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Mit dem Bobbycar über den Rubikon

Der Bundespräsident scheint die Sache aussitzen zu wollen, und Teile der Medien verspielen derweil ihren Kredit. Die Causa Wulff wird immer grotesker, ja, pervers sogar!

Es wird immer grotesker, vielleicht kann man es auch schon pervers nennen. Zwei gegenläufige Entwicklungen lassen sich im Fall des Bundespräsidenten feststellen: Dass Christian Wulff das Schloss Bellevue nicht räumen will, ist von Tag zu Tag unerträglicher.

Sein Auftritt etwa am 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz geriet zur unfassbaren Peinlichkeit. Nicht was er sagte war schlimm, sondern dass Wulff mit seiner klebrig-schmierigen Vorgeschichte am historischen Ort überhaupt etwas sagte. Es konnte sich einfach der Eindruck oder Verdacht aufdrängen, dass das Grauen der deutschen Geschichte herhalten sollte, um abzulenken von den Verfehlungen und Ungeschicklichkeiten des Politikers.

Und gleichzeitig verspielen die Medien oder zumindest Teile der Medien den Kredit, den sie für sich in der Causa Wulff angesammelt haben.

Da spricht „Zeit“-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo von sich aus und ohne Not bei Günter Jauch (Sendung vom 22. Januar) Gerüchte über die Vergangenheit von Bettina Wulff an, um dann mit echter oder gespielter Empörung zu konstatieren, dass da nichts, aber auch gar nichts dran sei. Ja, warum hat er es dann überhaupt aufs Tapet gebracht ? Hatte er nach dem peinlichen Buch und „Zeit“-Interview mit Blender zu Guttenberg etwas gut zu machen, wollte er sein Renommee reparieren?

Und wenn eine Zeitung in ihrer Verzweiflung darüber, dass Wulff vom Präsidentenamt einfach nicht lassen will, „ein Bobbycar für den Sohnemann“ thematisiert, dann ist der Rubikon tatsächlich überschritten, dann wird das kleine Karo zu Pepita.

Ein Schmuddelblatt auf Wahrheitssuche

Als hätte sich Christian Wulff seine Glaubwürdigkeit nicht längst so nachhaltig zerstört, dass das auch in den nächsten dreieinhalb Jahren nicht mehr auszugleichen ist. Nur – wenn er das Schloss Bellevue zum uneinnehmbaren Schutzbunker umbaut, weil die Verfassung nun mal so ist, wie sie ist, kann keine Zeitung der Welt dagegen anschreiben. Und es ist auch nicht ihre Aufgabe. Vorsicht oder Umsicht sind angebracht, sollen die bislang unqualifizierten Vorwürfe einer Medienhatz nicht doch noch Berechtigung erlangen. Dazu zählt auch die mediale Nickeligkeit, dass Bettina Wulff ein Auto fahre, dessen Rabatt etwas zu hoch ausgefallen sei.

Noch dürfen die Medien im Großen und Ganzen mit ihrer Rolle in der Wulff-Affäre zufrieden sein. Sie haben aufgedeckt, aufgeklärt und kontrolliert. So viel Einhelligkeit und Eindeutigkeit von „Bild“ über „Welt“ und „FAZ“ bis „Spiegel“ war selten oder nie. Das aber war und ist keine Kampagne, denn die Causa Wulff war und ist zu eindeutig.

Allerdings: So clever, vielleicht sogar rühmlich die „Bild“-Zeitung agiert hat – es gibt keinen Grund zur dauerhaften Glorifizierung. Denn auch das war und bleibt „Bild“: jenes Schmuddelblatt, das dem Schauspieler Ottfried Fischer mit einem Sex-Video zusetzen wollte und damit bis an die Grenze der existentiellen Vernichtung ging; jenes Propaganda-Organ, das einen Carsten Maschmeyer schön schminkte, als die ARD über dessen Machenschaften auf Kosten Zehntausender Opfer berichtet hatte.

„Bild“ – im Fall Wulff der unerbittlichen Wahrheitssuche verpflichtet, offensichtlich nach der Devise: Wir können auch anders.

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