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Medienfreiheit in Ägypten: Vom kurzen Aufflammen der freien Presse

Nach der ägyptischen Revolution entstanden 2011 viele neue Medien. Ein neues Buchprojekt will von diesem kurzen Moment der freien Meinungsäußerung berichten. VOCER veröffentlicht Auszüge.

Kurz nach der ägyptischen Revolution entstanden Anfang 2011 freie Medien. Doch inzwischen sind die vielen neuen Zeitungen, TV-Sender und Blogs wieder verschwunden. In ihrem Buchprojekt „Die bedrohte Medienfreiheit in Ägypten“ fangen Judith Jäger und Christopher Resch die kurze Befreiung des Journalismus in Ägypten auf. In ihrem Buch schildern sie und viele andere Journalisten die Ereignisse, die nach der politischen Revolution zum Aufstieg und Verfall einer freien Medienlandschaft geführt haben. Im Fokus stehen dabei die individuellen Perspektiven der Journalisten. Zurzeit sammelt das Journalistenduo auf Startnext mit einer Crowdfunding-Kampagne Geld für die Umsetzung der Idee.

Die folgenden Auszüge aus dem Buchprojekt stammen von Khalid El Kaoutit, Korrespondent der Deutschen Welle.

Besorgte Bürger 1: Dezember 2011

Kurz vor der zweiten Runde der Parlamentswahlen. Wir sind mit einem Vertreter der Muslimbruderschaft in al-Amiriyah, einem Armenviertel im Osten Kairos, unterwegs. Er will uns ›sein‹ Viertel, ›sein Revier‹, wie er zu sagen pflegt, zeigen. Wie populär dort die Bruderschaft, wie beliebt er selbst unter den Einheimischen sei.

„Ihr könnt filmen, was ihr wollt“, gibt er uns stolz zu verstehen. Und genau das machen wir. Wann sonst bietet sich die Gelegenheit, in einem Armenviertel unterwegs zu sein, mit jemandem, der etwas zu sagen hat, um frei drehen zu können? Dass er die Passanten in den kleinen Gassen höflich grüßt und diese seine Höflichkeit erwidern, lässt uns glauben, er sei in dem Viertel eine beliebte Person. Doch kaum richte ich die Kamera auf eine Straßenverkäuferin und ihre Gurken- und Zucchini-Körbe, schreit sie in meine Richtung: „Was filmst Du? Wer hat Dir das erlaubt?“ Ihre Schreie machen immer mehr Menschen auf uns aufmerksam. Männer mit hektischen Schritten, ernsten Mienen, zudem gewaltbereit, laufen in unsere Richtung. Wir denken, dass unser Begleiter die Situation bestimmt in Ordnung bringen wird, und halten uns zurück. Weit gefehlt. Die Situation eskaliert, wir werden, der Muslimbruder inklusive, mit Steinen und Orangenschalen beworfen und müssen schnell verschwinden.

Als wir später das Viertel verlassen wollen, kommen einige Bewohner auf uns zu, um sich bei uns zu entschuldigen. Der Angriff mit Steinen und Orangenschalen habe unserem Begleiter, dem Muslimbruder, gegolten. Wir hingegen seien herzlich willkommen, Tee mit ihnen zu trinken, zu filmen oder im Viertel zu tun, was auch immer wir wollen. Wir hätten lediglich direkt die Betroffenen fragen sollen. Eigentlich ein nachvollziehbares Argument. Jeder Mensch hat schließlich das Recht, seine Privatsphäre zu schützen. Es war unser Fehler, die Behauptungen des Muslimbruders nicht zu hinterfragen. Ein naiver Fehler in einem Land voller politischer und gesellschaftlicher Konflikte wie Ägypten, in dem man sehr schnell zwischen die Fronten geraten kann.

Medien_4_Elisabeth Lehmann

Staatsschikane 1: November 2014

Wir drehen auf dem Tahrir-Platz und in der nahe gelegenen Mohamed-Mahmoud-Straße. An den Mauern der amerikanischen Universität erinnern Graffitis daran, dass hier vor nicht allzu langer Zeit eine Revolution stattgefunden hat. Die Zeichnungen bebildern den Polizeistaat, erinnern an die Forderungen der Revolution, an die Menschen, die hier und in den Nebenstraßen Opfer von Repressionen und Polizeigewalt wurden, ihr Leben verloren haben.

