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New Digital York

New York City ist ein riesiges Innovationslabor für digitalen Journalismus. Von der „New York Times“ bis zum Investigativprojekt Pro Publica heißt das trending topic Datenjournalismus – zum Start einer Video-Serie in Kooperation mit Zeit Online der erste von drei VOCER-Essays über Innovationen in den USA.

New York City ist ein riesiges Innovationslabor für digitalen Journalismus. Von der „New York Times“ bis zum Investigativprojekt Pro Publica heißt das trending topic Datenjournalismus – zum Start einer Video-Serie in Kooperation mit Zeit Online der erste von drei VOCER-Essays über Journalismus-Innovationen in den USA.

Der Geist der Revolution schwebte über Manhattan: Anarchisten, Punks, Sozialisten, Studenten, Hacker und andere wütende Stadtbewohner trafen sich im Herbst 2011 im Zuccotti Park, zwischen Wall Street und Ground Zero, um gegen die verhasste Finanz-Bastille zu protestieren. Die Bewegung Occupy Wall Street ist ein Paradebeispiel, wie sich kreativer Protest gegen die Spielregeln der Finanzbranche in kürzester Zeit lauffeuerartig über den ganzen Erdball ausbreiten kann. Inspiriert vom arabischen Frühling nutzten die „Okkupisten“ soziale Netzwerke, um Proteste auf der ganzen Welt zu koordinieren. Die Wucht des darauf einsetzenden Schneeballeffektes unter dem Schlachtruf „We are the 99 per cent“ war ebenso gewaltig wie verblüffend. Und während der Mainstream-Journalismus erst gar nicht bemerkte, dass Occupy da ist, erwiesen sich die sozialen Medien als neues Sprachrohr des Volkes.

Es ist mithin kein Zufall, dass Occupy zum Rollenmodell für die digitalen Vordenker von Manhattan wurde, die sich von den sozialen Paradigmenwechseln inspirieren lassen. „Rebooting the news“ nennt das der US-Blogger und Journalismusprofessor Jay Rosen. Er sieht Occupy als Ressource für innovatives Denken und Handeln. „Menschen können sich nun horizontal organisieren, sie brauchen die traditionellen Medien dafür nicht mehr“, sagt Rosen. „Journalisten müssen die Bedeutung der Tatsache verstehen, dass das Internet die Menschen ebenso gut untereinander verbinden kann wie es sie mit großen Institutionen verbindet.“

Die neue Bewegung Occupy Wall Street, sagt Rosen, offenbare diese Veränderung. Offenheit, Mut und Experimentierlust sind seine Empfehlungen für die Medienmacher der digitalen Zukunft – nicht etwa Stolz, der vor allem die Zeitungsverleger nach wie vor daran hindert, ihr Geschäftsmodell auch wirklich zu ‚rebooten‘, also neu zu starten.

Manhattan ist Keimzelle und zugleich Sauerstoffzelt für den zum geflügelten Wort gewordenen Change, den sozialen Wandel, den sich auch nach der wirtschaftlichen Talfahrt unter der Regierung von Barack Obama viele noch immer von ihrer Nation erhoffen. Es nimmt kaum Wunder, dass auf wenigen Quadratkilometern am East River auch über die Zukunft des Journalismus nachgedacht wird – von der renommierten Columbia University in Harlem über die „New York Times“ nahe des Times Square bis zur New York University im East Village: Hier trifft man auf Vordenker und Pioniere, die sich über das Medienmorgen Gedanken machen. New York, so wirkt es, ist ein riesiges Innovationslabor.

