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Kai Brach: Der Ein-Magazin-Mann

Lässt sich ein Print-Magazin in Eigenregie aufziehen? Designer Kai Brach beweist es mit Offscreen kontinuierlich. Leicht fällt ihm das allerdings nicht immer.

Webdesigner Kai Brach lebt das Leben, von dem viele träumen: Er verdient sein Geld mit der Produktion eines eigenen Magazins, für dessen Inhalte er um die Welt reist und Geschichten sammelt. Die Arbeit an Offscreen, in dem sich Porträts über Menschen in digitalen Berufen finden, ist aber längst kein einziges Zuckerschlecken. Für „Mediatopia“ trafen wir Kai auf der Indiecon in Hamburg und sprachen im Anschluss mit ihm über Vor- und Nachteile seines Jobs.

kai-brach-foto

VOCER: Kai, auf der Indiecon wurde ausgiebig über den Begriff „indie“ diskutiert. Welche Kriterien sprechen dafür, dass dein Magazin Offscreen auch in die Riege der unabhängigen Magazine gehört?

Kai Brach: Ich glaube, als Ein-Mann-Magazin kann man mehr „indie“ fast nicht sein. Aber wie auf der Konferenz bemerkt, stellt sich natürlich auch bei mir die Frage, wem gegenüber ich eine Verantwortung trage. Ohne meine Leser geht’s logischerweise nicht. Aber auch ich habe Sponsoren, sowas Ähnliches wie Anzeigenkunden, und ohne die geht es dann auch nicht. Also so ganz frei und ungebunden ist keiner — ehrlich gesagt wäre das ja auch total langweilig. Die Herausforderung beim Magazinemachen besteht doch gerade darin, innerhalb dieser Beschränkungen was Neues, Interessantes zu machen — und wenn man dann davon leben kann, ist das schon ein Erfolg.

Du kannst auch von deinem Magazin leben — jetzt ließe sich doch gut das nächste große Ziel angehen. Emotion-Herausgeberin Katarzyna Mol-Wolf hat bei der Indiecon deutlich gemacht, dass sie das Ziel habe, möglichst erfolgreich mit Emotion zu sein, um in Zukunft weitere Magazine auf den Markt zu bringen. Welcher großen Vision folgst du bei Offscreen?

Also erfolgreich zu sein, sollte doch das Ziel jedes Arbeitenden sein, oder? Man kann natürlich über den Umfang von Erfolg diskutieren. Auch ich will mit Offscreen genug Geld verdienen, ohne dass ich mir jeden Tag aufs neue Gedanken machen muss, ob das wirklich alles Sinn und Zweck hat. Gerade in Australien ist das noch eine Stufe schwieriger, denn dort sind die Lebenshaltungskosten locker mal doppelt so hoch wie zum Beispiel in Deutschland. Eine große Vision habe ich mit Offscreen ehrlich gesagt noch nicht wirklich definiert. Ich habe aber schon mehrmals darüber nachgedacht noch ein anderes Projekt nebenher zu betreiben. Ob das was mit dem Magazinemachen zu tun hat, weiß ich noch nicht. Ich bin ja eigentlich Webdesigner, also vielleicht wird’s dann doch noch mal was Digitales.

Welche Grenzen siehst du dabei?

Ich sehe Offscreen auf jeden Fall weiterhin als Nischenmagazin. Das ist natürlich einerseits gut, denn ich habe mir in dieser relativ kleinen Szene einen guten Namen gemacht. Die Leute vertrauen mir und ich habe somit Zugang zu Leuten, die wahrscheinlich von den großen Mainstream-Medien eher zurückscheuen, denn die machen ja aus allem nur aufreißerische Headlines, damit sich das Teil am Newsstand gut verkauft. Andererseits wprde es dem Wachstums des Heftes gut tun, wenn ich weniger geeky und mehr mainstream werden würde. Dann hätte ich wohl bessere Chancen, in den Einzelhandel zu gelangen. Ehrlich gesagt ist es mir aber wesentlich wichtiger, in meiner Branche als qualitativ hochwertige Publikation Anerkennung zu finden. Das Ziel war nie ein Magazinimperium aufzubauen. Ich bin mit meinem jetzigen Lebensstil zufrieden: viel Reisen, flexible Arbeitszeiten, umgeben von offenen Menschen mit neuen Lösungsansätzen und großen Ideen.

Schon mal darüber nachgedacht, Mitarbeiter einzustellen oder zumindest Helfer anzuheuern? Oder macht der Ein-Mann-Charme Offscreen auch einfach aus?

Ja, Offscreen als Marke ist, glaube ich, mittlerweile sehr stark mit meinem Namen verbunden. Ich bin „the Offscreen guy“. Das ist gut und auch gewollt. Es heißt allerdings nicht, dass ich nicht auch mit Freelancern arbeiten könnte, die mir bei dem Inhaltsgenerierung und anderen Dingen helfen könnten. Der Grund dafür, dass ich das noch nicht tue, ist hauptsächlich der, dass ich zu sehr Perfektionist bin. Außerdem tut es irgendwie weh, Geld für Dinge auszugeben, von denen ich denke, dass ich sie auch selbst tun kann. Das muss sich aber irgendwann ändern, klar.

Du lebst und arbeitest in Melbourne, gedruckt wird Offscreen in Berlin und verkauft werden die Ausgaben auch in hiesigen Shops wie „Do you read me“. Wie gelingt es dir, aus der Ferne all das zu managen?

