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„Medien müssen akzeptieren, dass auch Nutzer einen Mehrwert bringen“

Statt Begeisterung für technische Neuerungen aufzubringen, lehnen Journalisten Innovationen viel zu oft pauschal ab. Im Interview fordert Markus Beckedahl vom Blog „Netzpolitik.org“ eine neue Denke und mehr Wertschätzung für den Nutzer.

Markus Beckedahl beschäftigt sich in dem von ihm gegründeten Blog „Netzpolitik.org“ unter anderem mit der digitalen Wirtschaft und Auswirkungen politischer Entscheidungen auf das Netz. Als Mitveranstalter der Konferenz re:publica trägt er die offene Haltung der Digitalisierung gegenüber seit Jahren hinaus in die Medienlandschaft. Im VOCER-Interview spricht er über die Möglichkeiten, die das Medium Internet bietet, und darüber, wie wenig sich Journalisten von Social Media, User-generated-Content und Experimentierfreude begeistern lassen.


VOCER: In welchen Bereichen halten Sie journalistische Innovationen zurzeit für besonders wichtig?

Markus Beckedahl: In allen Bereichen, die irgendwie online funktionieren. Natürlich kann man auch gucken, ob man bei der Print-Zeitung irgendwelche journalistischen Innovationen hervorbringt, aber ich glaube, die Zeit ist vorbei, weil a) Print-Zeitungen sich nicht mehr so lange halten werden und b) sie einfach 100 Jahre Zeit hatten, alles auszureizen, was an technischen Möglichkeiten überhaupt da ist.

Und von der Nutzerseite aus, welche Informationsangebote werden künftig für die Bevölkerung wichtiger werden?

Viele fluchen über die sogenannte Informationsflut und wünschen sich eine einfachere Navigierbarkeit und bessere Übersichten. Das wäre eine klassische Kuratierungs- und Filterarbeit von klassischen Redaktionen, wenn die ein bisschen mehr individualisiert werden würden. Dann gibt es noch die Nutzer wie mich, die sich von der Informationsflut nicht überfordert fühlen, sondern glücklich darüber sind. Aber ich hätte gerne mehr Filtermöglichkeiten, die ich selber unter Kontrolle habe, um das alles noch effektiver verwalten zu können.

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Von Nutzern, die sich wie Sie mit der Thematik befassen, hört man immer wieder, dass Kuratieren im Journalismus immer wichtiger wird und auch für neue sorgen könnte. Es gehört zum Geschäftsmodell der „Huffington Post“,  „Süddeutsche.de“ kuratiert seit Kurzem. Doch insgesamt scheint die Medienlandschaft das nur zögerlich anzunehmen. Erkennen Journalisten und Verleger das Potenzial nicht?

Im Online-Journalismus funktioniert das doch in der Regel so: Irgendwo gibt es eine Original-Nachricht, und dann schreiben alle die Geschichte mit eigenen Worten ab. Dann stehen ich vor dem Grundproblem, dass es überall dieselbe dpa-Nachricht gibt, nur in eigenen Worten, und nirgends Innovationen oder neue Nachrichten. Es wäre eigentlich viel besser oder effektiver, wenn Journalisten sich nicht darauf konzentrieren würden, die Geschichte nachzuschreiben, sondern zu sagen: Hier hat jemand eine Geschichte geschrieben, hier sind noch weitere Aspekte und wenn euch das nicht ausreicht, hier gibt es noch weitere Informationen. Also quasi ein Vorkuratieren anstatt alles Abschreiben.

Was auch Jeff Jarvis propagiert: „Do what you do best and link to the rest“.

Das ist eigentlich eine klassische Blogger-Tätigkeit. Auch Jeff Jarvis hat in der Vergangenheit als Blogger mit diesem Medium herumexperimentiert. Zum ersten Mal hat man im Netz die Möglichkeit, Sachen zu verlinken. Man konnte früher nicht in der Zeitung schreiben: Blättern Sie nochmal auf Seite zehn der „FAZ“ von gestern, und im „ZDF“ lief gestern um 19 Uhr in den „Heute“-Nachrichten noch dieser Beitrag. Heute hat man die Möglichkeit zu sagen: Hier ist der eine Beitrag, da ist der Fernsehbeitrag, und hier ist nochmal ein individueller Kommentar.

Sind Journalisten im Allgemeinen technischen und netzkulturellen Innovationen gegenüber zu wenig aufgeschlossen?

In der Regel kann man das schon sagen. Vor allem bei älteren Journalisten, und Journalismus ist auch durch die ökonomischen Bedingungen sehr veraltet. Junge Menschen werden nicht mehr richtig eingestellt, weil die Verlage noch ihre Alt-Redaktionen mitschleppen. Andererseits erlebe ich auch immer wieder Journalistenschüler, die sich gar nicht für das Internet interessieren. Dabei sind die oft jünger als ich. Twitter und Facebook interessiert sie auch nicht so, denn sie wollen lieber zu einer Tageszeitung oder zum „Spiegel“. Ich rate denen dann immer, sich vorsichtshalber ein bisschen damit zu beschäftigen, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass man die nächsten 40 Jahre noch bei der Tageszeitung glücklich wird.

Wie können externe Innovationen, sei es von Software-Entwicklern, aus der Open Source-Bewegung oder von NGOs, den Journalismus befruchten?

Einfach, indem man es macht.

Was zum Beispiel?