Man glaubt wieder an den Journalismus

Im Herzen der Stadt kommt die Zukunft der Medien digital und durchgestylt daher. Hinter Panzerglas und Stahlbeton, hoch über dem Firmament Manhattans, sind die Entwickler des New York Times Media Lab zugange. In dem Renzo-Piano-Gebäude, das die New York Times Company gebaut, verkauft und zurückgepachtet hat, glaubt man wieder an den Journalismus und seine Zukunft – nur eben nicht mehr
unbedingt an die gedruckte. Und tatsächlich erinnert im elften Stock des Hochhauses erst einmal wenig an einen traditionellen Verlag. Ein Flur mit digitaler Installation an der Wand führt in die Büroräume der Abteilung Research & Development: In der Etage, deren gigantische Fenster einen atemberaubenden Blick auf die gegenüberliegende Skyline von New Jersey bieten, arbeitet eine Einheit aus Top-Programmierern, Designern und Informations-Brokern, die sich mit dem Medienkonsum von morgen beschäftigt. Die Idee des schon im Jahr 2005 gegründeten Medienlabors: „Innovation findet hier im Verlag jeden Tag und in jeder Abteilung statt, aber wir hatten das Gefühl, dass die Innovation im Tagesgeschäft verloren gehen könnte“, sagt Abteilungsleiter Evan Sandhaus, ein New Yorker Hipster, der noch keine 30 ist und einem Quentin-Tarantino-Film entsprungen sein könnte. Das R&D-Lab soll ein Jahrzehnt in die Zukunft blicken – und herausfinden, was das nächste große Ding sein könnte. Journalisten, räumt Sandhaus ein, arbeiteten nicht in dem Medialab. Es gebe jedoch eine enge Zusammenarbeit mit der Redaktion.

Küchenblock mit Touchscreen

Vielleicht wären Journalisten auch fehl am Platz in dieser puristischen Technikwelt, in der es um Elektroden und Mechanik geht. Die Testumgebung ist eine Art Multimedia-Wohnzimmer mit einem überdimensionalen 3-D-Fernseher vor einem quietschroten Sofa. Daneben ein Wandspiegel, der die Gesichter der Vorbeigehenden scannt, ihre Namen aus einer Datenbank spuckt und zur Begrüßung „Hello Alex!“
anzeigt. Auf dem Spiegel werden per Laufband aktuelle Nachrichten eingeblendet: Morgentoilette und Morgenlektüre lassen sich zusammen erledigen. In der anderen Ecke des Zimmers steht ein dunkler Küchenblock, dessen Oberfläche keine Herdplatte, sondern ein Touchscreen ziert. Es ist der Surface-Table von Microsoft, ein ziemlich protziges, aber gleichwohl beeindruckendes Stück Innovationstechnologie, das der Software-Konzern bislang eher als Vorführgerät denn als Stangenware anbietet. Angefixt vom durchschlagenden Erfolg von Apples iPad testet die „New York Times“ hier neue Vertriebsformen für ihre Inhalte: Warum also nicht auch einen durch Berührung steuerbaren Computer-Block, der die News auf den Tisch zaubert – und ganz nebenbei auch noch Kaffeetassen und deren Inhalte erkennt, die man auf ihm abstellt.

Was von diesen Technikexperimenten reine Spielereien sind und was morgen schon in unseren Wohnräumen steht und hängt, traut sich hier niemand zu prophezeien. Aber einige Gerätschaften könnten durchaus Objekte aus einer digitalen Zukunft sein, in der mobiles Internet und soziale Netzwerke die Referenzpunkte der Mediengesellschaft weiterhin verschieben. „Von dieser Gewissheit ausgehend, können wir künftige Entwicklungen besser abschätzen“, hofft Matt Boggle, der so etwas wie der Daniel Düsentrieb im Medienlabor ist. „Aber da sind auch einige Dinge, die können wir noch gar nicht sehen“, sagt der Mann mit dem Titel „Media Technology Strategist“. Über das Jahresbudget der Zukunftstester wird höflich geschwiegen, aber die Besucher gehen davon aus, dass sich das Medienunternehmen diese Luxusabteilung schon aus Prestigegründen einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr kosten lässt. Auch, weil sich fast alle hier als Vorkämpfer für die digitale Vorherrschaft sehen. Und die Zeit ist knapp. Vermutlich auch deshalb lassen es sich Verleger Arthur Sulzberger jr. und die noch frisch amtierende Chefredakteurin Jill Abramson nicht nehmen, den digitalen Tüftlern gelegentlich über die Schultern zu schauen.

