Zum Inhalt springen

Journalisten unter Druck

Journalisten schweigen sich über Probleme in der eigenen Branche aus. Doch wie wirkt sich die schlechte Bezahlung freier Journalisten auf die Qualität ihrer Arbeit aus? Vier Video-Interviews mit Kollegen, die das Problem beim Namen nennen.

Wir berichten über Ausbeutung und Lohndumping, unfaire Arbeitsbedingungen und Burn-Out durch Stress am Arbeitsplatz: Über Probleme im eigenen Gewerbe, schweigen wir Journalisten uns aber gerne aus. Nur hinter vorgehaltener Hand hört man von Existenzängsten, psychischem Druck, Frustrationen, fehlender Motivation und Redaktionen, die monatelang nicht auf Themenvorschläge reagieren. Vor allem auf Freie aller Medienbereiche wächst seit Jahren der Druck: Printkollegen, die von 1000 Euro im Monat leben, Radio-Journalisten, deren Tagessätze bei steigenden Preisen kontinuierlich sinken, Freie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, deren Verträge nach zehn Jahren treuer Arbeit plötzlich nicht mehr verlängert werden.

Von alldem bekommt die Öffentlichkeit kaum etwas mit. Als Journalist über die eigene Branche zu mäkeln, gilt als unschicklich und unprofessionell. Der Druck wächst: Immer gibt es jemanden, der den Artikel für das magere Honorar schreibt oder einen VJ, der das kleingerechnete Angebot der Produktionsfirma noch unterbietet. Streiks, Proteste, oder Arbeitskampf? Bis auf ganz wenige Ausnahmen: Fehlanzeige! Journalisten haben für ihre Sache zu brennen, sie müssen Überzeugungstäter sein, gegen Ungerechtigkeit und Korruption kämpfen.

Keine Zeit für Recherche

Aber was, wenn sich die miserablen Bedingungen auf die Arbeit auswirken? Wenn die Wahl auf leichte Themen fällt, weil man keine Zeit hat oder kein Risiko mehr eingehen kann? Was ist mit Genauigkeit und Seriosität bei der Recherche? Kann ein Journalist, der nicht weiß, wie er die Miete im nächsten Monat bezahlen soll, noch mit der gleichen Verve ans Werk gehen?

Die Einladung zu einer Podiumsdiskussion, organisiert von CNN, der hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk, dem Presseclub Kassel e.V. , investigate! und VOCER war die Initialzündung zu dieser Initiative. Gemeinsam mit Hans Leyendecker („Süddeutsche Zeitung“) und Marcel Rosenbach („Spiegel“) habe ich als CNN Journalist 2013 und als Freie über das Thema „Journalisten unter Druck – wenn Recherche zum Luxus wird“ am 25.2. in Kassel diskutiert. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Stephan Weichert von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation.

Für mich war das der ideale Anlass eine Debatte anzustoßen und Fragen zu stellen: Wie steht es um den Journalismus im Jahr 2014? Wie viel Wert legen Redaktionen noch auf gute Recherche und sind sie auch bereit, dafür zu zahlen? Wo gehen Entwicklungen in die falsche Richtung? Welche Arbeitsbedingungen sind wir Journalisten bereit zu akzeptieren? Wirken sich Arbeitsbedingungen negativ auf das Programm aus? Brauchen wir mehr Solidarität? Und kann man als freier Journalist ruhigen Gewissens an Familienplanung denken?

Probleme beim Namen nennen

Um die Debatte in Gang zu bringen, habe ich mit meiner Produktionsfirma kontur medien – auf eigene Kosten – eine Interviewserie produziert, von der ein Beitrag auf der Debatte in Kassel bereits gezeigt wurde. Der Gastgeber der Podiumsdiskussion, die hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk sah sich leider nicht in der Lage, das Projekt auch nur mit einem symbolischen Betrag zu unterstützen. Angesichts des Themas, besonders verwunderlich.

Die kurzen Filme zeigen Kollegen, die sich nicht scheuen, Probleme beim Namen zu nennen und den Finger in die Wunde zu legen: Eine desillusionierte Berufseinsteigerin, ein engagierter freier Produzent, ein langjähriger Freier Mitarbeiter des NDR-Fernsehens und einer, der schon in Rente ist, aber vom Journalismus trotz aller Kritik nicht lassen kann.

Bislang sind es vor allem TV-Journalisten. Unsere Hoffnung ist, dass die hier versammelten Filme als Anstoß zu einer Diskussion beitragen, denn Qualitäts-Journalismus stellt in unseren Augen einen besonderen Wert dar, den es unbedingt zu erhalten gilt.

01 Matthias Zuber from kontur medien on Vimeo.

02 Ralf Dörwang from kontur medien on Vimeo.

03 Anneli Botz from kontur medien on Vimeo.

04 Hans Jürgen Börner from kontur medien on Vimeo.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Kommentare

  1. Dank für einen excellent recherchierten Artikel und Interviews. Und vielleicht den Anstoß zu einer längst überfälligen Debatte & Taten. Man darf einfach nicht zusehen, wie sich der Qualitätsjournalismus abschafft oder abgeschafft wird, zumal, während man gleichzeitig über die diversesten Missstände berichtet.

  2. Frank Martini sagt:

    Hatte die Geschichte von Frau Botz seinerzeit gelesen und ihr gratuliert.

    Sie stellt hier im Interview auch eine berechtigte Frage: Wie unter solchen Voraussetzungen die Freiheit des Denkens weiter existieren soll.

    Aber – was offenbar kaum gewagt wird zu fragen, wo es angesichts dessen doch so nahe liegt: Soll sie das überhaupt? Ich meine, die Freiheit des Denkens und das weiter Existieren….

