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Kinder ins Netz!

Aktuell verunsichert Eltern die These, dass der Nachwuchs aggressiv wird und verblödet, weil er zuviel googelt oder zu lange spielt. Diese Panikmache nervt. Denn Kinder brauchen Medienkompetenz. Und diese wird nicht erlangt, wenn man Medien generell als schädlich stigmatisiert, statt sich dem Phänomen anzunehmen.

Ganz ehrlich: Dieses Buch wurde auch geschrieben, weil wir die Nase voll hatten. Davon, dass wir selbst seit rund zwei Jahrzehnten das Internet als Wissensarchiv, Kommunikationsplattform, Recherchewerkzeug, Unterhaltungsmedium, Quelle endlosen Humors, wunderbarer und wundersamer Menschlichkeit erleben und schätzen, in vielen Massenmedien jedoch immer wieder vom Internet als Hort des Unheils und der Zukunft des Grauens lesen und hören müssen. Davon, dass wir unzählige tolle, spannende und großartige Menschen durch das Internet kennengelernt haben, wir aber weiterhin vor an jeder Internetecke lauernden Bösewichtern gewarnt werden.

Wir hatten die Nase voll von den Behauptungen, dass durch das Internet und andere digitale Medien wie Videospiele angeblich mal wieder eine Generation von Taugenichtsen und aggressiven Dummköpfen heranwächst, während wir uns in unserem Eltern-Alltag von den freundlichen, cleveren und gewitzten Freundinnen und Freunden unserer Söhne umgeben sahen. Wir hatten die Nase voll davon, dass unseren Kindern in den Lehrinstituten unter dem Stichwort „Medienkompetenz“ zwar ansatzweise beigebracht wird, wie man eine Textverarbeitung benutzt, aber nicht, wie man sich in sozialen Netzwerken bewegt. Und davon, dass sich die gesellschaftliche und politische Debatte rund um das Internet in Deutschland immer wieder um Verbote, Sperren, Beschränkungen, Strafmaßnahmen und Reglementierungen dreht, statt um die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Chancen und darum, wie man sie am besten nutzt und fördert.

Vor allem hatten wir die Nase voll davon, dass sich viele Eltern im Zusammenhang mit ihren Kindern und dem Internet so oft sorgen und so selten begeistern, und dass wir uns in Gesprächen über Mediennutzung von Kindern oft fühlen müssen wie die Zeugen des digitalen Jehovas. „Guten Tag, wir möchten mit Ihnen über das Internet reden.“

Der private Nahverkehr in Deutschland wird nicht eingestellt, wenn ihm knapp 4.000 Menschen (2011) zum Opfer fallen, und wir verbieten unseren Kindern trotz der potenziellen Gefahr nicht, am Verkehr teilzunehmen, sondern bereiten sie, im Gegenteil, auf die aktive Teilnahme vor. Vernünftigerweise bekommen sie in der Schule Verkehrsunterricht, machen ihren Fahrradführerschein und werden privat von ihren Eltern verkehrsfit gemacht.

Die Macht des Wortes

Schon im Kindergarten führen wir sie an die Kunst des Lesens heran, obwohl wir wissen, wie gefährlich Worte sein können, und tagtäglich erfahren, dass sie sich nicht nur zu beflügelnden Weisheiten arrangieren lassen, sondern auch lügen, betrügen, Hass schüren und Angst verbreiten können. Eben darum gehört es zum allerersten Bildungsziel, Kinder zu alphabetisieren. Damit sie die Macht des Wortes verstehen und zu bewerten lernen. Alles andere wäre verantwortungslos.

Seine Kinder nicht so früh wie möglich an die Nutzung digitaler Medien zu gewöhnen, sondern sie so lange wie möglich vom Computer fernzuhalten, ist ebenso unverantwortlich wie das andere Extrem, ihnen einen Rechner mit Internetanschluss ins Kinderzimmer zu stellen und sie damit sich selbst zu überlassen.

Im Englischen spricht man von „Media Literacy“, der Medien-Alphabetisierung also, oder besser: dem Leseverständnis von Medien. Und auch, wenn der Alphabetisierungsvergleich recht steil erscheint, misst der Begriff „Media Literacy“ der Sache genau die Bedeutung bei, die sie verdient. Der kompetente und bewusste Umgang mit Medien gehört zu den Kernfähigkeiten, die unsere Kinder beherrschen müssen, wenn sie in ihrem zukünftigen Beruf Erfolg haben sollen und sich in der digitalen Gesellschaft – die sich von der analogen kaum noch trennen lässt – positionieren wollen.

