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Journalismus lehren verändert

Wie der Beruf selbst hat sich in den letzten Jahren auch die Journalistenausbildung stark gewandelt. Neun Thesen, was sich bei der Ausbildung junger Journalisten verändert hat – und verändern muss.

Der Journalismus verändert sich. Zum Glück. Wir sind ja nicht Journalistin, Journalist geworden, um 40 Jahre lang das Gleiche zu tun. Wer heute 20 Jahre mit dabei ist, hat 20 spannende Jahre miterlebt: die Geburt eines neuen Mediums, neue Möglichkeiten der Partizipation, Umbrüche im Bereich der Medientechnik in Presse, Radio, TV und Online, die man gut und gern technologische Revolutionen nennen darf, Aufbrechen der Mediengrenzen und erneutes Ausdifferenzieren in Medien, mit denen man stationär oder mobil lesen, hören oder Bewegtbild schauen kann – allein die Namen der Transportmedien und Plattformen zu nennen, sprengt einen Beitrag wie diesen.

Andere Prozesse in der Medienlandschaft sind langfristiger, und sie sind ebenfalls gut beschrieben, allen voran die Konzentrationsprozesse bei den Medienunternehmen. 2012 erreichen sie etwa im Bereich Tagespresse einen aktuellen Höhepunkt.

Welche Veränderungen wollen wir akzeptieren? Was können wir als Journalistenausbilder verändern?

1. Es gibt immer mehr Journalisten: aktuell mehr als 160.000, Tendenz steigend, wobei die Zahl der Freiberufler stärker wächst als die der Festangestellten, hat das statistische Bundesamt herausgefunden. Dabei nimmt die Zahl der Printjournalisten ab, die der Online-Journalisten steigt überdurchschnittlich. Gleichzeitig meldet die aktuelle Statistik der Arbeitsagenturen etwa 6000 Arbeitslose in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit.

2. Die Einkommensschere zwischen den gutverdienenden und den am Existenzminimum kämpfenden Journalisten geht immer weiter auseinander: Im Durchschnitt verdienen laut Arbeitsagentur-Statistik die in Vollzeit Festangestellten 4.605 Euro im Monat (West) bzw. 4.405 Euro (Ost). Die Freien, die über die Künstlersozialkasse versichert sind – rund 40.000 Menschen allein im Bereich „Wort“ – verdienen deutlich weniger: 16.983 Euro durchschnittliches Jahreseinkommen haben sie bei der Künstlersozialversicherung angegeben. Das sind monatlich 1.415,25 Euro netto, ausschließlich für journalistische Tätigkeit im Bereich Wort. Für Berufseinsteiger ist es härter geworden, die Ausbildungswege sind unübersichtlicher als vor 40 Jahren.

3. Mehr vermitteln in immer kürzerer Zeit: Ich lehre Online-Journalismus. Nicht selten werde ich gefragt: „Können Sie bitte bei uns in zwei Tagen den Seminarteilnehmenden die neuen Präsentationsformen online, mit Bloggen, Audio, Video und Social Media, alles mit vielen praktischen Übungen, beibringen?“ Manchmal frage ich zurück: „Wollen wir die journalistischen Darstellungsformen, Suchmaschinenoptimierung, Photoshop und Content-Management nicht noch gleich mit dazupacken?“ Leider verstehen nicht alle Auftraggeber die Ironie.

Insgesamt haben wir weniger Zeit für die Journalistenausbildung zur Verfügung. Welches Medienunternehmen schickt heute noch Volontäre auf mehrwöchige Volontärskurse? Neue Formate müssen entwickelt werden, die der Arbeitsrealität in Redaktionen entsprechen.

In den Workshops und Seminaren, die an der Journalistenakademie für Redaktionen und Unternehmen gehalten werden, sind solche neuen Formate entstanden. Die im Folgenden formulierten Thesen basieren auf unseren Erfahrungen in der Journalistenaus- und Weiterbildung.

