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Lotterie-Spiele mit Nazi-Themen

TV-Redaktionen reagieren viel zu selten auf Angebote zu Neonazi-Themen. An den Einschaltquoten kann das nicht liegen.

Journalistische Arbeit zum Thema „Neonazis“ ähnelt in Deutschland einem Lotterie-Spiel. Das hat kein investigativer Rechercheur enthüllt, sondern das Oberlandesgericht München, indem es in einer Realsatire die Presseplätze für den NSU-Prozess verlost hat. Und wie in jeder Lotterie gab es mehr Verlierer als Gewinner: Allen voran die Freien Journalisten, die ausweislich des notariell verbürgten Ziehungsergebnisses nur vier von 50 Stühlen bekommen haben. Ausgerechnet die Berufsgruppe, aus welcher der überwiegende Teil der journalistischen Nazi-Experten stammt, deren Wissen Sender und Zeitungen in der Regel angezapft haben, wenn sie gelegentlich über Nazis berichten wollten oder mussten.

Jene Rechercheure, die kontinuierlich auf eigene Kosten und auch darüber hinaus auf eigenes Risiko arbeiten, sind es gewohnt, den Kürzeren zu ziehen. Denn ein imaginärer Los-Topf scheint in fast jeder Redaktion zu stehen – im Konferenzzimmer oder in den Büros von Chefredakteuren und Chefs vom Dienst. Selbst wenn dort mal ein Nazi-Thema gezogen wird, das ein Freier Journalist vorgeschlagen hat, ist das selten das große Los – zumindest was die Honorar-Ausschüttung betrifft, die in Anbetracht des „Spieleinsatzes“ oft gar keinen „Gewinn“ darstellt.

Im Falle meiner 15-jährigen Undercover-Recherche in der europäischen Neonazi-Bewegung sieht die Bilanz so aus, dass ich mehr als 150.000 Euro an Geld sowie Arbeitszeit im Honorarwert von mindestens 400.000 Euro investiert habe, aber nur die monetären Ausgaben wieder erwirtschaften konnte. Mein Beruf war also faktisch nur ein Ehrenamt. Und das kam so:

Auf einen Großteil meiner Themenvorschläge, die insbesondere an Fernsehredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender gingen, bekam ich nicht einmal eine Antwort. Und unter den Absagen gab es zwei Kategorien. Erstens, die von Oberflächlichkeit und Ignoranz geprägten: „zu speziell“, „déjà vu“, „more of the same“ und „Ich seh‘ das Thema nicht“. Zweitens die strukturellen Gründe: zu wenig Geld im Redaktionsetat oder kein Platz mehr in der Sendung. Unter diesen Rahmenbedingungen leiden wohlgemerkt nicht nur Freie Journalisten, sondern auch Redakteure – von einigen weiß ich, dass sie sich intern dafür eingesetzt haben, dass Nazi-Themen gesendet werden. Oft war ihre Mühe jedoch vergebens.

Kein Hitlergruß? Kein Thema!

„Zu speziell“ waren all jene Themen, die nicht plakativ genug erschienen, um sie in Kurzbeiträgen darstellen zu können, wie sie in Politmagazinen üblich geworden sind. Kein Hitlergruß? Kein Thema! Als ob der Rechtsextremismus erst durch Straftaten problematisch würde. Straftaten sind aber die Voraussetzung dafür, die Polizei in fünf Minuten medial an die Wand stellen zu können, weil sie nicht eingegriffen hat – aber das gilt als „more of the same“.

