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Live aus dem Gerichtssaal: Der Manning-Prozess auf Twitter

Seit Anfang Juni steht der mutmaßliche WikiLeaks-Informant Bradley Manning vor Gericht. Auf Twitter zeigt sich dabei eine Gerichtsberichterstattung, die nicht mehr nur auf die etablierten Medien angewiesen ist.

Die Enthüllungsplattform WikiLeaks hatte 2010 massive weltweite Aufmerksamkeit erreicht. Das Jahr begann mit der Veröffentlichung eines Videos aus dem Irak-Krieg, das unter dem Titel „Collateral Murder“ einen Hubschrauber-Angriff der USA offenlegt, bei dem mehrere scheinbar unbewaffnete Zivilisten und Journalisten getötet wurden. Es folgten Enthüllungen von geheimen Kriegspapieren aus Irak- und Afghanistan-Einsätzen sowie von Botschaftsdepeschen, in denen amerikanische Diplomaten offenherzig über ausländische Staatschefs und ihre Eigenarten berichteten.

Die anschließende breite Diskussion drehte sich um die Frage, welche Daten unbedingt geheim gehalten werden müssen und wann Bürger einer Demokratie das Recht erhalten sollten, diese einzusehen. WikiLeaks schlug dabei gerade von Seiten der Politik heftige Kritik entgegen, die angesichts der Verhaftung des US-Soldaten und mutmaßlichen Whistleblowers Bradley Manning ihren Höhepunkt erreichte. Eben dieser steht nun, drei Jahre später, vor einem Militärgericht bei Washington – und besonders die Reaktionen bei Twitter lohnen der näheren Betrachtung.

So viel Interesse wie das deutsche Hochwasser

Beim Blick auf die relevanten Tweets zum Thema fällt sofort eines auf: Das große Interesse, das WikiLeaks noch vor drei Jahren auf sich zog, scheint verflogen. So wurden vom ersten Tag des Prozesses bis heute nur knapp über 30.000 Tweets mit dem Hashtag #manning versendet. Das eng damit verknüpfte Hashtag #wikileaks wurde im gleichen Zeitraum sogar nur knapp 15.000 Mal benutzt, die weiteren relevanten Hashtags #freebrad, #assange und #amnesty4manning noch seltener. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden ebenso über 30.000 Tweets mit dem Hashtag #hochwasser abgesetzt. Für ein rein deutsches Thema mit doch eher regionaler Bedeutung ein bemerkenswert hoher Wert.

Über die Gründe des geringen Interesses am Manning-Prozesses können die Zahlen natürlich wenig Aufschluss geben, WikiLeaks kämpft jedoch schon länger um Relevanz. So sind schon vor Jahren nach internen Querelen einige technisch versierte WikiLeaks-Mitarbeiter aus der Organisation ausgetreten, wonach die geschützte Einsendefunktion für Daten entfiel. Die Veröffentlichungsrate ist somit nach der Hochphase im Jahr 2010 stark zurückgegangen und in den Medien findet WikiLeaks seit Längerem fast nur noch im Zusammenhang mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegenüber Gründer Julian Assange statt.

Auch WikiLeaks mischt sich ein

Wirft man einen genaueren Blick auf die Tweets, fällt auf, dass im Zusammenhang mit #manning am häufigsten der Twitter-Account von WikiLeaks genannt wird. Dass die User diesen Zusammenhang herstellen, ist dabei nicht weiter erstaunlich, dass aber WikiLeaks selbst zum Manning-Prozess twittert, ist durchaus bemerkenswert. Bisher ließ Assange stets verlautbaren, dass der Quellenschutz eines der wichtigsten Prinzipien bei WikiLeaks sei und es technisch bewusst gar nicht möglich sei, einen Übermittler von Daten nachträglich zu identifizieren. Wirft man einen Blick auf die betreffenden Tweets, wird Manning auch jetzt nicht als Informant bestätigt. Zwischen den Zeilen ist jedoch zumindest die Unterstützung klar zu erkennen: So zitiert WikiLeaks zum Beispiel den Vebraucherschützer Ralph Nader, der lieber Politiker wie George W. Bush oder Dick Cheney statt Manning vor Gericht sehen würde.

Der zweite Account mit den häufigsten Nennungen ist erstaunlicherweise von Russia Today, einem staatlich finanzierten russischen Fernsehsender. Neben einer detaillierten Prozessberichterstattung erregte hier besonders ein Hackerangriff die Aufmerksamkeit der Twitteruser. Eine Gruppe mit dem Namen „Anti Leaks“ hatte am Montag die Internetseite des Senders für mehrere Stunden lahmgelegt.

Gerichtsberichterstattung 2.0

Neben den großen Medien sind jedoch auch einzelne Twitterer interessant, die direkt vor Ort sind oder die User anderweitig mit einer Fülle an Informationen rund um den Prozess versorgen. Hervorzuheben ist hier besonders die Arbeit von Alexa O’Brian. Die Journalistin und Aktivistin hat auf ihrer Homepage eine überwältigende Sammlung an Dokumenten, Protokollen und Mitschriften zum Manning-Fall angelegt und twittert live vom Prozess. Auch der Account von Ed Pilkington, einem Journalisten des britischen „Guardian„, ist ein guter Anlaufpunkt für Informationen aus erster Hand.

Wer gar alle Aussagen aus dem Gerichtssaal nachlesen möchte, dem bietet die Freedom of the Press Foundation wörtliche Transkripte zum Download. Die Stiftung schickt dazu eigene Stenographen zu den Prozessen, die live mitschreiben und so der Öffentlichkeit Informationen zugänglich machen, die das Gericht selbst nicht zur Verfügung stellt.

Besonders die letzten Beispiele zeigen dabei eines deutlich: Auch wenn WikiLeaks selbst momentan nicht mehr die wirklich großen Aufreger zu bieten hat, so hat die Plattform mit ihren Enthüllungen doch mindestens darauf aufmerksam gemacht, was heute in der digitalen Öffentlichkeit alles möglich ist, besonders wenn offizielle Informationen nicht zugänglich sind. Ein Projekt, wie das der „öffentlichen Stenografen“, ist dabei natürlich ganz im Sinne der WikiLeaks-Betreiber und wird folgerichtig auch von diesen in einem Tweet verbreitet.

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