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Mehr Steckdosen machen eine bessere Gesellschaft

Das Smartphone könnte bald schon ein Auslaufmodell sein. Was uns die kommenden Jahre im Mobile-Bereich erwartet und wie die Gesellschaft sich darauf einstellen muss, ergründen wir gemeinsam mit „Süddeutsche.de“.

Das Smartphone in seiner flachen, eckigen Form könnte bald schon ein Auslaufmodell sein. Was uns die kommenden Jahre im Mobile-Bereich erwartet, ergründen wir diese Woche gemeinsam mit „Süddeutsche.de“ in „Digitales Morgen“.

Im Interview erklärt Heike Scholz, Gründerin von mobile-zeitgeist.de, Autorin und Rednerin, wie die Gesellschaft sich auf die Veränderungen einstellen muss. Scholz lobbyiert bereits seit 2006 für die gesellschaftliche Anerkennung mobiler Technologien.


Der Tod des Smartphones ist absehbar, oder?

Heike Scholz: Die Form, wie wir das Smartphone heute kennen – flach, vier abgerundete Ecken mit einem Touchdisplay – wird natürlich nicht auf ewig erhalten bleiben. Es wird nach und nach Funktionen auf unterschiedliche Gadgets, etwa sogenannte Wearables, abgeben. Nichtsdestotrotz werden wir immer eine zentrale Recheneinheit bei uns tragen.

Wearables, also Elektronik, die ich als Kleidungsstück oder Accessoire tragen kann, sind das nächste große Ding?

Die Datenbrillen, mit denen man über eine Sprachsteuerung Fotos machen kann oder mir Inhalte anzeigen lassen kann, sind nicht mehr ganz neu, Google Glass ist natürlich ein Name. Insgesamt wandern Units mit digitalen Funktionen in die Peripherie, angefangen von Solarzellen in Taschen, die unsere Geräte aufladen, bis hin zu kleinen Ladegeräten, die in Designermaßanzügen eingenäht sind.

Von solchen Solarzellen in der Kleidung wird schon seit Jahren gesprochen, durchgesetzt haben sie sich aber immer noch nicht – woran liegt das?

Es gibt immer noch nicht so viele Konsumenten, die ständig unterwegs und online sind, das Smartphone vor der Nase haben und auf Stromversorgung angewiesen sind. Das ist ein Nischenmarkt. Es wird noch einen Moment dauern, bis die vor allem jungen Leute, die heute schon einen solchen Lebensstil pflegen, nachgerückt sind und diese Produkte nachfragen.

Welche Herausforderungen ergeben sich durch Erfindungen wie Google Glass für die Gesellschaft?

Die eine Herausforderung ist: Die Deutschen sind Bedenkenträger – das müssen wir abbauen und neue Technologien zumindest erst einmal wohlwollend betrachten, bevor wir sagen: Das ist alles ganz fürchterlich! Damit verbunden müssen wir in unserem Land daran arbeiten, wieder zu den Technologieführern und Innovatoren zu gehören. Als Technologiestandort sind wir seit Jahren sehr weit abgeschlagen. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich als Gesellschaft einen Diskurs darüber führen: Was wollen wir an Technologie, die in unser Privatleben eindringt und uns ständig in den digitalen Raum stellt? Wir müssen uns im Klaren darüber sein, was neue Technologien für unsere Privatsphäre bedeuten.

Das thematisiert auch der Animationsfilm von Christiane Strauss und Christoph Brüggemeier (siehe oben). Wie gehen wir damit um, immer transparentere Wesen zu werden?

Es gibt da zwei Ebenen: auf der einen das, was ich selbst ins Internet gebe und entscheide, für andere sichtbar zu machen. Es braucht Medienerziehung, damit ich weiß, was ich tue und mit welchen Risiken es verbunden ist. Aber etwas anderes ist, wenn andere Daten über mich ins Netz stellen, von denen ich womöglich nicht einmal etwas weiß. In der Szene ist es doch sehr positiv, dass die Protagonistin sehen kann, dass sie einem Hallodri aufgesessen wäre. Persönlich würde ich gerne eine Gesichtserkennung auf der Nase tragen, ich kann mir so schlecht Namen und Gesichter merken.

Noch ein Beispiel, wie konkret solche Gesichtserkennung etwas Negatives verhindern kann: Als ich klein war, bin ich noch manchmal im Dunkeln alleine draußen rumgelaufen. Heute werden viele Kinder so begluckt und dürfen keinen Schritt alleine machen. Eltern könnten ihnen eine Datenbrille geben. Wenn dann ein „Mitschnacker“ kommt, der sie mit Bonbons „mitschnacken“ will, könnte die Brille einen Abgleich mit einer Gesichterdatenbank machen. Wenn das dann einer ist, der gerade von der Polizei gesucht wird, geht ein Alarm los, die Brille jault oder so.

Aber es gibt eben auch eine Kehrseite.

