Zum Inhalt springen

Kehrseiten der Freiheit

Es gibt Videoportale, auf denen man nichts als Gewalt, Vergewaltigung und Kriegsszenen findet. Die Klickzahlen sind hoch, die Kommentare geschmacklos. Internetsoziologen Dr. Stephan Humer erklärt dieses Phänomen.

Ein Mann prügelt eine Frau bis zur Bewusstlosigkeit. Als sie am Boden liegt, tritt er weiter auf ihren Kopf ein. Das Video endet. Es erscheint die Frage „Watch again?“, Titel reihen sich untereinander, die erahnen lassen, was einen sonst noch auf der Seite erwartet:

– Most brutal headshot of the year
– Dude’s head literally exploded
– Lybian rebel is blown up by own shell
– Boy breaks his back in backflip fail at the pool
– Two sisters abused in hotel room

Hier werden Mord, Pornografie, Vergewaltigungen, Kriegsszenen kaleidoskopisch aufbereitet und präsentiert. Eine Seite, die täglich mehrere Tausend Klicks verzeichnet, wirbt stolz mit dem Claim „Sexy, shocking, insane videos since 1999“. Neben jedem Video finden sich ausschließlich hämische, schadenfrohe Bemerkungen. Ein Gespräch mit dem Internetsoziologen Dr. Stephan Humer über dieses Phänomen.


Herr Dr. Humer, wieso konsumieren Menschen diese Inhalte?

Ich denke schon, dass der soziale Faktor entscheidend ist. Nicht so sehr das Technische, dass die Leute sagen: „Ich schaue es mir jetzt an, weil es da ist“, sondern die Frage: „Ist es ein Tabu? Machen das meine Freundinnen und Freunde? Vertrage ich das wirklich nicht oder ist es gar nicht so abstoßend?“ Es ist eher diese sozial konnotierte Geschichte. Solange es Tabus gibt, wird es auch die Bemühung geben, diese zu brechen.

Von der Betreiberseite betrachtet: Worin besteht die Motivation, solche Inhalte ins Internet zu stellen?

Nach meiner persönlichen Gewichtung würde ich es so sehen – auch wenn Kollegen es vielleicht in Nuancen anders betonen: Es ist die Freude am Experimentieren. Im Usenet [einem vor dem Internet entstandenen elektronischen Netzwerk auf Unix-Basis, Anm. d. Red.] war das immer prototypisch: Da konnte man ohne Redaktion, ohne einen Verantwortlichen ein Diskussionsforum einrichten. Und das konnte auch etwas sein, das nicht gerade mehrheitskompatibel war. Eben sexuelle Themen, Gewaltthemen. Man wollte ausprobieren, was tatsächlich ging. Wer schaut sich das an, wer beteiligt sich, was wird daraus? Und das ist heute bei etlichen Webseiten ein Motivationsfaktor.

ver © de width=
Spielen auch finanzielle Interessen eine Rolle?

Jetzt, in der Gegenwart, würde ich definitiv sagen, dass es Leute sind, die ein geschäftliches Interesse haben. Weil diese Seiten nicht ohne Werbung auskommen. Es rentiert sich schon sehr schnell. Man braucht nicht utopische Userzahlen, damit man, gemessen am Aufwand, Gewinn herauszieht. Vor allem, wenn die User den Inhalt selbst beisteuern, hat man relativ wenig zu tun. Geld spielt also immer eine, aber nie die einzige Rolle.

Der Tabubruch ist also ein Selbstzweck beim Austauschen dieser Videos?

Ja, weil man häufig das Gefühl hat: Warum eigentlich nicht? Warum wird mir etwas vorenthalten? Das ist generell in der Computerszene ein sehr starker Antrieb. Weil viele Moralvorstellungen, gerade aus der nicht-digitalen Welt, nicht nur nicht überwindbar erscheinen – sondern geradezu lächerlich. Diese Überwindung von Moralvorstellungen, gepaart mit der Einfachheit, das ist eine sehr starke Motivation für die User.

dr. humer © sebastian

Wieso lassen User ihren virtuellen Dampf in Kommentarspalten ab?

Bedingt durch Anonymität und Pseudonymität ist die Hürde niedrig, sich auf dieses Spiel, mehr ist es in diesem Sinne nicht, einzulassen. Ich denke, die Userinnen und User nehmen von Anfang an wahr, worum es auf diesen Seiten geht. Es sind Seiten, über die man nicht einfach so stolpert. Man kann zwar relativ viel frei zugänglich finden, aber es ist ein Märchen, dass man eine Taste drückt und plötzlich explodieren solche Inhalte visuell vor dem User. Man muss danach suchen. Der Gedanke ist dann: Naja, wenn ich es anschaue, muss ich reagieren, wie es von mir erwartet wird. Niemand erwartet dort eine medienkritische Haltung.

Können Sie in Ihren Erhebungen zur Mediennutzung Rückwirkungen auf die Gesellschaft feststellen? Stichwort: Verrohung?

Alle Studien, die ich bisher gelesen habe, die nennenswert erscheinen, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch bei internationalen Erhebungen, die aus medienpädagogischen Kreisen kommen, gelangen aus wissenschaftlicher Sicht immer zu einem Ergebnis: Dass es eine pauschale, negative Wirkung nicht gibt. Und auch niemals so geben wird. Es ist immer eine Frage der besonderen Konfiguration: Wenn jemand sowieso anfällig ist, weil er der introvertierte, depressive Typ ist und nicht so der charakterstarke, und sich solche Videos anschaut und dann noch der letzte Tropfen kommt, der das Fass zum Überlaufen bringt – dann kann ein Computerspiel oder Video wirklich der Auslöser für etwas Böses sein.

Wie soll eine Gesellschaft denn konkret auf solche Phänomene reagieren, wenn Verbote wirkungslos sind?

Ganz konkrete Antwort: Die Vorbeugung geht nur über Wissen, über Bildung, über Medienkompetenz. Das kann die Familie alleine nicht leisten, da müssen Institutionen wie die Schule oder später die Hochschule eine aktive Rolle einnehmen. Da ist der Staat in der Verpflichtung. Ich sage immer: Wenn wir versuchen, Gesetze zu erlassen, die von vornherein wirkungslos sind, verschwenden wir Zeit und Geld, die man lieber in Medienpädagogik, in Medienkompetenzentwicklung stecken sollte.

Sehen Sie denn auch Chancen in solchen Portalen? Wie zum Beispiel bei 4chan, einem oft gelobten Chatroom, auf den die Leute nach der Hussein-Hinrichtung zugriffen und in dem der Wahlkampf um Barack Obama heftig diskutiert wurde?

Ja, sicherlich. Wenn die Strukturen erst mal da sind und sie anonyme oder zumindest pseudonyme Nutzung zulässt, ist das immer eine große Chance. Das haben wir im arabischen Frühling gesehen, wenn Bloggerinnen und Blogger anonym oder pseudonym etwas initiieren können. Gerade dieser Tabubruch lockt ja per se Leute an. Und wenn die nun etwas sehen, was einen ernsten Hintergrund hat, wie das Hussein-Hinrichtungsvideo, das kann dazu beitragen, dass beispielsweise ein Volksstamm sagt: „Wir geben Ruhe, weil wir den Beweis haben, dass er tot ist.“


Illustriert von Falko Rössing. Dieses Interview ist zuerst im STADTLICHH Magazin, Ausgabe #7, erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Nach oben