktiv umsetzen, indem ich das Gerät gänzlich ausschalte oder die Konfiguration ändere. Ansonsten verbinden mich meine smarten Geräte nämlich immer statt nur manchmal mit dem Internet, sie sind meine stetige Verbindung in die digitale Lebenswelt.

Überall online

Dank der reichlich zuverlässigen Mobilfunkverbindungen und den internetfähigen Endgeräten werden wir in die Lage versetzt, überall statt nur mancherorts online zu sein. In urbanen Räumen sind wir an jedem Punkt online. Zusätzlich zu der Mobilfunkverbindung ist zunehmend auch WLAN verfügbar. In vielen Berliner Cafés ist das Angebot von WiFi mittlerweile genau so selbstverständlich wie der Ausschank italienischer Kaffeespezialitäten*.

Die allgegenwärtige Internetversorgung muss gar nicht fortwährend genutzt werden, um ihre Wirkung auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene zu entfalten. Es reicht aus, dass sie da ist, dass sie grundsätzlich genutzt werden kann, dass sie eine immerwährende Option darstellt. Sie konkretisiert dadurch die Idee von Verfügbarkeit, einer zweiseitigen Verfügbarkeit: Zum einen sind wir als Personen weitgehend für andere immer verfügbar. Und auf der anderen Seite ist jeder und insbesondere alles für uns verfügbar.

Verfügbar statt unerreichbar sind Personen, Werke, Dienste sogar Gegenstände.  Dies ist von gesellschaftlicher Tragweite, da es unser Verhältnis zu Besitz grundlegend verändert. Wenn alles verfügbar ist, dann muss ich es nicht besitzen. Das Sich-Teilen von Fortbewegungsmitteln funktioniert beispielsweise so, dass ich nur wissen möchte, ob und wo ein Auto verfügbar ist. Der kostspielige Besitz wird in vielen Fällen überflüssig.

Auf die Onlinelogik übertragen, bedeutet dies, dass der Stream genügt. Denn auch die Inhalteindustrie funktioniert zunehmend nach dem Prinzip der Verfügbarkeit. Den Film möchte ich zu dem Zeitpunkt und an dem Ort schauen, wann und wo es mir beliebt – unabhängig vom Trägermedium und mittlerweile sogar häufig unabhängig vom Download. Bei entsprechender Internetversorgung reicht mir der Stream und ich belaste meine digitalen Geräte nicht mal mehr mit einem Download, geschweige denn dass sich meine Regale unter den weniger hübschen CD-Boxen biegen.

Gigantische Chance

Unser Kommunikationsverhalten verändert sich also in der Tat dramatisch. Die Konsequenzen dieser Veränderung sind sowohl individuell als auch sozial gegenwärtig. Es bleibt abzuwarten, wie sich dadurch unsere Arbeitsbelastung, unser Konsumverhalten, unsere Streitkultur, unsere Informationsbegierde und so vieles mehr ändern wird. Man mag es als naiv-appellierend empfinden, doch plädiere ich dafür, die dramatischen Veränderungen zunächst als gigantische Chance zu begreifen – nicht nur für neue Geschäftsmodelle und damit verbunden für ökonomisches Potenzial, sondern auch für dialogische Willensbildung sowie für eine zunehmend eigenverantwortliche und wachsende Informationsfreiheit.

Drei Voraussetzungen für eine solche gemeinwohlorientierte Entwicklung sind heute schon auszumachen: die Durchdringung aller gesellschaftlichen Gruppen mit mobilen internetfähigen Endgeräten, die Kompetenz, diese zu bedienen sowie der weitere Einsatz für den Breitbandausbau und die drahtlose Anbindung unterwegs.

Für mich steht fest, dass in Zukunft immer weniger Menschen die Differenz „online/offline“ als sinnstiftend empfinden werden. Vielleicht sind wir irgendwann sogar so weit, dass nur noch eine gewisse Generation mit dieser Unterscheidung etwas anfangen kann, weil für die Jüngeren „offline“ schlichtweg nie eine Bedeutung hatte. Dann wird der Sinnzusammenhang von online und offline nur noch für eine bestimmte Personengruppe auch tatsächlich Sinn ergeben. So wie schon heute auch nicht mehr jeder die logische Verbindung zwischen einer Kassette und einem Bleistift herstellen kann. Vielleicht wäre es gar nicht beklagenswert, wenn „offline“ irgendwann nur noch eine blasse Erinnerung ist. Schließlich ruft das Wort „Bandsalat“ bei mir heute auch nur noch zwickende Fingerkuppen in Form von  Phantomschmerzen hervor – und das bedauere ich ganz und gar nicht.