Müsste nicht gerade ein Missstand, der trotz mehrfacher Berichterstattung weiterbesteht beziehungsweise größer wird, erneut zum Thema werden? Die Nachrichtenfaktoren, die ich während meiner Ausbildung kennengelernt habe, scheinen nur noch eingeschränkt zu gelten. So wird der Neuigkeitswert des konkreten Rechercheergebnisses übersehen, wenn in Redaktionen Gleichungen wie „Rechtsrockthema gleich Rechtsrockthema“ oder gar „Nazi-Thema gleich Nazi-Thema“ gelten. Auch die gesellschaftliche Relevanz scheint bei Vorschlägen mit Neonazi-Bezug allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen. Nach Zählung der Amadeu-Antonio-Stiftung sind seit 1990 mehr als 180 Menschen in Folge von rechtsextremer Gewalt gestorben. Was wäre wohl einst in den Medien losgewesen, wenn die Rote Armee Fraktion (RAF) 180 Leute umgebracht hätte? Oder ist es längst normal, dass Neonazis Menschen töten – also nur more of the same?

Ein Redaktionsleiter aus einem öffentlich-rechtlichen Sender war bereits vor meinem ersten Dreh mit versteckter Kamera bei einem konspirativ organisierten Neonazi-Konzert der Meinung, „schon öfter solche von Ihnen versprochenen Aufnahmen in Magazinen oder in längeren Dokumentationen gesehen“ zu haben. Die Nazis erkannten hingegen die neue Dimension meiner Recherche. Nach der Ausstrahlung des ersten Materials am 5. Oktober 2003 hieß es in einem Internet-Forum: „Die Zeiten, in denen zehn Jahre alte Video-Ausschnitte kamen, scheinen vorbei zu sein. Und wenn so was jede Woche kommt, dann haben bald einige nicht nur ihren Job los, sondern aufgrund solcher Berichte und dem vorhandenen Videomaterial auch Gerichtsverfahren am Hals.“

Zum Scheitern verurteilt

Bevor ich mit versteckter Kamera Kopf und Kragen riskiert habe, mussten die Magazine bei Rechtsrockbeiträgen auf Videos zurückgreifen, die von Nazis verkauft wurden und teilweise schon zehn Jahre alt waren. Kurioserweise musste ich mir später von Redaktionen manchmal anhören, dass drei oder vier Monate alte Aufnahmen von mir nicht mehr aktuell genug seien. Aber das galt eben nicht für Szenematerial, das dank Zitatrecht lizenzgebührenfrei gesendet werden kann. Und wenn einer Fernsehredaktion zehn Jahre alte Nazi-Videos als Genrematerial ausreichen, dann ist eine Recherche wie die meine wirtschaftlich zum Scheitern verurteilt, bevor sie begonnen hat.

Dass sie trotzdem begonnen hat, ist dem Interesse eines Magazins zu verdanken, das beim Privatsender RTL läuft: Spiegel TV.

Ich hatte am 15. September 2003 alle Fernseh-Politmagazine in Deutschland kontaktiert, die mir bekannt waren – verbunden mit dem Angebot, bei Neonazi-Konzerten mit versteckter Kamera zu drehen. Am 6. September 2003 war in Nürnberg der Kameradschaftsführer Martin Wiese festgenommen worden, die Polizei ermittelte wegen eines geplanten Sprengstoffanschlags auf die Grundsteinlegung des neuen Jüdischen Kulturzentrums am Münchner Sankt-Jakobs-Platz. Neonazis waren also gerade ein Topthema, als ich einen Fernsehbericht über den „Boom der Neonazi-Musikszene“ vorgeschlagen habe.

Die angeschriebenen Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben entweder nicht geantwortet oder abgesagt. Zum Beispiel so: „Das angebotene Thema ist für uns zur Zeit nicht weiter interessant, zumal kürzlich eines der anderen fünf ARD-Magazine einen Bericht darüber gebracht hat.“ Ein Bericht mit aktuellem Videomaterial von konspirativen Neonazi-Konzerten kann das nicht gewesen sein – denn solches gab es vor meiner Videorecherche nicht. Ein anderes ARD-Magazin teilte mir mit: „Wir erhalten von unseren Zuschauern täglich sehr viele Themenvorschläge. […] Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir das von Ihnen vorgeschlagene Thema leider nicht realisieren können.“ Ein Formschreiben an Zuschauer auf einen Themenvorschlag, den ich zusammen mit meinen Arbeitsnachweisen aus überregionalen Printmedien eingeschickt hatte. Unterzeichnet von einer Chefin vom Dienst.