  3. Christkind sagt:

    Vielen Dank für den Artikel und die Filme! Respekt dafür!
    Auch in Leipzig haben sich Freie Fernsehschaffende verschiedener Gewerke (Kameraleute und -assistenten, Cutter, Produzenten, Autoren, …) vor fast zwei Jahren zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um Arbeitsbedingungen zu verbessern und für die Qualität ihrer Arbeit zu kämpfen.

    Mehr Infos unter: http://www.ig-ff.de oder auf facebook: IG Freie Fernsehschaffende
    Kontakt: mail@ig-ff.de

  4. Vielen Dank für diese großartige „Kampagne“!!!
    Das ist das erste Mal, dass ich den Flattr-Button bemühen werde…

  5. Roman Kern sagt:

    Liebe Frau Reisner,

    Ihren Kommentar haben wir mit großem Interesse gelesen – vielen Dank!
    In der Tat ist Ihre Geschichte eine, mit der wir die Debatte weiter führen könnten. Denn was in den Interviews zum Ausdruck kommt, ist leider nur ein kleiner Ausschnitt. Wir wissen, dass es im Radio und im Print genau solche und noch andere Schwierigkeiten gibt.

    Unser Problem ist allerdings, dass wir nicht einfach weiter arbeiten können, ohne dass ein Budget ins Spiel kommt. Die vier Interviews haben wir komplett eigenfinanziert.

    Wenn es uns gelingt, die Debattte erfolgreich anzustoßen und auch für weitere Medien zu öffnen, würden wir gerne ein Interview mit Ihnen führen. Dasselbe gilt für Print-Kollegen.

    Für Sie alles Gute – mit besten Grüßen,
    Roman Kern

  6. […] 3.3. Armselige Honorare: Journalisten unter Druck (Vocer) […]

  7. Horst sagt:

    Hallo liebe Anne, lieber Roman,
    ihr macht gute Arbeit – die muss auch bezahlt werden, sonst wird die ganze Berichterstattung flacher bei gleichzeitiger Zunahme von Falschinformationen.
    Ich arbeite in leitender Position im Printbereich. Wie ist es da, habt ihr da auch Untersuchungen gemacht?
    Nachdem sich in den letzten 15 Jahren die Anzahl der Druckbetriebe in D halbiert hat sind wir drauf und dran, auch noch den letzten Rest zu riskieren. Die Großen werden uns kleine fast gänzlich schlucken und unsere Arbeitsplätze sind dann weg. Am liebsten sähen es die Arbeitgeber, wenn man unsere Gehälter halbieren würde. Geiz ist geil – aber nur so lange man auf der Geberseite ist. Wenn man gewisse Regeln beachten würde, wäre es so einfach. Wir haben jetzt in eine revolutionierende Technik im Offsetbereich investiert und sind damit sicher ganz vorne dran. Aber ob es auch bezahlt wird? Wir können nur hoffen. Aber wir haben keine andere Überlebenschance.
    Ich grüße euch herzlich und würde mich freuen, wenn die Printbranche auch mal richtig aufgerüttelt würde und die schwarzen Schafe an den Pranger gestellt werden könnten.
    Horst Koenig

  8. Simone Meier sagt:

    Danke für diesen wirklich lesens- und sehenswerter Beitrag. Genau diese Erfahrungen mache ich auch in der Branche. Für absolute Dumpinghonorare wird Qualitätsjournalismus vom Feinsten erwartet. Es ist eine Tragödie. Wehren braucht man sich erst gar nicht, weil man sonst gar keine Aufträge mehr bekommt – zumindest dann, wenn man noch keinen Namen in der Branche hat. Doch wie will man sich den machen, wenn man vorher verhungert ist? Wo soll das nur noch hinführen? Hoffentlich gibt es hier bald eine Kehrtwende, sonst sehe ich schwarz für gut recherchierten Qualitätsjournalismus.

  9. […] finanziellen Druck bei den digitalen Medien zu sprechen. Vier TV-Journalisten erzählen in kurzen Video-Interviews über ihre Situation – und die ist auch nicht immer sehr […]

  10. max sagt:

    Danke für die klaren Worte. Denn richtig ist: Die Angst schreibt mit in deutschen Redaktionen. Das belegt auch Forschung zur inneren Pressefreiheit. Da müssen wir dran bleiben und das Thema „weiterdrehen“ http://pressefreiheit-in-deutschland.de/medienkrise-weniger-vielfalt-mehr-versteckte-werbung-ein-ueberblick-43276/

  11. […] Hier geht’s zu den Videos: http://www.vocer.org/journalisten-unter-druck/ […]

  12. […] jemand denkt, das sei nur ein spezifisches Problem für textlastige Journalisten – bei “Vocer” haben unlängst vier freie TV-Journalisten aus ihrem Alltag erzählt. Das klang auch nicht immer […]

  13. […] Journalisten schweigen sich über Probleme in der eigenen Branche aus. Doch wie wirkt sich die schlechte Bezahlung freier Journalisten auf die Qualität ihrer Arbeit aus? Vier Video-Interviews mit Kollegen, die das Problem beim Namen nennen.  […]

  14. b. arr sagt:

    Danke, dass Sie dieses Thema anstoßen. Es wird dringend Zeit. Gibt es eine rote Liste für besonders schlecht zahlende Online-Medien – gerade auch im Medizin- und Wissenschaftsjournallismus? Eine Kollegin hat neulich die Reißleine gezogen und sich für alg „beworben“. Die Beraterin hat zu ihr gesagt: „Aus Ihrer Zunft kommen immer mehr.“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Projekt starten können!

  15. […] Erfahrungen beschreiben sie […]

Nach oben