* Daneben sorgen sowohl klassische Telekommunikationsunternehmen als auch nicht-kommerzielle Initiativen wie beispielsweise die Freifunker für eine WLAN-Anbindung im öffentlichen Raum. So viel Eigenwerbung sei in dieser Randnotiz gestattet: Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg errichtet gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner Kabel Deutschland an 100 Standorten in Berlin und Potsdam einen kostenlosen, freizugänglichen (ohne Nutzerregistrierung) Internetzugang für 30 Minuten am Tag pro Gerät. Auch die Freifunker werden von der mabb unterstützt, die Errichtung eines drahtlosen BackBones wird finanziell gefördert.

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Kommentare

  1. Sandor Ragaly sagt:

    Technisch haben Sie in der Tat Recht, Frau Flecken – zugleich ist es in der laufenden Digitalisierung, in Zukunft, unabdingbar, metaphorisch „offline sein zu können“ – sprich: eine ganz neue Selektivität zu entwickeln, ein gigantischer Lernrprozess für uns Alle: Inmitten der so gewachsenen Kommunikations-„Durchsätze“ und -Angebote, die einen zudem „einzubeziehen versuchen“, geht es um eine sehr genaue, auf der eigenen Identität beruhenden Selektivität, geht es um das Ausschließen auch ganzer Bereiche, so „trendy“ oder „auf-reizend“ diese erscheinen mögen (dafür also sogar „standardmäßig“ „offline“ zu sein) – nur für einen relativ immer geringeren Anteil des Wissensumsatzes und der Kommunikationsreize „online“ zu sein – für einen sehr ausgewählten Teil. In diesem Verständnis von „offline“ als *Aufmerksamkeit häufig verweigernd/sich vielmehr nur noch sehr selektiv (ungleich mehr als bislang) zuwendend, ohne dass die eigene Neugier, das Interesse, eine Offenheit verschütt geht, ohne dass das Eigene nur noch den Algorithmen überlassen würde*, das ist eine fast überlebenswichtige Fertigkeit jetzt und v.a. der Zukunft. Wir sind da noch sehr am Anfang, meine ich, was sich an vielen Hypes und neuen Mainstream-Auswüchsen (etwa Fälle Grass-Gedicht, Wulff, Brüderle…) zeigt. Aber die Digitalen Umbrüche hinsichtlich der Kommunikation (Internet und Mobilität) sind in dieser Gewalt auch noch recht neu… „Offline'“ sein zu können, wo es nötig ist, ist keine leichte Aufgabe, v.a. wenn das soziale Umfeld, die eig. „peer groups“, zum Gegenteil drängen. Es ist, wie gesagt, beinah überlebensnotwendig. Darüber hinaus ist ein Spezialfall, sich einmal ganz „offline“ zu schalten, um bewusst ein paar Tage nur in der nicht-medialisierten Welt zu leben, um diese wieder „spüren zu können“: mit meist Tieferem, was das Zwischenmenschliche bzw. die Komm. selbst zumindest, angeht, mit Spaziergängen und „Muße“, der etwas langweilig erscheinenden Ruhe oder Kontemplation (Versenkung) in das um einen herum, wie in einen Wim-Wenders-Film vielleicht, wenn er gelungen ist. Ohne ständigen Bezug auf das medialisierte Image, sondern eher: allein, bzw. mit Menschen, die wenige sind, und mit denen man dafür länger redet, mitsamt den ganzen Fehlern, die sich online noch verdecken lassen teilweise. Wo die technische, damit zugleich auch für die Selektivität des Einzelnen automatisch gültige Grenze zwischen „online“ und „offline“ fehlt, muss sie umso mehr durch das Individuum bewusst gezogen werden, wo es vernünftig ist – mit dem Vorteil, dass dies auf ganz eigenen Überlegungen und der Kritikfähigkeit basieren kann, nicht mehr auf technischen Bedingungen, die einem teils „vorgesetzt“ werden.

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