Klar, so was kann man machen, muss sich aber bewusst sein, welche Risiken damit verbunden sind, in diesem Fall wäre es eine Art Online-Pranger. Da schlagen gewissermaßen zwei Herzen in meiner Brust. Eine spannende Frage, die sich daraus für Verbrecher, aber zum Beispiel auch für Dissidenten ergibt: Müssen sich alle, die nicht erkannt werden wollen, künftig in der Öffentlichkeit vermummen?

Heike Scholz © Beautyshots Hamburg OHG

Foto: Heike Scholz © Beautyshots Hamburg OHG

Wie geht es weiter: Kommt neben der Datenbrille demnächst auch der permanente Knopf im Ohr zum Telefonieren?

Schon heute kann ich mit Smartwatches telefonieren, auch wenn das ein bisschen Geheimdienst-mäßig aussieht. Wir werden uns daran gewöhnen, dass wir uns plötzlich keine eckigen schwarzen Dinger mehr ans Ohr halten – das ist ja nicht minder skurril. Überhaupt müssen wir uns übrigens in unserem Denken davon trennen, dass wir immer große Displays brauchen.

Sondern?

Wenn ich Internet denke, denke ich: Computer, Tastatur, Maus, Monitor, Schreibtisch. Aber das ist vorbei. Es werden mehr mobile Geräte als PCs verkauft, in Deutschland schon mehr Tablets als Notebooks. Eric Schmidt von Google hat bereits 2009 „Mobile First“ gesagt, das kommt jetzt endlich in Deutschland an.

Woran haben Sie zuletzt gemerkt, „Es muss sich etwas ändern“ und was war das?

Mehr Steckdosen! Ich war gerade erst wieder bei einem Workshop, wo ich das Hotel bitten musste, für Verlängerungskabel zu sorgen, weil dort jeder mit mindestens zwei Geräten ankam. Überhaupt sieht man die Hardcore-Mobile-Nutzer, zum Beispiel am Flughafen, ständig nach Steckdosen suchen. Das muss sich ändern, wobei ich eher denke, dass wir leistungsfähigere Akkus bekommen werden als überall Steckdosen.

Abgesehen von Steckdosenleisten überall: Wie können wir den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel schneller herbeiführen?

Es ist nicht so abwegig, eine Art „Internetministerium“ zu fordern, weil es für unsere Zukunft so immanent wichtig ist, dass unsere Gesellschaft und damit auch unsere Politiker sich mit der zweiten industriellen Revolution beschäftigen, mit der wir es zu tun haben. Es braucht auch eine digitale Ausbildung in den Schulen. Und die kulturelle Elite muss aufhören, gegen das Digitale zu wettern, sondern Partei ergreifen und eingestehen: Ja, das ist die Zukunft, und wir müssen als Wissensgesellschaft wieder versuchen, dieses Feld mitzugestalten.


ImageDieses Video (Christoph Brüggemeier, Christiane Strauss) und Interview (Carolin Neumann) sind Teil einer gemeinsamen Reihe von VOCER und „Süddeutsche.de“ zum Thema Digitalisierung der Gesellschaft.

Mitdiskutieren können Sie hier in den Kommentaren oder auf der Google+-Seite von „Digitales Morgen“.

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Kommentare

  1. Erbarmen! Das Video ist ja von so einer grauenhaften Naivität durchzogen, dass einem Giovannis Milchschaum hochkommt. Was auch immer die Technik bringt: Es wird jedenfalls kein Kühlschrank sein, der weiß, wann die Milchtüte leer ist und welches MHD draufsteht. Kleiner Tipp für Nachwuchsjournalisten: Es kommt nie darauf an, was im Labor technisch ohne Rücksicht auf die Kosten machbar ist, sondern darauf, ob es auch ein Geschäftsmodell dazu gibt. Und zu einem Geschäftsmodell gehören Bedürfnis, Bedarf, tatsächliche Nachfrage, Kosten-Nutzen-Rechnungen und andere kaufmännische Parameter. Ich könnte eine zweistündige Vorlesung darüber halten, warum genau dieses unausrottbare, der Fantasie von fachlich inkompetenten Journalisten* entsprungene Beispiel zu 100 Prozent unrealistisch ist. Der Smart Fridge wäre, wenn man „totgeritten“ steigern könnte, das tötest gerittenste Pferd der Medienwelt. Leider ist der Rest des Sendung-mit-der-Maus-für-Erwachsene-Filmchens nicht weniger ärgerlich. Und das ist schade. Vocer hatte so hoffnungsvoll angefangen. Jetzt finde ich hier – sorry für das harte Urteil – Content.

    * Das, was zwei oder drei Elektrogeräte-Hersteller um die Jahrtausendwende als PR- und Messegags gezeigt haben, war todlangweilig. Deshalb haben Kollegen das Thema immer weiter ausgeschmückt. Diese Schnapsideen landeten dann in den Archiven, wurde wiederentdeckt, für bare Münze genommen und wie bei der Stillen Post weiterkolportiert. Dabei wären sie beim Postillon richtig aufgehoben.

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