Kurz gesagt: per E-Mail. Mit dem Internet ist das doch heute alles recht gut möglich. Als ich noch Webdesigner war, ging das ja auch. Oft ist es sogar so, dass man bei Webprojekten in der gleichen Stadt sitzt und sich Monate lang nicht persönlich sieht. Man muss die Technologien eben nur gut zu nutzen wissen. Als Kind des Internets fällt mir das ziemlich leicht.

Und das funktioniert immer einwandfrei?

Als ich mir Angebote für den Druck von Offscreen per E-Mail aus Deutschland schicken ließ, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass manche Drucker zwei bis drei Wochen brauchten, um auf meine Email mit einem Angebot zu antworten. Sowas geht natürlich gar nicht. Daher habe ich bei meiner Auswahl an Dienstleistern sehr stark darauf geachtet, wie gut sie mit dem Internet umgehen können. Das ist unabdingbar, um sowas aus der Ferne betreiben zu können. Das bedeutet aber auch nicht, dass alles immer problemlos abläuft. Natürlich wäre ich gerne bei der Produktion jedes Heftes vor Ort, um mir das Endprodukt direkt anschauen zu können. Wenn das nicht machbar ist, und ich mein eigenes Heft erst dann in Australien bekomme, wenn auch alle anderen Leser ihre Hefte bekommen, ist natürlich die Angst und Sorge groß, dass irgendwas nicht stimmt — was auch schon vorgekommen ist. Meine Leserschaft ist aber auch sehr verzeihend, wenn mal was nicht hundertprozentig stimmt. Da kommt dann wieder die persönliche Beziehung, die ich mit meinen Lesern habe, zu tragen.

Wo verkauft sich das Heft am besten — online oder im Laden?

75 Prozent meiner Hefte vertreibe ich über meine Website. Die Läden sind also nicht ganz so wichtig für mich.

Ganz praktisch: Mit welchem technischen Equipment führst du Interviews? Mit welcher Software baust du das Magazin?

Vom Contentplan bis hin zu den Interviews arbeite ich fast komplett in Google Drive, also mit Online-Dokumenten, die sich einfach sharen lassen und wo man nie Versionskonflikte hat. Das Heft selbst entsteht in Indesign und mit Hilfe von anderen Adobe-Produkten. Aber ich glaube, die meiste Zeit verbringe ich in der Tat in meinem E-Mail-Programm, also Gmail. Letzte Woche habe ich auf meinem Blog eine längere Liste an Apps veröffentlicht, die ich fast täglich nutze.

Was sind die größten Probleme, mit denen du bei der Heftproduktion zu kämpfen hast?

Die größte Herausforderung ist und bleibt die Zusammenarbeit mit den Contributors, also den Leuten, die ich interviewe oder die einen Artikel schreiben. Offscreen besteht zu fast 100 Prozent aus Ich-Geschichten, also Storys, die Menschen aus ihrer Perspektive — über sich oder ihre Idee oder ihre Firma — schreiben. Sie erhalten daher kein Honorar, was auch eigentlich nie verlangt wird. Allerdings bedeutet dies auch, dass immer wieder Leute ausfallen, sich anders entscheiden — oder auch mal, dass die Texte nicht gut genug sind. Für mich heißt das, dass ich in letzter Minute immer wieder neue Teilnehmer finden muss. Das ist immer wieder stressig, egal wie oft man das schon gemacht hat.

Dummy-Chef Oliver Gehrs hat gewettert, es gebe zwar viele schön gestaltete Indiemags, aber es fehle ihnen an politischer Haltung. Gibst du ihm Recht?

Jain. Er hat Recht, dass es eine Menge Zeitschriften gibt, bei denen das Design in den Vordergrund tritt, und Inhalte oftmals nur als „Verzierung“ erscheinen. Meiner Meinung nach ist das aber nicht immer schlecht. Wenn sich Designer durch ein gedrucktes Medium austoben wollen, sollen sie das tun. Die Kunde und Leser entscheiden ja letztendlich, ob da ein Wert drin steckt oder nicht. Ich bin mir sicher, Oliver besitzt einige Klamotten, die ihm verdammt gut stehen, die aber total unpraktikabel sind. Manchmal legt man sich eben Dinge zu, die einfach nur nett anzuschauen sind, ohne darin anderen Mehrwert finden zu können. Trotzdem haben die ja irgendwo ihre Daseinsberechtigung. Ob ich als Leser eine klare (politische) Haltung erwarte, kommt doch darauf an, welche Art von Heft ich lese. Bei einem Gesellschaftsmagazin ist das Teil der Thematik, aber bei einem Magazin über Paleo-Ernährung oder Kindererziehung nicht wirklich. Man kann das nicht alles über einen Kamm scheren, dafür gibt es zu viele unterschiedliche Kategorien.

Zu welchen Heften greifst du selbst als Leser gern?

Als jemand, der regelmäßig Nachrichten verfolgt, bevorzuge ich in meiner Offline-Zeit oft Inhalte, die mich so weit wie möglich von der schmerzhaften Ungerechtigkeit der Realität entführen. Die Lage der Welt provoziert mich persönlich schon genug. So sehr ich die tiefgehenden Diskussionen auf der Indiecon genossen habe, so sehr nervt mich diese deutsche Ernsthaftigkeit manchmal. Wieso muss alles, was wir lesen, immer eine welthinterfragende Tiefe haben? Dürfen Leute nicht auch einfach Magazine machen, weil sie Spaß an der Sache haben?

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Kommentare

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