Was die Ablehnungsgründe „zu wenig Sendezeit“ und „zu wenig Geld“ betrifft, so lauten die entscheidenden Fragen: Welcher Anteil der Rundfunkgebühren – jährlich mehr als sieben Milliarden Euro – fließt in den Sport und in Infotainment-Angebote wie Talkshows? Und welcher Anteil fließt in die investigative Recherche? Wenn zunehmend Rechnungsprüfer und Co. statt Redakteure über die Effizienz von Recherchen urteilen und Recherchen einfach eingespart werden, dann entsteht eine Kettenreaktion: Wo weniger Geld in Recherchen fließt, wird weniger recherchiert. Wo weniger recherchiert wird, werden weniger Missstände aufgedeckt. Wo weniger Missstände aufgedeckt werden, bleiben mehr Missstände erhalten. Und das schadet nicht nur freien Rechercheuren, sondern der ganzen Gesellschaft – der Demokratie.

Unzureichende Recherchen

Nicht nur Verfassungsschutz und Polizei hätten früher auf die Spur der Rechtsterroristen vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ kommen können oder müssen, sondern auch die Medien. Jahre lang haben Journalisten einfach geschrieben und gesendet, was die Polizei vermutet hat, und das teilweise sogar als angebliche Enthüllungsgeschichte verpackt. So gerieten einige der Opfer in Verdacht, selber in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Hätten sich Redakteure die Zeit genommen beziehungsweise die Zeit bekommen, intensive Gespräche mit den Angehörigen zu führen, wäre vermutlich aufgefallen, dass die Ermittler falsch liegen. Mehrere Verfassungsschutzpräsidenten haben inzwischen ihre Ämter räumen müssen, weil ihre Apparate im Falle des NSU versagt haben. Wie sieht es mit den Intendanten und Verlagsleitern aus, die zunehmende Recherchedefizite zu verantworten haben und damit auch die unzureichende Recherche im Neonazi-Bereich?

In den ersten Jahren meiner Recherche habe ich manchmal an mir selbst gezweifelt: Schlage ich Themen vor, die keine sind? Für manche Angebote habe ich vier, fünf Absagen erhalten, bis eine fünfte oder sechste Redaktion zugesagt hat. Auf meinen Vorschlag hin, über die unheiligen Allianzen zwischen Neonazis, Satanisten und heidnisch-germanischen Christenhassern in der NS-Black-Metal-Szene zu berichten, schrieb mir die Redakteurin eines ARD-Magazins am 19. Mai 2006: „Diese Bands gab es ja schon immer. […] Grund, sich darüber zu empören, aber nicht neu.“ Die Kollegen eines anderen ARD-Magazins bewerteten das Thema anders, nämlich wie ich: Drei Wochen nach der genannten Ablehnung, die für mich bereits den x-ten Fehlversuch markierte, sendete „Panorama“ am 8. Juni 2006 die Story über die langhaarigen Neonazis.

Das Problem dieser Praxis, selbst wenn sie doch noch ein vermeintliches Happy-End für den Rechercheur findet, ist Folgendes: Jede Redaktion, der ein Thema angeboten wird, braucht einige Tage oder gar Wochen, bis sie sich entscheidet. Mit jeder Ablehnung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der nächsten Redaktion, sofern sie Interesse haben sollte, das vorhandene Videomaterial zu alt ist. Folglich sind Rechercheure wie ich gezwungen, immer wieder neue Drehs zu riskieren und zu finanzieren, um auf einem aktuellen Stand zu bleiben. Das verursacht Ausgaben, die hinterher oft nicht erstattet werden. Hinzu kommen Recherchen, deren Ergebnisse keiner haben will und folglich auch keiner bezahlt.