Einige Etagen tiefer ist die Zukunft schon Gegenwart. Hier, den Redaktionsräumen der „New York Times“, experimentiert Aron Pilhofer an einem der zurzeit spannendsten Themen der Branche – dem Datenjournalismus. Abenteuerliche Gemälde mit bunten Kurven, aggregiert aus Statistiken und Daten beispielsweise von Behörden, werden hier für den Online-Auftritt der Zeitung aufbereitet. Es ist eine neue Art Skandale aufzudecken und Geschichten über den gläsernen Bürger zu erzählen. Datenmaterial wird zusammengeführt und über interaktive Grafiken so dargestellt, dass die komplexen und unübersichtlichen Zahlenkolonnen und Tabellen zu einer interaktiven Darstellungsform verschmelzen. „Die Daten sind nicht mehr nur Teil journalistischer Recherche“, sagt Pilhofer, der das 14-köpfige Team der Times Interactive Newsgroup leitet. „Journalisten machen Daten für die Öffentlichkeit greifbar und transparent. Sie geben den Bürger Analysewerkzeuge an die Hand, mit denen sie ihre eigenen Profile aus dem Datenwust herauslesen können.“

„Werbekunden wollen einzigartige Inhalte“

Datenjournalismus gilt vor allem in angelsächsischen Zeitungsverlagen als wichtigste Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Doch immer noch leisten sich erst wenige Redaktionen eigene Abteilungen aus Programmierern und Journalisten, die zu Datenjongleuren werden. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Medienhäuser mit Datenjournalismus kein Geld verdienen“, sagt Pilhofer. „Werbekunden wollen einzigartige Inhalte und keine, die man überall im Netz finden kann.“

Gleich nebenan, nahe der Penn Station im Westen Manhattans, experimentiert die ehrwürdige Nachrichtenagentur Associated Press in einem 70er-Jahre-Hochhaus-Komplex ebenfalls mit Daten. Shazna Nessa arbeitet dort in einem der modernsten Newsrooms Amerikas an Visualisierungsideen, die neue Zugänge eröffnen sollen, etwa ein Infografik-Prisma, das die Wikileaks-Verzweigungen zu den Irak-Dokumenten aufzeigt – ein buntes, weit gespanntes Spinnennetz aus Verbindungen und Kontakten. „Uns stehen mehr Rohdaten zur Verfügung als jemals zuvor“, sagt Nessa, die als Director Interactive ein Team leitet, das die AP-Abonnenten mit solchen visuell aufbereiteten Datenströmen versorgt. „Wir haben die Verantwortung, die Story darin zu finden.“

Datenjournalismus ist auch das Trending Topic beim 2008 gegründeten Online-Portal Pro Publica, das sich bereits den Ruf als Referenzprojekt für einen spendenfinanzierten, investigativen Journalismus erworben hat. Wer sich mit Philanthropen-Journalismus befasst, kommt an dieser mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Talentschmiede nicht vorbei. Nun beschäftigt sich die Redaktion ebenfalls mit der Aufbereitung von Daten. Im Redaktionsalltag heißt das, öde Statistiken von Behörden auszuwerten und nutzertauglich darzustellen. Die Redaktion markiert zum Beispiel Finanzierungslücken im öffentlichen Sektor oder moniert Honorare von der Pharmaindustrie, die an Ärzte geflossen sind.

Auch hier lässt sich erkennen, wohin der Journalismus steuert: Er wird zum Service-Ratgeber auf hohem Niveau. „Die überwiegende Zahl unserer Daten-Applikationen, wenn auch nicht alle, sind in eine journalistische Story eingebettet“, sagt Pro-Publica-Datenguru Scott Klein, der gemeinsam mit einem fünfköpfigen Team aus Programmierern und Journalisten an der Aufbereitung von Daten arbeitet. „Beide Dinge sind enorm wichtige Teile einer großangelegten Enthüllungsgeschichte.“

Eine neue Spezies: Programmierende Journalisten

Nicht nur in den Redaktionen, auch an den Hochschulen wird ganz konkret am Journalismus von morgen gearbeitet. Drei innovative Journalismus-Studiengänge verteilen sich über die erstklassigen Hochschulen der Stadt – und treiben den Neustart des Berufsstandes voran. Ganz unabhängig voneinander, aber miteinander vernetzt. „Dies ist eine neue Phase im Journalismus. Es geht mehr um Kooperation als um monolithisch denkende Institutionen“, sagt Emily Bell. Die ehemalige Digitalchefin des britischen „Guardian“ leitet das Tow Center for Digital Journalism an der prestigereichen Journalismus-Fakultät der Columbia University, Kaderschmiede für die Medienelite Amerikas. Dort werden Berichterstatter eines neuen Schlages ausgebildet: Programmierende Journalisten – gewappnet für die Anforderungen einer Medienbranche, die in Nullen und Einsen denkt.

