Zum Inhalt springen

Medien über Homosexuelle: „Homophobe Aversionen“

David Berger war Opfer einer Schmutzkampagne, bei der intime Details aus seinem Privatleben öffentlich wurden. Weil die „Bild-Zeitung“ genau dies jetzt mit einem schwulen Kommunalpolitiker macht, hat er einen offenen Brief geschrieben. Ein Interview

David Berger ist Chefredakteur des Magazins „Männer“. Wie der bayerische Kommunalpolitiker Michael Adam war auch er einst Opfer einer Schmutzkampagne, bei der viele private Details in die Öffentlichkeit gelangten. Nun hat er einen offenen Brief geschrieben, in dem er seine Solidarität mit Adam asudrückt. 


VOCER: Die „Bild am Sonntag“ hat unter der Schlagzeile „Wie war das mit dem Sex, Herr Landrat“ viele sehr persönliche Details eines bayerischen Kommunalpolitikers vor einem Millionenpublikum ausgebreitet. Auch Ihr Intimleben wurde in die Öffentlichkeit gezerrt, als sie sich mit dem reaktionären katholischen Netzwerk „kreuz“.net angelegt hatten.

Glauben Sie, dass Sie sich durch Ihre Erfahrungen in die Situation des Landrats in diesen Tagen einfühlen können?

David Berger: Vielleicht ist das egoistische Infantilität, aber als ich letzten Sonntag den „BAMS“-Artikel las, musste ich sofort daran denken, wie ich damals bei „kreuz.net“ vorgeführt wurde. Ich weiß, wie das ist, wenn auf einmal Bekannte sich mit hämischen Nachfragen und Anspielungen melden oder auch die eigene Mutter einen anruft und sagt: „Du, das und das steht über dich im Internet – meine besten Freundinnen haben mich darauf schon angesprochen.“

Am Anfang der vielen Aktionen, die den Landrat jetzt öffentlich unterstützen, stand wohl Ihr offener Brief, in dem Sie ihn aufforderten, sich „nicht einschüchtern zu lassen“. Was war der Grund für diesen Schritt?

Am meisten habe ich im Zusammenhang mit der „kreuz.net“-Aktion nicht darunter gelitten, dass nun irgendetwas aus meinem Privatleben bekannt wurde, was ohnehin mir sehr vertraute Personen schon lange wussten und wofür ich mich nie geschämt hatte. Sondern unter dem völligen Ausbleiben von Zeichen der Solidarität von den eigenen Leuten bzw. der schwulen Community. Während die großen Medien (von der „SZ“ bis zu „stern.tv“) sich der Sache annahmen, aber die Vorgehensweise des Hassportals klar verurteilten, herrschte in den schwulen Szenemedien, bei den wichtigen LGBTI-Verbänden usw. das große Schweigen. Oder es fielen sogar in Diskussionsforen für schwule Männer äußerst abfällige Kommentare, nach dem Motto: selbst schuld, wenn man sich auf solchen Portalen wie „Gayromeo“ rumtreibt, obwohl man doch einen festen Partner hat. Weil mir klar war: auch bei Herrn Adam wird das nicht anders sein, habe ich die Initiative ergriffen und ihm als Chefredakteur von Deutschlands größtem Schwulen-Magazin einen offenen Brief der Solidarität geschrieben. Einen Brief, wie ich ihn mir damals an mich gewünscht hätte…

Sie schreiben in diesem Brief, dass die Skandalisierung der „Bild am Sonntag“ bewusst auf homophoben Aversionen aufbaut. Woran machen Sie das fest?

Schon alleine, dass man über diesen Vorfall auf der ersten Seite berichtet, zeigt meines Erachtens eine homophobe Herangehensweise. Wäre das alles im heterosexuellen Kontext passiert, hätte irgendein junger Landrat aus Niederbayern in seinem Büro Sex mit einer Frau gehabt, wäre das der „Bild-Zeitung“ nicht einmal eine kleine Randnotiz wert gewesen. Weil man dort genau weiß: darüber regt sich keiner auf! Man hat also bewusst auf latent vorhandene homophobe Aversionen bei seiner Leserschaft gesetzt und diese bedient. Für dieses Bedienen hat man sich sogar journalistisch unlauterer Methoden bedient, die die „BAMS“ wieder einmal für eine Rüge des Deutschen Presserats qualifizieren.

