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Multimedia und das große Format

1995 war „Multimedia“ Wort des Jahres. Doch bis heute haben sich im Netz kaum neue Darstellungsformen entwickelt. Damit verspielt der Journalismus womöglich ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: große Geschichten zu erzählen.

Multimedia, das klingt noch immer nach dem großen Wurf. Multimedia-Journalisten – gemeint sind natürlich: Journalistinnen und Journalisten – verknüpfen Filme, Fotos und Tondokumente zu virtuellen Erlebnisräumen. Sie brechen die erzählerischen Schranken der bisherigen technischen Träger.

Die „Augenzeugenreise“, die Journalistik-Professor Michael Haller in seinem Standardwerk „Die Reportage“ beschreibt, ist das Gefühl der unmittelbaren Teilhabe: Es lässt sich kaum direkter transportieren, als in neuen, multimedialen Darstellungsformen. Journalisten verfügen über den gesamten Kosmos von Hören und Sehen, erweitert noch um Wege der Interaktion. Das große Versprechen Multimedia wurde sogar mal zum Wort des Jahres gewählt – das war 1995. Damals ebenfalls in der engeren Auswahl: „virtuelle Realität“ und die „Datenautobahn“ Internet.

Wie kommt es, dass Journalisten 18 Jahre später noch immer vergeblich nach den großen, virtuellen Erlebnisräumen suchen? Warum reden wir noch über das Ende von Print – während die Unterhaltungsindustrie mit 3D-Brille und Surround-Sound längst den Krieg der Welten inszeniert?

Teure Spielerei

In Redaktionen lautet eine gängige Antwort: Das ist alles nur teure, technische Spielerei! Multimedia ist demnach eben doch nicht mehr als die Summe von Fotos, Videos und Text. Selbst auf erfolgreichen Nachrichten-Websites bedeutet „Multimedia“ in der Regel, dass Texte um Bilder oder Filmmaterial ergänzt werden, um Links und vielleicht auch mal um eine Karte, eine Grafik oder einen Wiki-Eintrag.

Keine Frage: Die schnellen Berichte und Bilderstrecken haben ihre Daseinsberechtigung. Wer am Montagmorgen in der Zeitung liest, was ihn schon Samstagabend auf dem Smartphone erreicht hat, blättert lieber schnell um. Die News wandern unaufhaltsam ins Netz. Mehr als ein Ticker-Text und ein Video-Schnipsel wird im gleichförmigen Überangebot ohnehin nicht rezipiert. Die dominierenden Darstellungsformen auf den News-Sites sind entsprechend von Aktualitätsdruck und Verkürzung geprägt. Der Newsticker wird inzwischen vom Live-Feed überholt.

Mehr als „News“

Aber Journalismus ist mehr als „News“. Die große Reportage in der Sonntagszeitung, der Dokumentarfilm, das Radiofeature: Iin den „klassischen“ Medien haben aufwändige Langformate noch immer einen festen Platz. Es sind die Stücke, die „größtmögliche Nähe“ erzeugen, mit „skelettierender Genauigkeit“ beschreiben und „mit meisterhafter Dramaturgie und Sprache“ überzeugen. Darstellungsformen und Gattungen mit Tradition und langer Entwicklungsgeschichte.

Für das Radiofeature hat Helmut Kopetzky diese Entwicklungsgeschichte nachgezeichnet. Die Erzählung beginnt bei tonlichen Experimenten in den Zwanzigern und setzt sich in den „Welterzählern“ der Nachkriegszeit fort. Es ist die verschlungene Geschichte einer Gattung, die sich mit der Zeit verändert und doch in jedem Werk versucht, „das ganze Leben“ erfahrbar zu machen. Kopetzky, inzwischen 73 Jahre alt, hat den Hörkosmos des Radios in mehr als 100 Feature-Produktionen erkundet. Die Beiträge sind selten kürzer als eine halbe Stunde. Manchmal dauert ein O-Ton mehrere Minuten, manchmal hört man nur Trommeln, Gesang und das Klatschen nackter Füße auf Steinboden.

Das ist zwar nicht live, aber das ist das Leben.

Und das ist die Art zu erzählen, die im News-fokussierten Netzbetrieb unterzugehen droht: das Nachempfinden, das Erleben, die Augenzeugenreise. Wo findet sich im Netz das Äquivalent zur Zeitungsreportage und zum Radiofeature, das Format für die erzählerisch wie technisch ausgefeilte Auseinandersetzung mit einem Gegenstand?

Kein echtes Miterleben

Spätestens hier werden die Antworten komplizierter, denn natürlich gibt es Ideen und Ansätze für multimediale Geschichten im Web. Audioslideshows haben sich in den vergangenen Jahren etabliert, die „taz“-Serie „berlinfolgen“ ist im März mit dem 100. Film zu Ende gegangen. Aber diese Formate brechen nicht wirklich mit den Schranken der bisherigen technischen Träger – sie beschränken sich auf die Symbiose von zwei oder drei etablierten Darstellungsformen. Ein echtes Miterleben leisten sie nicht.