An den Einschaltquoten kann der Misserfolg in meinem Fall nicht gelegen haben: Ich habe diesbezüglich mehrfach positive Rückmeldungen aus den Redaktionen erhalten, wenn Beiträge mit meinem Videomaterial gesendet worden waren. Bei Stern TV waren es bei einem Beitrag im Februar 2012 rund 3,5 Millionen Fernsehzuschauer. Eine gegenteilige, also negative Quotenrückmeldung, habe ich nie bekommen. Die Einzigen, die von diesen Einblicken in die konspirativ organisierte Neonazi-Szene gelangweilt zu sein schienen, waren vielfach die entscheidenden Redakteure.

Nie gezeigte Szenen

Wie eine redaktionelle Fehlentscheidung zustande kommen kann, offenbart das folgende Beispiel: Ich habe 2006 mehreren Politmagazinen vorgeschlagen, über die Geschäftsstrukturen der Neonazis zu berichten, weil ein Teil ihrer Millionenumsätze in die politische Arbeit fließt. Angeboten habe ich Videomaterial aus Nazi-Läden und aus einschlägigen Versandunternehmen sowie ein Interview mit Computerhackern, die Internetpräsenzen von Nazi-Versänden geknackt und dort Kundendateien und Umsatzzahlen erbeutet hatten. Einen solchen Hack realisierten sie vor meiner Kamera – Szenen, die nie im Fernsehen gezeigt wurden.

Eine ARD-Redaktion begründete ihre Absage damit, dass sie ein ähnliches Thema schon im Vorjahr behandelt habe. Diesen Beitrag wollte ich sehen, weshalb ich nachfragte, wie ich ihn bekommen könne. Mir wurde gesagt, ich könne ihn im Online-Archiv finden. Dort gab es aber keinen solchen Beitrag. Also meldete ich mich erneut bei der Redakteurin. Ihre Antwort: Sie kenne den Beitrag ebenfalls nicht und könne ihn auch nicht finden. In der Redaktionskonferenz habe aber jemand gesagt, es gebe einen solchen, und deshalb sei der Themenvorschlag abgelehnt worden. Dabei blieb es.

Ein weiteres Beispiel für einen gescheiterten Themenvorschlag: „Nazis und Rocker“. Ich hatte Ende 2010 eine Liste mit 20 Drehs (darunter Neonazi-Konzerte in Rocker-Clubhäusern) und eine mehrseitige Themenbeschreibung eingereicht. Meine Hauptthese: „Was seit Jahren im Einzelfall bekannt ist, wird zum Massenphänomen: Nazis werden Rocker, und Nazis kooperieren mit Rockern.“ Die Antwort aus der Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders, in der meine Erkenntnis inhaltlich umgedreht wurde, fiel so aus:

„Rocker werden zu Nazis. Das klingt in der Tat interessant und wäre, wenn es stimmt, in der Tat eine neue Qualität, über die man berichten müsste. Allerdings muss es stimmen und beweisbar sein. Folgende Gesichtspunkte müssten aus meiner Sicht erfüllt werden, um die Rocker wirklich als Nazis zu entlarven: Überfallen die Hells Angels oder Bandidos Synagogen? Schänden sie jüdische Friedhöfe? Stecken sie Asylanten-Wohnheime an? Überfallen sie Ausländer? Überfallen und verprügeln sie linke Aktivisten? Protestieren sie gegen Moscheen? Sprechen sie sich für Minarett-Verbote aus? Werden sie politisch aktiv? Wollen sie die parlamentarische Demokratie in Deutschland abschaffen? Dass Nazi-Bands bei Rockertreffen auftreten, ist für mich noch keine neue Qualität. Auch nicht, wenn die Rocker Leute aus der Nazi-Szene für ein paar Jobs rekrutieren.“

Oberflächlich arbeitende Redakteure

Wer nach solchen Kriterien arbeitet, verpasst Entwicklungen in ihrer Anfangsphase – und berichtet zwangsläufig erst dann, wenn eine Entwicklung eskaliert ist. Derart oberflächlich arbeitende Redakteure haben letztlich neben maßgeblichen Politikern und Verfassungsschützern mit dazu beigetragen, dass sich die Neonazi-Szene zu einer Bewegung entwickeln konnte, in der sich genügend Unterstützer für eine Terrorgruppe wie den NSU finden. Diese Bewegung profitiert von wachsenden Geschäftsstrukturen aus politischen Versänden und Läden, die gleichzeitig als Anlaufstelle für junge Leute fungieren, sowie von Neonazi-Konzerten, die teilweise erst dank fragwürdiger Gerichtsentscheidungen möglich werden.