 

  ©

 

Die Kritik gegen das Instrumentalisieren homosexuellenfeindlicher Ressentiments durch die „Bild-Zeitung“ ist in den sozialen Netzwerken in diesen Tagen sehr präsent. Ist die Öffentlichkeit heute sensibler geworden? Glauben Sie, dass die Skandalisierung von schwulem Sex heute nicht mehr so funktioniert wie vor wenigen Jahren?

Ja, tatsächlich scheint das so zu sein. Erstaunlicherweise sind es gerade wieder in der Mehrzahl heterosexuelle Menschen, die sich nun gegen die Schlammschlacht wenden – anscheinend vor allem aus der Gegend, in der Adam Landrat ist.

In der „schwulen Presse“ ist der Umgang mit der Landrats-Geschichte umstritten. Der Autor Dirk Ludigs, lange selbst Chefredakteur verschiedener Szenemedien, schreibt auf Facebook, die Geschichte habe nun mal „einen wunderbaren Tratschfaktor“ und ein Journalist, der „das nicht mehr erkennt oder sich sofort mit den politisch korrekten Zähnen auf die Zunge beißt habe seinen Beruf auch “ ‚ein Stück weit‘ verfehlt. Wo verläuft da Ihrer Meinung nach die Trennlinie?

Es gibt gerade bei vielen Journalisten, die für die schwule Presse arbeiten, eine fast neurotische Angst irgendwie parteiisch zu sein und deshalb nicht ernst genommen zu werden. Deshalb betätigen sie sich zu allermeist nur als Chronisten. Das ist mit ein Hauptgrund dafür, dass sich die Landschaft der Szenemedien immer mehr gesundschrumpft. Gerade der von Ihnen erwähnte Dirk Ludigs kann davon ein Lied singen. Die Trennlinie sollte allerdings in der schwulen Presse auch nicht anders verlaufen als in der übrigen Presse-Welt. Sie ist eindeutig überschritten, wenn etwa Details aus dem Sexleben (wie etwa das Inhalieren von Poppers) mit der Amtsführung des Landrats in keinerlei Zusammenhang stehen. Wo die Publikation dieser Details dann auch noch aus Quellen kommt, die es offensichtlich im Sinne eines Racheaktes darauf angelegt hatten, das Privatleben des Landrats auszuspionieren, ist diese Grenze weit überschritten. Wenn dann zum Beispiel die schwule Internetseite „queer.de“ diese Enthüllungen der „Bild-Zeitung“ unter dem reißerischen Titel „Sexdates mit Poppers im Landratsamt“ nacherzählt, macht sie sich zum Büttel eines Journalismus, der diesen Namen eigentlich nicht mehr verdient hat.

Als Chefredakteur der monatlichen Magazins „Männer“ ist es Ihre Aufgabe, gesellschaftliche Themen aber auch Unterhaltung und Erotik unter einen Hut zu bringen. Jetzt bitte kein Vertriebsstatement: Was wollen schwule Männer wirklich lesen? Welche Interessenskonflikte müssen Sie befrieden?

Das ist ganz schwierig zu sagen, da es DEN „schwulen Mann“ einfach nicht gibt. Ein 17-jähriger Auszubildender, der gerade die schwule Party-Welt entdeckt, hat andere Interessen als der 50-jährige promovierte Altphilologe, der sich zusammen mit seinem langjährigen Lebenspartner eine Eigentumswohnung in Würzburg gekauft hat und die sich dort abends gegenseitig aus Ovids „Metamorphosen“ vorlesen. Interessanterweise zählen beide Gruppen auch zu unseren Lesern, wenn es auch nicht unsere Hauptzielgruppen sind. Eine Umfrage vor einigen Jahren hat ergeben, dass die meisten unserer Leser in den großen Städten leben, zwischen 30 und 50 Jahren alt sind; fast alle sind berufstätig, sehr viele haben Abitur und ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Was wir von dieser Gruppe immer wieder hören: wir wollen eine bunte Mischung und ein großes Spektrum: von Politik bis hin zur Erotik. Aber bitte alles unter spezifisch schwulem Aspekt. Die Versuche auch „queere Inhalte“ anzubieten, wurden von den Lesern nicht goutiert.

