Zum Inhalt springen

Müßiggang Magazin: Was nach dem Cat Content kommt

Zwischen dem Cat Content junger Viralseiten und dem Anspruch alter Medienhäuser klafft eine große Lücke für Hybride. Das Müßiggang-Magazin will sie schließen. Einer seiner Macher erklärt die Idee.

Wir haben die Schnauze voll von total süßen Katzenvideos und wir wollen auch nicht wissen, was total Unglaubliches passiert ist, nachdem diese Frau im Bikini in den Pool gesprungen ist. Wir klicken dann trotzdem – sicher ist sicher -, lachen kurz über diese sedierend-gleichförmigen Internetschnipsel und fragen uns: Warum? Warum gibt es so etwas? Warum klicken so viele Menschen darauf? Ist das die Zukunft des Online-Journalismus? Und was bleibt, wenn der Klick zum einzigen Ziel der Medienwelt wird? Schauen wir irgendwann alle nur noch Videos von süßen Giraffenbabys und lesen Listicles über die zehn typischen Ikea-Phänomene, die jeder kennt?

Natürlich existieren neben den Cat-Content-Providern auch etablierte Player wie die Zeit, die Süddeutsche oder die Frankfurter Allgemeine, die sich zwar immer besser digital aufstellen, ihre wertvollen und anspruchsvollen Inhalte aber noch immer kaum an die vollkommen veränderten Aufmerksamkeitsmechanismen und Unterhaltungsbedürfnisse der digitalen Gesellschaft angepasst haben. Die digitalen Emporkömmlinge wie Buzzfeed, Upworthy oder Vice hingegen haben im Spiel mit Skandalisierung und Emotion einen Großteil der Aufmerksamkeit auf sich gezogen und erfüllen dabei selten eine andere journalistische Funktion als die der Unterhaltung.

Zwischen diesen beiden extremen – dem altehrwürdigen Journalismus mit seinem Relevanzversprechen und den verkappten Content-Marketing-Maschinen mit ihren Katzenvideo- oder Barbusigkeitssversprechen – klafft eine riesige Lücke. In dieser Lücke sind unzählige junge, kluge, interessierte Menschen, die nach Unterhaltung suchen, aber gleichzeitig offen für anspruchsvolle Impulse sind. Nur müssen diese Impulse eben ansprechend aufbereitet sein, müssen sich nach den Mechanismen richten, nach denen Schüler, Studenten und Young Professionals heute Informationen rezipieren, ja konsumieren.

Anspruchsvolle Inhalte, sexy verpackt

Die Frage, die wir uns beim Müßiggang Magazin stellen, ist: Kann man nicht auch gute, anspruchsvolle Inhalte sexy verpacken? Wir sind fest davon überzeugt: Man kann. Man kann die Mechanismen des Content Marketing, die Anbieter wie Buzzfeed oder Vice perfekt für den Journalismus adaptiert haben, nutzen, um damit auch wirklich relevante Themen aufzuarbeiten.

Unsere Generation begeistert sich für gesellschaftliche und kulturelle Themen, wenn man sie nicht im Elfenbeinturm einmauert. Deswegen haben wir vor kurzer Zeit das Müßiggang Magazin ins Leben gerufen. Dort widmen wir uns den wichtigen, nicht den dringenden Themen. Was heißt das? Nun, jeder strampelt und macht alles immer für etwas. Für Karriere und Studium, für Fitness und Strandfigur, für Likes und Shares. Was keinen Zweck, kein Ziel hat, hat keinen Wert.

Dadurch ist der Müßiggang so wichtig wie nie. Er überwindet Aktionismus, das blinde Streben und Sich-Abmühen. Oft wird die Muße, wird der Müßiggang als Faulheit verkannt oder mit Nichtstun verwechselt. Dem ist jedoch keineswegs so. Vielmehr ist es gerade für unsere junge Generation, die versucht innerhalb einer fordernden Leistungsgesellschaft ihren Platz zu finden, enorm wichtig, hin und wieder mal durchzupusten, zu reflektieren, um dann bereichert von fremden Impulsen und eigenen Gedanken zu Neuem aufzubrechen.