In diesem Bewusstsein habe ich Anfang Februar 2012 vier Fernsehmagazinen ein Drehangebot gemacht. Im Gasthaus „Zur Deutschen Eiche“ in Rothenburg-Geheege – wo laut dem Konzertorganisator Rechtsrock-Gigs von einem Verwaltungsgericht möglich gemacht worden sind – sollten zum x-ten Mal einschlägige Bands auftreten. Zwei Redaktionen haben auf mein Angebot hin nicht geantwortet. Eine hat erst nach dem Konzerttermin geschrieben und sich bezüglich neuer Drehtermine nicht mehr gemeldet – wohl nach der Rücksprache mit der Redaktionsleitung, die mir angekündigt worden war. Auch die Führung der vierten Redaktion zeigte null Interesse an der Gerichtsproblematik. Der Kollege, der mir das mitteilte, bedauerte das selbst – er konnte in seiner Position aber nichts an der Ablehnung ändern: Das Konzert interessiere nur, wenn etwas mit NSU-Bezug passiere, erklärte er mir. Aber das sei ungewiss. Und für Drehs mit ungewissem Ergebnis sei gerade kein Geld da.

Wer nur noch mit der Kamera vor Ort ist, wenn das Ergebnis vorhersehbar ist, der entdeckt viele Themen nicht mehr. Daraus resultiert die Tendenz, dass Redaktionen weniger neue Themen setzen, sondern vorzugsweise neue Aspekte zu den aktuellen Topthemen suchen – mangels Vor-Ort-Recherchen häufig vom Schreibtisch aus. Mein Eindruck ist, dass viele Storys nicht mehr aus der unmittelbaren Beobachtung der Realität heraus entwickelt werden, sondern am redaktionellen Reißbrett. Verstärkt wird diese Entwicklung durch Sendungsformate mit starrer Erzählstruktur. Das Thema bestimmt immer seltener die journalistische Darstellungsform, sondern das vorgegebene Darstellungsformat die Themen, die aufgegriffen werden (können).

Fazit: Wäre es nach den Entscheidungskriterien der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gegangen, hätte es meine Undercover-Recherche in der Neonazi-Szene wohl nie gegeben – und auch nicht den Dokumentarfilm „‚Blut muss fließen‘- Undercover unter Nazis“, in dem Regisseur Peter Ohlendorf anhand meiner Arbeit über die neonazistische Jugendkultur in Europa berichtet. Den Film gibt es nur, weil der Autor und Produzent bereit war, einen Schuldenberg in Höhe von rund 200.000 Euro anzuhäufen, und der Cutter Stefan Ganter rund 1.000 Schnittstunden investiert hat, ohne eine verlässliche Aussicht auf deren Honorierung zu haben.

Kein einziger Euro

Aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen zog sich die Arbeit an diesem Film über knapp fünf Jahre hin. In diesem Zeitraum sind Rundfunkgebühren in Höhe von mehr als 35 Milliarden Euro bezahlt worden – kein Euro davon floss in unseren Dokumentarfilm. Trotzdem hat es das Werk im Jahr 2012 auf die Berlinale geschafft. Seither ist der Regisseur mit dem Film auf Tour, rund 40.000 Leute haben ihn inzwischen gesehen. Aber einen Sendeplatz im Fernsehen gibt es immer noch nicht. Der  MDR hat vor einigen Wochen 50.000 Euro für eine Ausstrahlung geboten, wie mir Peter Ohlendorf erzählt hat. Weil diese Summe nur einen Bruchteil der Produktionsschulden decken würde, musste der Filmemacher mehr verlangen – vom MDR hat er danach nichts mehr gehört. Und das, obwohl unsere Dokumentation einmalige Einblicke in das konspirative Milieu bietet, in dem Nazis massenhaft Nachwuchs rekrutieren und auch die mutmaßlichen Terroristen ideologisch sozialisiert worden sind. Im Frühjahr 2013 offenbarte der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall beispielsweise gegenüber den „Stuttgarter Nachrichten“, dass NSU-Mitglieder früher bei Rechtsrock-Konzerten in seinem Bundesland gewesen seien.