An der City University of New York, nicht unweit von der „New York Times“, lehrt der Medienexperte und Buchautor Jeff Jarvis (siehe auch das VOCER-Videointerview) seine eigene Interpretation des Journalismus 2.0. „Entrepreneurial Journalism“ nennt sich das, was die Studenten hier lernen, etwa, wie sie mit eigenen Startups wirtschaftlich erfolgreich sein können. Ein Studiengang, der den Nachwuchs darauf trainieren will, querzudenken. Vom Blog über indigene Völker bis zum Magazin über Trash-Comics toben sich die Studenten an ihren Hobbys semiprofessionell aus. Jarvis Adjutant ist Jeremy Kaplan, ein Betriebswirtschaftler, der gemeinsam mit dem prominenten Blogger seit kurzem das Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism leitet. Ihr Ansatz: digitale Erlösmodelle an originellen Projekten testen und empirisch-praktisch umsetzen. So zum Beispiel im richtungsweisenden Projekt „The Local“, das in Zusammenarbeit mit der „New York Times“ neue, hyperlokale Ansätze für Reportagen aus den einzelnen Stadtvierteln ausprobiert. „Wir haben bislang nur einen flüchtigen Blick auf den Beginn der digitalen Revolution werfen können“, sagt Jarvis.

Manhattan ist ein Jungbrunnen für Journalismus

Auch etwas weiter südöstlich, am Cooper Square 20 im East Village, arbeiten junge Menschen in einer Laboratmosphäre am Hyperlokaljournalismus. Hier liegt das Department of Journalism der New York University, das unter der Federführung von Jay Rosen das Medialab Studio 20 betreibt. Rosen ist der Übervater der amerikanischen Medienavantgarde, ebenso vergöttert wie gehasst. Er war einer der ersten,
die schon in den 1990er-Jahren begannen, den Bürgerjournalismus zu skizzieren, noch lange bevor es diesen Begriff  überhaupt gab. Rosen ist Visionär und Utopist zugleich, aber den Boden unter den Füßen hat er nie verloren. Das beweist der neu aufgebaute Journalismus-Studiengang, in dem sich studentische Exzellenz mit Umsetzungsstärke paaren. Das Studium ist nicht nur wegen seiner Praxisnähe besonders angesehen, sondern auch wegen seiner Interdisziplinarität: Die Studenten sind Web-Designer, Musikkomponisten, Programmierer, Betriebswirtschaftler und eben auch Journalisten, die im Team von einander lernen und so im Handumdrehen neue Ideen umsetzen sollen. Davon, dass das funktionieren kann, zeugen zumindest prominente Medienpartner wie „Economist“, „New York Times“, „Guardian“ und „Huffington Post“. Eines der Prestigeprojekte hat Rosen zuletzt gemeinsam mit Pro Publica gestemmt: Die Plattform explainer.net nimmt journalistische Erklärmodelle und Darstellungsformen unter die Lupe, um hergebrachte Methodiken besser an die Netzumgebung anzupassen.

In Manhattan scheint es ganz so, als seien die oft als Elfenbeintürme gescholtenen Hochschulen der Motor für ein Umdenken im Journalismus – und ein ewiger Jungbrunnen für die Neuerfindung eines Metiers, das seit Jahrhunderten von der professionellen Beobachtung und Beschreibung der Gesellschaft lebt. Es geht hier in Manhattan, das ist förmlich zu spüren, ums große Ganze. Darum, wohin der Beruf des Journalisten steuert und inwieweit sich der Journalismus neu erfinden muss, wenn er unter den heutigen Bedingungen prosperieren will. Das Selbstverständnis der Hochschulen, ganz selbstverständlich als Partner und Berater der Verlage aufzutreten, ist ein schmucker Mosaikstein im Big Picture eines New Digital Journalism. „Das Mediengeschäft hatte lange kein Gespür für Innovation“, sagt Rosen, „aber mit uns können sie das leisten.“

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