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Lieber wie shoppen

RTL beweist sich mal wieder als Demonteur von Weiblichkeit. „Typisch Frau, typisch Mann“ gibt vor, Geschlechterrollen zu sezieren, arbeitet sich aber an nur männlichen Sex-Vorlieben ab.

Das Mit- und Gegeneinander der Geschlechter kann die besten Pointen produzieren – Dutzende US-Sitcoms haben das bewiesen und beweisen das täglich wieder. In deutschen TV-Produktionen dagegen ist eine hohe Dichte von Witzen über Männer und Frauen meist ein untrügliches Zeichen für einen Humor von vorvorgestern. Für einen Humor, der gerade nicht auf den wunden Punkt zielt, sondern bloß darauf bedacht ist, sich der bestehenden Verhältnisse zu versichern. Mario Barth füllt damit Hallen, und Dieter Nuhr bestreitet damit eine Fernsehshow namens „Typisch Frau, typisch Mann“ beim GenderSender RTL. Am Mittwoch ist die vorgeblich lang ersehnte zweite Staffel angelaufen, und die zugehörige Ankündigung auf der Website geht so:

Fast jeder würde das Rätsel der besonderen genetischen Veranlagung gerne Lüften. Ein paar Antworten hat Dieter Nuhr bereits (…) gefunden. Jetzt geht die Show zum kleinen Unterschied in die nächste Runde und man darf gespannt sein, ob an Thesen wie der, dass Frauen wesentlich eitler sind und häufiger am Tag in den Spiegel schauen, etwas dran ist. Da auch Prominente nicht geschlechtslos sind, machen die berühmt-berüchtigten Klischees auch nicht vor ihnen halt. Umso interessanter, was unsere Stars über den ‚kleinen Unterschied‘ denken (…).

Ich spare mir hier die Hinweise auf die stilistischen Merkwürdigkeiten und die seltsamen Kausalketten (weil „auch Prominente nicht geschlechtslos sind“, ist deren Meinung „umso interessanter“?!) dieser Meldung und deren direkter Proportionalität zum Niveau der Sendung, die sie ankündigt. Interessanter ist ohnehin, was „Typisch Frau, typisch Mann“ unter der seltsamen Tätigkeit des Rätsellüftens versteht. Mithilfe von eigentümlichen Statistiken, vier sogenannten Prominenten, einem „Professor Euler“ (der seinen ersten semi-wissenschaftlichen Satz eine Viertelstunde vor Schluss sagen darf, ansonsten ostentativ zum akademischen Beifallspender degradiert wird) und völlig unqualifizierten Versuchen am lebenden Objekt werden Fragen beantwortet wie:

Das Betrachten von nackten Frauen wird bei Männern in derselben Hirnregion verarbeitet wie

a) das Arbeiten mit Werkzeugen

b) das Essen von Pommes rot-weiß

c) der Toilettengang

d) der Autokauf

Oder:

Laut einer amerikanischen Kuss-Studie ist für mehr als 50 Prozent der Männer das Küssen…

a) mit geschlossenen Augen am schönsten

b) beim Sex überflüssig

c) entscheidend, ob sie mit der Frau schlafen

d) wichtiger als Sex

Und dann noch mit ähnlichen Antworten: Welches Detail kennt jeder achte Mann bei seiner aktuellen Partnerin nicht? Was soll Frauen laut einer Umfrage in Großbritannien am ehesten im Bett tragen?

Fällt Ihnen etwas auf? Ich meine, jenseits der Tatsache, dass die Antworten auf diese Fragen im Grunde völlig gleichgültig sind, weil sie nichts, aber auch gar nichts im Leben ändern? Fakt ist: Es geht hier gar nicht um Frauen und Männer. Sondern ausschließlich um Männer. Jede einzelne dieser Fragen bemüht sich um eine Definition maskuliner Vorlieben. Darum, was ER überhaupt wahrnimmt; was ER gerne sieht; was ER nicht bemerkt; wie ER es beim Sex am liebsten hat.

Kein einziger Mann in Badehose

Die fünfte Frage in dieser Runde – Wie umständlich kaufen Männer ein? – ignoriert Frauen ein weiteres Mal auf geradezu vorbildliche Weise. Und sie stellt den Mann als alltagsuntauglich vor, nachdem Nuhr ihn schon zuvor als eher unhygienischen Typen eingeführt hat. Offensichtlich hat man keine geringeren als die triebgesteuerte Primaten dieses Landes als Zielgruppe im Visier; auf die Unterstützung von „Promi“ Lothar Matthäus kann man sich dahingehend jedenfalls verlassen: „Also ich geh gern einkaufen. Lieber wie shoppen“.

Dass man von einem Experiment mit halbnackten Körpern zwar jede Menge Frauen in Bikinis, aber keinen einzigen Mann in Badehose zu sehen bekommt, dementiert den weiblichen Blick erneut. Und womöglich muss man darüber noch froh sein, denn man sieht wirklich besser nicht hin, wenn „Typisch Frau, typisch Mann“ das „Rätsel der besonderen genetischen Veranlagung“ lüftet (das laut RTL a, b, d, b auf die vier oben genannten Fragen lautet) und am Ende die Herren mit blauen und die Damen mit pinkfarbenen Wundertüten für ihre Idiotie belohnt.

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