Medienkompetenz wird aber nicht erlangt, wenn man Medien generell als schädlich stigmatisiert, statt sich dem Phänomen anzunehmen und in der neuen Herausforderung eine einzigartige Chance für die Zukunft der Schüler von heute zu sehen.

August-Wilhelm Scheer, Präsident des Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, kurz BITKOM, mahnte schon 2010 an: „Grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Computer und Internet sind inzwischen eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Anders als z.B. das Schreiben haben die Kinder inzwischen einen Weg gefunden, sich ihre Kenntnisse autodidaktisch anzueignen. Schüler wissen, wie sie das Internet technisch nutzen können, sie wissen aber nicht, wie sie sich im Internet zu verhalten haben. Hier müssen die Schulen ansetzen.“

Absolut müssen sie das! Sie tun es aber nicht. Die IT-Ausstattung der deutschen Schulen ist so schlecht wie in kaum einem anderen europäischen Land, und auch wenn an diesem Punkt massiv nachgebessert wird, hängt die Nutzung der technischen Mittel an Lehrern, von denen jeder zweite über fünfzig Jahre alt ist, und die ihren Schülern allein schon deshalb nicht viel über soziale Netzwerke und den Kulturraum Internet erzählen können werden. Um genau den aber geht es.

Das Internet ist chaotisch

Die zentrale Aufgabe des Lehrers müsste deshalb darin bestehen, seinen Schülern als Orientierungshilfe zur Seite zu stehen, denn eben das Verwalten und Beurteilen des Überangebots an Informationen im Netz ist problematisch und will geübt sein. Eben das ist die Crux: Das Internet ist ungeordnet und chaotisch. Nebensächliche Meinungsäußerungen finden sich mehr oder weniger gleichberechtigt neben solide recherchierten Abhandlungen, preisgekrönte Dokumentationen befinden sich nur einen Klick entfernt vom selbst gebastelten Teenager-Video, und dieses Buch hätte weit früher erscheinen können, hätten wir uns während der Arbeit daran nicht mindestens hundert Mal im Netz verlaufen. Der Begriff „Browser“ für das Programm, mit dessen Hilfe Seiten im Netz dargestellt werden, sagt es schon: to browse bedeutet übersetzt „sich umsehen“, „stöbern“, „schmökern“ – und impliziert damit genau die Ziellosigkeit, der man leicht zum Opfer fällt, wenn man Netzinhalte für konkrete Arbeiten verwalten will. Die Unterscheidung zwischen seriös und zwielichtig oder relevant und nebensächlich ist eine Kunst, die gelernt sein will. Um hier eine Mündigkeit zu erlangen, bedarf es aber zunächst den Wildwuchs, es braucht Spreu und Weizen, um beides voneinander trennen zu lernen.

Besonders Lehrer sind naturgemäß Weltmeister, wenn es um die Relevanzfrage „Wofür brauche ich das?“ geht. Algebra ist für den geringsten Teil der Schülerschaft von dauerhaftem Nutzen, Gleiches gilt für Flussverläufe, die Geburtsdaten historischer Landesfürsten, den komplexen chemischen Ablauf des Zitronensäurezyklus oder die Fähigkeit, am Stufenbarren zu turnen.

Wir wissen es, Lehrer wissen es, und auch, wenn wir sie vom Gegenteil zu überzeugen bemüht sind: Die Kinder wissen es längst. Und doch konfrontieren wir sie mit all diesen Informationen, in dem Willen und Hoffen, dass sie am Ende daran reifen. Kinder brauchen unermessliche Wissensvielfalt, damit sich aus dieser Fülle von Erlerntem herauskristallisieren wird, worin die eigentliche Stärke des Schülers liegt. Es ist ein Werdegang, von dem wir hoffen, dass der Jugendliche ihn allein beschreiten und seinen Weg finden wird. Wir wünschen, dass er aus diesem Reifungsprozess heraus in der Lage sein wird, selbstständig zu entscheiden, welchen Beruf, welche Rolle in der Gesellschaft er wählen wird. Warum also muten wir ihnen diese Freiheit im Internet eben nicht zu? Warum meinen wir, sie hier schützen statt unterstützen zu müssen?