Wir sind mit einer Aktivistin verabredet, deren Verlobter seit ein paar Wochen im Gefängnis sitzt, weil er gegen das Demonstrationsrecht verstoßen haben soll. Doch sie verspätet sich. Ich nutze die Gelegenheit und filme ein paar Straßenbilder. Vorher bitten wir bei den Polizisten um Erlaubnis. Das musste ich erst lernen. Auch, dass jeder Kairoer Straßenabschnitt der Aufsicht eines Geheimdienstoffiziers untersteht, der das Sagen hat. Meistens sitzen sie in einem Café und lassen sich von anderen Spitzeln – Straßenhändlern, Obdachlosen, Kellnern, Bawabs (›Haushüter‹, die sich u. a. um Sauberkeit, Sicherheit und Postannahme kümmern) oder Berufsspitzeln – über die Geschehnisse informieren. Anfangs, als ich die Regeln nicht kannte, wurde ich immer zu den Aufsehern geführt. Manchmal kamen Polizisten zu uns, maskiert, die Kalaschnikow über die Schulter gehängt, um mich die paar Meter zum Café zu begleiten.

Die Verhöre laufen immer nach dem gleichen Muster ab: Es werden Fragen gestellt, was ich bitteschön hier drehe, ob ich eine Genehmigung habe, woher ich ursprünglich komme. Die Aufseher schauen sich immer sehr demonstrativ, sehr intensiv die ganzen Papiere an – anfangs mit ernster Miene, dann wird gewitzelt, zuletzt gelacht – spätestens dann, wenn sie meinen arabischen Namen im deutschen Pass entdecken. Am Ende sagen sie, wir sollen gefälligst nichts Negatives über Ägypten berichten. Und mit einem Augenzwinkern: „Aber hey, du bist ja Marokkaner. Trotz deines deutschen Passes bist du einer von uns, Araber wie wir. Du wirst deinen Ursprung bestimmt nie verraten. Oder?“

Es ist zur Routine geworden. Bevor sie uns abführen, gehe ich lieber selbst zu ihnen. Denn ich habe meine Akkreditierung, meine Drehgenehmigung. Letztere wird vom Innenministerium ausgestellt und gilt für maximal vier Wochen. Dabei darf ich staatliche Einrichtungen, allen voran polizeiliche und militärische, nicht filmen. Ich darf mich Menschenansammlungen, Demonstrationen zum Beispiel, nicht nähern. Dazu bedarf es einer Sondergenehmigung. So steht es in dem Schreiben.

„Ich drehe für einen Beitrag über die Verkehrslage in Kairo“, lasse ich den Aufseher am Tahrir-Platz wissen, der mich mittlerweile gut kennt und als sein Freund betrachtet. Er lässt für mich heute die Autos halten, lässt mich mitten auf der Straße drehen und gibt seinen Gehilfen die Anweisung, sie sollen bitteschön darauf achten, dass ich nicht belästigt werde. Meinem Producer bietet er währenddessen einen Tee an.

Mit der Aktivistin treffen wir uns anschließend in der Mohamed-Mahmoud-Straße. Anfang zwanzig ist sie. Klein und dünn. Ihr Kapuzenpullover sitzt sehr weit, ihre Jeans ist mit Flecken übersät. Sie ist in letzter Zeit viel unterwegs. Mindestens einmal pro Tag gibt es kleine Protestaktionen, um auf das Schicksal von politischen Gefangenen aufmerksam zu machen. Sie zeigt uns Bilder von ihrer Verlobung, spricht von Folter im Gefängnis, ist wütend, dass Ex-Diktator Mubarak und seine Söhne freikommen, während ihr Freund und andere Demokratie-Aktivisten im Gefängnis sind. Sie spricht laut, gestikuliert wild, unterdrückt Tränen.

Plötzlich steht ein Mann neben uns, fordert mich auf, die Kamera auszuschalten. Ich sehe die Pistole an seinem Gürtel, eine Goldkette am Hals. Er fragt, was wir hier drehen, wer die Frau sei, die über Mubarak spricht. Er muss nicht viel von dem Interview mitbekommen haben, ansonsten hätte er mir nicht geglaubt, dass ich die Frau nicht kenne, dass sie eine Passantin ist, die ich willkürlich angesprochen habe, um ihr ein paar Fragen zu stellen.

Der Mann nimmt meine Drehgenehmigung und meinen Pass. Er will die Aufnahme sehen. Ich weigere mich. Dann nimmt er mich zu seinem Vorgesetzten mit. Zum Tahrir-Aufseher. Als er diesem erzählt, wir hätten politische Interviews geführt, ist Schluss mit unserer angeblichen Freundschaft. Erst als ich drohe, die deutsche Botschaft anzurufen, lassen sie mich gehen. „Aber lass dich hier nie wieder blicken. Du wirst hier nie wieder filmen“, sagt mir der Tahrir-Aufseher mit erhobenem Zeigefinger.

 


 

startnext_logo_2014VOCER hat nicht nur selbst ein alternatives Finanzierungsmodell, sondern schreibt auch über andere Projekte, die unkonventionelle Wege gehen. In Kooperation mit Startnext stellen wir regelmäßig Projekte vor, die wir für fördernswert halten.

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