Der Abbau von Recherche und Hintergrundberichterstattung ist allerdings nicht nur ein Phänomen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, sondern auch der Printmedien – der Tageszeitungen beispielsweise. Die Zahl der Verleger alter Prägung, die ein ähnliches Berufsethos wie Redakteure haben, schrumpft. An ihre Stelle treten Investoren, Spekulanten und Manager. Und denen ist die Rendite wichtiger als die Recherche. Heute werben manche Verlage damit, dass sie ein paar Leute in speziellen Rechercheabteilungen das machen lassen, was früher eine journalistische Selbstverständlichkeit war.

Abgesehen von den strukturellen Veränderungen hängen Qualität und Umfang der Rechtsextremismus-Berichterstattung von den handelnden Redakteuren ab. Anderthalb Jahre nach dem Auffliegen des NSU und nach diversen Studien zur Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung spielen manche immer noch die Gefahr herunter. Zum Beispiel ein stellvertretender Ressortleiter der „Süddeutschen Zeitung“, der sich in der Ausgabe vom 21. März 2013 mit der Band „Frei.Wild“ auseinandergesetzt hat.

Die Gruppe verbreitet in ihren Liedern unter anderem aggressiven Nationalismus, völkisches Gedankengut und Hass auf Andersdenkende, ihr Sänger arbeitet mit geschichtsrevisionistischen Anspielungen und er bedient antisemitische Stereotype. Und der SZ-Redakteur? Er kritisierte die Kritik an „Frei.Wild“ und kam unter anderem zu folgendem Ergebnis:  „Das, was heute ,Kampf gegen rechts‘ heißt, mag einst als bitter notwendige Sache begonnen haben; vor allem im Osten, wo die Fremdenfeindlichkeit vielerorts immer noch groß ist. Doch anderswo ist dieser Kampf völlig aus dem Ruder gelaufen.“ Das sagt alles.

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Kommentare

  1. Matthias Kaiser sagt:

    Kuban’s Geschäftsmodell funktioniert nicht, ok, passiert vielen Selbständigen. Daraus ein gesellschaftliches Problem zu machen ist mehr als vermessen. Wie stümperhaft seine Rechtsextremismus-Expertise ist, hat er kürzlich wieder in der Frei.Wild-Debatte bewiesen.
    Vielleicht wechselt Kuban das Themenfeld und recherchiert über einen extrem zunehmenden Linksextremismus, dann hätte er wenigstens ein Alleinstellungsmerkmal

    • No Name sagt:

      Ja klar, „Alleinstellungsmerkmal“ bei “ extrem zunehmenden Linksextremismus“ dass ich nicht lache!
      Als ob die Presse die ganze liebe Zeit nur über Rechtsextremismus schreiben/bloggen/diskutieren/berichten würde. Das Thema ist doch erst wieder auf den Tisch gekommen als klar wurde dass die sogenannten „Döner Morde“ (shame) von einer Rechtsextremistischen Gruppierung verübt wurden und nicht wie erst behauptet „Ehrenmorde“ oder „Mafia Morde“ waren.
      Herr Kuban hat schon recht mit dem was er schreibt. Die Presse ist genau wie die Executive, Legislative und Judikative auf dem RECHTEN Auge blind!

  2. Regina Krauel sagt:

    Habt Ihr alle vergessen wo wir leben ?

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