Im Kern geht es doch darum, das Lernen zu lernen, den Geist zu schulen, flexibel zu halten und Schüler zu ermutigen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die zunächst keinen Praxisbezug haben und als Zeitverschwendung erscheinen. Was wir doch eigentlich vermitteln möchten – und das erscheint als die eigentliche Aufgabe von Lehrern und die vornehmste von Eltern – ist ein neugieriger, wohlwollender Blick auf die Welt! Seit vielen Jahren schon hat das Netz den Fernseher in seiner Popularität unter Jugendlichen abgehängt, dabei ist er als One-Way-Medium doch viel bequemer! Es ist gerade der interaktive Aspekt neuer Medien, der den Charakter der Digital Natives formt. Man sucht den Austausch, will Teil des Mitmachmediums Internet sein. Auch unter diesem Aspekt ist es unverständlich, warum der Wunsch nach sozialem Austausch und die Bereitschaft zu kollaborativer Interaktion nicht für schulische Projekte genutzt wird.

Applaus für die junge Generation

Dabei gibt es bereits unendlich viele Beispiele, wie Unterricht heute an diesen Interessen der Schüler anknüpfen und darauf aufbauen kann. Noch vor nicht allzu langer Zeit hat man sich um das mangelnde Interesse von Mädchen in technischen Berufen Sorgen gemacht. Heute sehen wir, dass sie ihre männlichen Altersgenossen in vielen Bereichen des Internets abgehängt haben und etwa in Online-Communities klar dominieren. Davon ausgehend, dass die Welt dank der Vernetzung durch digitale Medien zusammenrückt, bekommt gerade der Bereich Kommunikation einen völlig neuen, unverzichtbaren Stellenwert und erschließt etliche neue Berufszweige. Wann endlich gibt es Applaus für diese junge Generation, die vielleicht unbewusst, aber völlig selbstständig die Zeichen der Zeit erkennt und die Zügel in die Hand nimmt ohne Hilfe derer, die sie auf ihr zukünftiges Leben vorbereiten sollen, ja, sogar gegen deren Widerstand?

Es ist gut, richtig und vernünftig, dass sich diese Generation digitales Know-how in ihrer Freizeit aneignet, wenn diesem wichtigen Bildungsbereich während der Schulzeit kein Raum gegeben wird. Medien-Pessimisten ermahnen die Nation, ihre Kinder von Monitoren fernzuhalten, in denen sie die Ursache für vielfältiges Verderben der Jugend sehen. Vor dem Monitor, so wissen sie, werden aus friedlichen Kindern gewaltbereite, adipöse Erwachsene. Für die erste Behauptung gibt es keinen tragfähigen Beleg, für die zur Fettleibigkeit schon. Nur: Wo verbringen unsere Kinder die meiste Zeit bewegungslos sitzend? Genau. In der Schule.

Es ist schlicht nicht fair, Jugendlichen vorzuwerfen, sie kehrten der Echtwelt den Rücken, und zugleich dabei zuzusehen, wie sie in einer institutionalisierten Umgebung heranwachsen, die alles andere als kindgerecht ist. Anfang des 20. Jahrhunderts machte man sich noch viele Gedanken darum, wie sich etwa Schulmöbel so gestalten ließen, dass sie den Bedürfnissen Heranwachsender gerecht wurden: Die Sitzflächen waren flexibel und ebenso wie die (ergonomisch angeschrägten!) Tischflächen höhenverstellbar. Außerdem mussten sie stabil und beturnbar sein, weil man davon ausging, dass es sich schlecht unterrichten lässt, wenn der äußere Rahmen das natürliche Bewegungsbedürfnis junger Menschen einschränkt.