Dieses Gefühl erzeugen andere Gattungen: Im Computerspiel ist es längst zur Gewohnheit geworden, in einen digitalen Raum einzutauchen, diesen zu erleben und zu erkunden. Dort errichten Entwickler gewaltige Echtwelt-Szenarien, simulieren menschliche Interaktion und sogar Gentrifizierungsprozesse in der Stadtentwicklung. Mitunter scheint das Spiele-Genre den professionellen Geschichtenerzählern aus den klassischen Medien einen gewaltigen Schritt voraus zu sein.

Vielleicht erinnern deshalb journalistische Experimente wie das Arte-Laborprojekt „Hotel“ oder die Simulation „Hunger in Los Angeles“ im ersten Moment an Spiele. In letzterem Format wird die emotionale Kraft der Technik besonders deutlich. Ein Betrachter bewegt sich, ausgestattet mit Bewegungssensoren und Datenbrille, in einer 3D-Umgebung. Eine Reihe animierter Figuren wartet auf die Essensausgabe. Armut, mitten in Los Angeles. Dann bricht ein fülliger Mann in Hemd und Shorts zusammen, windet sich zuckend auf dem Boden. Alle schauen nur zu, kommentieren. Die Tonaufnahmen sind Originalaufzeichnungen. Ein schockierender Moment. Die echte Bewegung im Raum, das virtuelle Dabeisein, heben die Idee vom Rezipienten als „Augenzeuge“ auf eine völlig neue Ebene.

Es geht ums Ganze

Dass es nicht immer unbedingt hochgezüchteter 3D-Journalismus sein muss, hat im vergangenen Jahr die „New York Times“ gezeigt. Die inzwischen mit dem Pulitzer-Preis bedachte Multimedia-Reportage „Snowfall“ stellt aufgezeichnete Augenzeugen-Interviews, Fotostrecken und Animationen nicht einfach nebeneinander – sie setzt unterschiedliche Darstellungsformen gezielt ein und verwebt sie mit Nutzer-Interface und Text.

Was diese Beispiele zeigen: Letztlich geht es um’s Ganze. Es geht um die journalistische Kernkompetenz, Geschichten im großen Format zu erzählen. Dazu müssen Journalisten nicht schneller sein als die Technik (auch wenn das nicht schadet), aber sie sollten nicht den Anschluss verlieren. Über sein Lebenswerk Radiofeature resümiert der Autor Kopetzky: „Dass wir die Nachkommenden für unsere tradierten Erzählformen großteils verloren haben, ist – für mich zumindest – eine Tatsache. Aber das Bedürfnis nach Denken und Erzählen in Zusammenhängen wird andere Kanäle finden, von denen wir noch keine Ahnung haben.“

Mit dem Projekt „7sights“ wollen wir einen kleinen Schritt in diese Richtung wagen. „7sights“ soll eine Web-Anwendung werden, die sowohl im Browser funktioniert als auch auf Smartphones und Tablets. Sie nimmt den Betrachter mit auf eine Reise, über die er vielleicht noch nie nachgedacht hat: nach Prishtina, in die Hauptstadt Kosovos. Aus Zeichnungen, Ton, Foto und Text entsteht ein virtueller Erlebnisraum, den jeder Nutzer selbst erkunden kann. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Hörspiel und Magazin, eine Reportage zum Miterleben – und ein Experiment mit teilweise ungewissem Ausgang.

Wir waren in den vergangen beiden Jahren mehrere Wochen im Kosovo unterwegs und haben viel Leben und Alltag in Form von Bildern und Tonaufzeichnungen konserviert. Ein Teil davon steht schon jetzt, total „multimedial“, im Netz. Darüber hinaus haben wir uns ein Team aus Gestaltern und Programmierern gesucht, die uns bei der Idee unterstützen. Was uns jetzt noch fehlt, sind rund 6.000 Euro Produktionshilfe.

Ernüchternde Zahlen

Denn Multimedia-Experimente sind aufwändig: Eineinhalb Jahre Entwicklungszeit für eine einzige Szene („Hunger in LA“), sechs Monate Recherche eines ganzen Teams für ein Großprojekt („Snowfall“). Das sind die ernüchternden Zahlen hinter den Erfolgsprojekten. Leider gibt es in Deutschland bislang kaum Fördermöglichkeiten für Multimedia-Formate. Verlage und Onlinemedien halten sich zurück, denn im üblichen News-Geschäft von Klicks und Kontakten kommen große Formate nicht vor. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben praktisch keine Etats für aufwändige Web-Produktionen.

Wir haben deshalb einen anderen Weg gewählt: das Crowdfunding. Auf der Plattform Startnext kann jeder Interessent das Projekt unterstützen. Jede Spende fließt zu 100 Prozent in die Entwicklungskosten. Das Ziel ist zunächst nicht technische Perfektion – es geht um einen Impuls für multimediales Erzählen in deutschen Medien. Sicherlich etwas Neues, hoffentlich überraschend und im besten Fall mitreißend. Das Experiment möchten wir gern wagen. Mit dem multimedialen Entdeckergeist von ’95, mit einem guten Team und mit Technik von heute.


VOCER hat nicht nur selbst ein alternatives Finanzierungsmodell, sondern schreibt auch über andere Projekte, die unkonventionelle Wege gehen. Jeden Monat stellen wir ein Crowdfunding-Projekt von der Plattform Startnext vor, das wir für fördernswert halten.

Im August: „7sights„, ein Reisemagazin als App: Prishtina hören und sehen.

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