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Mehr Journalismus

Guttenberg, Wulff und Co. – sie kennen die Rolle der Gejagten. Haben Journalisten die Macht? Egal, sie haben eine Chance: Mehr Journalismus. 

Manchmal gewinnt man den Eindruck, Medien würden ein regelrechtes Politiker-Bashing betreiben. Durch die sozialen Medien verbreitet sich diese Art der Berichterstattung rasend schnell – und alle hauen mit drauf. Sind Politiker wirklich die Gejagten und die Medien die Jäger? Die Medien müssten sich statt der Jägerfunktion wieder ihren eigentlichen Funktionen widmen: Informieren, Kommentieren, Einordnen.

„Die Zerbrechliche Demokratie! Von Medien-Jägern und Politik-Gejagten“ – das war das Motto der Medien-SommerAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am Wochenende rund 50 Nachwuchsjournalisten nach Bonn lockte. Dr. Thymian Bussemer (Deutsche Telekom AG), Autor und Publizist Tom Schimmeck und Dr. Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, diskutierten über die Rollen von Medien und Politik und über die Zukunft des Journalismus. Eines vorweg: Alle sehen noch Luft nach oben.

Gegenseitiges Aufgeilen

Medien können Politiker ganz schön ärgern (was nicht ausschließt, dass es umgekehrt nicht auch so wäre). Die Fälle Guttenberg und Wulff haben gezeigt, wie schnell es sich Politiker mit den Medien verspielen können. Anfangs noch als junge, sympathische Charaktere bejubelt, waren es zum Schluss Betrüger, die in ihrem Amt nicht mehr tragbar waren. Aktuell zeigt sich diese Entwicklung auch beim SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Dieser wurde von zahlreichen Medien gepusht, als sozialdemokratische Hoffnung tituliert – bis, ja bis die Wahlkampfphase gerade begonnen hatte und Steinbrück in so einige Fettnäpfchen tappte. Seitdem ist er der chancenlose Kandidat, der eigentlich gar nichts mit dem Internet zu tun haben wollte, zu viel „Beinfreiheit“ benötigt und vor lauter und Patzern nicht glänzen kann.

Man könnte das Gefühl bekommen, den Medien sei solch ein tollpatschiger Kandidat lieber als eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung. Das behauptet auch Tom Schimmeck: Die Gefühlserzeugung habe das ganze Geschäft überlagert. Fakten und Inhalte würden verdrängt. Die Medien würden sich gegenseitig „aufgeilen“, Geschichten systematisch aufziehen. Dr. Wolfgang Storz sieht dieses Problem auch. Zwar könne eine Personifizierung eines Falls – zum Beispiel Untreue oder Betrug – auch sinnvoll sein, um den Gesamtzusammenhang zu erklären. Aber obwohl die Politiker von Medien derart getrieben werden können, hat er Zweifel an der These einer Machtverschiebung zugunsten der Medien. Die Politik setze immer noch den Rahmen – und sei laut Schimmeck deshalb auch Schuld. „Hören Sie sich mal eine Stunde Frau Merkel an. Das ist wie, wenn Ihnen jemand Blei in die Vene spritzt“, meint der Publizist und macht damit deutlich, dass Medien aus inhaltsleeren Aussagen nunmal kein journalistisches Kunstwerk zaubern könnten.

Journalismus macht doch jeder

In diesem Zusammenhang nicht verschweigen sollte man den Einfluss von Politikern auf Medien, besonders im Lokalen. Gerne werden Informationen nur herausgerückt, wenn die Berichterstattung dementsprechend positiv ausfällt. Viele Journalisten können ein Lied davon singen, dass Interviews von Politikern autorisiert werden wollen, oft korrigiert werden. „Verweigern, Verfahren offen legen, ehrlich sein, die journalistische Macht ausnutzen“ ist Konsens auf dem Podium. Man müsse als Journalist journalistische Grundsätze bewahren, Standards einhalten.

Journalistische Standards? Journalist kann sich doch jeder nennen! Wann ist ein Journalist ein Journalist? Und wie stellt man fest, ob ein Journalist nach journalistischen Standards arbeitet? Braucht es eine Reglementierung? Dr. Wolfgang Storz könnte sich mit einer gewissen Reglementierung anfreunden, insbesondere deshalb, weil es ein Beruf mit einer so wichtigen Stellung in der Demokratie ist. Tom Schimmeck möchte von dieser Idee nichts hören. Bloß nicht reglementieren. Die Existenz freier Berufe habe schon ihre Berechtigung. Außerdem sei der Journalismus schon weit professionalisiert.

Zurückbesinnen

„Was bewegt uns wirklich?“ – das müsse die zentrale Fragestellung von Journalisten sein, so Thymian Bussemer. Schnelligkeit statt Reflexion und Tiefgang sei an der Tagesordnung. Meldungen ersetzen gute Geschichten. Die immer weniger werdenden Ressourcen machen das Problem natürlich nicht besser. Gute, relevante Inhalte, schnell publiziert und eine große Reichweite, damit die Kasse klingelt – das scheint unmöglich. Auch in der politischen Berichterstattung spielt Unterhaltung eine große Rolle, der Reichweite beziehungsweise der Quote wegen, kritisiert Bussemer. Dr. Storz betont gelassen, gesellschaftlich relevante Themen würden nicht die Masse erreichen, das sei so. Ist das so? Ist das Volk zu dumm, zu desinteressiert oder liegt es an der journalistischen Darstellung? Gesellschaftlich relevante Inhalte müssen interessant und vor allem verständlich aufbereitet werden. Eben diese Verständlichkeit sei auch Grund der hohen Auflage der „BILD-Zeitung“. Schimmeck meckert außerdem: „Journalisten sind nicht innovativ genug“. Neues auszuprobieren sei nicht gerade die Stärke von Verlagen.

Die Krise des Journalismus darf also nicht bloß als Krise von Print versus Online betrachtet werden. Die Krise steckt tiefer. Doch es gibt eine Chance. Journalisten sollten sich zurückbesinnen zu ihrem eigentlichen Auftrag: Die Politik kritisch beobachten, aufklären, informieren, kommentieren und einordnen, Orientierung bieten – verständlich und mit Ehrgeiz und innovativen Ansätzen. Wenn der Journalismus wieder in den Fokus rückt, dann braucht es keine Boulevardisierung der Politik, kein Politiker-Bashing und keine Machtspiele mit der Politik. Der Journalismus kann sich retten: durch mehr Journalismus.

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