Über hundert Jahre später sitzen Kinder länger denn je an einheitlichem Mobiliar eine Bildungsreform nach der anderen ab, und wir kennen persönlich nicht wenige Lehrer, die besonders bewegungsbedürftige (also extrem unruhige) Schüler sanktionieren, indem sie ihnen Pausenhofverbot erteilen. Und wenn unsere Kinder nachmittags erschöpft und mit bis zu neun Kilo Gepäck auf dem Rücken nach Hause kommen, sollen die Eltern bitte für den nötigen körperlichen Ausgleich sorgen, damit sie in der Schule nicht so hibbelig sind, sondern 360 Minuten lang still sitzen können. Klar, gerne! Aber den Punkt hatten wir schon: Wann denn? Wir könnten sehr viel Zeit sparen, würden wir das Bildungssystem den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen, denn es basiert noch heute im Kern auf den Gegebenheiten der industriellen Revolution. Unsere Kinder leben aber zu Zeiten der digitalen Revolution.

Es geht nicht mehr darum, so viel Wissen wie möglich in den kindlichen Kopf zu schütten, denn das Sprichwort vom lernenden Hänschen stimmt heute nur noch unter dem Aspekt, dass das junge Hirn effizienter funktioniert als das erwachsene. Dass aber Hans nimmermehr lernte, was sich Hänschen nicht draufgeschafft hatte, lag in der Vergangenheit vor allem daran, dass es für Hans nach Verlassen der Schule kaum mehr Zugang zu Wissen und Kultur gab. Er musste für den Rest seines Lebens von dem Bildungsrüstzeug zehren, das ihm sein Lehrer eingetrichtert hatte, danach kam nur noch die Schule des Lebens. Ein wissbegieriger, schöngeistiger Hans hatte es besonders in ländlichen Gebieten noch vor kaum fünfzig Jahren nicht leicht.

Verfügbares Wissen

Heute aber lernt Hans sein Leben lang weiter. Wissen ist dank der neuen Technologien ständig verfügbar. Hänschens Kopf muss heute nicht mehr mit Fakten gestopft werden, schon gar nicht muss er kiloweise gedruckte Fakten mit sich herumschleppen! Er muss lernen, sich in gigantischen Wissensarchiven zurechtzufinden. Er muss gut vernetzt sein, um selbst gefunden und wahrgenommen zu werden.

Das Vermitteln nackter, zusammenhangloser Fakten funktioniert doch ohnehin nicht, oder kennt Ihre 15-jährige Tochter etwa noch die Gebirgszüge Deutschlands, die sie in der fünften Klasse lernen musste? Natürlich nicht, wozu auch? Ihr Smartphone besitzt, falls sie mal Bock auf den Spessart hat, vermutlich GPS oder Zugang zu GoogleMaps, und wenn die Technik versagt, ist die nächste gedruckte Karte bestimmt auch nicht weit. Ihr erlerntes Geografie-Wissen, dass der Spessart südlich des Weserberglands liegt, würde ihr jedenfalls nicht weiterhelfen.

Denn wenn es auch stimmt, dass das digitale Wissensarchiv stets auf Abruf steht, liegt die Aufgabe der Zusammenfassung und Zuordnung nach wie vor in der Hand des Rezipienten oder eben in der des Produzenten: Alles, was in diesem Buch steht, steht vermutlich in ähnlicher Form schon irgendwo im Netz, aber Google schreibt nun einmal keine Bücher. Um Informationen richtig einzuordnen und Zusammenhänge erkennen zu können, braucht es das Talent zu kreativem, analytischen Denken.

Forderungen, Medienkompetenz in diesem Sinne an Schulen zu vermitteln (und eben nicht nur die Anwendung digitaler Technologien zu lehren) sowie Schulpädagogik grundsätzlich den neu gewonnenen Möglichkeiten durch diese Technologie anzupassen und zu verändern, sind nicht neu. Die Europäische Kommission ruft ebenso zur Förderung sogenannter e-Skills auf wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

„Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wir brauchen sie als Informationsquelle, als Kommunikationshilfe und für unser alltägliches Tun und Handeln. Es kommt nun darauf an, allen Menschen Medienbildung zu ermöglichen (…) Das Internet hat sich zu einer Form von Wirtschafts-, Sozial- und Kulturraum entwickelt. Hier Orientierung zu vermitteln, ist staatlicher Bildungsauftrag“ (Annette Schavan, 2009).