Was sich in der Ausbildung verändert hat

Kürzer, schneller, weniger umfassend: Um mit aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten, sind bei einigen Medienunternehmen die Ziele einer journalistischen Aus- oder Weiterbildung kleinteiliger und kurzatmiger geworden. Es gibt lobenswerte Ausnahmen, die dabei die journalistischen Fachkompetenzen nicht aus den Augen verloren haben. Es lohnt, auch in Online-Redaktionen das Führen von Interviews zu schulen (ja, das geht auch noch anders als per E-Mail) oder in crossmedialen Redaktionen das Schreiben von Überschriften, Lead und Teaser (nicht nur für Suchmaschinen, auch für die Leser).

Weg vom Vortragsstil: Ich orientiere mich in der journalistischen Aus- und Weiterbildung am Konzept des handlungsorientierten Lernens. Journalistische Fachkompetenzen lassen sich kaum per Powerpoint allein vermitteln. Workshops mit hohem Praxisanteil sind notwendig, um das Erlernte umsetzen zu können.

Transparenz zu jedem Zeitpunkt: Wer an einem Workshop teilnimmt, will heute möglichst zu jedem Zeitpunkt über die Ziele des Workshops im Bilde sein. Das bedeutet: Zu Beginn verständigen sich Lehrende und Lernende über die Ziele und Inhalte des jeweiligen Themenblocks. Die Lehrenden geben überdies einen Überblick über die eingesetzten Lehrmethoden. Diese Offenheit und Transparenz halte ich für grundlegend für eine Erwachsenenbildung, die Lernende als Mitsteuernde im Lernprozess ernst nimmt.

Workshop als Labor: Gemeinsam mit der jeweiligen Redaktion arbeiten wir im Workshop die individuelle Situation heraus und entwickeln passende Lösungsmodelle.

So verstanden kann Journalismuslehre viel verändern: die Lehrgangsteilnehmenden, die Lehrenden und nicht zuletzt die Medien. An anderer Stelle habe ich das „Lehren durch Lernen“ genannt.

Die Dozierenden nehmen die Lernenden ernst und beteiligen sie am Lernprozess. Das verändert auch die Lehrenden. Ein Sozialsystem „Seminargruppe“ ist zu Beginn einer Unterrichtseinheit ein anderes als an deren Ende. Für mich als Dozentin ist klar: Ich bringe viel mit in eine Unterrichtseinheit, einen Workshop, ein Seminar, und ich gehe verändert daraus hervor. Ich nehme fachliche, methodische und soziale Erkenntnisse mit, die ich reflektiere. Lehren ist Lernen – gerade für die Seminarleitung eines Onlinejournalismus-Kurses.

Die Inhalte, die in einem Lehrgang vermittelt werden, müssen ständig an das veränderte gesellschaftliche und Medienumfeld angepasst werden. Da die Dozierenden und die Lernenden selbst aktive Teilnehmer im Mediensystem sind, lassen sich Reaktionen auf diese Veränderungen sehr direkt und schnell im Lehrgangsgeschehen umsetzen.

Die zugrundeliegenden Ziele und Kompetenzen, die in der Journalismuslehre vermittelt werden, sind keinem derart raschem Wandel unterworfen. Die fachliche Kompetenz, ein Thema in Text, Bild, Audio oder Video umzusetzen, ist grundsätzlich als journalistisches Handwerk definiert, auch wenn sich die Moden ändern. Die Fähigkeit, sich rasch in ein neues Softwareprodukt bzw. dessen Update einzuarbeiten, erwirbt man nicht dadurch, dass man zwanzig Produkte erlernt, sondern zwei oder drei – und dabei die dahinter stehenden IT-Strukturen verstehen lernt. Soziale Kompetenzen sind die Stärke der berufserfahrenen Lehrgangsteilnehmer; sie verlieren ihre Gültigkeit nicht, müssen jedoch immer wieder gelebt und vertieft werden.

Journalistische Aus- und Weiterbildung vermittelt nicht nur den beschriebenen Strauß an Medienkompetenzen, sondern wirkt auf das Mediensystem zurück. Gut ausgebildete und ständig lernende Medienschaffende entwickeln das Mediensystem weiter. Und es ist schön, sie auf diesem Weg zu begleiten.

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