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Mehr Wert dank Mehrwert

Guter Journalismus kostet etwas. Doch aktuell wird noch viel zu wenig an Inhalt und Darstellung gefeilt und experimentiert.

Wer freut sich nicht auf das anstehende Geschäftsessen, wenn man ein Vier-Gänge-Menü erwartet. Es gibt eine italienische Vorspeisenplatte, eine Tomaten-Suppe mit Ingwerschäumchen, ein saftiges Rindersteak mit Bratkartoffeln und ein frisches Joghurttörtchen als Nachspeise. Blöd nur, wenn ich ausgerechnet heute nicht so viel Hunger mitbringe oder Milchprodukte auf der Dagegen-bin-ich-allergisch-Liste stehen oder Fisch eigentlich ein absolutes Muss ist oder das Steak zu Tode gebraten wurde oder… Es gibt genug Gründe, warum ein vorgefertigtes Menü die anfängliche Freude vermiesen kann. Ein Buffet, von dem ich selbst auswähle, was mir schmeckt, wäre vielleicht doch die bessere Alternative gewesen.

Dieser kulinarische Einstieg in diesen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der Tageszeitung soll eine Parallele darstellen zur Ausgestaltung des bisherigen Zeitungsmodells. Entweder ich kaufe das gesamte Paket und muss damit leben, dass für mich davon vieles überflüssig ist, oder – ja, oder ich gehe wieder wissensdurstig nach Hause. Denn ein Buffet wird leider nicht angeboten. Problem: Davon haben weder ich etwas noch der Anbieter.

Mehr Profilbildung

Guter Journalismus darf etwas kosten. Doch informierende, aufklärende, einordnende und kommentierende Texte sollten auch einzeln käuflich sein. Es braucht im Journalismus etwas Vergleichbares zu iTunes in der Musikbranche. Einmal Guthaben gekauft, kann ich damit auf Journalismus-Shopping-Tour gehen. Ein unkomplizierter Zahlungsvorgang ist eine Voraussetzung dafür, Leser überhaupt zum Zahlen zu bewegen. Sie wollen keine zwanzig verschiedene Benutzernamen, Passwörter, Sicherheitsabfragen und erteilte Einzugsermächtigungen, sondern ein einziges funktionierendes Bezahlsystem.

Guter Journalismus darf etwas kosten. Diese Tatsache muss aber auch gerechtfertigt sein. Zeitungen sollten noch stärker ein eigenes Profil entwickeln, wie es beispielsweise die „taz“ schon gut macht. Eine unter vielen zu sein, rechtfertigt nicht die Existenz. Alleinstellungsmerkmale, innovative Herangehensweisen an schwere Kost, kreative Titel, kritische Analysen, starke Meinungsbeiträge, die polarisieren – all das macht eine Zeitung aus.

Zeitungen müssen den Lesern einen Mehrwert bieten. Das geschieht nicht, wenn überall die gleichen Agenturmeldungen zu lesen sind, gekaufte PR-Inhalte erscheinen, schlecht recherchierte Geschichten veröffentlicht werden und keine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Vorgängen erfolgt. Ein neues Bewusstsein für den Wert journalistischer Inhalte muss über das Land schwappen. Warum nicht in Form eines bundesweiten, staatlich finanzierten Kampagne?

Mehr Journalismus

Guter Journalismus kostet etwas. Anzeigen, staatliche Subventionen, eine Kulturabgabe, Leserfinanzierung – es könnte auf eine Mischfinanzierung hinauslaufen. Doch das funktioniert nur und ergibt nur dann Sinn, wenn das Produkt stimmt. Mehr Journalismus muss her! Im Fokus müssen die Inhalte stehen, nicht das Medium, worüber diese transportiert werden. Die rasend schnelle Verbreitung von Informationen durch das Internet lässt aber vermuten, dass das Modell Tageszeitung für die Masse ausgedient hat. Aktuelles Geschehen ist quasi in Echtzeit online abrufbar. Tiefgründig und ansprechend aufbereitete Inhalte hingegen werden auch in Form eines Printprodukts noch eine Zukunft haben – als Ergänzung und nicht als tägliche Lektüre.

Aktuell wird noch viel zu wenig an Inhalt und Darstellung gefeilt und experimentiert. Die experimentierlose Zeit darf aber nicht weiter anhalten. Die Verlage steuern steil auf eine Mauer zu. Lenkrad und Bremse blockieren schon. Ohne Mut und Ideen, die Richtung zu ändern, ist der Crash nicht aufzuhalten. Den Verlagen und Journalisten muss nun um fünf vor zwölf bewusst werden, dass ihr Produkt nur dann mehr Wert ist, wenn es mehr Wert schafft: Mehr Wert durch Mehrwert. Dafür müssen alle kämpfen: Verleger, Journalisten, Politik und Gesellschaft. 

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Kommentare

  1. Das Problem ist: In diesem Staat würde eine staatlich finanzierte Kampagne dann wohl die gedruckte Tageszeitung, das klassische Verlagsangebot bewerben, nicht journalistische Werte an sich…

    • Julian Heck sagt:

      Nicht gleich schlecht reden, @CarolinN:disqus ;-) Der Grundgedanke ist denke ich gut. Die Umsetzung muss dementsprechend angepasst werden, klar!

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