Und doch liegt der öffentliche Fokus hartnäckig auf den Gefahren dieses Kulturraums und vereitelt den optimistischen Blick auf die neuen Chancen, die er eröffnet. Warum ist das so? Warum fällt es so schwer, Netzkultur als kulturelle Erweiterung zu begrüßen? Warum ist es dagegen so leicht, kulturellen Verfall von ihr abzuleiten und dem Netz all das anzuhängen, was der zivilisierte Offline-Welt verziehen wird ‒ oder man zumindest hinnimmt?

Helden neuer Technologien

Solange Kinder und Jugendliche eher als Opfer neuer Medien dargestellt werden, können wir sie nicht zu Helden der neuen Technologien machen. Paradoxerweise müsste, besonders im Bildungsbereich, das Image des Internets erst einmal bis zum Gehtnichtmehr aufpoliert werden, damit wir es vom Sockel stoßen und die Gefahren offen ansprechen können.

Hinsichtlich der Integration neuer Medien in der Schule gibt es bereits eine Unmenge an Bemühungen und großartiger Projekte, und es wäre unfair, Lehrern die Schuld daran zu geben, dass die diesbezüglichen Forderungen der Gesetzgeber sich zähflüssig wie Rübensirup ihren Weg in die Schulen erschließen.

Man kann Medienkompetenz schwerlich in den Lehrplan integrieren, ohne sich tatsächlich hineinzubegeben in die Öffentlichkeit des World Wide Web, das, zugegeben, etliche Fallen bereithält für diejenigen, welche die nötigen Erfahrungen dort erst noch machen müssen. Und wir möchten mit keinem Lehrer tauschen, der einer Horde aufgebrachter Eltern erklären soll, wie es im Biologieunterricht dazu kam, dass die Online-Recherche zur Evolution von Eidechsen und ihre besondere Eigenschaft, in bedrohlichen Situationen ihren „Schwanz“ abwerfen zu können, wegen des mehrdeutigen Suchbegriffs eine so unerwartete Wendung nehmen konnte.

Frau Schavan kann hier hundert Mal an den staatlichen Bildungsauftrag erinnern, sie wird sich die Diskussion zu angeführtem Beispiel nicht geben müssen, denn sie ist eben keine Lehrerin und spricht weder zu Schülern noch zu Eltern. Solange übergeordnete Instanzen wie die EU oder das Bildungsministerium nichts als unverpflichtende Forderungen oder Empfehlungen aussprechen, wird es für jede Schule und jeden Lehrer eine Mutprobe sein, sich in Eigeninitiative gemeinsam mit den Schülern ins Netz zu wagen.

Wenn in Schulen IT-Unterricht von Informatiklehrern gehalten wird, sitzen wir einem Missverständnis auf. Die digitale Revolution ist keine technische, sie ist eine gesellschaftliche. Wenn die Computer an Schulen dazu genutzt werden, Kinder an Lernprogrammen exakt das üben zu lassen, was sie zuvor mit Papier und Bleistift geübt haben (also Rechenaufgaben zu lösen oder Schreibfehler in vorgefertigten Texten zu finden), hat auch das wenig mit der Medienkompetenz zu tun, welche die EU-Kommission in der Digitalen Agenda fordert.

Was wir brauchen, ist nicht weniger als eine völlig neue Herangehensweise an das Lernen und das Lehren, wie wir es kennen, eine neue Didaktik und Lehrer, die sie umsetzen können.

Das Tröstende ist: Viele der benötigten Kompetenzen lernen unsere Kinder bereits, indem sie durchs Netz surfen, chatten und recherchieren, wo es sie drückt. Es mag sein, dass diese Recherchen sich eher auf Probleme bei Computerspielen oder das Aufhübschen des eigenen Facebook-Profilbilds per Bildbearbeitung drehen – den Umgang mit Informationen sowie die schriftliche Kommunikation während ihrer Hilfesuche lernen sie dennoch. Es wird noch sehr viel Wasser den Rhein herunterfließen, bis die Nutzung neuer Medien in vollem Umfang in deutschen Schulen gang und gäbe sein wird. Während wir uns gedulden, tun wir gut daran, unsere Kinder in ihrem Netz-Eifer zu unterstützen.


Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung des „e-Pilogs“ aus dem Buch „Netzgemüse„.

Johnny und Tanja Haeusler sprechen heute im Rahmen der Social Media Week Hamburg. VOCER übertrug die Veranstaltung live.

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