Die ganze Entwicklung des Datenjournalismus, die im Moment so ein heißer Trend ist und die tatsächlich technische Innovationen im Journalismus einbringt, ist in so einer Open-Source-Welt entstanden. Hier haben Menschen mit Programmierkenntnissen sich angeschaut, was es für Datenquellen gibt, wie sie die miteinander remixen und daraus etwas Neues erstellen können. Die Innovatoren in diesem Bereich geben dem Journalismus gerade Nachhilfe, um neue Formate zu entwickeln. Ein anderes Beispiel sind Podcaster, die sich einfach hingesetzt haben: Super, ich kann jetzt hier reinsprechen und gucken, was da raus kommt. Ich bin nicht mehr gebunden an so ein Radioformat, wo man höchstens eine Stunde Zeit hat, aber in der Regel nur noch 2:30-Minuten-Beiträge machen kann.

Podcaster haben erst mal eigene Formate entwickelt und über den Rückkanal eine neue Einbindung von Hörern ausprobiert. Dann gibt es regelmäßige Shows, wo die Leute im Livestream auditiv dabei sind, im Chat mitdiskutieren, Hinweise geben, Ergänzungen und mittlerweile auch im Fernsehen mitschauen können. Oder generell Blogger, die ausprobiert haben, wie es ist, wenn man jetzt auf einmal verschiedene Formate miteinander mixt. Radiobeiträge in Form von mp3-Dateien, die online stehen mit Text, mit Bildern, mit Videos, die man wiederum einbinden kann, um eine ganz andere transmediale Erzählstruktur zu schaffen.

Von einigen Journalisten wird die von Ihnen mit ins Leben gerufene Digitalkonferenz „re:publica“ immer noch abschätzig als Bloggertreffen bezeichnet. Arbeiten Journalisten sich hier an falschen Feindbildern ab?

Ich wundere mich auch immer. Der re:publica wird immer Selbstreferentialität vorgeworfen, dabei gibt es diese auf jedem Journalismus- oder Medienkongress viel mehr zu bewundern. Wir haben in Deutschland eine Sondersituation, die ich eigentlich sehr schade finde: Soziale Medien haben sehr lange gebraucht, um gesellschaftliche Relevanz zu bekommen. Weil Journalisten immer ein Feindbild in den neuen Playern sahen, anstatt sie als Bereicherung oder Innovationsquelle zu sehen. Man hat immer versucht, diese Innovationen fern zu halten, runter zu schreiben, um den eigenen Elfenbeinturm nicht zu gefährden. Die Ursache ist vielleicht die Angst vor Veränderungen, Angst vor etwas Neuem und Angst vor der nachfolgenden Generation, die alles auf den Kopf stellen wird. Aber das ändert sich zum Glück gerade ein bisschen. Auch ältere Menschen haben festgestellt, dass das Fax jetzt nicht das effektivste Kommunikationsmittel war und dass man auch mal mit einer Google-Suche mehr Informationen schneller finden kann, als wenn man in ein Archiv fahren muss.

Journalistische Neutralität wird immer sehr hoch gehalten. Vor allem auch im anglo-amerikanischen Journalismus. Ist das noch zeitgemäß im digitalen Zeitalter? Sollte Transparenz statt Neutralität die neue journalistische Maxime sein?

Nein und Ja. Das Problem ist, diese Neutralität ist ein sehr erstrebenswerter Zustand, aber schwer zu erreichen. Neutral konnte man sein, wenn man in einem Verlag als Festangestellter gearbeitet hat, und der Verlag hat ein sehr gutes Geschäftsmodell, was sich vielleicht vor allem über Abos refinanziert hat. Aber man war in der Regel allein deshalb schon nicht mehr so wirklich neutral, weil man sich zu sehr abhängig machte von Werbekunden. Transparenz ist wahrscheinlich das Sinnvollere und bessere Paradigma, weil Neutralität nicht mehr zu halten ist und eigentlich nur ein Idealgebilde darstellt.

Wie sollten Medien mit nutzergenerierten Inhalten umgehen?

Das kommt ganz auf die Medien an. Einerseits sollten Medien generell mal akzeptieren, dass auch Nutzer einen Mehrwert bringen können. Nicht alle und nicht immer, aber sehr häufig. Medien oder Journalisten sollten in der Lage sein, die relevanten Nutzerbeiträge sammeln, zu verifizieren und dann auch sagen zu können: Wir haben diese Information noch einmal nachgeprüft, und wir behandeln sie jetzt so, als wenn etwas normal durch unsere Redaktion geflossen wäre. Andererseits können Nutzer natürlich auch immer redaktionelle Beiträge ergänzen und helfen, zu verbessern. Das fängt an mit irgendwelchen Crowdsourcing-Strategien wie der „Guardian“ mit der Spendenaffäre in Großbritannien, über die Sarah-Palin-Mails bei der „New York Times“, bis hin zu einzelnen Journalisten, die auf Twitter Fragen für ihren Interviewpartner generieren.

Sollte das zwingenderweise auf Augenhöhe geschehen? Oder reicht es, wie manche Medien das immer noch versuchen, Nutzeräußerungen in einen eigenen Bereich abzuschieben und zu sagen: Das diskutiert ihr mal schön unter euch.

Man sollte natürlich als Journalist seine Leser, seine Nutzer respektieren. Man sollte nicht auf ein Podest steigen und sagen: Ihr habt alle keine Ahnung. Es wird immer jemanden geben, der mehr Ahnung hat. Andererseits kann man jetzt auch nicht immer die Nutzer sagen. In unserer Gesellschaft ist auch nicht jeder Bildungsbürger, und nicht jeder hat eine ausgefeilte Meinung und das Fachwissen dazu. Langfristig wird sich die Strategie mit einem Kommentarghetto nicht am Leben halten können. Man kann nicht alle Kommentare in einen gesonderten Bereich abschieben, auf genug Page-Impressions hoffen und die Kommentatoren sich die Köpfe einschlagen lassen. Das bringt weder einen Mehrwert zu redaktionellen Beiträgen, noch sonst etwas, außer ein Ventil für Anschlusskommunikation zu haben.

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