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Mehr Ausstrahlung – Ja, das bin ich!

Gar nichts gegen die Einführung einer Frauenquote, im Gegenteil. Aber die gerade im Internet herumgereichte Behauptung, Frauen seien die Lösung, ist ausgemachter Blödsinn.

Mit Prozentzahlen kann man vieles anstellen. Für sich genommen bedeuten sie meist so gut wie gar nichts; intelligent zueinander in Beziehung gesetzt, fördern sie dagegen manch überraschendes Ergebnis zutage. Die Guerilla Girls zum Beispiel, eine New Yorker Künstlerinnen-Gruppe, die sich den Kampf gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe auf die Fahnen geschrieben hat, zählten vor ein paar Jahren, wie und vor allem wie viele Frauen im Metropolitan Museum vorkommen.

Am Ende stand die unmittelbar einleuchtende Frage „Do women have to be naked to get in the Met.Museum?“, die auf unwiderlegbaren Fakten gründete: Weniger als 5 Prozent derjenigen Künstler, deren Werke in der Abteilung für Moderne Kunst gezeigt werden, sind Frauen. Aber 85 Prozent der abgebildeten Nackten sind weiblich. Als unbekleidetes Objekt sind die Chancen einer Frau, in einem Museum ausgestellt zu werden, also deutlich größer, als wenn sie selbst zum Pinsel greift. 

In den Massenmedien stellt sich die Lage vermutlich ähnlich dar. Wer als Frau in der Zeitung oder im Fernsehen ganz nach oben kommen möchte, der lässt besser die Hüllen fallen, anstatt die journalistische Laufbahn einzuschlagen. Das geht in jedem Fall schneller und kostet deutlich weniger Mühe. Allein, das kann und soll selbstredend nicht als Option dienen, und deshalb hat am vorvergangenen Sonntag eine bemerkenswerte Riege von über 300 Frauen, die was mit Medien machen, als Initiative „pro quote“ einen Offenen Brief an die deutschen „Chefredakteure, Intendanten, Verleger und Herausgeber“ veröffentlicht, in dem sie „fordern, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Redaktionen im Laufe der nächsten fünf Jahre mit Frauen besetzt werden – und zwar auf allen Hierarchiestufen.“

Die Quote als „Krücke“

Den Auftakt des Briefs bildet ein Zitat des als „spät bekehrt“ bezeichneten „Handelsblatt“-Chefredakteurs Gabor Steingart, das besagt, dass Frauen „nicht das Problem, sondern die Lösung“ seien. In der Abteilung „Wer wir sind“ stellen sich die Unterzeichnerinnen des Aufrufs jeweils mit einem Foto und einem kurzen Statement vor. Immer wieder liest man da von einer früheren oder gar grundsätzlichen Ablehnung der Frauenquote, die mittlerweile oder wenigstens im aktuellen Fall in die Erkenntnis von deren Notwendigkeit umgeschlagen habe. Von der Quote als „Krücke“ ist gleich mehrmals die Rede: sieht nicht schön aus, hilft aber auf dem weiten Weg ans Ziel.

Mir geht es gerade umgekehrt: Ich halte die Einführung einer Quote längst für unabdingbar, die Initiative „pro quote“ aber bereitet mir ein ähnlich großes Unbehagen wie ein Slut Walk, der diskriminierendes Vokabular mit einer positiven Bedeutung zu überschreiben sucht. Warum etwa geht es wieder bloß um die Medien, also um die eigenen Belange? Hätten sich dieselben Frauen, unter denen sich zahllose bekannte und ehrenwerte Namen finden, mit ihren Gesichtern und ihren Argumenten an die Bundesregierung gewandt, um für die Quote in der gesamten Berufswelt zu plädieren, wäre das Echo vermutlich deutlich lauter ausgefallen. So aber, da man nicht den Gesetzgeber, sondern die vorgeblich Vierte Gewalt im Visier hat, scheint es bereits jetzt verhallt zu sein.

So genannte Frauenzeitschriften

Und muss eine solche Aktion wirklich mit einem Zitat aufmachen, das zu nicht mehr als zur Platitüde taugt? Und wenn es schon ein Mann sein soll, der die 30-Prozent-Forderung einleitet, die in die kecke Frage „Schaffen Sie das?“ mündet: dann doch bitte einer, der etwas Schlaueres zum Thema zu sagen hat als Gabor Steingart (davon gibt es wahrlich eine Menge).

Ich halte die Behauptung, dass Frauen die Lösung seien, jedenfalls für ausgemachten Blödsinn. Was für ein Blödsinn das ist, weiß die Pro-Quote-Website ohnehin selbst am besten: Wer sich durch die Fotos der Unterzeichnerinnen klickt, der trifft nicht nur einmal auf Journalistinnen, die bei so genannten Frauenzeitschriften arbeiten. Zum Beispiel bei „Emotion“, deren aktuelles Titelthema „Mehr Ausstrahlung – Ja, das bin ich!“ lautet und auf deren Website die Leiste der „Emotion-Coachs“ ins Auge sticht.

Im Angesicht solcher Idiotien fällt es mir ehrlich ziemlich schwer, Frauen als Lösung zu begreifen. Denn die Verantwortung dafür tragen laut „Emotion“-Impressum allererst Frauen, und zwar von oben bis unten, zu beinahe 100 Prozent.

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