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Konkurrenzkampf bis zur Schusslinie

Eine Krisenreporterin schreibt sich den Frust von der Seele und löst so eine Debatte auf Twitter aus.

Chefredakteure, die lieber blutige Schießereien als Hintergründe veröffentlichen, Kollegen, die einen absichtlich in die falsche Richtung weisen und Dumping-Löhne, von denen sich gerade mal ein Bruchteil der täglichen Kosten decken lassen: Die freie Kriegskorrespondentin Francesca Borri hat sich in ihrem Artikel „Woman’s work – The twisted reality of an Italian freelancer in Syria“ den Frust von der Journalistenseele geschrieben. Und damit eine Debatte über freien Journalismus ausgelöst – elf Tage nach seinem Erscheinen wird der Link zu ihrem Artikel über 1.500 mal innerhalb von 24 Stunden auf Twitter geteilt.

Die romantische Vorstellung von freien Journalisten, die die Sicherheit eines festen Gehalts gegen Freiheit für faszinierende Geschichten nach eigenem Belieben zu tauschen sei falsch, schreibt Francesca Borri. „Die einzige Job-Möglichkeit die ich heutzutage habe, ist dort, wo niemand sonst bleiben will“ – und das ist die Frontlinie. „Denn die Redakteure zu Hause in Italien fragen uns nur nach dem Blut, dem Bang-Bang.“ Versuche, die Hintergründe des Syrien-Konflikts zu erklären, seien gescheitert: „Ich habe über die Islamisten und ihr Netzwerk gemeinnütziger Arbeit geschrieben, die Wurzel ihrer Macht – ein Stück, was definitiv komplexer ist als Frontberichterstattung. Ich habe mich bemüht, zu erklären, nicht nur zu bewegen und zu berühren; und ich bekam zur Antwort: ‚Was ist das denn?! Sechstausend Worte, und niemand stirbt?'“

Loyalität in der Krisensituation gibt es nicht einmal unter Journalisten-Kollegen, wie sie schreibt: „Das schmutzige Geheimnis ist, dass wir statt zusammenzuhalten uns selbst die größten Feinde sind.“ Als sie eine Kollegin nach dem Weg zu einer Demonstration fragte, hat diese sie in die falsche Richtung geschickt, um eine Konkurrentin weniger auf der Suche nach Exklusivität zu haben.

Ein schlimmer Wettbewerb

Ein weiteres Hindernis seien die hohen Kosten – 50 Dollar pro Tag für eine Unterkunft 250 Dollar, um ein Auto zu mieten. Doch der Konkurrenzdruck senkt die Abnehmerpreise: „Der Grund für 70 Dollar pro Artikel ist nicht, dass kein Geld vorhanden wäre – denn es ist ja auch immer Geld da für ein Stück über Berlusconis Freundinnen. Der wirkliche Grund ist, dass wenn man 100 Dollar verlangte immer einer da ist, der es auch für 70 Dollar schreibt. Es ist der schlimmste Wettbewerb.“

Die Kommentare zu Francesca Borris Artikel werden immer mehr – es sind bereits mehr als 170. Die Reaktionen darin sind geteilt. Sehr viel Lob erntet Francesca Borri für ihren Mut, ihre Ehrlichkeit und ihr Schreibtalent. Auch auf Twitter: „Ein fantastisches #MustRead über die Ausbeutung von freien Journalisten“, twittert Userin Sana Saaed auf englisch, der Journalist Gareth Harding meint: „Vielleicht der beste Artikel der je über Freelancing und Kriegsberichterstattung geschrieben wurde“. Ähnlich formulieren es auch tausende weitere Twitter-Nutzer, von Frankreich bis Nairobi, von den USA bis Italien. Andere Leser wiederum kritisieren, dass sie statt selbstmitleidig zu sein und sich an der Preisdrückerei zu beteiligen lieber den Job wechseln sollte.

Doch gibt es auch konstruktive Vorschläge, wie die Arbeitsbedingungen für freie (Kriegs-)Journalisten verbessert werden könnten: „Es würde helfen, wenn sich Journalistenorganisationen für eine Pflicht-Versicherung (für Verletzung, Tod, Impfungen, etc.) einsetzten, die von den akkreditierenden Medien getragen würde“, schlägt John Andrews vor; nach eigenen Angaben selbst Journalist. „Danke Francesca. Ich fühle mich schlecht, dass ich den Artikel umsonst gelesen habe. Da muss doch ein Weg sein, Schreiber direkt zu bezahlen“, schreibt Patricia – ein gutes Zeichen für die Bezahlschranken-Tests, oder nur eine von wenigen, die für Qualitätsjournalismus bezahlen möchten? Bleibt abzuwarten. Die einzige Reaktion der Chefredakteure, die Francesca Borri in ihrem Artikel indirekt adressiert, war bisher Schweigen.

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