Diese Impulse wollen wir mit unserem Magazin liefern. Wir wollen mal mit satirischem, mal mit ernsthaftem Blick, hoffentlich aber immer wieder unterhaltsam den Kopf unserer Leser erfrischen und sie in einem Alltag voller Terminhatz mit guten, zugänglich aufbereiteten Inhalten entspannen.

Über welche Themen wir schreiben und warum

Beispiel gefällig? Um zu zeigen, was diese ganzen Listicles über Beziehungstipps und Ikea-Phänomene bei uns auslösen, haben wir den Spieß mal umgedreht. Wir haben 23 Fragen aufgeschrieben, die wir uns bei Artikeln von Zeitjung, das ist sozusagen die digitale Bravo, stellen.

Wenn wir über Literatur oder Kultur schreiben, dann verirren wir uns nicht in seitenlangen, literaturgeschichtlichen Einordnungen, sondern geben gerne mal sechs knackige Gründe, warum man Imperium von Christian Kracht lesen muss, an die Hand. Oder stellen acht Bücher vor, die man auf keiner Bestsellerliste findet.

Auch tagesaktuelle Themen wie die Ankunft tausender Menschen, die in ihrer Heimat vor Verfolgung und Terror fliehen, versuchen wir mit unseren eigenen Mitteln aufzugreifen. Da setzen wir zum Beispiel Lessings „Nathan der Weise“ in den Kontext des von Anja Reschke geforderten Aufstands der Anständigen. Oder wir parodieren die Verschwörungstheoretiker und die vermeintlich besorgten, eigentlich fremdenfeindlichen Bürger rund um Pegida, indem wir sieben Dinge recherchieren, die das Abendland tatsächlich bedrohen (Spoiler: Es sind nicht die Flüchtlinge). Um die Gräuel etwa von Heidenau und Freital einzuordnen, empfehlen wir den Film „Finsterworld“ – ein Meisterstück über deutsche Obsessionen und Identität – anstatt unreflektiert auf der Selbstdarstellungswelle der Empörung mitzusurfen.

Wir versuchen, aktuelle, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu hinterfragen. Sind Start-ups wirklich so coole Arbeitgeber, wie gefühlt alle heute denken? Warum hat dieser Tage jeder einen WhatsApp-Familien-Chat? Und warum, verdammt noch mal, sehen wir samstags in der U-Bahn auf jedem zweiten Sitz eine Primark-Tüte?

Warum das alles? Weil wir glauben, dass es auf viele Themen einen anderen Blickwinkel braucht. Einen, der abstrahiert, der Querverbindungen herstellt, der dafür sensibilisiert, mit wachen Augen durch die Welt zu laufen.

Wir sind kein Aussteigermagazin. Wir fordern auch keine 30-Stunden-Woche. Wir machen keine News. Und wir werden auch nie ernstgemeinte Eilmeldungen per Push-Mitteilung verschicken. Okay, wir machen manchmal Listicles, aber garantiert ohne Tierbabys und ohne 25 Dinge, die man machen muss, bevor man 25 wird. Und ja, wir sind manchmal subjektiv, manchmal zuspitzend, manchmal provokant. Das müssen wir sein, weil wir nur so einen Raum für müßige Gedanken und neue Diskurse schaffen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare

  1. […] Müßiggang Magazin: Was nach dem Cat Content kommt (Vocer) 23.11. Brüssels Twitter-Appell: Katzenbilder und Journalisten-Dilemma (NZZ, Tagesspiegel) 23.11. […]

  2. […] Einerseits gibt es Buzzfeed und niedliche Katzenvideos, andererseits die Seriösität der klassischen Medien. Aber was ist, wenn ich etwas von beidem haben möchte? Das Müßiggang-Magazin (@muessigmag) will genau hier ansetzen und die goldene Mitte bilden. Vocer […]

Nach oben