Wenn man als kritisches Medium ernst genommen werden möchte, ist vor allem Glaubwürdigkeit und journalistische Unabhängigkeit wichtig. In der vorletzten Ausgabe bestand die Titelgeschichte von „Männer“ aus einem Interview mit einem Pornostar, dessen Videos vom Bruno Gmünder Verlag, zu dem auch ihr Heft gehört, gerade mit großem Aufwand promotet und vertrieben werden. Wie passt das zusammen?

Zum einen haben wir das Problem, dass der Verlag, dem wir zugehören Europas größtes Haus für schwule Medien ist. Das heißt, wenn wir repräsentativ sein wollen, können wir gar nicht anders als auch auf Medien des Verlags zurück zu greifen. Glauben Sie mir, wir überlegen beim eigenen Verlag immer doppelt so oft, ob wir ein Buch in unserer Zeitschrift besprechen wollen oder nicht. Ganz oft fällt dann das Urteil auch negativ aus. Dass der Porno-Darsteller Lukas Ridgeston große Covergeschichte war, lag vor allem an der Berühmtheit Ridgestons, der zu dem internationalen Olymp der Pornodarsteller gehört. Jedes andere schwule Magazin hätte die exklusiven Fotos, die uns Bel Ami zur Verfügung gestellt hat, mit Handkuss genommen.

Sie waren als Mitherausgeber und als „Schriftleiter“ der katholischen Monatszeitschrift „Katholisches“ schon einmal so eine Art Chefredakteur. Gibt es irgendetwas, dass Ihnen aus Ihrer damaligen Funktion für ihre jetzige Arbeit bei „Männer“ ganz konkret von Nutzen ist?

Ja, sicher. Zunächst die Einsicht, dass man eine Zeitschrift nie für sich selbst macht, sondern immer für seine Leser. Dann die Erfahrung, dass man wenn man eine Zeitschrift erfolgreich betreiben will, Geld in die Hand nehmen muss um Qualität zu bieten. Geld, dass einem letztlich die Leser geben, die dafür aber auch etwas verlangen. Das betrifft nicht nur den Inhalt, sondern auch das Outfit: das ist in der katholischen Welt nicht anders als in der Schwulen.

Sie sind jetzt seit einem halben Jahr Chefredakteur eines gedruckten Schwulen-Magazins. Die meisten gedruckten Marken, die noch vor wenigen Jahren den Markt bestimmten, sind heute verschwunden. Ist das überhaupt noch ein funktionierendes Geschäftsmodell?

Wenn man es richtig macht, auf jeden Fall! Voraussetzung dafür ist eine klare Zielgruppenorientierung und Einzigartigkeit: beides haben wir bei der „Männer“. In dem deutschsprachigen Raum sind wir das einzige Livestylemagazin für schwule Männer. Um die Leser an die Zeitschrift zu binden, muss man dabei deutlich mehr bieten als im Internet kostenlos verfügbar ist und was die großen Medien zu LGBTI-Themen regelmäßig zur Verfügung stellen. Unsere Debattenrubrik ist dafür ein gutes Beispiel: Hier diskutieren nicht irgendwelche CDU-Politiker darüber, ob es die Homo-Ehe geben soll. Sondern wir laden ausschließlich schwule Journalisten ein jeweils über ein Thema, dass die schwule Community beschäftigt kontrovers zu diskutieren: das geht von der Outing-Debatte bis hin zur Kriminalisierung von HIV-Ansteckungen.

In Ihrem „alten Leben“ haben Sie sich vor allem mit dem Theologen und Philosophen Thomas von Aquin beschäftigt. Vermissen Sie ihn manchmal?

Nicht wirklich, weil er mir viele Dinge gelehrt hat, die in meinem jetzigen Leben nach wie vor sehr präsent sind: die Liebe zur Ordnung, das Lob von Disziplin und Konsequenz, um wirklich etwas zu erreichen, die Neuentdeckung des menschlichen Körpers als Verwirklichungsorgan unserer Psyche. Und schließlich einen seiner Lieblingssätze, der mir immer einfällt, wenn ich Kirchenmänner über Homosexualität reden höre: „Dummheit ist Sünde!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Kommentare

  1. Claus Gras sagt:

    Einfach satt, das Interview und ganz David Berger…!!!

Nach oben